Idistaviso

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Schlacht auf dem Idistavisischen Feld
Teil von: Römisch-Germanische Kriege
Das Idistavisofeld
Das Idistavisofeld
Datum 16 n. Chr.
Ort nach Tacitus in der Nähe der Weser
Ausgang römischer Sieg
Konfliktparteien
Römisches Reich Germanen
(Cherusker)
Befehlshaber
Nero Claudius Germanicus Arminius
Truppenstärke
nach Tacitus

4 Legionen, gallische und germanische auxilia

unbekannt

Idistaviso ist der Name einer Ebene (lateinisch campus), auf der nach Tacitus[1] Germanicus im Jahr 16 n. Chr. einem germanischen Kampfverbund unter Arminius in einer ersten offenen Feldschlacht begegnete. Als Ort der Schlacht wird in der Forschung bei Evesen, einen Stadtteil von Bückeburg in Niedersachsen vermutet oder abstrakter auf der rechten Weserseite vor und nach der Porta Westfalica.

Der Schlachtverlauf[Bearbeiten]

Die Darstellung der Schlacht ist anschaulich, aber über die Verständlichkeit gehen die Meinungen auseinander. Nach Hans Delbrück fand diese Schlacht überhaupt nie statt. Laut Tacitus[1] nahmen folgende römische Einheiten an der Schlacht teil:

Die Schilderung des Tacitus[2] von den Germanen, die von der Ebene in den Wald flohen, während andere zeitgleich in die entgegengesetzte Richtung getrieben wurden, erweckt den Eindruck einer Einkesselung der Germanen durch eine kombinierte Gemeinschaftsoperation römischer Infanterie und Kavallerie. Stundenlang wurden die Germanen über eine Entfernung von 15 Kilometer niedergemetzelt.

Die Umzingelung durch die Reiter des Stertinius war ebenso wie die scheinbare Einkesselung aber nicht effektiv, da die weitaus meisten Germanen entkommen und sich am Angrivarierwall wieder formieren konnten. Die Erklärung liegt darin, dass die Germanen, als sie den für sie ungünstigen Schlachtverlauf feststellten, sich in der Masse rechtzeitig zurückzogen und einen Stellungswechsel zum Angrivarierwall durchführten. Versprengte und Zurückgebliebene – womöglich mehrere Hundert – wurden dann Opfer römischer Waffen. Es ist nicht bekannt, wie hoch die Verluste der Römer und Germanen waren. Tacitus schildert in den Annalen, dass eine Fläche von 10.000 Fuß ("decem milia passuum") mit Leichen und Waffen der Germanen übersät war. Die Verluste der Germanen waren dennoch nicht kriegsentscheidend, hatten sie auch nicht nachhaltig entmutigt.

Diskussion der Lage und des Namens[Bearbeiten]

Neben den historischen Aspekten der Schlacht im Kontext der römisch-germanischen Konflikte im Jahrzehnt nach der Clades Variana, hat die Frage nach der Lokalisierung des historischen Ereignis und der Name des Ortes in der Forschung seit dem 19. Jahrhundert zahlreiche Beiträge und Interpretationen in hervorgerufen. Das Feld soll zwischen der Weser und einer Hügelkette gelegen haben. Wo genau dies gewesen sein mag, ist nicht mehr mit letzter Sicherheit festzustellen. Theodor Mommsen (1904) vermutete das Schlachtfeld in der Gegend von Bückeburg, Hans Dobbertin (1983) etwas konkreter nahe dem Bückeburger Ortsteil Evesen.

Idistaviso ist ein germanisches zweigliedriges Namenskomposit aus den Elementen Idista- und -viso. Das erste Glied Idis(t)-a- ist Gegenstand umfangreicher Diskussion in der Forschung seit dem 19.Jahrhundert durch Jacob Grimm und mit einer Spreizung der Deutung von der Bezeichnung als walkürengleichen weiblichen Wesen in einem mythologischen Kontext (Grimm), bis hin zur Deutung durch Hans Kuhn als Beleg eines ungermanischen Ortsnamen in Verbindung seiner Theorie zum sogenannten Nordwestblock. Das zweite Glied ist durchsichtig. Vergleichende Belege wie althochdeutsch wisa, mittelhochdeutsch wise, mittelniederdeutsch wese zur indogermanischen Wortwurzel *u̯ei̯s- „sprießen“ machen die Bedeutung „Wiese“ klar. Nach Robert Nedoma liegt in Idistaviso der westgermanische Ausgang -o im Nominativ Singular eines feminienen ōn-Stammes aus urgermanisch *-ōn vor und vergleicht mit dem Personennamen Strubilo[3] und mit dem Toponym Aliso.

Jakob Grimm prägte einen Deutungsweg in der Forschung vor (dem viele folgten vom zeitgenössischen Karl Viktor Müllenhoff bis zur Gegenwart wie beispielsweise mit Rudolf Simek), indem er die handschriftlich überlieferte Form „Idistaviso“ als Verschreibung bewertete und zur Form „Idisiaviso“ zu verbessern (Konjektur) suchte.[4] Somit konnte Grimm à la longue das Erstglied Idisia- zu Belegen aus dem übrigen (später überlieferten) germanischen Namen- und Wortschatz (Onomastikum) stellen wie mit althochdeutsch itis für Frau, Jungfrau (oder „verehrungswürdige Frau“), altsächsisch idis für Frau und altenglisch ides für Jungfrau, Frau. Diese Belege verband er mit den damals enormen Handschriftenneufund der Idisi des Ersten Merseburger Zauberspruchs und deutete den Ortsnamen als nympharum pratum als die „Ebene der Idisi“ oder als schlichte „Frauenwiese“. Die besondere Plausibilität und Tragfähigkeit von Grimms Untersuchungen, beziehungsweise Annahmen lag zuzüglich darin begründet, dass die Idisi, wenn nicht walkürengleich, dennoch den Ausgang des Geschehens im ersten Merseburger Spruch wie die Walküren der nordischen Mythologie beeinflussten und es sich bei Idistaviso um einen historisch belegten Schlachtort handelt.[5]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Tacitus, Annalen 2, 16.
  2. Tacitus, Annalen 2, 17.
  3. CIL 3, 4551
  4. Vgl. Idisiaviso. In: Rudolf Simek: Lexikon der Germanischen Mythologie; vgl. Hermann ReichertFrau. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 9, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1995, ISBN 3-11-014642-8, S. 477, 496. und vgl. Robert Nedoma: Idistaviso. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 15, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2000, ISBN 3-11-016649-6, S. 323–324.
  5. Scheungraber, Grünzweig: Die altgermanischen Toponyme sowie ungermanische Toponyme Germaniens. Fassbaender, Wien 2014, S. 191.