Hundeherz

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Hundeherz (russisch Собачье сердце) ist eine Erzählung des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow. Sie ist eine zynische Satire auf den von der Sowjetunion propagierten „neuen sowjetischen Menschen“ und handelt von einem durch ein Experiment entstandenen grobschlächtig-ruchlosen „Hundemenschen“, der sich zum Alptraum für seinen Schöpfer entwickelt.

Verfasst wurde das Werk 1925, zur Zeit der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP), als in der Sowjetunion kapitalistische Wirtschaftsmechanismen teilweise wieder eingeführt wurden, was heftige politische Auseinandersetzungen und Kämpfe mit sich zog und auch einen grundlegenden Wandel in der Partei selbst zur Folge hatte: Der kommunistische Idealist trat in den Hintergrund zugunsten des kommunistischen Bürokraten.[1] Obschon die NÖP zu einer relativ gemäßigten Haltung gegenüber Schriftstellern und Künstlern führte,[2] wurde Hundeherz, mit seinen unverkennbaren allegorischen Anspielungen auf Widersprüche zwischen ursprünglichen revolutionären Hoffnungen, offizieller Propaganda und den Realitäten der NÖP-Zeit, verboten.[3] Erst 1987, 47 Jahre nach dem Tode des Autors, konnte die Erzählung in der Sowjetunion erscheinen.[4]

Handlung[Bearbeiten]

Die Geschichte spielt im Winter 1924/25 in Moskau, vorwiegend in der Wohnung des erfolgreichen und wohlhabenden Chirurgen Professor Filipp Filippowitsch Preobrashenski, der sich auf verjüngende Operationen spezialisiert hat. In einem Experiment implantiert er zusammen mit seinem Assistenten Doktor Iwan Arnoldowitsch Bormental dem streunenden Hund Bello die Hirnanhangdrüse und Hoden des kürzlich verstorbenen Alkoholikers und Kleinkriminellen Klim Grigorjewitsch Tschugunkin. Wider Erwarten überlebt der Hund den Eingriff, gesundet allmählich und bekommt in den nächsten Tagen mehr und mehr menschliche Züge: Er verliert sein Fell, wächst, geht auf den Hinterbeinen und beginnt zu sprechen. Nachdem seine Umwandlung in einen Menschen abgeschlossen ist, stellt sich heraus, dass er die negativen Eigenschaften des Spenders ererbte: schlechte Manieren, Aggressivität, vulgäre Ausdrucksweise und einen starken Hang zum Alkohol. Der neue Mensch gibt sich den absurden Namen Polygraf Polygrafowitsch Bellow, nimmt schließlich eine Anstellung als Leiter der Unterabteilung zur Säuberung der Stadt Moskau von streunenden Tieren (Katzen usw.) bei der Stadtreinigung der Moskauer Kommunalwirtschaft an und verkehrt mehr und mehr mit Kommunisten, die versuchen, Bellow gegen seinen proletarierfeindlichen Schöpfer auszuspielen. Mit seinem Verhalten macht er das Leben in der Wohnung des Professors vollends zu einem Albtraum, was diesen und seinen Assistenten dazu veranlasst, die Verwandlung rückgängig zu machen: Bellow wird erneut operiert und verwandelt sich zurück zu einem Hund. Bello kann sich nicht an die Ereignisse erinnern und ist dazu bestimmt, ein angenehmes Leben in der Wohnung des Professors zu führen.

Der erste Teil wird aus der Perspektive des Hundes Bello erzählt und beschreibt, wie der ausgemergelte und verletzte Hund vom Professor in die Wohnung gelockt, gepflegt und reichlich verköstigt wird. In der Folge verfolgt der Hund den Alltag in der Wohnung des Professors und fürchtet um sein gutes Leben im geheizten Haus mit reichlich Nahrung, wenn er sich mal wieder schlecht benommen hat. Mit dem Beginn der Operation wechselt die Perspektive zum allwissenden Autor. Der nächste Abschnitt, der die Verwandlung des Hunds nach der Operation zu Bellow beschreibt, besteht aus Texten aus dem Tagebuch des Doktors Bormental. Der Rest der Geschichte stammt wieder aus der Perspektive des allwissenden Autors. Nur in den letzten beiden Abschnitte des Epilogs wird Bello wieder zum Erzähler.

