Ideologie

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Der Ausdruck Ideologie (griechisch ἰδεολογία – Lehre von der Idee bzw. Vorstellung), von griechisch ἰδέα (idea, ‚Erscheinung‘) und λόγος (logos, ‚Lehre‘), hat zwei grundsätzlich verschiedene Bedeutungen:[1][2][3][4]

  • Als wertfreier Begriff ist eine Ideologie die Gesamtheit der Ideen, Vorstellungen und Theorien, die von den bekennenden Mitgliedern einer sozialen Gruppe oder -Organisation als Leitbild zur Begründung und Rechtfertigung des gemeinsamen Handelns anerkannt wird. Es sind demnach die Grundeinstellungen für die Bedingungen und Ziele des Zusammenlebens sowie die dazu notwendigen Wertvorstellungen. Eine Ideologie möchte die Welt nicht nur erklären, sondern auch beeinflussen.
Das notwendige „Wir-Gefühl“, das den inneren Zusammenhalt jeder menschlichen Gemeinschaft gewährleistet[5], führt zwangsläufig zu einem mehr oder weniger starken Abgleich der individuellen Weltanschauungen ihrer Mitglieder. Wird dieser „Konsens der Ideen" bewusst formuliert, entsteht eine Ideologie. Im Laufe der Geschichte führte dieses Bestreben zu unterschiedlichen Denkschulen, die von Philosophen und Wissenschaftlern umfangreich begründet wurden.
Heute wird der neutrale Ideologie-Begriff vor allem auf die Ideen-Systeme von politischen Bewegungen, -Interessengruppen, -Parteien und -Konzepten angewandt (→ siehe politische Ideologie).
  • Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Ideologie zumeist abwertend (pejorativ) nur für weltfremde, unzulängliche oder nicht wissenschaftlich begründete Ideen-Systeme und Theorien verwendet, die im Interesse weltanschaulicher, wirtschaftlicher oder politischer Zielsetzungen der Verschleierung und Rechtfertigung von zweckdienlichen Interessen dienen. Meinungen und Werturteile werden als Tatsachen hingestellt, wissenschaftliche Erkenntnisse geleugnet, Kritiker verunglimpft und Anspruch auf Allgemeingültigkeit, Wahrheit und Alternativlosigkeit erhoben. Werden die Machthaber eines Staates von einer solchen politischen Theorie geleitet, spricht man von einer Doktrin. Sie ermöglichen nicht selten asoziale gesellschaftliche Zustände (z. B. Rassismus, Faschismus, Islamismus) bis hin zu extrem destruktiven Handlungen (z. B. Inquisition, Holocaust, Despotie u.a.).
In Bezug auf die politischen Ideologien wurde der Begriff in seiner pejorativen Bedeutung insbesondere von Karl Marx geprägt. Er sprach dabei vom „falschen Bewusstsein“, einer gesellschaftlich erzeugten Vorstellung, die „zur Verschleierung und damit zur Rechtfertigung der eigentlichen Machtverhältnisse“ beiträgt. Im marxschen Verständnis ist sie Bestandteil des gesellschaftlichen „Überbaus“.
Der abwertende Ideologiebegriff wird in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen gern leichtfertig als Vorwurf verwendet. Wird er jedoch zu weit gefasst, lassen sich Ideologie und Theorie nicht mehr eindeutig voneinander abgrenzen; der Begriff wird entleert.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Entstehung des Begriffs in der Spätaufklärung[Bearbeiten]

Der Begriff Ideologie wurde 1796 von dem französischen Philosophen Antoine Louis Claude Destutt de Tracy geprägt. Er diente als Bezeichnung für das Projekt einer einheitlichen Wissenschaft der Vorstellungen und Wahrnehmungen (science qui traite des idées ou perceptions). Die französischen „Ideen-Forscher“, neben Destutt de Tracy u. a. Dégerando und Cabanis,[6] wollten damit das „Projekt der Aufklärung“ voranbringen. Durch exakte Analyse der Entstehung von Ideen wollten diese Aufklärer den Obskurantismus überwinden.[7] Das Entstehen von Ideen wird dabei in empirisch-sensualistischer Tradition als Prozess erklärt, der nicht ohne sinnliche Erfahrungen auskommt, und bildete somit eine Gegenströmung zum Rationalismus von René Descartes.[8] Der Empirismus wurde von Francis Bacon (1561–1626) begründet, der in seiner Idolenlehre die Reinigung des Denkens von Idolen (Trugbildern) als Voraussetzung von Wissenschaft sieht. Quellen dieser Trugbilder können Tradition, Sprache, Herkunft und Sozialisation sein.

