Humpen

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Typischer Halbliter-Humpen

Ein Humpen, auch Bierkrug, Steinkrug, Bierseidel, Schnellen, Henkel (Berlin), Halber (Norddeutschland), Walzenkrug (historische Keramik, vor allem Fayence) ist ein Trinkgefäß, das seinen Ursprung im 16. Jahrhundert im deutschen Sprachraum hat. Sein wichtigstes Formmerkmal ist der zylindrische oder konische, allenfalls leicht gebauchte Körper, zumeist mit Henkel, häufig mit Scharnierdeckel, Daumenruhe (Daumenrast, Deckelheber) und abgesetztem Fußring. Der Humpen wurde und wird überwiegend aus Glas oder Steinzeug, aber auch aus Silber, Zinn, Steingut, Fayence, Porzellan und anderen Materialien hergestellt. Humpen sind oft mit einem Relief versehen oder mit Aufschriften, zeichenhaften oder szenischen Darstellungen bedruckt oder bemalt. Aus ihnen wird vorzugsweise Bier getrunken. Es gibt Humpen, die bis zu 5 Liter Inhalt fassen.

Der Humpen (engl. stein) gilt in Übersee als „typisch deutscher“ Repräsentations- und Gebrauchsgegenstand.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Humpen, als zylindrischer Trinkkrug mit Henkel, Daumenheber und Klappdeckel gilt als Erfindung der Renaissance. Fast gleichzeitig tritt er in den hansischen Küstenstädten des Nordens und in den bürgerlichen Kulturzentren Süddeutschlands um die Mitte des 16. Jahrhunderts erstmals auf. Dort, wo Bier getrunken wurde, im Bürgertum eher als bei Hofe und in Deutschland mehr als in den romanischen Ländern, entwickelte sich dieser Formtyp und setzte sich durch. Aus Irdenware, Steingut und Glas, gehört er seitdem zum Gebrauchsgeschirr, doch sind daneben, mit unterschiedlichen Entwicklungen, auch Sonderentwicklungen im Bereich des Kunsthandwerks zu betrachten:

Humpen in der Geschichte des Kunsthandwerks[Bearbeiten]

Außer den folgend genannten Materialien sind in geringerem Umfang auch andere, sogar exotische Werkstoffe verarbeitet worden, kunsthandwerklich vor allem Porzellan (manchmal mit durchscheinenden Lithophanien in Boden oder Deckel), Elfenbein, Serpentinstein, Bernstein u. a.

Silber[Bearbeiten]

Unter den für fürstliche Kunstkammern geschaffenen Prachtgefäßen sind Humpen kaum vertreten, ein für die Entstehungsgeschichte dieses Gefäßtyps bemerkenswertes Faktum.[1] Die wenigen erhaltenen norddeutschen Deckelkrüge des 16. Jahrhunderts sind schlank und hoch. Im 17. Jahrhundert werden sie breiter und kräftiger proportioniert. In den skandinavischen Ländern und dem Baltikum wurde der silberne Humpen bis ins 18. Jahrhundert geschätzt und bildete mit seinen umrankten Kugelfüßen und kräftigen Henkelansätzen eine Sonderform mit hohem Wiedererkennungswert aus. In der Angewandten Kunst des Klassizismus war die "unantikische " Krugform wenig geachtet, erst mit der Wiederentdeckung deutsch-bürgerlicher Ideale in der Neorenaissance des späten 19. Jahrhunderts wird seine Form gelegentlich für silberne oder versilberte Ehrengaben, z.B. Sportpreise, gewählt. Die historische Bezeichnung in England, wo es eine bedeutende Tradition silberner, leicht konisch geformter Humpen gibt, ist Tankard.[2]

Zinn[Bearbeiten]

Zahllose schlichte, aber auch mit Gravuren geschmückte Humpen aus Zinn haben sich aus allen Epochen der Neuzeit erhalten. Im Trinkgeschirr der Zünfte, das vorzugsweise aus Zinn bestand, gibt es zwar zylindrische Trinkkrüge, sie besitzen aber nicht die zentrale Bedeutung wie Willkomme oder Schleifkannen und haben auch nicht deren handwerkstypische Sonderformen ausgebildet.[3][4]

Steinzeug[Bearbeiten]

Am häufigsten und vielfältigsten spielt der Krug eine Rolle in der Keramikgeschichte. Im Spätmittelalter sind die Krugformen noch durchweg bauchig. Mit der hohen Schnelle aus Steinzeug (die allerdings wegen ihrer extrem steilen Proportion meist nicht zu den Humpen gerechnet wird) ist die Wandung schon gerade; eine verkleinerte Sonderform des Rheinlandes ist die henkelbechergroße Pinte. Die klassische Humpenform und -proportion weisen dann im 17. Jahrhundert die dunkelglasierten Krüge aus Creußen mit ihren farbigen Reliefs und die blau dekorierten Krüge aus dem grauen Steinzeugton des Westerwaldes auf. Auch aus anderen Töpferzentren (Duingen) sind frühe Steinzeughumpen bekannt.

