Imperativ (Modus)

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Der Imperativ (lat. imperare ‚befehlen‘) ist ein Modus des Verbs. Er wird in erster Linie für Aufforderungen und Befehle (deshalb auch im Deutschen als Befehlsform bezeichnet) oder Ratschläge und Einladungen benutzt.

Imperativ im Deutschen[Bearbeiten]

Im Deutschen ist der Imperativ einer von drei Modi (die anderen zwei sind der Indikativ und der Konjunktiv). Typisch für den echten Imperativ ist, dass er ohne Personalpronomen verwendet wird. Standardsprachlich umfasst der Imperativ mittlerweile vier Personen[1]:

Indikativ Imperativ Verbform
1. PS Ich bin streng. n/a n/a
2. PS Du bist streng. Sei nicht so streng! Imperativ
1. PPL Wir sind streng. Seien wir nicht so streng! Konjunktiv I[2]
2. PPL Ihr seid streng. Seid nicht so streng! Imperativ
3. PPL Sie sind streng. Seien Sie nicht so streng. Konjunktiv I[3]

Man unterscheidet zwischen Imperativformen ohne Personalpronomen (zum Beispiel geh! oder geht!) und Ersatzformen mit Personalpronomen, die anstelle von nicht existierenden Imperativformen verwendet werden (gehen wir! gehen Sie!). Außer der 1. Person Plural, die linguistisch einen Adhortativ darstellt, sind alle anderen Formen als Befehl an eine anwesende Person oder Gruppe von Personen zu sehen, auch wenn sich der Imperativ mit der höflichen Anrede Sie syntaktisch an die 3. Person richtet und somit auch als Jussiv interpretiert werden kann.

Der Vollständigkeit halber sei noch eine veraltete, historische Form des Imperativs mit der höflichen Anrede Er, Sie, Es angeführt:

Indikativ Imperativ Verbform
3. PS Er/Sie/Es ist streng. Sei Er/Sie/Es nicht so streng! Konjunktiv

Das Beispiel wurde bewusst mit dem Hauptverb sein gewählt, da bei allen anderen Verben der Konjunktiv I der 1. und 3. Person Plural mit dem Indikativ identisch ist.

Bildung des flektierten Imperativs[Bearbeiten]

Im Singular wird der Imperativ im Deutschen gebildet, indem man die Verbform der 2. Person Singular benutzt, aber neben dem Personalpronomen auch die Endung -st weglässt. Im Plural wird nur das Pronomen weggelassen, ansonsten die Verbform der 2. Person Plural verwendet:

Indikativ Imperativ
2. PS Du gehst Geh!
2. PPL Ihr geht Geht!

Weitere Beispiele sind du arbeitest zu arbeite! und du wirfst zu wirf!.

Eine Ausnahme stellen sein und wissen dar (im Folgenden nur noch 2. Person Singular):

Indikativ Imperativ
sein Du bist Sei!
wissen Du weißt Wisse!

Bei starken Verben mit Umlaut in der 2. und 3. Person Singular entfällt der Vokalwechsel beim Imperativ:

Indikativ Imperativ
schlafen Du schläfst Schlaf!
laufen Du läufst Lauf!

Die Endung -e beim Imperativ Singular ist im heutigen Sprachgebrauch meistens fakultativ: mach! und mache! oder schlaf und schlafe gelten in Deutschland als gleichwertige Parallelformen, in Österreich ist das Endungs-e im Hochdeutschen unüblich und veraltet. Bei den schwachen Verben, deren Wortstamm auf -t oder -d endet, gilt die Form mit -e als stilistisch besser:

Indikativ Imperativ
reden Du redest Rede!
warten Du wartest Warte!

Bei Verben wie rechnen oder atmen, bei denen aus dem Wortstamm ein e entfällt (siehe Rechen(-regel), Atem) ist die Imperativform mit der Endung -e, also rechne!, die einzig mögliche Variante. Bei Verben auf -eln und -ern muss zum Wortstamm ohne die Endung -st ebenfalls ein -e angefügt werden: wandere!; bei den Verben auf -eln kann außerdem das e im Wortstamm entfallen: sammele! oder sammle! Starke Verben mit Vokalwechsel im Imperativ können kein -e als Endung bekommen, es heißt nur: wirf!, gib!, iss!.

Im Plural lässt man zur Bildung des Imperativs von der 2. Person Plural nur das Personalpronomen weg, die Endung bleibt. Aus ihr schaut wird schaut!.