Den Machtansprüchen von Napoléon Bonaparte standen die spätaufklärerischen Ideologen im Weg. Das Programm von Destutt de Tracy und Condillac, die Freiheit als höchsten Wert ansahen, erschien dem Diktator als bedrohlich.[9] Der Begriff wurde nun gezielt abwertend benutzt, und die Ideologen verloren an Einfluss in der französischen Geisteswelt.

Weitere Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Später haben u. a. Arthur Schopenhauer, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Vilfredo Pareto (dieser als „Derivation“), Ferdinand Tönnies, Karl Mannheim, Hans Barth, Ernst Topitsch, Karl Popper, Hans Albert, Bertrand Russell, Louis Althusser, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Jürgen Habermas und Kurt Lenk den Themenkomplex behandelt.

Marxistische Philosophie[Bearbeiten]

Nach dem sozialistischen Utopisten Saint Simon griffen Mitte des 19. Jahrhunderts Marx und Engels den seit Napoleon stigmatisierten Begriff wieder auf. Ideologie wird hier nicht als bewusste Verführung, sondern als ein sich aus den gesellschaftlichen Verhältnissen ergebender objektiv notwendiger Schein konzipiert: Aus dem Klassencharakter der gesellschaftlichen Verhältnisse ergibt sich nach Marx die Tendenz, dass die Gedanken der herrschenden Klasse, die mit den bestehenden Produktionsverhältnissen im Einklang stehen, auch die herrschenden Gedanken in der Gesellschaft sind. In seinem Hauptwerk, dem Kapital, bestimmt Marx den Waren- und Geldfetisch als bestimmende Verkehrungsmomente in der kapitalistischen Produktion. Die Menschen nehmen ihre (arbeitsteiligen) Beziehungen zueinander als Beziehungen zwischen Waren wahr.

Im 20. Jahrhundert wurden von westlichen Marxisten ideologische Momente der Verdinglichung diskutiert, so zum Beispiel von Ernst Bloch (Geist der Utopie, 1918) oder Georg Lukács (Geschichte und Klassenbewußtsein, 1923), für dessen Verdinglichungsanalyse die Idee einer ideologischen Verblendung zentral war. Demnach sei Ideologie „notwendig falsches Bewusstsein“. Die Bilder von der Wirklichkeit, die das Subjekt sich schafft, sind von subjektiven Faktoren beeinflusst oder bestimmt. Daher sind sie nicht objektiv, sondern verfälschen die Wirklichkeit.

Antonio Gramsci entwickelt in den Gefängnisheften einen Ideologiebegriff, der Ideologie als „gelebte, habituelle gesellschaftliche Praxis“ versteht.[10] Ideologie ist bei ihm nicht mehr zu reduzieren auf die Ebene des Bewusstseins, sondern umfasst auch Handlungen der Menschen.

Nach Louis Althusser vermitteln Ideologien dem Individuum Bewusstsein und üben über das Individuum Macht aus, z. B. in Verbindung mit sogenannten ideologischen Staatsapparaten. Zudem ermöglichen Ideologien es den Individuen, sich in der Gesellschaft als Subjekte wiederzuerkennen. Ideologie ist nach Althusser nicht nur Manipulation, sondern konstituiert Subjekte – sie verstünden sich trotz bzw. wegen ihrer Unterwerfungen als frei. Ein wichtiger Gedanke von Althusser ist, dass Ideologien unbewusst sind.[11] Ein zentrales Werk für Althussers Ideologietheorie ist sein Essay Ideologie und ideologische Staatsapparate aus dem Jahre 1970.