Fayence[Bearbeiten]

Fayence-Manufakturen wurden in Deutschland seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gegründet, doch setzt erst danach eine nennenswerte Produktion von Walzenkrügen (wie die Humpen aus Fayence in der Fachsprache bevorzugt genannt werden) ein. Den norddeutschen Raum versorgte zwischen der Mitte des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem Hannoversch-Münden, aber in nahezu allen anderen Manufakturen standen sie auf dem Lieferprogramm. Die Klappdeckel aus Zinn wurden ihnen meist erst am Ort des Endverkaufs anmontiert.

Steingut[Bearbeiten]

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist Steingut das vorherrschende Material für den aufwendig dekorierten Humpen. Zu nennen sind die Reservistenkrüge, bunt bemalte und bedruckte, individuell beschriftete Erinnerungsstücke entlassener Rekruten an ihre Militärzeit und die aus verschiedenen keramischen Materialien hergestellten Krüge der studentischen Verbindungen mit ihrem speziellen Brauchtum. Auf dem Weltmarkt führend war dabei die Firma Villeroy & Boch, die Krüge unter dem Markennamen Mettlach, dem Ort ihres Stammsitzes, vertrieb.[5]

Glas[Bearbeiten]

Glasseidl mit Klingel

Eine terminologische und typengeschichtliche Besonderheit fällt bei den gläsernen Humpen auf. Zahlreiche frühe und berühmte Beispiele, wie die mit Emailfarben bemalten Kurfürsten- und Reichsadlerhumpen sind henkellose Gefäße, die dementsprechend auch keinen Klappdeckel, sondern abnehmbare gläserne Deckel besitzen oder besaßen. Von (Deckel-)bechern unterscheiden sie sich nur durch Größe und Volumen. Ihre Blütezeit lag etwa zwischen 1570 und 1670. Spätere Glashumpen haben dann auch Henkel und Klappdeckel aus Silber oder Zinn mit Daumenheber. Ihre geschliffene oder geschnittene Dekoration bezieht sich oft individuell auf den ehemaligen Besitzer. Auch für die Glasgeschichte gilt: Mit dem Klassizismus verschwindet der Humpen als bürgerliches Repräsentationsstück, um am Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Karriere sowohl als Vitrinenobjekt wie als Gebrauchsgefäß zu machen.

Sammlerkrüge[Bearbeiten]

Moderne, für einen Sammlermarkt hergestellte Krüge tragen v. a. im bayerischen Raum oft Motive zu örtlichen Sehenswürdigkeiten wie dem Königssee, Schloss Neuschwanstein oder dem Münchner Rathaus. Eine langjährige Sammler-Tradition hat außerdem der 1-Liter-Maßkrug zum Münchner Oktoberfest[6], der jedes Jahr das aktuelle Plakatmotiv zeigt.

Hohlmaße[Bearbeiten]

  • In Bayern (sowohl Altbayern als auch Franken) ist ein Seidel oder eine Halbe eine Biermenge von genau 0,5 l, früher 0,535 l. Es kann also auch eine Flasche von entsprechendem Inhalt bezeichnen. – Das „Seidel“ (in dialektaler Umprägung „Seidla“) mit Halblitervolumen ist im fränkischen Raum die gängige Einheit des Bierausschanks, in Bayern dagegen die Maß (auf Bairisch die „Mass“ mit kurzem a; auf Schwäbisch und in Österreich das „Maß“ mit langem a) mit 1 Liter Inhalt, die man in Biergärten und auf dem Oktoberfest hauptsächlich in Glaskrügen, teilweise auch noch in Tonkrügen ausschenkt (siehe auch: Schoppen). Um dem Schankbetrug vorzubeugen, werden auf Großveranstaltungen allerdings inzwischen vorwiegend Glaskrüge verwendet, da der Gast hier die Füllmenge anhand des Eichstrichs selbst nachkontrollieren kann.
  • In Österreich war ein Seidel etwa ein drittel Liter (0,354 l) und ist im ostösterreichischen Sprachgebrauch weiterhin verbreitet (als 0,3 l). In der Regel ist ein Seidel Bier gemeint, es kann sich aber auch auf Weine beziehen (wenn auch in diesem Zusammenhang selten benutzt). Der halbe Liter Bier ist das Krügerl oder die „Halbe“.
  • In Luxemburg ist ein „Humpen“ die Maßeinheit für eine Standard-Bierglasform mit 0,5 Liter Inhalt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Hohlmaße in Alte Maße und Gewichte

Andere Trinkgefäße für Bier sind Bierglas, Bierflasche, Keferloher und Maßkrug.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Carl Hernmarck: Die Kunst der europäischen Gold- und Silberschmiede von 1450 bis 1830, München [u.a.]: Beck [u.a.], 1978, S. 114–119.
  2. Mit eigenem Artikel in der englischen Wikipedia.
  3. Hans Ulrich Haedeke: Zinn, Braunschweig 1963, 230 ff., 296 f.
  4. Dieter Nadolski: Zunftzinn, Leipzig/München 1986, S. 206 ff., Abb. 152 ff.
  5. * Gary Kirsner: The Mettlach Book – das Mettlach Buch. Illustrated Catalog. Coral Springs, 2005.
  6. Oktoberfest-Sammlerkrüge