Apostrophitis

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Kombination von falscher Verwendung des Apostrophs mit falschem Apostrophzeichen (Akut statt Apostroph-Zeichen) und Leerzeichen im Kompositum
Falsche Apostrophsetzung und Leerzeichen im Kompositum auf einem Supermarktschild

Apostrophitis oder Apostrophenwahn ist eine polemische Bezeichnung von Sprachkritikern und Sprachpflegern für die normwidrige Verwendung des Apostrophs. Den auf solche Weise falsch gesetzten Apostroph bezeichnen manche Sprachkritiker auch als Deppenapostroph oder Idiotenapostroph. Die griechische Endung -itis (-ίτις) bezeichnet im ursprünglichen medizinischen Sprachgebrauch eine Entzündung und transportiert hier, wie oftmals in der Umgangssprache, die Wertung, es handele sich um „krankhaftes“ Verhalten. Im 19. Jahrhundert war ein Apostroph vor Genitiv-s nach Personennamen noch eine übliche Schreibweise.

Der englische Genitiv als Ausnahme im Deutschen[Bearbeiten]

Der englische Genitiv Singular wird durch das Anhängen eines durch Apostroph vom Wortstamm getrennten -s gebildet. Ein englischer Unternehmensname besteht gelegentlich aus einem bloßen Genitiv, wie beispielsweise McDonald’s. Dies ist eine im Englischen übliche Ellipse, eine Verkürzung des längeren McDonald’s restaurant oder McDonald’s corporation. So heißt es auch üblicherweise im Englischen: “I am going to the butcher’s” (wörtlich: „Ich gehe zu des Fleischers“), das eigentliche Substantiv, der „Laden“, wird lediglich mitgedacht.

Einige deutsche Restaurants orientieren sich bei ihrer eigenen Namensgebung an der englischen Schreibweise – wissend oder unwissend, dass die Genitivbildung mit Apostroph-s nicht den deutschen Rechtschreibregeln entspricht. Dabei handelt es sich oft um eine Form der Überanpassung, wie sie sich auch in Leerzeichen in Komposita zeigt.

Auch die englische Sprache kennt das Problem der falsch gesetzten Apostrophe. Dort ist es meist das Plural-s, das zur Setzung eines Apostrophs verleitet, da es ausgesprochen wie ein Genitiv-s klingt. Vor dem 19. Jahrhundert war es noch üblich, den Plural von Substantiven mit fremdem Wortklang (banana’s, pasta’s, ouzo’s) mit einem Apostroph zu bilden, um die Aussprache zu verdeutlichen; dies wird heute in der formalen Schriftsprache aber nicht mehr als korrekt angesehen.[1]

Verdeutlichung der Stammform nach der Rechtschreibreform[Bearbeiten]

Seit 1996 gilt im Zuge der Rechtschreibreform der gelegentliche Gebrauch des Apostrophs dann als richtig, wenn er die Grundform eines Personennamens vor der Genitivendung -s oder dem Adjektiv-Suffix -sch verdeutlicht. Die amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung führt dazu die Beispiele Carlo’s Taverne und Einstein’sche Relativitätstheorie auf (§ 97 E). Der Duden nennt weitere Beispiele, u. a. Andrea’s Blumenecke; diese Schreibweise soll verdeutlichen, dass die Grundform des Namens „Andrea“, nicht „Andreas“ ist.[2] Die Unterscheidung wurde vor der Rechtschreibreform nur über den Stammformapostroph vorgenommen: Andreas Blumenecke (die Blumenecke von Andrea) bzw. Andreas’ Blumenecke (die von Andreas). Aber auch dann, wenn eine Verwechslung der Grundformen eigentlich nicht möglich ist, kann die Form mit Apostroph deutlicher sein; das dokumentiert der Duden durch sein zusätzliches Beispiel Willi’s Würstchenbude.

Diese Neuregelung stieß in der Presse auf Kritik.[3][4] Mitunter wird falsche Apostrophsetzung als sich ausbreitendes „Virus“ beschrieben.[5][6][7] Kritiker des zusätzlichen Apostrophs sind der Meinung, dass er die Lesegeschwindigkeit verringere. Er erschwere das Überfliegen von Texten, da die Aufmerksamkeit von den sinntragenden Wörtern weg zu sinnarmen Syntaxzeichen hingelenkt werde. Zudem führe das Herausragen aus den Buchstabenzeilen und der zusätzliche Leerraum zwischen den Buchstaben zu einem unruhigeren, zerrissenen Schriftbild.

Imperativ, der nie einen Apostroph benötigt; verwendet wurde der typografisch falsche Gravis

Das falsche Auslassungszeichen[Bearbeiten]

Verbreitet wird der Apostroph auch als Auslassungszeichen verwendet, wo es gar keine Auslassung gibt, oder in Wörtern, die bereits immer zusammengewachsen waren. Sehr verbreitet ist „für’s“ statt „fürs“, das sich aus für und das zusammensetzt. Obwohl dies auch für „in das“ gilt, findet man dagegen kaum ein „in’s“. Dies gilt auch für „ans“ und „durchs“.

Bei Imperativen, die mit oder ohne e geschrieben werden können (Gehe! oder Geh!), findet man auch häufig einen vermeintlichen Auslassungsapostroph (Geh’!). Richtig ist er allerdings nur bei wirklichen Auslassungen (ich geh’ heut’).

Der „Plural-Apostroph“[Bearbeiten]

Mit einem Akut (hier war vermutlich ein Apostroph beabsichtigt) abgetrenntes „s“, das aber weder einen Plural noch einen Genitiv kennzeichnet, sondern Bestandteil des Nominativs SingularKochklops“ ist.

Seltener ist die fehlerhafte Verwendung des Apostrophs zur Bildung des Plurals englischer oder aus dem Englischen übernommener Wörter mit Hilfe des „Plural-s“. Beispiele wären Klick’s statt korrekterweise Klicks oder auch (in Mehrzahl gemeinte) Kid’s oder Hit’s. Öfter ist das Anhängsel „’s“ dagegen bei falsch pluralisierten Abkürzungen wie Lkw’s, CD’s, DVD’s etc. zu finden.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Falsch gesetzte Apostrophe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lynne Truss: Eats, Shoots & Leaves. S. 63–65.
  2.  Duden, Band 1: Die deutsche Rechtschreibung. 21. Auflage. Dudenverlag, Mannheim 1996, Richtlinien zur Rechtschreibung, Zeichensetzung und Formenlehre in alphabetischer Reihenfolge, S. 25.
  3. Der Deutschlandfunk zum „Sieg des Deppenapostrophs“: Schluss mit lustig
  4. Bastian Sick: Der antastbare Name. 21. Juni 2005
  5.  Jochen Bölsche: Überall Fliegendreck. In: Der Spiegel. Nr. 26/2000, 26. Juni 2000, S. 118 (Artikel online auf Spiegel Online, abgerufen am 22. August 2011).
  6.  Friedrich W. Würfl: Deutsch am Abgrund – Die Leiden eines Korrektors. Hierophant, Heppenheim 2008, ISBN 978-3-940868-29-9.
  7.  Friedrich W. Würfl: Apostrophitis – ein Virus breitet sich aus. In: Deutsch am Abgrund – Die Leiden eines Korrektors. Hierophant, Heppenheim 2008, ISBN 978-3-940868-29-9, S. 31ff. (Online bei Google Books).