Frankfurter Schule[Bearbeiten]

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die Begründer der Frankfurter Schule, übernahmen und erweiterten das Konzept der marxschen Ideologiekritik (Dialektik der Aufklärung, 1945). Anknüpfend an Georg Lukács' Verdinglichungsthese sahen sie in Warenfetisch und kapitalistischem Tauschprinzip die Quellen des gesellschaftlich erzeugten Verblendungszusammenhangs. Ideologie ist für sie objektiv notwendiges und zugleich falsches Bewusstsein, in dem sich Wahres und Unwahres verschränke, da Ideologie auf die Idee der Gerechtigkeit als apologetische Notwendigkeit nicht verzichten könne. So verdecke das Grundmodell bürgerlicher Ideologie, der „gerechte Tausch“, dass im kapitalistischen Lohnarbeitsverhältniss nur scheinbar Vergleichbares getauscht werde.[12] In der Kulturindustrie nehme die Ideologie die Form des „Massenbetrugs“ an. Ein Veralten der Ideologie konstatierten die Frankfurter Ideologiekritiker für die Phase des nachliberalen Spätkapitalismus und des Faschismus. Im Spätkapitalismus würden die faktischen Verhältnisse zu ihrer eigenen Ideologie,[13] das heißt die Realität rechtfertigt sich durch ihr So-und-nicht-anders-Sein.[14] Da der Faschismus in seinen Proklamationen auf jeden Wahrheitsanspruch verzichte, an dem Ideologie entlarvt werden könnte, triumphiere in seinem Herrschaftsbereich der blanke Zynismus des Machtstaates.

Ideologiekritik[Bearbeiten]

Hauptartikel: Ideologiekritik

Ideologiekritik geht von einer verblendeten Wahrnehmung der (gesellschaftlichen) Realität aus. Indem Ideologiekritik diese unterstellte Verblendung aufzudecken versucht, möchte sie den Zugang zu den wirklichen Verhältnissen freilegen.

Eine besondere Rolle spielte die Ideologiekritik in der Aufklärung. Zentrales Ziel der Aufklärung war die Befreiung des Bewusstseins der Menschen von Aberglauben, Irrtümern und Vorurteilen, die nach dieser Sichtweise den mittelalterlichen Machthabern zur Legitimation ihrer Herrschaft dienten. Die französischen Materialisten, u. a. Paul Heinrich Dietrich von Holbach und Claude Adrien Helvétius, kritisierten insbesondere die katholische Kirche und bezeichneten deren – ihrer Meinung nach im Interesse der Machterhaltung verbreiteten – Behauptungen als Priesterbetrug. Die Aufklärung verlangte die politische Durchsetzung von Vernunft, Wissenschaft, Demokratie und Menschenrechten.

Ideologiekritik ist nach Adorno bestimmte Negation im Hegelschen Sinn, „Konfrontation von Geistigem mit seiner Verwirklichung und hat zur Voraussetzung die Unterscheidung des Wahren und Unwahren im Urteil wie den Anspruch auf Wahrheit im Kritisierten“[15]

Ideologiekritik im Sinne von Karl Popper umfasst dabei insbesondere die Analyse folgender Punkte: Dogmatisches Behaupten absoluter Wahrheiten, Tendenz zur Immunisierung gegen Kritik, Vorhandensein von Verschwörungstheorien, utopische Harmonieideale sowie die Behauptung von Werturteilen als Tatsachen.[16]

Ideologientypologie nach Kurt Lenk[Bearbeiten]

Der Politikwissenschaftler Kurt Lenk schlug in seinem Aufsatz Zum Strukturwandel politischer Ideologien im 19. und 20 Jahrhundert, den er in seinem Buch Rechts, wo die Mitte ist veröffentlichte, eine Klassifizierung der Ideologien vor. Er unterschied zwischen Rechtfertigungsideologien, Komplementärideologien, Verschleierungsideologien und Ausdrucksideologien.

