Im Westen nichts Neues (1930)

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Filmdaten
Deutscher Titel Im Westen nichts Neues
Originaltitel All Quiet on the Western Front
Produktionsland USA
Originalsprache Englisch, Französisch
Erscheinungsjahr 1930
Länge 136 Minuten
Altersfreigabe FSK 12
Stab
Regie Lewis Milestone
Drehbuch Maxwell Anderson, George Abbott
Produktion Carl Laemmle Jr.
Musik Sam Perry, Heinz Roemheld
Kamera Arthur Edeson
Schnitt Edgar Adams
Besetzung

Im Westen nichts Neues ist der Titel eines US-amerikanischen Spielfilms von Lewis Milestone aus dem Jahr 1930, der mit dem Oscar als „Bester Film“ ausgezeichnet wurde. Als Vorlage diente der gleichnamige Antikriegsroman von Erich Maria Remarque.

Der Film gilt als einer der bekanntesten und beeindruckendsten Antikriegsfilme. Da viele Kinos zu der Zeit noch nicht auf Ton-Film eingestellt waren, kam er sowohl in einer Stummfilm- als auch in einer Tonfilm-Fassung heraus. Im Westen nichts Neues ist einer der ersten Filme, die für den deutschen Markt synchronisiert wurden.

1979 wurde Remarques Roman unter demselben Titel von Delbert Mann erneut für das Fernsehen verfilmt.

Handlung[Bearbeiten]

Erzählt wird die Geschichte des deutschen Gymnasiasten Paul Bäumer, der sich bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wie alle anderen seiner Klassenkameraden freiwillig zur Armee meldet, nachdem ihnen von ihrem Lehrer die „Vorzüge“ des Heldentodes und des „Sterbens für das Vaterland“ in einer flammenden Rede geschildert wurden. Nach einer schikanösen Grundausbildung durch den Reserve-Unteroffizier Himmelstoß, der im Zivilleben Briefträger war, werden die jungen Soldaten an die Front geschickt, wo Bäumers Zug auf den erfahrenen Frontkämpfer Katczinski trifft. Zusammen mit ihm erleben die Soldaten das Grauen des Stellungskrieges.

Bei einem Heimaturlaub lernt Bäumer die Stammtischstrategen seiner Heimatstadt kennen, die der Front mangelndes Durchhaltevermögen attestieren. Verstört besucht Bäumer seine alte Schule, in der ihn sein ehemaliger nationalistischer Lehrer als Beispiel für „deutschen Heldenmut“ darstellen will. Bäumer erzählt aber ungeschminkt von der Front und bezeichnet es als Fehler, je in den Krieg gezogen zu sein. Die anwesenden Gymnasiasten schimpfen ihn dafür einen Angsthasen.

Am Ende des Films kehrt Bäumer an die Front zurück und muss erfahren, dass viele seiner Kameraden bereits gefallen sind. Einer, der Bauer Detering, der seiner Frau bei der Ernte helfen wollte, ist als Deserteur verhaftet worden. Die Kompanie wird durch blutjunge und halbausgebildete Männer aufgefüllt, die gnadenlos verheizt werden. Die letzte Szene – Herbst 1918, einige Tage vor Ende des Krieges – zeigt Bäumer, der einen Schmetterling erblickt, der sich unmittelbar vor seiner MG-Stellung niedergelassen hat. Er hebt den Kopf über die Deckung, um nach dem Schmetterling zu greifen. Beim Heimaturlaub hat man gesehen, dass Bäumer zu Hause eine recht große Schmetterlingssammlung besitzt, die er mit seiner Schwester zusammen angelegt hat. Er wird dabei vom Schuss eines französischen Scharfschützen tödlich getroffen.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Der Film von 1930 erhielt einen Oscar in der Kategorie Bester Film, der Regisseur Lewis Milestone erhielt einen in der Kategorie Beste Regie.

