Ideenlehre
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Die Ideenlehre ist ein Kernstück der Philosophie Platons. Platon spricht den Ideen eine reale Existenz zu. Darüber hinaus versteht er die konkreten Dinge lediglich als Ausformungen dieser a priori existierenden Ideen.
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[Bearbeiten] Begriff der Idee
Das Wort Idee (griechisch: εἶδος (eidos) / ἰδέα (idea)) taucht bei Platon erstmals als philosophischer Begriff auf. Es bedeutet ursprünglich Bild, Gestalt, Anblick, Art, Gattung. Platon versteht darunter das Wesen der Dinge. Nach Platon sind die Ideen eine höhere Wahrheit, die den sinnlich wahrnehmbaren Dingen vorgelagert ist.
- In der Idee Platons liegt zweierlei verbunden: 1. der Allgemeinbegriff, 2. das substanzielle Dasein, und diese zwei Bestandteile erschöpfen, consequent ausgedacht, den Begriff der Idee Platons. Als einfaches, für sich seiendes, selbständiges, vollkommenes, unkörperliches und unräumliches Wesen beharrt jede Idee unveränderlich im Wechsel der Erscheinungen. Als lebendige Kräfte sind die Ideen die ewigen Musterbilder, deren Abbilder die sinnlichen Einzeldinge sind. Es gibt so viele Ideen, als es Gattungen und Arten von Dingen gibt, die unscheinbarsten, ja schlechtesten nicht ausgenommen. Alle aber werden durch die Idee des Guten beherrscht.[1]
[Bearbeiten] Metaphysik des Absoluten
[Bearbeiten] Das Gute
Die höchste Instanz ist das Gute (agathon). Das Gute ist ein Überseiendes, es transzendiert das Sein: epekeina tes usias. Es ist im Reich der Vernunft wie die Sonne im Reich des Sichtbaren. Wie die Sonne den Dingen nicht nur das Vermögen, gesehen zu werden, verleiht, sondern auch ihnen selbst Werden, Wachstum und Nahrung gibt, ohne selbst ein Werden zu sein, so verleiht das Gute dem Erkennbaren nicht nur das Erkanntwerden, sondern auch sein Sein und Wesen, ohne selbst ein Sein zu sein.[2]
- Du wirst wohl einräumen, glaube ich, daß die Sonne den sinnlich sichtbaren Gegenständen nicht nur das Vermögen des Gesehenwerdens verleiht, sondern auch Werden, Wachsen und Nahrung, ohne daß sie selbst ein Werden ist? ... Und so räume denn auch nun ein, daß den durch die Vernunft erkennbaren Dingen von dem eigentlichen Guten nicht nur das Erkanntwerden zuteil wird, sondern daß ihnen dazu noch von jenem das Sein und die Wirklichkeit kommt, ohne daß das höchste Gut Wirklichkeit ist, es ragt vielmehr über die Wirklichkeit an Hoheit und Macht hinaus.[3]
Das überseiende Gute stiftet als absoluter Urgrund[4] das Reich der Ideen und ist dabei selbst jenseits des Seins, jenseits aller Bestimmungen[5] und schlechthin unbedingt[6]. In Platons ungeschriebener Lehre wird dieses Urprinzip auch als das Eine bezeichnet.
[Bearbeiten] Das Reich der Ideen
Im Licht des überseienden Guten erkennt die Vernunft das Reich der Ideen, die werdelos über allem Werden stehen. Es ist der ewige Bestand eines Reiches der Wesenheiten: die Gerechtigkeit an sich, die Schönheit an sich, das Pferd an sich. Diese reinen Wesensbestimmtheiten sind als solche an sich selbst und bestehen für sich selbst jenseits der Welt der Erscheinungen.[7] Die Ideen bilden untereinander ein einiges und in sich selbst gegliedertes Ganzes, das frei ist von Zufall und Veränderung. Das Reich der Ideen setzt deshalb die Einheit der intelligiblen Welt voraus, es ist von seiner Struktur her eine Einheit in Vielheit.[8]
[Bearbeiten] Die Welt der Erscheinungen
Die vergänglichen Dinge haben ihr wahres Sein durch die Teilhabe (methexis) an der jeweiligen Idee. Die jeweilige vorgelagerte Idee ist in den durch sie ausgeformten real existierenden Dingen gegenwärtig (parousia). Die Materie für sich allein existiert nicht. Zur Wirklichkeit wird sie erst durch die Ideen erweckt, die in ihr anwesend sind.[9] Der Bestand und der Wesensgehalt der erscheinenden Wirklichkeit wird durch das Reich der Ideen bestimmt. Die Erscheinungen bleiben dabei aber hinter der vollen Bestimmung ihres Wesens zurück.[10]
- In schroffem, unausgeglichenem Gegensatz stehen sich gegenüber das „reine“, schlechthin unwandelbare Sein der Idee, und das fortwährend wechselnde, „auf alle Weise sich verhaltende“ Pseudo-Sein der Erscheinung: jenes das „Sein, welches immer ist“, dieses „umhergetrieben vom Werden und Vergehen“.[11]
Das defizitäre Sein der Erscheinungen steht also dem wahren Sein der Ideen trotz ihrer Teilhabe gegenüber. Es handelt sich also bei den Ideen nicht um bloße gedankliche Abstrahierungen bzw. Generalisierungen aus dem vergänglichen Vielerlei der diesseitigen Realität. Plastisch vor Augen führt Platon diese idealistische Sicht der Dinge in seinen drei Gleichnissen: Sonnengleichnis, Liniengleichnis und Höhlengleichnis.