Unter Rechtfertigungsideologien verstand Lenk modellbildende Ideologien, die sich auf die gesamten gesellschaftlichen Beziehungen erstrecken. Das zu Grunde liegende Modell ist meist eine auf Rationalität und Wissenschaftlichkeit pochende Deutung der Realität. Ideologisch sei ein solches Modell, weil es bestrebt ist, seinerseits ein verbindliches Verständnis von Realität – nicht selten unter dem Anspruch der unangreifbaren Anwendung rationaler Argumente und Argumentationsstrukturen – als einzig „vernünftigerweise“ vertretbares zu etablieren.

Lenk beschrieb demgegenüber Komplementärideologien als „für jene Gesellschaften lebensnotwendig, in denen der Mehrheit der Menschen ein relativ hohes Maß an Triebverzicht abverlangt werden muss, damit die Reproduktion der Gesellschaften gewährleistet ist.“ Komplementärideologien würden die benachteiligten Gesellschaftsmitglieder vertrösten. Zum einen beinhalte diese Ideologie eine die Realität verleugnende Verheißung auf einen objektiv unmöglichen besseren Zustand. Diese trostspendende Zukunftserwartung soll die eigenständige Interessendurchsetzung der benachteiligten Gesellschaftsmitglieder lähmen und sie zur Gefolgschaft mit ihren Bedrückern verpflichten. Komplementärideologien arbeiten auch mit dem Bezug zur „Ehrlichkeit“, wonach der Zustand der Welt Schicksal sei und menschliches Tun daran nichts ändern könne.

Verschleierungs- oder Ablenkungsideologien seien nach Lenk die Erzeugung von Feindbildern, um einer Diskussion über die objektiven Gründe gesellschaftlicher Probleme aus dem Weg zu gehen. Eng angelehnt an diesen Aspekt verwendete er den Begriff Ausdrucksideologie. Darunter verstand er eine Ideologie, die bei den seelisch tieferen Schichten der Menschen ansetze. Es werde ein Freund-Feind-Bild inszeniert und Behauptungen aufgestellt, an die die Massen fanatisch glauben sollen.

Totalitäre Ideologien[Bearbeiten]

In seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde kritisiert Karl R. Popper den totalitären Charakter bestimmter Ideologien, insbesondere des Nationalsozialismus und des Stalinismus.

Totalitäre politische Ideologien mit umfassendem Wahrheitsanspruch weisen oftmals Elemente von Mythenbildung, Geschichtsklitterung, Wahrheitsverleugnung und Diskriminierung konkurrierender Vorstellungen auf. Nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus ist die Skepsis gegenüber umfassenden und mit Heilsversprechungen durchsetzten Theoriengebäuden gewachsen, insbesondere wenn sie mit Handlungsaufforderungen oder mit der Unterdrückung abweichender Ideen verbunden sind.

Ideologie und Gesellschaft[Bearbeiten]

Ideologie in der Wissenschaft[Bearbeiten]

Die Abgrenzung von der Ideologie wurde im Zuge der Aufklärung zu einem Bestandteil der Wissenschaften, die sich im Gegensatz zu Ideologie und Glauben darum bemühen, wertfrei, neutral und intersubjektiv vorzugehen und die Gültigkeit ihrer Theorien und Hypothesen anhand empirischer Erfahrungstatsachen zu überprüfen (Wissenschaftstheorie, Empirisch-analytischer Ansatz).

Wissenschaftliche Denkmuster, Paradigmen bzw. Ideenschulen können auch einen ideologischen und abwehrenden Charakter entwickeln und damit wissenschaftlichen Fortschritt hemmen. Thomas Kuhn analysierte in seinem Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen wissenschaftliche Paradigmen auch unter dem Aspekt als konkurrierende Ideenschulen. Diese legen fest:

  • was beobachtet und überprüft wird
  • die Art der Fragestellungen in Bezug auf ein Thema
  • die Interpretationsrichtung von Ergebnissen der wissenschaftlichen Untersuchung.