1990 wurde der Film in die National Film Registry aufgenommen. Bei einer Umfrage des American Film Institute nach den 100 besten US-amerikanischen Filmen im Jahr 1998 landete er auf dem 54. Platz.

Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden verlieh der Produktion das Prädikat wertvoll.

Kritiken[Bearbeiten]

„(…) des Klassikers unter den filmischen Friedensappellen. Die Wucht des dargestellten Kriegsgeschehens ist noch immer unmittelbar spürbar, die Grabenkämpfe empörend sinnlos, das Pathos der Kriegsideologen provokativ hohl; eine einzigartige Anthologie von Details des Kriegsirrsinns. (Wertung: sehr gut)“

Adolf Heinzlmeier und Berndt Schulz, Lexikon Filme im Fernsehen[1]

„Die mutige, immer noch sehenswerte Hollywood-Verfilmung des gleichnamigen Antikriegs-Romans von Remarque.“

6000 Filme. Handbuch V der katholischen Filmkritik[2]

„Der wohl bedeutendste und ehrlichste Antikriegsfilm der USA – eine realistische Abrechnung mit dem Ersten Weltkrieg. In Deutschland zu seiner Zeit von nationalen und faschistischen Kreisen verunglimpft, zensiert und verstümmelt, wurde der Film zunächst 1983/84 vom ZDF nach der Urfassung rekonstruiert und neu synchronisiert. Eine zusätzlich um weitere Teile im O.m.d.U. 1995 vom WDR ergänzte Fassung bietet die bis heute letztgültige Rekonstruktion des Films.“

Lexikon des internationalen Films

„Die schrecklichen Erlebnisse an der Front des 1. Weltkrieges, die eine anfangs kampfbegeisterte Gruppe von Schulkameraden hat, sind auch heute noch eine überzeugende Darlegung der Sinnlosigkeit des Krieges.“

Evangelischer Filmbeobachter[3]

Zeitgenössische Wirkung[Bearbeiten]

Filmplakat: All Quiet on the Western Front aus einer Ausstellung im Museum zur Geschichte von Christen und Juden in Laupheim (2012)

Während der Film in den anglophonen Ländern durchweg positiv aufgenommen wurde und hier bei Veteranenverbänden oftmals die Einschätzung beförderte, dass das Leben und vor allem Sterben der einfachen Soldaten jenseits von Uniformfarbe oder Muttersprache in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges stets ähnlich verlief und daher geeignet schien, Feindbilder abzubauen, fiel die Reaktion im Deutschen Reich sehr viel negativer aus. Die politische Rechte, insbesondere DNVP und NSDAP, sowie die Mehrheit der meist noch monarchisch gesinnten Veteranenverbände sahen in dem Buch und erst recht in der amerikanischen Verfilmung einen Angriff auf die Ehre des deutschen Soldaten, der in den Schlachten des Weltkrieges für sein Vaterland gelitten habe. Das Reichswehrministerium protestierte gegen den Film, denn am Sinn ihres Einsatzes zweifelnde deutsche Soldaten sollten nicht gezeigt werden.

Nachdem die zuständige Berliner Filmprüfstelle einer freiwillig gekürzten deutschsprachigen Version des Filmes die Freigabe erteilt hatte, erlebte der Film am 4. Dezember 1930 im Berliner Mozartsaal am Nollendorfplatz seine deutsche Erstaufführung und lief tags darauf in den deutschen Kinos an. Bereits in dieser Fassung waren Namen jüdischer Mitwirkender aus dem Vorspann getilgt und der Film von 139 Minuten auf 85 Minuten gekürzt worden. Geschnitten wurde unter anderem, wie die Rekruten den Kasernenhofschinder Himmelstoß verprügeln und wie Paul Bäumer die Ehrenbezeugung verweigert.

