Horrorpunk

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Jerry Only von den Misfits (2008)

Der Begriff Horrorpunk umfasst im Allgemeinen düsteren Punkrock im Stil der Band The Misfits. Seinen Ursprung hat der Horrorpunk Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre.

Inhalte[Bearbeiten]

Der Begriff Horrorpunk lässt sich musikalisch nicht auf nur einen Stil oder nur ein Genre begrenzen. Vielmehr sind es vom alten und neuen Horror faszinierte Punk- (verschiedenster Genres), Death-Rock-, Psychobilly- und andere Bands. Alte Universal-Monsterfilme mit Boris Karloff oder generell die Ästhetik des „Horror-Trashs“ spielen visuell wie textlich eine große Rolle.

B-Movie- und Horror-Thematik sind allerdings keineswegs neu in der Punkszene. Bereits in den 1970er Jahren reicherten die Punkband The Damned und die Psychobilly-Wegbereiter The Cramps ihre Musik mit Horror-Elementen an und sind nicht zuletzt dadurch absolute Kultbands des Horrorpunk. Anders als bei ebenfalls Ende der 1970er, Anfang der 1980er in Großbritannien entstandenen Gothic-Punk-Bands wie Siouxsie and the Banshees, Bauhaus ect., stand bei The Misfits & Co. der Trash im Vordergrund: „Trash statt Romantik, Leder statt Samt“ (Thorsten Wilms, Plastic Bomb Nr.47).

Thorsten Wilms, der Sänger und Frontmann der deutschen Musikgruppe The Other, bezeichnet Horrorpunk als „perfekte Mischung aus Punk-Rock, Rockabilly, Gothic und Heavy Metal, gepaart mit der Atmosphäre klassischer Horrorfilme und dem Trash-Faktor der 1950er Jahre Grusel-Comics. Horrorpunk ist düster und subversiv, aber gleichzeitig lebensbejahend und ein Garant für gute Laune.“[1]

Obwohl die Misfits als die Begründer des Horrorpunk gelten, „ruhte“ das Genre nach deren Auflösung ab Mitte der 1980er Jahre scheinbar für Jahre. Populäre Ausnahmen bildeten die seit 1988 aktive kanadische Formation Forbidden Dimension, die unter Genre-Fans heute ähnlich verehrt wird wie die Misfits, sowie die bereits ab 1983 aktiven Groovie Ghoulies. Doch erst ab Mitte bis Ende der 1990er Jahre steigerte sich die Popularität des Horrorpunk rasch. Wilms stellte in Deutschland ab 1999 reges Interesse fest, das durch die Gründung des Horrorpunk-Labels Fiendforce Records 2003 weiteren Zulauf erhielt.

Mashed Potatoes – thematische Ursprünge[Bearbeiten]

Einen großen Einfluss auf die Szene und die Texte der Musikstücke hatten die B-Movie-Szene und ihre Vertreter, beispielsweise Ed Wood. Der Bekanntheitsgrad und das Studio des Horrorfilms spielen für die Popularität ein entscheidende Rolle. Beispiele dafür sind der 1927 produzierte und verlorengegangene StummfilmUm Mitternacht (London after Midnight)“ und der Stummfilm „Nosferatu“ (Regie F.W. Murnau, Hauptrolle Max Schreck) von 1922.

Blitzkid (2007)

Hauptsächliche Basis bildet jedoch die Zeit der „Mashed Potatoes“, billig produzierte Horrorfilme, so etwa der Hammer Filmstudios mit Titeln wie „Dracula und seine Bräute“ und „Dracula vs. Frankenstein“, bei denen es einzig darum ging, möglichst viele der „prominenten“ Monstergestalten gleichzeitig zu zeigen und mit einem solchen Aufgebot das Publikum ins Kino zu locken. Zeitlich liegt die Produktion der wichtigsten Werke zwischen 1957 und 1965.

So entstand auch 1962 in satirischer Absicht der Song „Monster Mash“, es folgten 1964 die TV-Serien „The Munsters“ und „The Addams Family“.

The Misfits bedienten sich des aus diesen Werken bekannten typischen Dracula- bzw. Eddie-Munster-Haarschnitts, aus der Jerry Only Anfang der 1980er die Frisur, die ihr Markenzeichen werden sollte, die „Devillock“, „entwickelte“.

Strittig ist, ob das 1962 von Boris-Karloff-Imitator Bobby Pickett und Leonard Capizzi geschriebene Lied „Monster Mash“ (Bobby "Boris" Pickett and the Crypt-Kickers) als Vorläufer des Horrorpunk gesehen werden kann. Stilistische Überschneidungen existieren fraglos, hinzu kommt, dass eine ganze Reihe von Horrorpunk- und Deathrock-Projekten dieses Stück coverten, u. a. 1999 The Misfits. Sowohl die diversen Coverversionen (eine weitere ist im Abspann des Films „Return of the Living Dead II“, 1987 zu hören), als auch das 1962er Original erfreuen sich großer Beliebtheit.

