Hydraulischer Rettungssatz

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Rettungsschere beim Zertrennen der C-Säule eines Volvo S60
Spreizer in verschiedenen Größen
Rettungsspreizer (links) und -schere (rechts)

Der Hydraulische Rettungssatz ist eine Zusammenstellung von hydraulischen Geräten mit Zubehör, welche durch Aggregate (Motorpumpe bzw. Motorpumpenaggregat) betrieben werden; es gibt aber, z. B. als Notbehelf, auch manuell betriebene Rettungssätze. Hydraulisches Rettungsgerät wird zur Rettung und Bergung von Menschen bei Unfällen auf der Straße oder der Schiene und bei sonstigen Unglücksfällen eingesetzt. Die Feuerwehren, der Katastrophenschutz und das Technische Hilfswerk sind mit diesen Geräten ausgestattet. Auch militärische Einheiten, die für diese Tätigkeiten herangezogen werden (in Deutschland zum Beispiel die Bundeswehr-Feuerwehr), verwenden hydraulische Rettungssätze.

Aufbau des Rettungssatzes[Bearbeiten]

Heckansicht eines Feuerwehrfahrzeuges mit Rettungssatz unten rechts

Ein Rettungssatz besteht entweder aus einem separaten (Rettungs-)Spreizer und einer Rettungsschere, eventuell ergänzt durch einen oder mehreren Rettungszylinder sowie ggf. zusätzlichem Gerät, oder einem Kombigerät, das die Funktion von Spreizer und Schere in sich vereint. Diesen Vorteil erkauft man sich aber mit einer geringeren Öffnungsweite des Spreizers und einer etwas geringeren Schnittkraft. Der Rettungssatz wird von einem Ölkompressor mit derzeit 620–700 bar, bei manchen Modellen aber auch mehr, angetrieben. Da Kompressor und Spreizer/Schere/Zylinder getrennte Geräte sind, werden diese mit dem Kompressor durch Hydraulikschläuche verbunden. Die Schläuche befinden sich oft auf Haspeln und sind komplett angekuppelt, so dass sie sofort eingesetzt werden können. Andernfalls müssen die Schläuche erst vor Ort gekuppelt werden, was außer der Verzögerung noch die Gefahr birgt, dass die Schlauchkupplungen verunreinigt werden und daher nicht richtig schließen.

Neben den aggregatbetriebenen Geräten gibt es auch Akkugeräte, die in einem Gehäuse Akku, Ölkompressor und Kombispreizer vereinen.

Akkubetriebener Hydraulischer Rettungssatz mit Rettungszylinder, -schere, -spreizer und Kombigerät (von links).

Diese Akkugeräte stehen in ihrer Leistungsfähigkeit den herkömmlichen Geräten in nichts nach, sie sind sogar oft noch leichter als diese bei gleicher Leistung. Durch Verwendung moderner Lithium-Ionen-Akkus steigt die Zuverlässigkeit: Selbstentladung wird deutlich reduziert und Memoryeffekt vermieden. Die Leistungsausbeute im Einsatz ist infolge höherer Akkukapazität und Verwendung moderner Hochleistungs-Elektromotoren deutlich höher. So kann damit bei einem THL-Einsatz, bspw. der Personenrettung aus Fahrzeugen, mit jedem Rettungsgerät etwa 20–30 min mit einer Akkuladung gearbeitet werden. Leere Akkus können innerhalb von Sekunden ersetzt werden. Alternativ kann auch zu jeder Zeit vom Akkubetrieb auf permanente Stromversorgung per Netzteil gewechselt werden. Im Fall von Massenunfällen bieten die Geräte bessere Mobilität und Reichweite als schlauchgebundene. Die Geräte ab 2011 sind von den meisten Herstellern entsprechend den Anforderungen von DIN/EN 13204 und NFPA 1936 für Umgebungstemperaturen von −20 bis +55 °C ausgelegt. Allerdings gibt es für akkubetriebene Rettungsgeräte noch keine Vorschriften in diesen beiden Normen, wodurch sie auch nicht nach diesen zertifiziert werden können.

Wirkprinzip[Bearbeiten]

Der hydraulische Rettungssatz entfaltet seine Wirkung durch einen doppelt wirksamen Hydraulikzylinder. Durch ein Ventil kann der Ölstrom durch die Hydraulikpumpe in zwei Richtungen erfolgen, so dass die Geräte sowohl Druck als auch Zug ausüben können. Ob sich die Schere bzw. der Spreizer öffnet oder schließt, sprich, in welche Richtung das Öl gepumpt wird, wird durch eine Steuerung am hinteren Griffende geregelt, welche Stellteil genannt wird. Wird das Stellteil losgelassen, so verharrt das hydraulische Rettungsgerät in der momentanen Position. Somit ist ein unbeabsichtigtes Öffnen oder Schließen technisch ausgeschlossen.