Trotzdem inszenierte jedoch insbesondere in Berlin Joseph Goebbels, zugleich dortiger Gauleiter der NSDAP und Reichspropagandaleiter seiner Partei, eine massive Kampagne gegen den Film. Mit Hilfe der SA organisierte er Massenaufläufe und handgreifliche Krawalle vor und in den Kinos. Mehrfach sprengten Nationalsozialisten, die zunächst in Zivil Karten für eine Filmvorstellung erworben hatten, kurz nach Beginn des Films die Aufführung, indem sie beispielsweise Rauch- oder Stinkbomben zündeten oder bei mindestens einer Gelegenheit zahlreiche Mäuse freiließen.

Gleichzeitig attackierte die NS-Presse die preußischen Behörden, dass der Film verboten werden müsse, weil er die öffentliche Ordnung gefährde; als Beleg für diese Behauptung führte Goebbels in seinen Leitartikeln gerade jene Ausschreitungen als Argumente gegen den Film ins Feld, welche er selber durch die Berliner SA hatte vom Zaun brechen lassen, wobei sicherlich auch weite Teile der konservativen Beamtenschaft insgeheim mit den Aktivitäten von NSDAP, Stahlhelm und Veteranenverbänden sympathisierten. Letztlich hatte diese Strategie Erfolg. Auf Antrag der Landesregierungen Thüringens, Braunschweigs, Sachsens, Bayerns und Württembergs verbot die Oberste Filmprüfstelle unter der Leitung von Ernst Seeger am 11. Dezember die Vorführung des Films im Deutschen Reich wegen der von ihm ausgehenden „Gefährdung des deutschen Ansehens in der Welt“ und der „Herabsetzung der deutschen Reichswehr“. Der Film habe eine „ungehemmte pazifistische Tendenz“, und „wenn eine derartige Darstellung auf die Menschen treffe, könne bei der heutigen seelischen Not nicht ausbleiben, daß Explosionen entstünden.“[4]

Dieses Verbot stieß auf heftige Proteste. Namentlich Carl von Ossietzky, Carl Zuckmayer, Heinrich Mann, Herbert Ihering und Käthe Kollwitz setzten sich für den Film ein. Erst nach einer Novellierung des Lichtspielgesetzes (Lex Remarque), die am 31. März 1931 in Kraft getreten war, wurde der Film am 8. Juni 1931 „für bestimmte Personenkreise und in geschlossenen Veranstaltungen“ wieder freigegeben. Am 2. September 1931 erfolgte die allgemeine Wiederzulassung des Films in einer nochmals gekürzten Fassung. Die Produktionsfirma musste sich überdies verpflichten, „zukünftig auch im Ausland nur noch diese von den deutschen Zensurbehörden genehmigte Fassung zu zeigen“[5]. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Im Westen nichts Neues endgültig verboten.

1929 wurde Im Westen nichts Neues in Italien, 1931 in Österreich, 1933 in Deutschland und 1949 in der Sowjetunion als Film und als Literatur verboten. Universal brachte immer neue, kürzere Fassungen des Films heraus: 1934 wurden fast alle Schleiferszenen weggelassen, 1939 wurden kommentierte Dokumentaraufnahmen eingeschnitten. Bild- und Tonveränderungen während der Zeit des Koreakrieges (Anfang der 1950er Jahre) machten aus dem Antikriegsfilm schließlich einen reinen Kriegsfilm.