[Bearbeiten] Herleitung der Ideenlehre aus den allgemeinen Begriffen
Platon entwickelte Überlegungen zu einer Existenz von Ideen vermutlich ausgehend von der sokratischen Was ist X?- Frage (Was ist das Schöne?, Gerechte? etc.), die im Zusammenhang der Entwicklung des Konzepts der Definition steht. Bereits Platons Lehrer Sokrates hatte sich intensiv darum bemüht, das absolut und für jedermann Geltende auf dem Gebiet der Ethik zu finden. Er wollte die Unhintergehbarkeit moralischer Normen aufzeigen. Wenn ein einzelner Mensch gerecht ist, so kann dies empirisch - a posteriori - erkannt werden. Was ist aber das allgemein Gerechte? Die Gestalt oder Idee hinter den vielen Einzelerscheinungen kann nur durch eine Erkenntnis a priori gefasst werden. Schon Sokrates suchte nach dem katholou, dem Allgemeinen, und nach dessen Definitionen. Damit hat er für Platon einen wesentlichen Anstoß zur Entwicklung der Ideenlehre gegeben:
- Sokrates hatte die Frage angeregt: »Wie ist das Wissen möglich?« (Parmenides, Republik.) Er antwortete: »Nur durch allgemeine Begriffe.« Platon steigt nun die Frage auf: »Ist durch das Wissen eine Beziehung zum Sein gegeben? Wie verhält sich der allgemeine Begriff zur Realität?« Darauf antwortet Platon: »Es kann der allgemeine Begriff kein Wissen enthalten, wenn sein Gegenstand nicht etwas Reales wäre. Er muß ein noêma tou ontos und nicht tou mê ontos (des Seienden und nicht des Nicht-Seienden) sein. Die Ideen (eidê) sind also real.« Eidos (allgemeiner Begriff) und Ousia (substanzielles Dasein) sind hiernach der Kern der Ideen. [12]
Es wäre aber zu einfach gedacht, die Wurzeln der Ideenlehre ausschließlich bei Sokrates zu suchen. Ihre Entstehung verdankt sich vielmehr einem weit umfassenderen philosophischen Kontext:
- Zu seiner Ideenlehre ist Platon außer durch den Einfluß der orphischen Mysterien und der pythagoreischen Philosophie dadurch gekommen, daß er die Lehre des Herakleitos vom Wechsel der Dinge und die Lehre der Eleaten vom unveränderlichen Sein miteinander verband (Theaetet). Die Gegenstände der Erfahrung zeigen stetige Veränderung, Verwirrung und beständiges Schwanken. Während wir noch von einer Erfahrungsvorstellung sprechen, verschwindet sie und weicht einer anderen entgegengesetzten; die Dinge der Wahrnehmung besitzen also keine Realität. Dagegen sind die allgemeinen Begriffe, durch die wir das Wahrgenommene denken, nicht der Veränderung und Verwirrung unterworfen. Diese allgemeinen Begriffe sind also das Reale.[13]
Einfluss hatten zudem die Gegenstände der Mathematik, insbesondere der Geometrie. In der sinnlich wahrnehmbaren, diesseitigen Realität gibt es nur mehr oder weniger unvollkommene einzelne kreisförmige Dinge, die definierende Beschreibung des Kreises ist ein Akt des mathematischen Verstandes, die Erkenntnis des Kreises an sich geht über die sinnliche Wahrnehmung hinaus und ist ein Akt der Vernunft.
- Aber soviel verstehe ich doch, du willst durch diese Gegenüberstellung feststellen, daß demjenigen, was durch die auf das Seiende und Gedachte gerichtete Wissenschaft der Dialektik betrachtet wird, größere Sicherheit und Deutlichkeit zukommt als dem von den mathematischen Fächern, also den sogenannten Künsten Erkannten, denen die Voraussetzungen zugleich das Erste und Oberste sind, und bei denen die Betrachtenden ihren Gegenstand zwar mit dem Verstand, nicht mit den Sinnen zu betrachten genötigt sind, aber, weil ihre Betrachtungsweise sie nicht aufwärts zu dem Ersten und Obersten führt, sondern sich auf bloße Voraussetzungen stützt, es dir nicht zu rein vernünftiger Einsicht über ihre Gegenstände zu bringen scheinen, obschon auch sie einer Vernunfterkenntnis mit Einschluß des Ersten und Obersten zugänglich sind. Mathematische Verstandeserkenntnis aber, und nicht Vernunfterkenntnis scheinst du mir das von den geometrischen und den ihnen verwandten Wissenschaften eingehaltene Verfahren zu nennen, da du sie für etwas Mittleres hältst zwischen bloßer Meinung und Vernunft.[14]
Platons spätere Kritik an der Mathematikerzunft entsteht aus dem Gedanken heraus, dass die Mathematiker von Dingen, wie einer Gleichung oder Ungleichung, ausgehen, ohne diese Begriffe genauer zu hinterfragen.