Thematik und Interpretation[Bearbeiten]

Bulgakow spann im Prosawerk Hundeherz das Homunkulus-Thema (vgl. Goethes Faust oder Shelleys Frankenstein) aus und verband dieses mit spöttischen Anspielungen auf den „neuen proletarischen Menschen“.[5] Insbesondere zu Goethes Faust werden in der literarischen Interpretation zahlreiche Analogien gezogen.[6]

Wie in Hundeherz spielen Tiere in vielen Werken Bulgakows eine wesentliche Rolle. Sie eignen sich besonders, verschlüsselt Kritik zu üben.[7]

Die Erzählung wurde einerseits interpretiert als Satire auf die sowjetischen utopischen Versuche, die menschliche Natur durchs Schaffung des Neuen Sowjetmenschen grundlegend zu verbessern,[8] und andererseits als ironische Stellungnahme zu den Versuchen der Wissenschaftler, in die Natur einzugreifen.[9] Eine verbreitete akzeptierte Interpretation ist, Bulgakow versuchte all die Unzulänglichkeiten des Systems aufzuzeigen, das einem Menschen mit der Intelligenz eines Hundes erlaube, wichtige Aufgaben zu übernehmen.

Bellow ist nach Auffassung der Oxforder Slawistin Julie Curtis eine Wiedergeburt des widerlichen Proletariers, während der Professor eine übertriebene Vision des bourgeoisen Traums repräsentiert.[10]

Namen spielen in der Geschichte eine bedeutende Rolle: Preobrashenskis Name ist vom russischen Wort für Verwandlungskunst abgeleitet. Bellos russischer Name, Scharik, ist im Russischen ein weit verbreiteter Hundename. Vor- und Vatersname des „Hundemenschen“ Polygraf Polygrafowitsch lassen sich ungefähr mit Tiefdruck, Sohn des Tiefdrucks übersetzen und setzt eine Tradition unsinniger Doppelnamen in der russischen Literatur fort, die auf Gogols Helden Akakij Akakijewitsch in Der Mantel zurückgeht. Der Name ist zudem eine Satire auf eine Mode in der frühen Sowjetzeit, Kindern revolutionsbehaftete Namen zu geben. Dennoch wurde der Name in der Geschichte nach der alten russischen Tradition gewählt, den Kalender zu konsultieren, der den 4. März als Polygrafs Namenstag angab. Sein Nachname im russischen Original lautet in Anlehnung an den Hundenamen Scharikow. Der Name des trinkenden Spenders der menschlichen Implantate ist Tschugunkin, eine Ableitung von Gusseisen und mögliche Parodie auf Stalins Namen, der für der Stählerne stehen dürfte.

Das lebendige Vorbild für die Figur des Professors Preobrashenski war höchstwahrscheinlich der russisch-französische Chirurg Serge Voronoff, der durch seine Experimente, Menschen Hoden und Schilddrüsen von Tieren zu implantieren, Berühmtheit erlangte.[11] Bulgakow wurde selber Teil der im Buch dargestellten Moskauer Intelligenz, die sich mit der von ihr abhängigen Sowjetmacht arrangiert hatte und wie auf einer Insel weiterlebte, nachdem er 1924 die Aristokratentocher Ljubow Jewgenjewna Beloserskaja geheiratet hatte. In diesen Kreisen traf er auch auf Ärzte, die ebenfalls als Vorbild für die Charaktere im Buch gedient haben könnten.[6]

Preobrashenski, der als „Umwandler“ dem leidenden Hund ein schönes, aber unfreies Leben verschafft, dürfte zudem auch als russischer Faust eine Parodie auf Lenin darstellen.[6]

Veröffentlichung und Rezeption[Bearbeiten]

