Hybridität

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Hybridität bedeutet eine Mischform von zwei vorher getrennten Systemen. Die Bezeichnung stammt ursprünglich aus der Landwirtschaft, entwickelte sich aber zu einem in verschiedenen akademischen Disziplinen, insbesondere in der Soziolinguistik und im Umfeld des Postkolonialismus, verwendeten Fachausdruck.

Soziolinguistik[Bearbeiten]

Sprachen entwickeln eine hybride Form aus zwei oder mehreren verschiedenen Ursprungssprachen, z. B. Kreol- und Pidginsprachen.

Auch im Bereich von individueller Mehrsprachigkeit können hybride Sprachformen entstehen, wenn etwa Sprecher mit Migrationshintergrund Elemente sowohl ihrer Herkunftssprache als auch der Sprache der Aufnahmegesellschaft in einem gemischten Sprach-Code verwenden. Die Art und Weise der Sprachmischung kann unterschiedlichste Formen annehmen, z. B. können nur einzelne Wortteile (Endungen), oder Einzelworte aus einer Sprache in die andere "eingebaut" werden oder satzweise die Sprache gewechselt werden. Es können Kommentare aus einer anderen Sprache verwendet werden oder generell "gemischt" gesprochen werden, z. B. in Form von "Denglisch", einer Mischung aus Deutsch und Englisch.

Sozialwissenschaftlicher Aspekt[Bearbeiten]

Auch in den Sozialwissenschaften wird der Begriff vermehrt verwendet.

„Hybridität tritt auf in Situationen kultureller Überschneidung, d. h. teilweise antagonistische Denkinhalte und Logiken aus unterschiedlichen kulturellen, sozialen oder religiösen Lebenswelten werden zu neuen Handlungs- und Denkmustern zusammengesetzt.[1]

Naika Foroutan und Isabel Schäfer

Das Phänomen der hybriden Identität bei Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund wird an der Humboldt-Universität zu Berlin unter dem Projektnamen Heymat untersucht. Auch in der Geschichtswissenschaft findet das Konzept zunehmend Beachtung und beschreibt dort das Phänomen kultureller Dynamiken durch Kulturkontakt.[2] An der Humboldt-Universität zu Berlin und der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ist derzeit ein DFG-Forschungsprogramm angesiedelt, in dem kulturelle Hybridisierungen im Mittelalterlichen Europa erforscht werden.[3]

Politische Diskurse[Bearbeiten]

Der Begriff der Hybridität ist in der Tradition der politischen Theorie ein sehr neuer Begriff (benutzt seit den 1990er Jahren), hat aber gleichwohl das Potential, theoriegeschichtliche Verbindungslinien des Politischen (vgl. Politische Philosophie) im neuen Licht erscheinen zu lassen.

Einer der Ersten, der diesen Begriff benutzt hat, ist der Literaturtheoretiker Homi K. Bhabha. In seinem Buch Die Verortung der Kultur bezieht er den postkolonialen Diskurs auf die (vor allem anglo-amerikanische) Tradition des Politischen und entwickelt die Denkfigur des 3. Raumes, deren Angelpunkt der Begriff der Hybridität ist. Hybridität bedeutet für Bhabha die Zurückweisung eines nomothetischen oder essentialistischen Diskurses des Politischen. Bhabha zeigt, dass die rationale Verwaltung des indischen Subkontinentents, die von John Stuart Mill als erste Verwaltung mit einem "vollständigen Aufzeichnungssystem" (Bhabha 2000:138) gerühmt wurde, in postkolonialer Lesart anders interpretiert werden müsse. Durch die räumliche und kulturelle Trennung von Herrschaftskontrolle (in Großbritannien) und Herrschaftsausübung (in Indien) komme es zu einer "Verschiebung", zu einer unreflektierten Differenz mit negativen Auswirkungen auf beide politische Räume:

„Das politische Moment der kulturellen Differenz kommt innerhalb der Problematik der kolonialen Regierungskonzeption (governmentality) zum Vorschein und überschattet die Transparenz zwischen Lesbarkeit und legitimer Herrschaft.“

Homi K. Bhabha 2000:140

Diese Semantik eines 3. Raumes als eines Zwischenraumes ist kennzeichnend für eine Traditionslinie des Politischen, die das Politische nicht vom Wesen einer Sache, sondern durch eine adverbiale Vermittlung bestimmen will. Viele Beispiele bieten sich hier an: Die Differenz zwischen einer (transzendentalen) Idee und der Praxis, die sich immer nur akzidentiell auf diese Idee beziehen lässt (etwa bei Platon, aber auch bei Kant oder Hegel), die Differenz zwischen dem göttlichen (absoluten) Recht und dem Recht der Menschen oder für die deutsche Lehre des Staatsrechts die Differenz zwischen der Legalität und Legitimität des Staates, wie sie von Carl Schmitt diskutiert wurde.

Der 3. Raum des Staatsrechts wären (in dieser Tradition) die allgemeinen Menschenrechte, die einerseits auf den Staat als (polizeilichen) Garanten der Menschenrechte und anderseits auf die Menschen, die ihre Rechte geltend machen und durchsetzen müssen, angewiesen sind. Wenn die Menschen ihre Rechte nicht geltend machen, sind diese Menschenrechte nur eine allgemeine Form, eine Proklamation ohne wirklichen Inhalt, wie dies in vielen Ländern der Erde der Fall war und ist. Anderseits können die Menschenrechte nicht allein von einer Kooperation von Menschen zur Durchsetzung ihrer Rechte ausgehen, es bedarf zumindest einer allgemeinen Idee (bei Jean-Jacques Rousseau: volonté generale), in der Tradition der Staatstheorie etwa jene, dass der Staat (falls notwendig) die Rechte von Minderheiten gegenüber der Mehrheit durchsetzt. Das Hybride oder die Hybridität dieses politischen Diskurses liegt darin, dass zwei Semantiken (die Semantik des Staates und die der Menschenrechte) zwar konzeptionell aufeinander bezogen werden, allerdings ohne dass diese Semantiken zu einer neuen Entität, zu einem einheitlichen neuen Diskurs verschmelzen.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Naika Foroutan, Isabel Schäfer, Projektbeschreibung "Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle" auf http://www.heymat.hu-berlin.de
  2. Michael Borgolte, Migrationen als transkulturelle Verflechtungen im mittelalterlichen Europa. Ein neuer Pflug für alte Forschungsfelder, in: Historische Zeitschrift 289, 2009, S. 261-285.
  3. http://www.spp1173.uni-hd.de/index.html