Von einzelnen Wissenschaftstheoretikern (u. a. Bruno Latour) wird die Entgegensetzung von Ideologie und objektiver Wissenschaft als Machtmechanismus und Verschleierungstechnik betrachtet. Diese Position wird von Kritikern allerdings wiederum als zur totalen Irrationalität führend heftig kritisiert (Sokal-Affäre).

Auch wenn Naturwissenschaften ideologiefrei sein können, gilt dies nicht auch für Gesellschaftswissenschaften. Einen Sonderfall stellt nach Hans Albert das Fach Ökonomie dar. Da die Volkswirtschaftslehre sich u.a. mit der Frage beschäftigt, wie die gesellschaftliche Arbeit möglichst optimal organisiert, gesteuert oder beeinflusst werden kann, muss der einzelne Wissenschaftler auch einen Standpunkt zur Frage haben, was gut für die Gesellschaft ist. Das ist, bedingt durch unterschiedliche Partialinteressen, zwangsläufig immer eine ideologische Position.[17]

Ideologie in der Politik[Bearbeiten]

Hauptartikel: Politische Ideologie

Politik ist immer mit Ideologie verbunden, eine unideologische, rein technokratische Politik ist realitätsfremd. Politische Programme basieren auf bestimmten Wertesystemen.[18] Die grundlegenden politischen Ideologien sind Liberalismus (Betonung der Freiheit auf Grundlage der Marktwirtschaft), Sozialismus (Betonung der Gleichheit) und Konservatismus (Betonung von gesellschaftlichen Traditionen).

Der Vorwurf einer durch Ideologie bestimmten Argumentation findet sich häufig im politischen Diskurs. Damit wird unterstellt, dass ein Standpunkt deswegen nicht stichhaltig sei, weil er auf einer politischen Ideologie basiere. Der eigene Standpunkt wird demgegenüber implizit oder explizit so dargestellt, dass er auf einer nüchternen Analyse der Wahrheit, dem gesunden Menschenverstand oder auf einer nicht in Frage zu stellende Ethik beruhen würde. Dies könnte indes die jeweilige Gegenseite in vielen Fällen mit dem gleichen Recht für sich in Anspruch nehmen. Unausgesprochene Ideologeme (einzelne Elemente einer Ideologie) beherrschen oft die politische Debatte, ohne dass dies in der Diskussion immer bewusst wird.

Ideologie in der Religion[Bearbeiten]

Als analytische Kategorie findet neben dem Begriff der politischen Ideologie ebenso der Begriff der religiösen Ideologie Anwendung in der Wissenschaft. Eine religiöse Ideologie ist eine Ideologie mit transzendentem Bezug, die das Konzept einer Gesamtexistenz von Person und Gesellschaft beinhaltet und Integrations- sowie Bindungskräfte in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen entwickeln kann.[19] Die Entstehung einer religiösen Ideologie kann insbesondere darin begründet sein, dass in Verbindung mit einer oppositionellen politischen Haltung „Konfession“ eine bedeutsame Rolle zu spielen beginnt.[19] Als populäre Beispiele für religiöse Ideologien werden in der Literatur Bezüge zu den Weltreligionen hergestellt und insbesondere der Protestantismus[20] und der Katholizismus[21] als religiöse Ideologien gekennzeichnet; unabhängig davon, ob die ursprünglichen Motive politisch gewesen sind. Gemeint ist mit einer derartigen Kennzeichnung jeweils nicht eine Religion als Gesamtphänomen, sondern eine bestimmte religiöse und politische Lehre, die eine religiöse Bewegung zur Folge haben kann. In allgemeiner Hinsicht wird der Begriff religiöse Ideologie auch in Zusammenhang mit der Orthodoxie[22] und dem Fundamentalismus gebracht.[23]

