Immaterielles Kulturerbe
Als immaterielles Kulturerbe (IKE; englisch intangible cultural heritage, ICH) bzw. immaterielles kulturelles Erbe oder immaterielles Kulturgut wird Kulturgut bezeichnet, das nicht stofflicher Natur ist, daher im Gegensatz zu unbeweglichen Bauten und beweglichen Gegenständen (z. B. den bekannten Welterbestätten oder dem Weltdokumentenerbe) nicht anfassbar (engl. intangible).
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Zum Begriff des immateriellen Kulturguts[Bearbeiten]
Das immaterielle Kulturerbe umfasst (nach Definition der UNESCO-Konvention) „Bräuche, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten – sowie die damit verbundenen Instrumente, Objekte, Artefakte und Kulturellen Räume […], die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Individuen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen.“[1]
Der Begriff kommt ursprünglich aus den Ländern der „Dritten Welt“ und der Indigenenbewegung, deren materielles Erbe durch nichtmaterielle Traditionsformen selten, aber auch durch Kolonialismus und Globalisierung überprägt ist, und sollte eine Gegenbewegung zur stark auf Denkmäler ausgerichtete, eurozentrische frühe Schutzkonzept der UNESCO darstellen.[2] Dass auch in Europa noch ein reicher Schatz an regionalen, nicht dinglich festgelegten Kulturäußerungen vorhanden ist, ist ein Bewusstsein jüngeren Datums.
Als Risiko einer Auszeichnung immateriellen Kulturguts wird Kommerzialisierung und Folklorisierung gesehen. Immaterielles Kulturerbe wird daher auch als das lebendiges Kulturerbe bezeichnet (im englischen Sprachraum existieren dafür Begriffe wie Living heritage, Living national treasure, Living human treasure), und meint regional autochthone, „gelebte“ Kulturtradition aller Art, die nicht nurmehr im Sinne einer musealen Erhaltung oder touristischen Präsentation von Brauchtum gepflegt wird, sondern vitales, im Lebensalltag verankertes kulturelles Selbstverständnis darstellt.[3] Damit steht der Begriff des immateriellen Kulturguts auch in Abgrenzung zum modernen Denkmalwesen, letzteres fokussiert auf die (materielle) Originalität einer Kulturleistung, erstere auf die Prozesse, materielle Ergebnisse werden als ephemere Nebenerscheinung gesehen. Auch vom Begriff des Museal-Bewahrenden[4] setzt sich das Konzept ab, die Wandlungen der Kulturäußerung in ihrer Weitergabe (‚Tradition‘ i.e.S.) wird als zentraler Aspekt gesehen.[5] Daher sind die Konzepte zum immateriellen Erbe auch zunehmend in Denkansätze von Nachhaltigkeit und ‚alternativen‘ Wirtschaftskonzepten eingebunden.[6]
Ein Unterbegriff des immateriellen Kulturerbes ist das mündliche Kulturerbe im Sinne der oralen Tradition.
Aktivitäten zum faktischen und rechtlichen Schutz[Bearbeiten]
UN-Konvention zum Schutz des immateriellen Kulturerbes[Bearbeiten]
| Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes (Konvention zum Schutz des immateriellen Kulturerbes) |
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|---|---|
| Titel (engl.): | Convention for the Safeguarding of Intangible Cultural Heritage |
| Abkürzung: | UN/ICH |
| Datum: | 7. Oktober 2003 |
| Inkrafttreten: | 21. April 2006 |
| Fundstelle: | engl. |
| Fundstelle (deutsch): | Übers. National Commission of Luxembourg (PDF; 140 kB) |
| Vertragstyp: | Multinational |
| Rechtsmaterie: | |
| Unterzeichnung: | |
| Ratifikation: | 144 (15. August 2012) |
| Deutschland: | – |
| Liechtenstein: | – |
| Österreich: | 9. April 2009 |
| Schweiz: | 16. Juli 2008 |
| Bitte beachte den Hinweis zur geltenden Vertragsfassung. | |
Auf internationaler Ebene ist insbesondere die UNESCO zum faktischen und rechtlichen Schutz des immateriellen Kulturerbes tätig geworden. Sie hat in drei Proklamationen in den Jahren 2001, 2003 und 2005 90 besonders erhaltenswerte immaterielle Kulturgüter aus allen Weltregionen zu „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ ernannt und 2003 ein Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes[7][8] (englisch: Convention for the Safeguarding of the Intangible Cultural Heritage[9]) getroffen. Die Konvention trat im April 2006 in Kraft, nachdem 30 Staaten sie ratifiziert hatten.[10] Die Vertragsstaaten erstellen unter anderem Listen ihres immateriellen Kulturerbes. Ergänzend zum bestehenden UNESCO-Welterbe-Emblem für Kultur- und Naturstätten von außergewöhnlichem universellem Wert haben die Vertragsstaaten des Übereinkommens ein eigenes Emblem für das immaterielle Kulturerbe beschlossen.[11] Bis heute wurden 132 immaterielle Kulturgüter aus aller Welt aufgenommen.
Deutscher Sprachraum[Bearbeiten]
Die Schweiz hat das Ratifizierungsverfahren bereits vollständig durchgeführt, ist daher mit Wirkung zum 16. Juli 2008 vollwertiger Vertragsstaat (99. Beitrittsstaat).[12] Im Oktober 2011 hat das Bundesamt für Kultur eine Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz veröffentlicht, die das vom Übereinkommen vorgeschriebene Inventar des immateriellen Kulturerbes in der Schweiz darstellt.