Bulgakow schrieb Hundeherz in den ersten drei Monaten des Jahres 1925, konnte jedoch eine Veröffentlichung als Einzelband oder als Bestandteil seiner Erzählungensammlung Teufeliaden (russisch Дьяволиада) nicht erreichen. Aus Furcht vor der Zensur lehnte der Verleger Boris Leontjew die Publikation ab[12] und gab in einem Brief an Bulgakow das Urteil des einflussreichen Parteimitglieds Lew Kamenew über das Hundeherz wieder: „Sie ist eine ätzende Attacke auf unsere gegenwärtigen Verhältnisse und kommt auf keinen Fall für eine Veröffentlichung in Betracht …“.[13] Der als „revolutionsfeindlich“ kritisierte Sammelband Teufeliaden, mit seinen fünf Erzählungen ungleicher Länge (u.a. Die verhängnisvollen Eier) erschien daher im Sommer 1925 ohne das Hundeherz. Das Buch wurde kurz darauf beschlagnahmt, 1926 jedoch neu aufgelegt.[14]

1926 schrieb Bulgakow anhand der Erzählung ein Theaterstück für das Tschechow-Kunsttheater Moskau. Die Aufführungen wurden aber abgesagt, nachdem die Geheimpolizei OGPU das Manuskript und die Kopien am 7. Mai konfisziert hatte. Dank der Unterstützung von Maxim Gorki erhielt der Autor 1929 das Manuskript von Hundeherz zurück.[6][10] In der Sowjetunion wurde Hundeherz erst 1987 veröffentlicht, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Fertigstellung des Werkes.[7] Als Samisdat wurde die Geschichte jedoch schon vorher in der Sowjetunion verbreitet.

Ein Exilverlag in Frankfurt am Main publizierte die Erzählung 1968 erstmals.[7] Dieser Text und die ersten Übersetzungen folgten aber nicht Bulgakows letztem Transkript.[15][16]

Auf dem deutschen Buchmarkt war Hundeherz lange nur im Sammelband Teufeliaden, mit einigen anderen Erzählungen, erhältlich. 2013 erschien eine Neuübersetzung von Alexander Nitzberg mit dem Titel Das hündische Herz, die auf der letzten Fassung von Bulgakows Text basiert.[16]

Verfilmungen[Bearbeiten]

Hundeherz wurde 1976 in einer italienisch-deutschen Produktion als Warum bellt Herr Bobikow? (Originaltitel: Cuore di cane) verfilmt. In der Hauptrolle spielte Max von Sydow den Professor Preobrashenski.[17]

Kurz nach der offiziellen Publikation des Prosawerks in der Sowjetunion, erschien 1988 der sehr erfolgreiche Film Sobatschje serdze (russisch Собачье сердце), der von Wladimir Bortko in Sepia aufgenommen wurde.[18] Wichtige Szenen, die diesen Film bekannt machten, wurden aus der unüblich tiefen Perspektive eines Hundes gedreht. Die Darstellung des Professors Preobraschenski zählt zu den markantesten Rollen des russischen Schauspielers Jewgeni Jewstignejew.

Musikalische Darbietungen[Bearbeiten]