Mit hydraulischen Rettungsgeräten kann sehr präzise, funkenfrei und nahezu lautlos gearbeitet werden, was vorteilhaft für eine patientengerechte Rettung ist, weil unnötiger, psychisch belastender Lärm vermieden wird. Ebenso werden Verletzte durch das erschütterungsfreie Arbeiten, das die Geräte ermöglichen, geschont.

Rettungsspreizer[Bearbeiten]

Der Rettungsspreizer, auch schlichtweg Spreizer genannt, dient zum Auseinanderspreizen, beispielsweise von verklemmten oder deformierten Autotüren oder zum Wegdrücken von Wrackteilen. Er kann allerdings auch zum Zusammendrücken oder Anheben verschiedener Materialien benutzt werden. Durch die multifunktional gestalteten Spreizerbacken – sie bestehen aus gesenkgeschmiedetem und gehärtetem, scharfkantigem Stahl – ist es auch möglich, in kleinste Spalten zu kommen, bzw. Blech zu schälen. Mit einem speziellen Kettensatz kann mit dem Spreizer auch gezogen werden, um beispielsweise zum Befreien von Verletzten die Lenksäule eines PKW wegzuziehen. Diese Methode ist jedoch auf Grund der heutigen Bauweise der Lenksäulen mit Kardangelenken nicht mehr gebräuchlich. Stattdessen kommen heutzutage Rettungszylinder (siehe weiter unten) zum Einsatz mit denen der gesamte Motorblock nach vorne weggeklappt wird.

Beispielhafte Leistungsdaten eines Rettungsspreizers in der mittleren Leistungsklasse[Bearbeiten]

Öffnungsweite der Spreizerarme
bis ca. 800 mm
Spreizkraft
ca. 450 kN
Zugkraft
ca. 99 kN
Quetschkraft
ca. 120 kN
Hydraulikdruck
350–700 bar

Rettungsschere[Bearbeiten]

Rettungsschere

Die hydraulische Rettungsschere (die korrekte aber wenig verwendete Bezeichnung ist Schneidgerät) dient zum Durchtrennen von Materialien bei einem Verkehrsunfall, beispielsweise zum Abtrennen des Autodaches.

Die immer weiter fortschreitende Verbesserung der passiven Sicherheit im PKW-Bereich bringt durch die in den Fahrzeugen verbauten Materialien und Spezialprofile zusätzliche Probleme für die Feuerwehren mit sich. So sind zum Beispiel die B-Säulen moderner PKW so stabil gearbeitet, dass Rettungsscheren mit einer maximalen Schneidkraft von über 1,25 MN erforderlich sind. Rettungsscheren dieser Stärke sind wegen ihres hohen Eigengewichts jedoch nicht einfach zu handhaben.

Ebenso wird die Arbeit durch den Einbau zusätzlicher Airbags erschwert, da die pyrotechnischen Gasgeneratoren dieser Einrichtungen beim Durchtrennen zerbersten können. Sie stellen somit eine große Gefahr für Umstehende und arbeitende Feuerwehrleute dar (siehe hierzu auch AIRBAG-Regel).

Auch stellen die immer härter werdenden Karosserieteile (vor allem die Fahrzeugsäulen) die Schneidgeräte vor immer neue Probleme. Reicht die Kraft der Scheren hier nicht mehr aus um die Säulen zu durchtrennen muss entweder im Vorfeld Material beseitigt werden,[1] oder die Säule wird mit Hilfe von Rettungszylindern ausgerissen.[2] Die Gasdruckdämpfer (z. B. an der Heckklappe oder der Motorhaube) sowie die Türscharniere stellen dagegen für moderne Schneidgeräte kein Problem mehr dar.

Die hydraulische Rettungsschere wurde ursprünglich von dem Wuppertaler Wilhelm Fischbach zum Durchtrennen der oft armdicken Telefon-Erdkabel der Post entwickelt, die bis Anfang der siebziger Jahre noch mühevoll mit Eisensägen getrennt wurden. Erst später kam man auf den Gedanken, diese Scheren für das Freischneiden von eingeklemmten Personen aus verunfallten Fahrzeugen zu nutzen. Vorher geschah dies unter Anwendung von Schneidbrennern oder Trennscheiben bei akuter Brand- bzw. Explosionsgefahr.