Ersatzformen des Imperativs[Bearbeiten]

Um Befehle, Aufforderungen und Anweisungen zu vermitteln, muss nicht zwingend der reguläre Imperativ verwendet werden. Anstelle des Imperativs kann der Sprecher auch auf andere Verbformen und Formulierungen zurückgreifen.

Indikativ[Bearbeiten]

Der Indikativ kann ein Ereignis vorwegnehmen. Der Sprecher erwartet von seinem Gegenüber, dass sich dieses Ereignis in Zukunft so realisieren wird. Diese Form ist recht nah am flektierten Imperativ, da dem Gegenüber unmissverständlich vermittelt wird, was der Sprecher will. Der Unterschied ist, dass sich der flektierte Imperativ meist auf eine akute Situation bezieht – Geh und mach deine Hausaufgaben! – der mit Indikativ umschriebene Imperativ hingegen zukünftig erwartete Ereignisse besser ausdrücken kann.

  • Um Neun bist Du zu wieder zu Hause!
  • In Zukunft wendest Du Dich direkt an mich!
  • Alternativ: In Zukunft wirst Du Dich direkt an mich wenden! (Futur I)

Infinitiv[Bearbeiten]

In Anleitungen, wie zum Beispiel Kochrezepten, die den Anwender nicht persönlich anreden, sind die Arbeitsanweisungen oft nur im Infinitiv anstelle des veralteten man nehme … angegeben, zum Beispiel: Gemüse putzen, waschen und vorbereiten … Auch auf Verbotsschildern ist der Infinitiv verbreitet, zum Beispiel: Nicht rauchen! oder Nicht hinauslehnen!. Im mündlichen Sprachgebrauch ist der Infinitiv als Ersatz für den Imperativ bei echten Aufforderungen (nicht Bitten und auch nicht längeren Sätzen) allgemein üblich, zum Beispiel: Aufpassen!, Herschauen!, Nicht faulenzen!, Erst denken, dann rechnen!.

  • Rezept: Lachsforellenfilet waschen, trockentupfen, mit Zitronensaft beträufeln und kurz stehen lassen. In der Zwischenzeit Gemüse putzen und in feine Streifen schneiden.[4]
  • Aufforderung: Auch beim Zukunftsfonds gilt: Erst denken, dann Geld ausgeben.[5]

Partizip Perfekt[Bearbeiten]

Das Partizip Perfekt (bzw. Partizip II) kann bei trennbaren Verben ohne Objekt als Ersatz für den Imperativ grundsätzlich immer hergenommen werden, was aber – mit Ausnahme von Aufgepasst! – wegen des implizierten autoritär-militärischen Untertons zu vermeiden ist (beim Militär selbst aber nur noch Stillgestanden!):

  • Aufgepasst, jetzt folgt ein Trick![6]
  • Adjutant Carsten Gries kommandiert: „Stillgestanden![7]
  • Autofahrer aufgepasst! Die Nauener Polizei blitzt heute mit ihrem Radarmessgerät auf der Bundesstraße 5 bei Berge.[8]

Passivkonstruktionen[Bearbeiten]

Unpersönliche Passivkonstruktionen sind mit Verben aller Art möglich:

  • Plötzlich kommt die Mama oder der Papa ins Zimmer und bestimmt: „Licht aus, jetzt wird geschlafen.“[9]
  • „Jetzt wird gearbeitet, nicht gequatscht“, ruft sie einer kleinen Gruppe Helferinnen zu und klatscht aufmunternd in die Hände.[10]

Gerundiv[Bearbeiten]

Das Gerundiv kann mit Verben aller Art verwendet werden, vor allem in bürokratischer Sprache:

  • Den Anweisungen des Betriebspersonals sowie der Polizei und der Rettungsdienste ist Folge zu leisten.
  • Zu beachten ist auch, daß die Kinder Abwechslung und Zeit zum Spielen brauchen.[11]
  • Diesen Rahmenbedingungen haben wir Folge zu leisten. [12]

Konjunktiv II[Bearbeiten]

  • Bei Bitten verwendet man gern höflichere Umschreibungen im Konjunktiv II, zum Beispiel: Würdest du bitte das Fenster zumachen? statt Mach bitte das Fenster zu!

Verwandte Modi sind der Jussiv (Befehl an die 3. Person) und der Adhortativ oder der Kohortativ (Aufforderung an die 1. Person). Diese existieren im Deutschen nicht als eigenständige Verbform und müssen durch Umschreibungen ausgedrückt werden.

Imperativ im Englischen[Bearbeiten]

Im Englischen entspricht der Imperativ dem Infinitiv des Verbs. Dieser grammatische Imperativ ist in der 2. Person (Singular und Plural sind dabei ununterscheidbar). Das Personalpronomen you (du) wird für gewöhnlich ausgelassen, kann aber benutzt werden, um den Befehl besonders zu betonen.