Definition und Abgrenzungsmerkmale[Bearbeiten]

Wegen fließender Übergänge zu anderen Szenen ist eine für jeden akzeptable Definition von Horrorpunk kaum möglich. So werden Gothabilly-, Psychobilly- und Rockabilly-Bands aufgrund ihrer Horror-Thematik und enger Verwandtschaft zum Punkrock sehr häufig ebenfalls unter dem Begriff gehandelt, und finden im Allgemeinen breite Akzeptanz in der Szene. Darüber hinaus werden unter dem Begriff auch gegenübergestellte Extreme zusammengefasst: Auf der einen Seite steht bspw. die 1992 gegründete Band Balzac, mit sehr schnellen Riffs und im Erscheinungsbild fest verankertem Horrorfaktor. Ihr Slogan, „Atom-Age Vampire in 308“, ein Tribut an den Horrorkitsch. The Coffinshakers (gegründet 1995) andererseits, mit ihrem an Johnny Cash erinnernden Horror-Rock und eher makaberem Auftreten hingegen stellen ein anderes Extrem dar.

Heute gelten die Misfits nach wie vor als die Begründer des Genres und haben das Genre in vielerlei Hinsicht maßgeblich geprägt, etwa durch den typischen "Doo Wop"-Gesang, und dem Klangbild des Rockabilly der 1950er Jahre. Viele jüngere Musikgruppen des Genres nutzen daher heute diese „typischen Elemente“. Dennoch müssen neben den Misfits auch frühe Death Rock-Gruppen, wie etwa 45 Grave, die frühen TSOL oder eben auch The Damned zu den Gründervätern des Horrorpunk gezählt werden.

Bedeutung des Fiend Club[Bearbeiten]

In Anlehnung an den in den frühen 1980ern von Glenn Danzig, dem ersten Sänger der damaligen Misfits, ins Leben gerufenen Fanclub für seine Band, den Fiend Club, ist der Begriff „Fiend“ die gängige Bezeichnung nicht nur für Fans der Misfits, sondern auch für Anhänger und Fans des Genres an sich. Das Wort „fiend“ bedeutet so viel wie „Teufel“, oder auch „Untoter“, sprich Zombie.

Der Fiend Club war vor allem für Fans in den USA interessant und förderte dort das Zusammengehörigkeitsgefühl der Szene. Zugleich sicherte er den Absatz von Merchandise-Produkten der Misfits. Im August 2000 wurde auch ein deutscher Ableger gegründet. Kleinere Fan-Gemeinschaften oder auch Motorradclubs in Deutschland verwenden die Bezeichnung im eigenen Namen.

Typische Vertreter des Horrorpunk[Bearbeiten]

Die folgenden Bands werden teils unter diversen anderen Bezeichnungen wie etwa Horror Rock, Ghoul Rock, Rockabilly, Psychobilly, Gothabilly, Deathrock oder sogar schlicht Punkrock gehandelt.

Weitere Horrorpunk-Musikgruppen befinden sich in der Kategorie „Horrorpunkband“.

Erkennungs- und Alleinstellungsmerkmale der Szene[Bearbeiten]

Ein häufig anzutreffendes Erkennungsmerkmal ist das von den The Misfits geführte Maskottchen, der Crimson Ghost. Ein in einen Kapuzenmantel gehülltes Gespenst bzw. stilisierter Totenschädel. Dies war ursprünglich eine Figur aus dem Horrorserial „Der Mann mit der Totenmaske“ (1946). Des Weiteren ist der "Fiend Club"-Aufnäher mit dem Konterfei der Crimson-Ghost-Maske weit verbreitet.

Die Horrorpunkszene setzt sich neben den Fans einzelner Bands und Projekte auch aus Rockabillies und Psychobillies zusammen. Das Äußere entspricht somit dem Auftreten dieser Szenen (z. B. dem Greaser-Look), trägt aber deutlich düsterere Züge. Das typische Horrorpunkoutfit ist zwar häufig bunter, dafür aber weniger durch Accessoires ausgeschmückt als bei einem modernen Goth. Anlehnungen an die Wave-Szene der frühen 1980er sind bei weiblichen Horrorpunks oft offensichtlich. Das Spektrum ist zwar breit, reicht jedoch nie an den „versifften“ Stil einiger Punks heran.

