Ihrhove

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

53.1666666666677.45388888888893Koordinaten: 53° 10′ 0″ N, 7° 27′ 14″ O

Ihrhove
Höhe: 0–5,5 m ü. NN
Fläche: 10,02 km²
Einwohner: 3523 (2004)
Eingemeindung: 1. Januar 1973
Postleitzahl: 26810
Vorwahl: 04955
Karte

Karte von Westoverledingen

Ihrhove gehört zur Gemeinde Westoverledingen im Landkreis Leer in Ostfriesland, hat ungefähr 3600 Einwohner und liegt zwischen Leer und Papenburg an der Bundesstraße 70. Ihrhove ist Verwaltungssitz der Gemeinde.

Geographie[Bearbeiten]

Ihrhove liegt im Overledingerland, einem der vier historischen Landstriche im Landkreis Leer. Die Gemarkung umfasst ein Gebiet von 10,02 km2. Das Ortszentrum ist auf einem Geestrand gelegen, etwa 4 km von der Ems entfernt. Die Kirchenwarft erreicht eine Höhe von 5,5 m über Normalnull, während der Hammrich, die Flussmarsch, teilweise unter dem Meeresspiegel liegt. Neben Geest- und Marschgebieten finden sich in westlicher Richtung zur Ems als dritte Landschaftsform die Niedermoore, die bei Driever und Grotegaste in Moormarschen übergehen.[1]

Heute ist Ihrhove zentraler Ort in der Gemeinde Westoverledingen. Im Nordosten grenzt Ihrhove an Folmhusen, im Südosten an Ihren. Südlich ist Großwolde gelegen und im Westen Grotegaste.

Geschichte[Bearbeiten]

Mittelalter[Bearbeiten]

Historisch gesehen lassen sich vor dem Kirchbau und den ersten Siedlungsspuren um 1250 keine älteren Kulturspuren nachweisen, was auf eine planmäßige Gründung der Siedlung hinweist. Die Ansiedlung ohne älteren Vorläufer in der Mitte des 13. Jahrhunderts ging von Ihren aus.[2] Die heutige Reformierte Kirche wurde in der Mitte des 13. Jahrhunderts als einräumige Saalkirche mit Apsis errichtet. Vermutungen auf einen älteren Vorgängerbau aus Holz, der manchmal mit dem Friesenmissionar Liudger in Verbindung gebracht wird, konnten bisher nicht bestätigt werden und scheinen unwahrscheinlich.[3] In vorreformatorischer Zeit gehörte die Kirche zur Propstei Leer im Bistum Münster.[4]

Die mittelalterliche Burg von Ihrhove – seit 1735 Esseburg (Eskeborg) genannt[5] – wurde im Zuge der Eroberung des Overledingerlandes (1407–1409) durch Keno tom Brok und Focko Ukena zerstört. Zur Lokalisierung der Burg gibt es widersprüchliche mündliche Traditionen. Nach archäologischen, naturwissenschaftlichen und überlieferungsgeschichtlichen Untersuchungen (2006 bis 2011) verdichten sich die Hinweise darauf, dass die Burganlage auf dem Gelände der heutigen Bahnhofstraße 42 gelegen war.[6] Für die Zeit um 1400 lassen sich bisher acht befestigte Steinhäuser, Sitze lokaler Häuptlingsherrschaften, im Overledingerland nachweisen.[7] Jeltko Iderhoff, von 1515 bis 1530 Drost und Amtmann im Amt Berum, war möglicherweise Häuptling von Ihrhove.[8]

Neuzeit[Bearbeiten]

Freistehender Kirchturm in Ihrhove, links daneben das alte Schulgebäude

Im Gefolge der Reformation schloss sich die Kirchengemeinde um 1530 dem reformierten Bekenntnis an. Ihre heutige, verkürzte Form erhielt das Gotteshaus in den Jahren 1572 und 1789, als umfangreiche Umbaumaßnahmen erfolgten.[9]

Mit dem Aussterben der männlichen ostfriesischen Fürstenlinie der Cirksena im Jahr 1744 fiel Ihrhove wie das gesamte Ostfriesland an Preußen. 1806 kam es an das Königreich Holland, 1810 als Departement Ems-Orientale an das französische Kaiserreich, 1815 an Hannover und 1866 wieder an Preußen.