Die Republik Österreich hat zum 1. Januar 2006 eine Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe innerhalb der österreichischen UNESCO-Kommission gegründet und ist seit dem 9. April 2009 Mitgliedstaat des Übereinkommens (112.).
Die Bundesrepublik Deutschland hat im Dezember 2011 die Einleitung des Ratifizierungsverfahren des Übereinkommens beschlossen.[13] Am 12. Dezember 2012 hat das Bundeskabinett den Beitritt zum Übereinkommen beschlossen[14], alle Bundesländer haben dem mittlerweile zugestimmt. Im April 2013 ist Deutschland dem UNESCO-Übereinkommen beigetreten. Die offizielle Urkunde wurde von Botschafter Michael Worbs am 10. April 2013 in Paris an UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova überreicht. Damit tritt das Übereinkommen in Deutschland drei Monate später in Kraft.[15]
In Deutschland befasst sich neben der UNESCO-Kommission insbesondere die Professur für Materielles und Immaterielles Kulturerbe UNESCO (ein UNESCO-Lehrstuhl) an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn wissenschaftlich mit der Thematik.[16]
Das Fürstentum Liechtenstein ist der Konvention bisher nicht beigetreten.
Listen[Bearbeiten]
- Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit, weltweit
- Liste des immateriellen Kulturerbes der Volksrepublik China
- Immaterielles Kulturerbe in Österreich
- Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz
Literatur[Bearbeiten]
- United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization: Identifying and Inventorying Intangible Cultural Heritage (Broschüre, PDF; 1,9 MB)
- Immaterielles Kulturerbe. In: Deutsche Unesco-Kommission: Unesco heute: Zeitschrift der Deutschen Unesco-Kommission, 54 (1. Halbjahr 2007) 1, Bonn 2007, S. 1–79, ISSN 0937-924X
- Immaterielles Kulturerbe = Patrimoine immatériel. In: Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften: Bulletin der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, 2, Bern 2008
- Barbara Kirshenblatt-Gimblett: Intangible Heritage as Metacultural Production. In: Museum International 56 (1–2) (2004), S. 52–65.
- Oliver Rymek: Museen und das immaterielle Kulturerbe.'Möglichkeiten, Grenzen und Strategien der Vereinbarkeit. Diplomarbeit Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (FH), Leipzig 2008.
Weblinks[Bearbeiten]
- Zentrale Website des UNESCO-Programms Intangible Cultural Heritage (englisch)
- Seite der Deutschen UNESCO-Kommission zum immateriellen Kulturerbe, mit weiterführenden Links
- Seite der Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe bei der Österreichischen UNESCO-Kommission
- Seite der Schweizerischen UNESCO-Kommission zum immateriellen Kulturerbe
Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]
- ↑ Zitat Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellens Kulturerbes.
- ↑ Ellen Hertz (Institut d’ethnologie, Université de Neuchâtel), Referat zur Veranstaltung Was bedeutet immaterielles Kulturerbe für die Wissenschaft? Jahresversammlung der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) in Zürich 2008, zit n. Bernadette Flückiger (bf): Was bedeutet immaterielles Kulturerbe für die Wissenschaft?. In: Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (Hrsg.): Bulletin. 3·2008, Bern Oktober 2008, S. 24–27 (Webrepro, sagw.ch, pdf, abgerufen am 6. Oktober 2010).
- ↑ analog zu Begriffen wie ‚lebendige Volksmusik‘ oder ‚lebendige Tracht‘
- ↑ „«Mumifizierung» dieser Riten“. Zitat Ellen Hertz Zürich 2008, zit n. Was bedeutet immaterielles Kulturerbe für die Wissenschaft?. 2008, S. 25 (Fundstelle pdf S. 13 Sp. 3).
- ↑ cf. Michaela Noseck, Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe, Österreichische UNESCO-Kommission (Hrsg.): Was ist Tradition?. 2009 (Webdokument, nationalagentur.unesco.at).
- ↑ Sarah Prehsler, Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe, Österreichische UNESCO-Kommission (Hrsg.): Lokales und traditionelles Wissen als immaterielles Kulturerbe: Quelle kultureller Vielfalt und Garant der nachhaltigen Entwicklung. 2007 (Webdokument, nationalagentur.unesco.at).
- ↑ Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes, inoffizielle deutsche Arbeitsübersetzung
- ↑ Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes, Schweizer Bundesgesetze
- ↑ Englischer Originaltext der Convention for the Safeguarding of Intangible Cultural Heritage
- ↑ Liste der bisherigen Vertragssaaten der Convention for the Safeguarding of the Intangible Cultural Heritage
- ↑ Offizielles Emblem für das durch die UNESCO-Konvention geschützte immaterielle Kulturerbe (blau)
- ↑ Die Schweiz ratifiziert die UNESCO-Übereinkommen über kulturelle Vielfalt und immaterielles Kulturerbe, Schweizerische UNESCO-Kommission
- ↑ Immaterielles Kulturerbe in Deutschland,[1], Deutsche Unesco Kommission e.V.
- ↑ Bundesregierung | Kulturstaatsminister Bernd Neumann: Deutschland tritt UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes bei. Pressemitteilung der Bundesregierung vom 12. Dezember 2012
- ↑ Deutsche UNESCO-Kommission e. V. April: Deutschland tritt UNESCO-Übereinkommen zum immateriellen Kulturerbe bei. Wissen und Traditionen von Generation zu Generation weitergeben, abgerufen am 11. April 2013
- ↑ Professur für Materielles und Immaterielles Kulturerbe UNESCO, Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn
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