Rettungszylinder[Bearbeiten]

Rettungszylindersatz

Meistens gehören auch ein oder mehrere hydraulische Rettungszylinder, auch Hydrozylinder genannt, zum Rettungssatz. Der Rettungszylinder wird dazu benutzt, um beispielsweise den vorderen Teil des verunfallten Kfz wegzudrücken. Hierzu wird der Schweller auf Höhe der A-Säule (wobei hier auf pyrotechnische Gurtstraffer, oder Lastkabel bei Hybrid-Fahrzeugen zu achten ist) eingeschnitten (bei verformten Fahrzeugen oftmals gar nicht mehr nötig) und der Rettungszylinder zwischen A-Säule und B-Säule diagonal angesetzt. Dabei sollte bei neueren Fahrzeugen darauf geachtet werden, dass an der A-Säule der Armaturbrett-Querträger getroffen wird, damit die Säule nicht einfach abreißt. Diese Geräte können je nach Ausführung Öffnungen von ca. 320 mm auf bis zu 1640 mm vergrößern, in diesem Bereich wirken Kräfte von bis zu 270 kN. Rettungszylinder in Teleskopausführung (siehe Bild) erreichen bei kompakter Abmessung und kleiner Anfangslänge maximale Öffnungsweite. Je nach Ausführung eignen sich Rettungszylinder zum Drücken und Ziehen. Sie werden vor allem dann eingesetzt, wenn die Öffnungsweite des Rettungsspreizers nicht mehr ausreicht. In Verbindung mit einem Schwelleraufsatz kann der Rettungszylinder optimal und sicher (kein Abrutschen) angesetzt werden. Die B-Säule ist dadurch ausreichend geschützt und ein Durchbrechen des Zylinders wird so verhindert.

Schneidgerät für spannungsarmes Schneiden[Bearbeiten]

Zum Rettungssatz kann auch noch ein Kleinschneidgerät gehören. Auf Grund seiner geringen Abmessungen kann es Pedale im Fußraum oder Sitzscharniere schneiden. Dieses Schneidgerät, auch Pedalschneider genannt, arbeitet spannungsarm, da im Gegensatz zum normalen Schneidgerät nur eine Klinge beweglich ist.

Zubehör[Bearbeiten]

= Allgemeines Zubehör[Bearbeiten]

Der hydraulische Rettungssatz wird je nach den Bedürfnissen der einzelnen Rettungs- und Hilfsorganisationen durch diverses Zubehör ergänzt. Dieses umfasst z. B. diverse Anschlaghilfen (Zughaken- und Ketten um eine Lenksäule zu ziehen), Rüstholz bzw. Unterbaumaterial, Gerätschaften zum Glasmanagement (Federkörner, Glasschneider, Folien bzw. Klebeband zum Abkleben von Scheiben), Gurtmesser, Hilfsmittel zum Patientenschutz, Airbagschutz und vieles mehr.

Spreizerkette[Bearbeiten]

Die Spreizerkette ermöglicht es, den Rettungsspreizer zum Zusammenziehen von Gegenständen zu verwenden. Sie besteht aus zwei Hakenketten sowie einem Einhänghaken, der an die Spitze des Spreizers montiert wird. Durch das Schließen des Spreizers kann so Zugkraft auf Gegenstände ausgewirkt werden.

Die Spreizerkette wird beim patientengerechten Retten verwendet, indem die Lenksäule eines Fahrzeugs von einer eingeklemmten Person weggezogen wird und diese somit leichter befreit werden kann. Da hierbei zusätzliche Verletzungsgefahr für das Opfer besteht, ist die Feuerwehr vielerorts dazu übergegangen, den gesamten Motorraum mittels Rettungszylinder nach vorne wegzuklappen. Die heute unübliche Methode mit den Spreizerketten wird jedoch stellenweise noch immer angewandt und funktioniert, solange es beim Ziehen nicht übertrieben wird.

Einsatzbereiche des Rettungssatzes[Bearbeiten]

Hinweis des ÖAMTC, dass sich eine Rettungskarte an Bord befindet.

Durch die verstärkte Einsatztätigkeit der Feuerwehr im Fahrzeugbereich wird auch der hydraulische Rettungssatz bei verunfallten Fahrzeugen zum Freischneiden verwendet. Da aber speziell bei den Fahrzeugteilen, die man zum Öffnen eines Fahrzeuges mit der Bergeschere bearbeiten muss, oft auch Kabelstränge oder Airbags eingebaut sind, ist hier besondere Vorsicht geboten. Um diese Gefahren leichter zu erkennen, haben manche Fahrzeuge eine Rettungskarte an Bord.

Europäische Hersteller[Bearbeiten]

  • Lukas (Deutschland)
  • Weber Hydraulik (Deutschland)
  • Holmatro (Niederlande)
  • Lancier / AWG (Deutschland)
  • Resqtec / Zumro (Niederlande)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hydraulischer Rettungssatz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tricks um verstärkte Fahrzeugsäulen zu schneiden
  2. Säulen reißen statt schneiden