Der Politikwissenschaftler Mathias Hildebrandt, der den Begriff politische Ideologie als Fundamentalismus zu fassen versuchte, stellte den traditionalistischen Aspekt von spezifischen religiösen Strömungen innerhalb von Religionen als ein gemeinsames Merkmal heraus. Er schrieb: „Es wird der Anspruch erhoben, zu den ursprünglichen Quellen der eigenen Tradition zurückzukehren und sie von den Verfälschungen ihrer historischen Entwicklung zu befreien, die zumeist als ein Degenerationsprozess begriffen wird.“[24] Einher ginge diese Auffassung mit einer „Essenzialisierung der eigenen Tradition, die den Anspruch erhebt, das wahre Wesen der eigenen Religion freigelegt zu haben“. Das Paradoxe bei den religiösen Ideologien sei allerdings, dass im Gegensatz zum Anspruch, zur wahren Lehre zurückzukehren, „in den meisten Fällen eine moderne religiöse Ideologie“ entstehe.[24]

Neben dem Begriff der religiösen Ideologie hat sich in der Religionspolitologie gleichsam der Begriff politische Religion durchgesetzt. Der Akzent liegt bei diesem Begriff weder stark auf dem Politischen noch auf dem Religiösen von bestimmten Ideologien. Einerseits wird mit diesem Begriff die enge Verbindung zwischen religiösen und politischen Denkweisen hervorgehoben, andererseits die Verbindung zwischen Ideologien, die sowohl politische als auch religiöse Elemente und politisch-religiöse Bewegungen beinhalten.

Die Funktion der Ideologie[Bearbeiten]

Ideologie ist – nach Karl Mannheim - „Funktionalisierung der noologischen Ebene“[25] und somit Instrumentalisierung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit oder konkreter noch – nach Roland Barthes – „Verwandlung von Geschichte in Natur.“[26]

Ideologie sichert die eingeforderte Legitimation für die bestehende Ordnung und befriedigt das Bedürfnis nach Sicherheit und Sinnhaftigkeit, die durch die Religion nicht mehr gewährleistet werden können: „Das Behagliche möchte allzu gern das zufällige Sosein des Alltags, wozu heutzutage romantisierte Gehalte (‚Mythen’) gehören, zum Absoluten hypostatieren und stabilisieren, damit es ihm ja nicht entgleitet. So vollzieht sich die unheimliche Wendung der Neuzeit, dass jene Kategorie des Absoluten, die einst das Göttliche einzufangen berufen war, zum Verdeckungsinstrument des Alltags wird, der durchaus bei sich bleiben möchte.“[27]

Andererseits läuft die Ideologie Gefahr, als geschlossenes Sinnsystem einer komplexen Wirklichkeit letztlich nicht gerecht werden zu können und schlussendlich als Welterklärungsmodell zu scheitern. Da „Ideologie immer selbstreferentiell ist, das heißt sich immer durch die Distanznahme zu einem Anderen definiert, den sie als ‚ideologisch’ ablehnt und denunziert“[28] löst sie „den Widerspruch des entfremdeten Wirklichen durch eine Amputation, nicht durch eine Synthese“[29]

Karl Mannheims These von der Funktionalisierung der Erkenntnis durch die Ideologie ergänzt Roland Barthes durch die Funktionalisierung des Mythos, den die Ideologie instrumentalisiert: „Die Semiologie hat uns gelehrt, dass der Mythos beauftragt ist, historische Intention als Natur zu gründen. Dieses Vorgehen ist genau das der bürgerlichen Ideologie. Wenn unsere Gesellschaft objektiv der privilegierte Bereich für mythische Bedeutung ist, so deshalb, weil der Mythos formal das am besten geeignete Instrument der ideologischen Umkehrung ist, durch die sie definiert wird. Auf allen Ebenen der menschlichen Kommunikation bewirkt der Mythos die Verkehrung der Antinatur in Pseudonatur.“[30]