Verneint wird er mittels des verneinten Hilfsverbs do (tun): "Don't touch me!"

In der Verneinung kann ebenfalls you eingefügt werden, um besondere Betonung auszudrücken ("You don't touch these!"). In der Umgangssprache kann you auch nach don't stehen, drückt dabei aber nicht zwangsläufig eine Betonung aus: "Don't you touch these!"

Um besonderen Nachdruck auszudrücken, kann das Hilfsverb do auch im affirmativen Imperativ eingesetzt werden: "Do be quiet!"

In der 1. und 3. Person wird der Imperativ mit dem Verb let (lassen) umschrieben:

  • Let us (Let's) have a drink! (drückt den Imperativ in der 1. Person Plural aus)
  • Let him/her/them be happy! (drückt den Imperativ in der 3. Person aus; Konstruktionen mit may (dürfen) werden auch verwandt)

Imperativ im Französischen[Bearbeiten]

Die französische Sprache verfügt, wie das Deutsche, ebenfalls über eine flektierte Verbform des Imperativs, den Impératif[13]. Der französische Impérativ verfügt aber über drei anstelle von zwei Personalflektionen und wird abweichend vom Deutschen nicht mit einem Ausrufezeichen am Satzende markiert[14]:

Imperativ Impératif
2. PS Schau! Regarde.
1. PPL Lass(t) uns schauen! Regardons.
2. PPL Schaut! Regardez.

In der 1. Person Plural ist der Impératif aber kein Imperativ an sich, sondern bildet einen Adhortativ.

Die französische Grammatik beschreibt auch einen Impératif Passé. Damit kann ausgedrückt werden, dass ein Befehl zu einem Zeitpunkt in der Zukunft befolgt worden sein soll. Hierzu wird der Impérativ von avoir (haben) oder être (sein) mit dem passenden Participe présent kombiniert:

Impératif Passé Übersetzung
2. PS Sois partis à midi Sei bis Mittag aufgebrochen!
1. PPL Soyons partis à midi Lasst uns bis Mittag aufgebrochen sein!
2. PPL Soyez partis à midi Seid bis Mittag aufgebrochen!

Der Impératif Passé lässt sich zwar für die 2. Person nach gleichen Regeln ebenso in der deutschen Sprache bilden, ist jedoch selten und wird nicht als eigenständige Form gelehrt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wermke, Matthias (Hrsg.), Drosdowski, Günther (Hrsg): Duden - Die Grammatik, Dudenverlag, Mannheim 2006, ISBN 3-411-04047-5, S. 586
  2. Wermke, Matthias (Hrsg.), Drosdowski, Günther (Hrsg): Duden - Die Grammatik, Dudenverlag, Mannheim 2006, ISBN 3-411-04047-5, S. 585 Abschnitt 787
  3. Wermke, Matthias (Hrsg.), Drosdowski, Günther (Hrsg): Duden - Die Grammatik, Dudenverlag, Mannheim 2006, ISBN 3-411-04047-5, S. 585 Abschnitt 788
  4. Braunschweiger Zeitung, 22.02.2013, Ressort: Verbr; Essen Sie sich fit für den Frühling
  5. Berliner Morgenpost, 16.06.1999, S. 5, Ressort: POLITIK; "Erst denken, dann Geld ausgeben"
  6. Wilkenloh, Wimmer: Poppenspäl, [Kriminalroman]. - Meßkirch, 24.03.2011
  7. Braunschweiger Zeitung, 17.06.2010; König Wilfried setzt der Königskette ein Denkmal
  8. Berliner Morgenpost, 20.10.1999, S. 43, Ressort: HAVELLAND
  9. Nürnberger Nachrichten, 23.04.2009, S. 26; EXTRA-Verlosung
  10. Braunschweiger Zeitung, 29.12.2011; Mit rauem Ton und großem Herz – Inge Hofe hält die Fäden zusammen
  11. Vorarlberger Nachrichten, 19.03.1997, S. G3, Ressort: VN-Journal; Damit die Tour keine Tortur wird
  12. Protokoll der Sitzung des Parlaments Abgeordnetenhaus Berlin am 31.01.2002. 4. Sitzung der 15. Wahlperiode 2001-2006. Plenarprotokoll, Berlin, 2002
  13. Timmermann, Renate Ricarda: Französische Grammatik, PROFUND-Verlag, Plankstadt 2009, ISBN 978-3-932651-00-7, S 93
  14. ebd.