Des Weiteren wird von Thorsten Wilms Deutschland als „Mekka der Horror-Szene“ bezeichnet. Obwohl die meisten Bands aus den USA kämen, liege die größte Fanbasis hier. Als Gründe nennt er eine lange Horror-Tradition in Deutschland, zum Beispiel mit dem Schauerroman im 18. Jahrhundert oder dem expressionistischen Horror-Stummfilm der 1920er Jahre, und generell die deutsche Vorliebe für morbide Kunst.[1] Ähnlich äußerte sich Argyle Goolsby, Sänger und Bassist bei Blitzkid, dem derzeitigen Hauptvertreter des Genres in den USA,[2] in einem Gespräch beim österreichischen Musikmagazin Mulatschag.[3]

Typische Bekleidung:

  • schwarze, oft abgetragene Lederjacken, sowie allgemein schwarze Kleidung
  • Buttons und Anstecker der bevorzugten Bands
  • T-Shirts mit Horrorcomic- oder Bandmotiven
  • Stretchjeans, Zipper-Jeans oder einfache schwarze Hosen
  • Rangers, Converse, Motorrad-Lederstiefel oder Cowboystiefel
  • Nieten in diversen Formen
  • „Devillock“ oder Undercut (gewöhnlich „vorne lang, hinten kurz“)
  • Skeletthandschuhe.

Bedeutung von Halloween[Bearbeiten]

Halloween (31. Oktober) ist ein zentrales Thema und wird von Horrorpunks exzessiv mit Konzerten und Großveranstaltungen gefeiert.

Halloween stellt in vielen Regionen Deutschlands die einzige Gelegenheit im Jahr dar, an reinen Horrorpunk-Veranstaltungen teilzunehmen. Zu anderen Feiertagen wie Karfreitag, den Sonnenwenden oder Fronleichnam hingegen existiert kein Bezug.

Der Grund für das besondere Interesse des Horrorpunks an Halloween liegt auf der Hand. Halloween ist in den USA der Tag der Hexen, Geister, Toten, Monster und des Horrorkitsch (wobei die Vorliebe für Horrorkitsch eine nicht jeden Horrorpunk betreffende Szeneeigenart ist). Zudem spielt Halloween in Horrorfilmen und Thrillern, sowie Groschenromanen und Comics des Horrorgenres oft eine bedeutende Rolle.

Skurrile Auswüchse des Horrorkitschs, wie Bela B.s Untotenmaske oder originalgetreue Nachbildungen von Filmrequisiten, etwa Eddie Munsters Puppe Woof-Woof, sind für einige Szenemitglieder begehrte Sammlerstücke.

Wrecking[Bearbeiten]

Häufig anzutreffen ist bei Konzerten und Veranstaltungen mit hohem Anteil an Szenemitgliedern (Reinheitsgrad) ein äußerst aggressiver Tanzstil. Dieser ähnelt zwar in Elementen dem seit Ende der 1970er, Anfang der 80er punktypischen Pogo, allerdings herrscht eine größere, von allen Seiten offensichtlich gewünschte Rücksichtslosigkeit vor. Wrecking ähnelt dem Slamdancing, wobei der Einsatz von Armen, insbesondere der Ellenbogen deutlich betont ist. Knie und Beine hingegen werden praktisch nie eingesetzt.

Unbeteiligte Personen können dieses Verhalten leicht missverstehen, sodass einige Veranstalter der Schwarzen Szene gänzlich auf Horrorpunk in ihrem Veranstaltungsprogramm verzichten.

Der Begriff Wrecking wurde maßgeblich durch die Psychobilly-Band The Meteors mit dem Album The Wrecking Crew geprägt.

Das mutwillige oder auch unbeabsichtigte Anstoßen einer Person wird in der Regel als Einladung bzw. Eröffnungsritual gesehen, das es dem Gegenüber erlaubt, es gleichzutun.

Politische Symbolik[Bearbeiten]

Das Zurschaustellen von politischen Ansichten kommt selten und eher in Anlehnung an die eigenen Punkwurzeln vor, etwa als Tragen des roten Sterns oder anderer linker Symbole. Noch seltener finden sich Hinweise auf eine rechtsgerichtete politische Gesinnung, am ehesten noch in Form von Frisuren oder Merchandiseartikeln wie T-Shirts, Gürtelschnallen, Buttons von als rechts bzw. konservativ wahrgenommenen Bands.

Der Horrorpunk selbst ist sehr eng mit dem Psychobilly verbunden und wie dieser weitgehend unpolitisch.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b FIENDFORCE RECORDS: Home of Horrorpunk Interview vom 25. März 2006 auf www.vampster.com
  2. http://www.laut.de/wortlaut/artists/b/blitzkid/biographie/index.htm
  3. http://www.youtube.com/watch?v=PPydgNqZ04M