Die Geschichte des Ideologiebegriffs ist eng verknüpft mit der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Ideologie nach heutigem Verständnis wird erst möglich nach dem „Verschwinden des göttlichen Bezugspunktes“[31] das sich bereits ankündigt mit dem beginnenden Empirismus in Bacons „Idolae“, die als „Götzenbilder“ und „Täuschungsquellen“ den „Weg zur wahren Einsicht versperren“[32] Kant – der seiner „Kritik der reinen Vernunft“ ein Bacon-Zitat über die Idolae voranstellt – stellt dann das traditionelle Seinsverständnis mit der in den vier Antinomien und auch in der transzendentalen Dialektik ständig wiederkehrenden Mahnung, das Epistemische nicht als Ontologisches misszudeuten, endgültig infrage und schafft somit „nachdem die objektiv ontologische Einheit des Weltbildes zerfallen war“[33] die Basis für Hegels dialektisches Weltbild, das „nur auf das Subjekt bezogen konzipierbar“[34] und nur als „eine im historischen Werden sich transformierende Einheitlichkeit“(ibid.) Gültigkeit beanspruchen konnte. Erst jetzt, nach Beendigung der französischen Revolution, ergibt es einen Sinn, von bürgerlicher Ideologie oder generell von einem Ideologiebegriff zu sprechen, der dann auch sogleich von Napoleon pejorativ auf den eigentlich wertfrei als „Lehre von den Ideen“ von den Spätaufklärern in der Nachfolge Condillacs und der empirischen Tradition aufgebrachten Terminus angewandt wurde. Den wesentlichen Beitrag zum heutigen Ideologieverständnis dürfte schließlich Karl Marx geleistet haben, der im „Elend der Philosophie“ ausführt: “ … dieselben Menschen, welche die sozialen Verhältnisse gemäß ihrer materiellen Produktionsweise gestalten, gestalten auch die Prinzipien, die Ideen, die Kategorien gemäß ihren gesellschaftlichen Verhältnissen“.[35]

Auch wenn Mannheim zunächst versucht, zwischen wertfreien und wertenden Ideologien zu unterscheiden, kommt er doch zu dem Fazit, dass der wertfreie Ideologiebegriff „letzten Endes in eine ontologisch-metaphysische Wertung“ „hinübergleitet“[36] In diesem Zusammenhang spricht Mannheim dann auch vom „falschen Bewußtsein“, das die Ideologie zwangsläufig schafft: „Es sind also in erster Linie überholte und überlebte Normen und Denkformen, aber auch Weltauslegungsarten, die in diese ‚ideologische’ Funktion geraten können und vollzogenes Handeln, vorliegendes inneres und äußeres Sein nicht klären, sondern vielmehr verdecken.“[37]