[Bearbeiten] Kritik der Ideenlehre
Platons Schüler Aristoteles hat die Ideenlehre kritisiert und die Ideen als nicht seiende reine Abstrahierungen von den vielerlei existierenden Dingen bezeichnet.[15]
- Aristoteles aber bestimmte das Seiende als das sich in den Erscheinungen selbst entwickelnde Wesen. Er verzichtete darauf, etwas von den Erscheinungen selbst Verschiedenes (eine zweite Welt) als ihre Ursache auszudenken, und er lehrte, daß das im Begriff erkannte Sein der Dinge keine andere Wirklichkeit besitze, als die Gesamtheit der Erscheinungen, in denen es sich verwirkliche. So betrachtet, nimmt das Sein (ousia) erst vollständig den Charakter des Wesens (to ti ên einai) an, welches den alleinigen Grund seiner einzelnen Gestaltungen bildet, aber nur in diesen selbst wirklich ist: und alle Erscheinung wird zur Verwirklichung des Wesens.[16]
Diese Kritik des Aristoteles wurden dann wieder in scharfer Form von Giordano Bruno zurückgewiesen:
- Aristoteles unter den anderen, der das Eine nicht fand, fand auch das Wesen nicht und nicht das Wahre. Denn er erkannte das Wesen nicht als Eines; und obgleich er freie Hand hatte, die Bedeutung des der Substanz und dem Accidenz gemeinsamen Wesens zu erfassen und dann weiterhin seine Kategorieen mit Rücksicht auf die Vielheit der Gattungen und Arten durch ebenso viele Unterschiede zu bestimmen, so ist er nichts desto weniger in die Wahrheit deshalb so wenig eingedrungen, weil er nicht bis zur Erkenntniss dieser Einheit und Ununterschiedenheit der bleibenden Natur und des bleibenden Wesens hindurch gedrungen ist, und als ein recht seichter Sophist mit boshaften Auslegungen und wohlfeilen Ueberredungskünsten die Meinungen der Alten verdreht und sich der Wahrheit widersetzt hat, vielleicht nicht so sehr aus Schwäche der Einsicht, als aus Missgunst und Ehrsucht.[17]
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Kirchner, Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, Artikel Idee
- ↑ Jaspers, Plato, Augustin, Kant, S. 51
- ↑ Platon, Politeia, Buch VI., 509 St.
- ↑ Platon, Politeia, Buch VI., 510 B 7
- ↑ Platon, Parmenides, 137 C - 142 A
- ↑ Platon, Politeia, Buch VI., 511 B 6
- ↑ Halfwassen, Der Aufstieg zum Einen, S. 222
- ↑ Halfwassen, Der Aufstieg zum Einen, S. 223
- ↑ Schischkoff, Philosophisches Wörterbuch, Artikel Platon
- ↑ Halfwassen, Der Aufstieg zum Einen, S. 222
- ↑ Natorp, Platos Ideenlehre, S. 18
- ↑ Kirchner, Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, Artikel Idee
- ↑ Kirchner, Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, Artikel Idee
- ↑ Platon, Politeia, Buch VI., 510 St.
- ↑ Gaiser, Platons ungeschriebene Lehre, S. 312 f.
- ↑ Wilhelm Windelband, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, Tübingen 1912, S. 115 f.
- ↑ Giordano Bruno, Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen. Leipzig 1902, S. 102
[Bearbeiten] Literatur
- Konrad Gaiser: Platons ungeschriebene Lehre. Klett-Cotta, Stuttgart 1998, ISBN 3-608-91911-2
- Jens Halfwassen: Der Aufstieg zum Einen. Untersuchungen zu Platon und Plotin. 2. Aufl. Saur, München 2006 ISBN 3-598-73055-1
- Karl Jaspers: Plato, Augustin, Kant. Piper, München 1957
- Friedrich Kirchner: Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe. Meiner, Leipzig 1907
- Paul Natorp: Platos Ideenlehre. Eine Einführung in den Idealismus. Meiner, Leipzig 1921
- Torsten Menkhaus: Eidos, Psyche und Unsterblichkeit: Ein Kommentar zu Platons "Phaidon". Frankfurt am Main/London 2003
- Georgi Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch. Kröner Verlag, 22. Auflage, Stuttgart 1991, ISBN 3-520-01321-5
[Bearbeiten] Weblinks
- Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (englisch, inkl. Literaturangaben)

