Humboldtsches Bildungsideal

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die heutige Humboldt-Universität um 1850

Unter dem humboldtschen Bildungsideal versteht man die ganzheitliche Ausbildung der Künste in Verbindung mit der jeweiligen Studienfachrichtung. Dieses Ideal geht zurück auf Wilhelm von Humboldt, der in der Zeit der preußischen Rekonvaleszenz auf ein erstarkendes Bürgertum setzen konnte und dadurch den Anspruch auf Allgemeinbildung förderte. Heutzutage bezeichnet der Begriff oft die zentrale Idee der Einheit von Forschung und Lehre an Universitäten und verschiedenen anderen Hochschulen (etwa im Unterschied zu reinen Lehrprofessuren ohne Forschungsaufgaben).

Begriffsbezug[Bearbeiten]

Humboldt ließ dieses Ideal als Leiter der Sektion des Kultus und des öffentlichen Unterrichts im preußischen Innenministerium in die Bildungsreformen einfließen. In der konkreten Politik erstreckte es sich nicht auf die preußischen Volksschulen, die neben den Universitäten ebenfalls der Sektion unterstanden. Vereinzelt wird alternativ daher auch vom humboldtschen Universitätsideal gesprochen.

Historischer Überblick[Bearbeiten]

Das humboldtsche Bildungsideal entwickelte sich um die zwei Zentralbegriffe der bürgerlichen Aufklärung: den Begriff des autonomen Individuums und den Begriff des Weltbürgertums. Die Universität soll ein Ort sein, an dem autonome Individuen und Weltbürger hervorgebracht werden oder genauer gesagt, sich selbst hervorbringen.

  • Ein autonomes Individuum soll ein Individuum sein, das Selbstbestimmung und Mündigkeit durch seinen Vernunftgebrauch erlangt.
  • „Das Weltbürgertum ist jenes kollektive Band, das die autonomen Individuen, unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Sozialisation verbindet: Bei Humboldt heißt es: ‚Soviel Welt als möglich in die eigene Person zu verwandeln, ist im höheren Sinn des Wortes Leben.‘ Das Bemühen soll darauf zielen, sich möglichst umfassend an der Welt abzuarbeiten und sich dadurch als Subjekt zu entfalten. Zum Weltbürger werden heißt, sich mit den großen Menschheitsfragen auseinanderzusetzen: sich um Frieden, Gerechtigkeit, um den Austausch der Kulturen, andere Geschlechterverhältnisse oder eine andere Beziehung zur Natur zu bemühen.“[1] Die universitäre Bildung soll – ganz im Gegensatz zu dem, was heute proklamiert wird – keine berufsbezogene, sondern eine von wirtschaftlichen Interessen unabhängige Ausbildung sein.

Akademische Freiheit heißt zunächst äußere Unabhängigkeit der Universität. Die Universität soll sich staatlichen Einflüssen entziehen. Humboldt fordert, dass sich die wissenschaftliche Hochschule „von allen Formen im Staate losmachen“ sollte. Daher sah seine Universitätskonzeption vor, dass beispielsweise die Berliner Universität eigene Güter haben sollte, um sich selbst zu finanzieren und dadurch ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit zu sichern. Akademische Freiheit verlangt neben der äußeren Unabhängigkeit der Universität von staatlichen und wirtschaftlichen Zwängen auch die innere; d. h. freie Studienwahl und freie Studienorganisation. Die Universität soll deshalb ein Ort des permanenten öffentlichen Austausches zwischen allen am Wissenschaftsprozess Beteiligten sein. Die Integration ihres Wissens soll mit Hilfe der Philosophie zustande kommen. Diese soll eine Art Grundwissenschaft darstellen, die es den Angehörigen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen erlaubt, einen Austausch ihrer Erkenntnisse zustande zu bringen und sie miteinander zu verknüpfen. Das humboldtsche Bildungsideal bestimmte lange Zeit die deutsche Universitätsgeschichte entscheidend mit, auch wenn es niemals praktisch zur Gänze realisiert wurde oder realisierbar ist. Große intellektuelle Leistungen der deutschen Wissenschaft sind damit verbunden.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Theodor W. Adorno und Albert Einstein haben sich dazu bekannt.