Mit der Errichtung der Eisenbahnlinie von Rheine nach Emden (1854–1856) erhielt Ihrhove einen eigenen Bahnhof, dessen Nutzung mit dem Bau der Linie Leer-Nieuweschans (Niederlande) 1876 noch intensiver wurde. Die Folge war ein Aufblühen des Handels in Ihrhove und ein stetiger Anstieg der Einwohnerzahlen. Heute ist der Bahnhof allerdings außer Betrieb. Im Jahr 1912 wurde auf einer Streckenlänge von 11,6 km ein Kleinbahn zwischen Ihrhove und Rhauderfehn in Betrieb genommen, die 1972 stillgelegt wurde.[1]

Seit 1885 gehört Ihrhove zum Landkreis Leer. Mit Bildung der Gemeinde Westoverledingen am 1. Januar 1973[10] wurde Ihrhove zum Verwaltungssitz und zentralen Ort der Gemeinde. Das neue Rathaus wurde 1976 eingeweiht.

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten]

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist ein stetiger Zuwachs der Einwohnerzahl zu verzeichnen.[1] Seitdem verdoppelt sich die Bevölkerung etwa alle 50 Jahre.

Jahr Einwohnerzahl
1823 433
1848 453
1859 572
1885 797
1895 807
1905 886
Jahr Einwohnerzahl
1925 1.248
1933 1.348
1939 1.281
1946 1.753
1950 1.882
1961 1.776
Jahr Einwohnerzahl
1970 1.969
1977 2.228
1989 2.878
1996 3.182
2000 3.386
2004 3.523

Entwicklung des Ortsnamens[Bearbeiten]

Spätmittelalterliche Namensformen lauten Iderhave, Yderahave, Yderhove, Yrhave und Yrhove. Die erste Namensnennung des Ortes „Yderhove“ und der Burg fällt ins Jahr 1407. Der Name „Ihrhove“ wird in der mündlichen Überlieferung vielfach mit „Hafen“ in Verbindung gebracht, wofür offensichtlich die Nähe zur Ems ausschlaggebend ist. Tatsächlich bedeutet die Silbe „-hove / - have / -hafe“ aber „Kirche mit Friedhof, Kirchplatz“. Da die erste Silbe auf den Nachbarort Ihren hinweist, bedeutet der Name Ihrhove „Kirchplatz von Ihren“ oder freier umschrieben: „Ortsteil von Ihren, aber der mit der Kirche“.[11]

Religionen[Bearbeiten]

Seit der Reformation ist Ihrhove überwiegend reformiert geprägt. Noch heute gehört der Großteil der Ortseinwohner zur ev.-reformierten Kirche. Das Gemeindebüro hat seinen Platz links des Glockenturms in der ehemaligen Schule gefunden. Auf der rechten Seiten wurde 1911 eine Leichenhalle gebaut. Neben dem alten Pfarrhaus von 1894 in der Bahnhofsstraße steht für gemeindliche Veranstaltungen das Gemeindezentrum zur Verfügung. EC und Landeskirchliche Gemeinschaft bilden in Ihrhove einen Verein mit einem angestellten Prediger, eigenen Gottesdiensten und einem vielfältigen Vereinsleben, das sich im EC-Heim konzentriert.[12]

Im Jahr 1860 wurde die altreformierte Kirche durch die Pastoren Gerd Kramer (Veldhausen) und J.H. Vos (Uelsen) mit neun Personen gegründet. 1862 entstand ein erstes Kirchengebäude, das 1959 durch das heutige ersetzt wurde. Seit 1974 teilen sich die altreformierte Kirche in Neermoor und Ihrhove eine gemeinsame Pastorenstelle. Die Kirche wurde 1983 umgestaltet und ein Gemeindezentrum angebaut.[13]

Im 19. Jahrhundert gab es nur vereinzelt römisch-katholische Christen; sie schlossen sich der Gemeinde in Westrhauderfehn an. Als die Zahl nach dem Zweiten Weltkrieg durch katholische Heimatvertriebene stark zunahm, wurde 1958/59 St. Franziskus als Filialkirche von St. Bernhard in Flachsmeer gebaut.[14]

Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind verschiedene jüdische Viehhändler mit ihren Familien in Ihrhove nachweisbar, die aber keine selbstständige Gemeinde bildeten. Im Jahr 1908 lebten acht Juden an Ort, 1930 noch zwei.[1] Etliche jüdische Einwohner aus Ihrhove sind in Konzentrationslagern umgekommen.[15]

Kultur und Tourismus[Bearbeiten]

Jedes Jahr findet in Ihrhove der sogenannte „Bottermarkt“ (Buttermarkt) statt, der im Jahre 1979 das erste Mal abgehalten wurde. Dessen Ursprünge gehen auf die Ihrhover Buttermärkte des 19. Jahrhunderts zurück. Auch heute zieht dieses Ereignis, das jedes Jahr am vierten Wochenende im Juni stattfindet, die Besuchermassen an – auch wenn dort heute nicht mehr hauptsächlich Butter und andere Molkereiprodukte verkauft werden.

Eine weitere Sehenswürdigkeit sind die restaurierten Gulfhäuser, die Stein für Stein von ihren ursprünglichen Standorten abgetragen und in der Nähe des Erholungsgebietes "Freizeitpark am Emsdeich" bei Grotegaste wieder aufgebaut wurden. Dort beherbergen sie heute eine Gaststätte und ein Landschulheim. Das daran angrenzende Erholungsgebiet „Freizeitpark Am Emsdeich“ ist ein beliebtes Urlaubsziel. Ostfrieslandweit bekannt ist auch die alternative Szene-Discothek „Limit“ in Ihrhove.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Hans Joachim Albers, Heinrich Schaa, Heinz Schipper, Hermann-Josef Schleinhege: Ihrhove im Mittelalter. Archäologische, historische und naturwissenschaftliche Spurensuche. 1Druck, Leer 2011, ISBN 978-3-941578-19-7.
  •  Enno Janshen (Hrsg.): Die Familien der Kirchengemeinde Ihrhove (1723–1900). Upstalsboom-Gesellschaft, Aurich 1994, ISBN 3-925365-78-8 (Ostfrieslands Ortssippenbücher, Bd. 32; Deutsche Ortssippenbücher, Bd. A 188).
  • Hajo van Lengen: Ostfriesland, Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Aurich 1996.
  • Wolfgang Schwarz und Renate Stutzke: Archäologische Funde aus dem Landkreis Leer. Oldenburg 1998.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Hermann Adams (Ortschronisten der Ostfriesischen Landschaft): Ihrhove (PDF-Datei; 45,5 kB), gesehen 7. Januar 2012.
  2. Albers, Schaa u.a.: Ihrhove im Mittelalter. 2011, S. 180.
  3. Albers, Schaa u.a.: Ihrhove im Mittelalter. 2011, S. 180f.
  4. Menno Smid: Ostfriesische Kirchengeschichte. Selbstverlag, Pewsum 1974, S. 42 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Bd. 6).
  5. Albers, Schaa u.a.: Ihrhove im Mittelalter. 2011, S. 65–71.
  6. Albers, Schaa u.a.: Ihrhove im Mittelalter. 2011, S. 71–90, 124–126.
  7. Albers, Schaa u.a.: Ihrhove im Mittelalter. 2011, S. 54.
  8.  Hermann Adams: Ein Mann aus Ihrhove im Overledingerland. Jeltko Iderhoff. Drost und Amtmann von Berum. Westoverledingen-Ihrhove 2002.
  9. Albers, Schaa u.a.: Ihrhove im Mittelalter. 2011, S. 183f, 190f.
  10.  Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 263.
  11. Albers, Schaa u.a.: Ihrhove im Mittelalter. 2011, S. 147–158.
  12. Homepage EC & Landeskirchliche Gemeinschaft Ihrhove e.V., gesehen 9. Januar 2012.
  13. Ev.-altreformierte Kirchengemeinde in Ihrhove (Hrsg.): 150 Jahre Ev.-altreformierte Kirchengemeinde in Ihrhove 1860–2010. Selbstverlag, Westoverledingen 2010, S. 10f.
  14. Genealogie-Forum: Flachsmeer, gesehen 7. Januar 2012.
  15. Hermann Adams: Die Juden in Ihrhove. Selbstverlag, Ihrhove 2000. Daraus: Tabellarische Übersicht der jüdischen Personen in Ihrhove, gesehen 7. Januar 2012.