Auf lange Sicht gesehen war die Kampagne der NSDAP gegen den Film ein wichtiger Erfolg auf dem Weg zur Machtergreifung; die kombinierten Aktionen von Gewalt und Propaganda hatten sich als wirkungsvoll erwiesen und sogar staatliche Stellen hatten nicht standhalten können. Insofern war die NSDAP für ihre weitere Arbeit in besonderer Weise bestärkt worden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Im Westen nichts Neues in einer gekürzten, neu synchronisierten Fassung in die deutschen Kinos. In Frankreich wurde das Verbot für den Film erst 1963, in Österreich sogar erst Anfang der 1980er Jahre aufgehoben. Ebenfalls zu dieser Zeit gab das ZDF eine Rekonstruktion der Originalfassung in Auftrag, die mit einer Neusynchronisation erstmals am 18. November 1984 ausgestrahlt wurde. Eine weitere Rekonstruktion nahmen Mitte der 1990er Jahre die Filmabteilung der Bücherei des US-Kongresses und der amerikanische Kabelkanal AMC vor. Diese wurde am 5. Juni 1998 zum ersten Mal ausgestrahlt.[6]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Adolf Heinzlmeier und Berndt Schulz: Lexikon Filme im Fernsehen (erw. Neuausgabe), Rasch und Röhring, Hamburg 1990, S. 395, ISBN 3-89136-392-3
  2. Kritische Notizen aus den Kinojahren 1945 bis 1958. Handbuch V der katholischen Filmkritik. 3. Aufl. Haus Altenberg, Düsseldorf 1963, S. 210
  3. Evangelischer Presseverband München, Kritik Nr. 153/1952
  4. F.-B. Habel: Zerschnittene Filme, S. 53
  5. Im Westen nichts Neues bei deutsches-filminstitut.de. Abgerufen am 1. Februar 2014.
  6. Deutsches Filminstitut: Im Westen nichts neues, Deutsches Filminstitut. 10. Juli 2007. 

Literatur[Bearbeiten]

  • Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. Roman. Mit Materialien und einem Nachwort von Tilman Westphalen. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1998, ISBN 3-462-02721-2
  • Thomas F. Schneider, Erich Maria Remarque, John W. Chambers II, Andrew Kelly, Jan-Christopher Horak, Heinrich Placke: Das Auge ist ein starker Verführer. Erich Maria Remarque und der Film. Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs. Bd 13. Rasch, Osnabrück, ISBN 3-932147-51-0
  • Modris Eksteins: All Quiet at the Western Front and the Fate of a War. In: Journal of Contemporary History (JCH). London 15.1980, S.345–366. ISSN 0022-0094
  • Modris Eksteins: War, Memory, and Politics. The Fate of the Film All Quiet at the Western Front. In: Central European History (CEH). Cambridge 13.1980, S.60–82. ISSN 0008-9389
  • Gerhard Paul: Aufstand der Bilder. Die NS-Propaganda vor 1933. Dietz, Bonn 1990, 1992, ISBN 3-8012-5015-6
  • Bärbel Schrader: Der Fall Remarque. Im Westen nichts Neues. Eine Dokumentation. Reclam, Leipzig 1992, ISBN 3-379-01433-8
  • Peter Dörp: Medien spezial: Im Westen nichts Neues. Teil 2. Facetten eines nuancenreichen Themas für den Deutschunterricht. Mit Kopiervorlagen: Goebbels und Bronnen. Dokumente zum Kinoskandal im Dezember 1930; Nacht an der Front von F.Scheinpflug; Im ANGRIFF nichts Neues. Aus: Vossische Zeitung, Berlin, Nr. 109, 8. Mai 1931; Fahrt zum Film IM WESTEN NICHTS NEUES. Mit Aufgaben zur Internetrecherche In: Deutschunterricht. Westermann Verlag. Dezember 2003. Heft 6. S. 40–45.
  • Matthias Rogg: “Im Westen nichts neues” : ein Film macht Geschichte. In: Militärgeschichte : Zeitschrift für historische Bildung, 2008, Nr. 4, S. 4 - 9 (PDF-Datei; 5,05 MB)
  • F.-B. Habel: Zerschnittene Filme. Zensur im Kino, Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 2003, ISBN 3-378-01069-X
  • Hans J. Wulff: Im Westen nichts Neues. In: Filmgenres. Kriegsfilm. Hg. von Thomas Klein, Marcus Stiglegger und Bodo Traber. Stuttgart: Reclam 2006, 46-56 [mit Literaturhinweisen]. ISBN 978-3-15-018411-0.

Weblinks[Bearbeiten]