Die derart resultierende verkürzte Sicht auf die Realität beklagt Roland Barthes denn auch als „Verarmung des Bewußtseins“[38] die durch die Ideologie als bürgerliche geleistet wird: „Es ist die bürgerliche Ideologie selbst, die Bewegung, durch die die Bourgeoisie die Realität der Welt in ein Bild der Welt, die Geschichte in Natur verwandelt.“[39]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Ideologie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Ideologie – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anton Pelinka: Grundzüge der Politikwissenschaft. UTB, 2004, ISBN 3-8252-2613-1, S. 176.
  2. Franz Austeda: Lexikon der Philosophie. 6., erweiterte Auflage, Verlag Brüder Hollinek, Wien 1989, S. 165-166, Stichwörter „Idologie" und „Ideologiekritik"
  3. Stichwort: Idologie. In: Duden-Online, abgerufen am 30. Juli 2014.
  4. Klaus Schubert u. Martina Klein: Das Politiklexikon. 5., aktual. Aufl., Bonn: Dietz 2011. Stichwort „Ideologie".
  5. Dieter Haller: Dtv-Atlas Ethnologie. 2., vollständig durchgesehene und korrigierte Auflage. dtv, München 2010, ISBN 978-3-423-03259-9, S. 175.
  6. François Picavet (1891), Les idéologues
  7. Yves Bizeul: Glaube und Politik. VS Verlag, 2009, ISBN 978-3-531-16864-7, S. 118.
  8. Peter Zigman: Die Interessiertheit der Wahrheit und die Interessen der Wissenschaftler. In Steffen Greschonig, Christine S. Sing (Hrsg.): Ideologien zwischen Lüge und Wahrheitsanspruch. DUV, 2004, ISBN 3-8244-4581-6, S. 86 f.
  9. Klaus von Beyme: Politische Theorien im Zeitalter der Ideologien: 1789–1945. VS Verlag, 2002, ISBN 3-531-13875-8, S. 747.
  10. Terry Eagleton: Ideologie. Eine Einführung, Stuttgart/Weimar 2000, S. 136.
  11. Louis Althusser: Für Marx, S. 183 ff.
  12. Institut für Sozialforschung: Soziologische Exkurse, Stichwort: XII Ideologie. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1956, S. 168.
  13. „Dasein wird zu seiner eigenen Ideologie“, heißt es in der Dialektik der Aufklärung. In: Max Horkheinmer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. In: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, Band 3. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, S. 301.
  14. „Wo diese [die Ideologie] zum Seienden nicht mehr als Rechtfertigendes oder Komplementäres hinzugefügt wird, sondern in den Schein übergeht, was ist, sei unausweichlich und damit legitimiert, zielt Kritik daneben, die mit der eindeutigen Kausalrelation von Überbau und Unterbau operiert.“ Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. In. ders.: Gesammelte Schriften, Band 6, 5. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 264f.
  15. Theodor W. Adorno: Beitrag zur Ideologienlehre. In: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8: Soziologische Schriften I. 3. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 466.
  16. Kurt Salamun: Perspektiven einer Ideologietheorie im Sinne des kritischen Rationalismus. In: Karl R. Popper und die Philosophie der kritischen Rationalismus: zum 85. Geburtstag von Karl R. Popper (= Studien zur österreichischen Philosophie; Bd. 14). Verlag Rodopi, 1989, ISBN 90-5183-091-2, S. 263 f.
  17. books.google.ch
  18. Klaus von Beyme: Politische Theorien im Zeitalter der Ideologien: 1789–1945. VS Verlag, 2002, ISBN 3-531-13875-8, S. 49.
  19. a b Winfried Eberhard: Monarchie und Widerstand. Zur ständischen Oppositionsbildung im Herrschaftssystem Ferdinands I. in Böhmen. München / Oldenburg 1985, ISBN 3-486-51881-X, S. 215 f..
  20. James Samuel Coleman: Grundlagen der Sozialtheorie. Bd. 2.: Körperschaften und die moderne Gesellschaft. München / Oldenbourg 1992, ISBN 3-486-55909-5, S. 214.
  21. Philippe Büttgen, Christian Jouhaud: Zeitsprünge. Forschungen zur frühen Neuzeit. Bd. 12: Lire Michel de Certeau – Michel de Certeau. Frankfurt a.M. 2008, ISBN 978-3-465-04047-7, S. 241; Joachim Bahlcke, Rudolf Grulich (Hrsg.): Katholische Kirche und Kultur in Böhmen. Ausgewählte Abhandlungen. Münster / Berlin u. a. 2005, ISBN 3-8258-6687-4, S. 110 f.
  22. Philippe Büttgen, Christian Jouhaud: Zeitsprünge. Forschungen zur frühen Neuzeit. Bd. 12: Lire Michel de Certeau – Michel de Certeau. Frankfurt a.M. 2008, S. 19 und 241.
  23. Stefan von Hoyningen-Huene: Religiosität bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen. Münster / Hamburg 2003, ISBN 3-8258-6327-1, S. 49. (Zugl.: Bielefeld, Univ., Diss., 2002.)
  24. a b Mathias Hildebrandt: Krieg der Religionen? In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Ausg. 6 (2007).
  25. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 55.
  26. Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt 1976, S. 129.
  27. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 78.
  28. Slavoj Žižek: Die Tücke des Subjekts. Frankfurt 2010, S. 492.
  29. Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt 1976, S. 150.
  30. Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt 1976, S. 130.
  31. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 65.
  32. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 58.
  33. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 61.
  34. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 62.
  35. Karl Marx: Das Elend der Philosophie, Stuttgart-Berlin 1921, S. 91. Zitiert nach: Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 55.
  36. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 78.
  37. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 84.
  38. Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt 1976, S. 128.
  39. Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt 1976, S. 129.