Heutige Situation und Entwicklung[Bearbeiten]

Während zu Zeiten Humboldts hauptsächlich Universitäten staatlich organisierte akademische Forschung betrieben, gibt es mittlerweile im tertiären Bildungsbereich neue Formen von Hochschulen, die mittlerweile alle einen wissenschaftlichen Auftrag zur Forschung haben.[2] Die Ansprüche des humboldtschen Bildungsideals lassen sich daher entsprechend auf alle Hochschulen übertragen.

Kritiker sehen in den zahlreichen derzeitigen Reformen, wie z.B. dem Bologna-Prozess, eine Abweichung vom humboldtschen Ideal hin zu einer stärkeren Berufsbezogenheit des Studiums unter Beachtung wirtschaftlicher Interessen. Des Weiteren wird kritisiert, dass die Freiheit der Lehre durch den Bologna-Prozess eingeschränkt werde.

Literatur[Bearbeiten]

  • Integration der handwerklich-militärischen Chirurgenausbildung in die akademische Medizinerausbildung unter Johann Goercke.
  • Baumgart, Franzjörg: Zwischen Reform und Reaktion. Preußische Schulpolitik 1806-1859, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1990
  • Humboldt und die Universität heute : Symposium des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft am 17. April 1985 im Wissenschaftszentrum Bonn / Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, Bonn
  • Dietrich Benner, Wilhelm von Humboldts Bildungstheorie (Broschiert), Weinheim: Juventa, 3., erw. A. 2003
  • Ulrike Büchner: Arbeit und Individualisierung : zum Wandel des Verhältnisses von Arbeit, Erziehung und Persönlichkeitsentfaltung in Deutschland, Weinheim ; Basel : Beltz, 1982
  • Helmholtz, Hermann von, Über die Akademische Freiheit der deutschen Universitäten, Rede beim Antritt des Rektorats an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin am 15. Oktober 1877 gehalten, Nachdr. der Ausg. Berlin, Hirschwald, 1878, Hrsg.: Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin 2005
  • Humboldt, Wilhelm von: Bildung und Sprache, Paderborn: Schöningh, 5., durchges. Aufl. 1997
  • Humboldt, Wilhelm von: Schriften zur Politik und zum Bildungswesen, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 6. Auflage 2002
  • Humboldt, Wilhelm von: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen, Stuttgart: Reclam, 1986, ISBN 978-3-15-001991-7 - schon in seinem Frühwerk bemüht sich Humboldt sein Bildungsideal zu formulieren
  • Knoll, Joachim H. u. Siebert, Horst: Wilhelm von Humboldt. Politik und Bildung, Heidelberg: Quelle u. Meyer, 1969
  • Menze, Clemens: Die Bildungsreform Wilhelm von Humboldts, Hannover: Schroedel 1975
  • Richter, Wilhelm: Der Wandel des Bildungsgedankens. Die Brüder von Humboldt, das Zeitalter der Bildung und die Gegenwart. (= Historische und Pädagogische Studien 2), Berlin: Colloquium-Verlag, 1971
  • Schultheis, Franz (Hrsg.) ; Cousin, Paul Frantz (Hrsg.) ; Roca i Escoda, Marta (Hrsg.): Humboldts Albtraum - Der Bologna-Prozess und seine Folgen. Konstanz : UVK, 2008.- ISBN 978-3-86764-129-6.
  • Tschong, Youngkun , Charakter und Bildung : zur Grundlegung von Wilhelm von Humboldts bildungstheoretischem Denken, Würzburg: Königshausen & Neumann, 1991
  • Wagner, Hans-Josef ,Die Aktualität der strukturalen Bildungstheorie Humboldts, Weinheim: Dt. Studien-Verl., 1995

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. Jürgen Hofmann: Welche Bedeutung hat das Humboldt'sche Erbe für unsere Zeit?
  2. vgl. Hochschulgesetze der Länder