Das komische Opernstück The Murder of Comrade Sharik (1973) von William Bergsma und Alexander Raskatows Oper Hundeherz (2008/09)[19][20] basieren auf dieser Erzählung.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Deutsche Ausgabe:  Michail Bulgakow: Teufeliaden. Erzählungen. Sammlung Luchterhand 62094, Luchterhand, München 2005 (übersetzt von Thomas Reschke), ISBN 3-630-62094-9 (mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen von Ralf Schröder).
  • Neuübersetzung:  Michail Bulgakow: Das hündische Herz. Galiani Verlag, Berlin 2013 (übersetzt von Alexander Nitzberg), ISBN 978-3-86971-069-3.
  •  Edythe C. Haber: Mikhail Bulgakov. The early Years. In: Russian Research Center studies. 90, Harvard University Press, Cambridge 1998, ISBN 0-674-57418-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Marc Slonim: Die Sowjetliteratur. Eine Einführung. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1972, S. 47.
  2.  Marc Slonim: Die Sowjetliteratur. Eine Einführung. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1972, S. 49.
  3.  Ralf Schröder: Literaturgeschichtliche Anmerkungen. In: Michail Bulgakow (Hrsg.): Teufeliaden – Erzählungen. Verlag Volk und Welt, Berlin 1994, ISBN 3-353-00945-0, S. 316.
  4.  Ralf Schröder: Literaturgeschichtliche Anmerkungen. In: Michail Bulgakow (Hrsg.): Teufeliaden – Erzählungen. Verlag Volk und Welt, Berlin 1994, ISBN 3-353-00945-0, S. 318.
  5.  Reinhard Lauer: Kleine Geschichte der russischen Literatur. C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52825-2, S. 212.
  6. a b c d  Ralf Schröder: Literaturgeschichtliche Anmerkungen. In: Michail Bulgakow (Hrsg.): Teufeliaden – Erzählungen. Sammlung Luchterhand, München 2005, ISBN 3-630-62094-9, S. 300-360 (verfasst in Berlin 1994).
  7. a b c Antonia Häfner: Sozialkritik am Beispiel des Hundes Bello im Hundeherz von Michail Bulgakow, Heidelberg 2006 (Seminararbeit).
  8.  Wilborn Hampton: Stage: 'Heart of a Dog'. In: The New York Times. 1. Februar 1988.
  9. Encyclopedia of Soviet Writers: Bulgakov, Mikhail Afanasievich. Abgerufen am 30. Oktober 2013.
  10. a b  J.A.E. Curtis: The Heart of a Dog. In: Neil Cornwell, Nicole Christian (Hrsg.): Reference guide to Russian literature. Taylor & Francis, London, Chicago 1998, ISBN 1884964109, S. 203 f.
  11.  Tatjana Batenewa: В погоне за здоровьем человек готов породниться с любой скотиной (Im Streben nach Unsterblichkeit sind Menschen bereit, Verwandte von Tieren zu werden). In: Iswestija. unbekanntes Publikationsdatum.
  12.  Elsbeth Wolffheim: Michail Bulgakow. Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 1996, ISBN 3-499-50526-6, S. 57.
  13. Michail Bulgakow, herausgegeben von Julie Curtis.: Manuskripte brennen nicht : eine Biographie in Briefen und Tagebüchern, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-10-011334-9, S. 96.
  14. Michail Bulgakow, herausgegeben von Julie Curtis.: Manuskripte brennen nicht : eine Biographie in Briefen und Tagebüchern, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-10-011334-9, S. 86.
  15. Nicola Steiner: Wie übersetzt man einen Virtuosen der bizarren Sprachbilder? In: Schweizer Radio und Fernsehen. 21. Mai 2013, abgerufen am 22. Mai 2013: „Das Buch wurde erst nicht veröffentlicht, die Sowjetzensur stufte es als konterrevolutionär ein. Das hatte unter anderem zur Folge, dass verschiedene Versionen des Textes kursierten, bis der Roman erstmals 1968 in einem Exilverlag in Frankfurt am Main auf Russisch erschien.“
  16. a b Olga Hochweis: Das Hündische im Menschen. In: Deutschlandradio Kultur. 21. Mai 2013, abgerufen am 22. Mai 2013: „Im westlichen Ausland wurden in den 60er-Jahren Versionen veröffentlicht, doch sie stützen sich dabei nicht auf die letzte, von Bulgakow überarbeitete Fassung.“
  17. Warum bellt Herr Bobikow? (Cuore di cane) in der Internet Movie Database (englisch)
  18. Sobachye serdtse in der Internet Movie Database (englisch)
  19. Olga Bugrowa: Komponist Raskatow – ein französischer Moskauer. Radio "Stimme Russlands". 15 März 2013.
  20. Olga Bugrowa: In La Scala wird nicht nur gesungen, sondern auch gebellt. Radio "Stimme Russlands". 16 März 2013.


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