Imperial Continental Gas Association

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Imperial Continental Gas Association (ICGA) war ein europaweit agierendes Gasversorgungsunternehmen mit Hauptsitz in London. Sie wurde mit dem Ziel gegründet, europäische Städte mit Leuchtgas zu versorgen.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Imperial Continental Gas Association wurde 1824 von Moses Montefiori [1] und weiteren Investoren in London gegründet mit dem Ziel, in europäischen Städten Gaswerke für den Verkauf von Leuchtgas zu errichten und den Stadtverwaltungen öffentliche Gasbeleuchtung anzubieten. 1824–1828 war William Congreve Generalbevollmächtigter der Gesellschaft. Das Unternehmen war speziell im 19. Jahrhundert, als die Gasbeleuchtung in Kontinentaleuropa Jahrzehnte lang üblich war, bis sie um 1900 sukzessive von elektrischer Beleuchtung abgelöst wurde, in mehreren europäischen Ländern erfolgreich tätig.

1986 wurde ein Übernahmeangebot der Gulf Resources & Chemical Corporation ausgeschlagen. Stattdessen ging das Unternehmen 1987 in der eigenen Tochtergesellschaft Calor Group und der Firma Contibel (heute ein Teil von GDF Suez) auf.

Gaswerke[Bearbeiten]

Standorte der Imperial Continental Gas Association befanden sich von 1825 an in Deutschland, von 1827 an in den Niederlanden und von 1842 an in Österreich bzw. ab 1867 in Österreich-Ungarn.

Deutschland[Bearbeiten]

Direktor der deutschen Niederlassung mit Sitz in Berlin war ab 1833 Leonard Drory, später Leonard George Drory (1823–1896) und 1896 bis 1904 Edward Drory (1844–1904).

Hannover[Bearbeiten]

Am 26. Februar 1825 ging die Stadt Hannover, als erste Stadt auf dem europäischen Kontinent, mit der Imperial Continental Gas Association (ICGA) einen Gasliefervertrag ein. Die ICGA führte den Probebetrieb am 12. August 1826 in der Glocksee in Linden (Hannover) durch. Erster technischer Leiter war Ingenieur Leonard Drory, der 1833[2] durch Ernst Körting sen. ersetzt wurde. 1912 stellte die ICGA das ab 1911 erbaute Gaswerk und den Gasbehälter am Bauweg in Linden fertig.

1930 wurde das Gaswerk (mit Ausnahme der Gasbehälter) stillgelegt.[3] Infolge von Wartungsarbeiten entstand durch Gasmischung eine Explosion, die am 24. Mai 1956 den Tod eines Menschen und sechs Verletzte verursachte.

Berlin[Bearbeiten]

Übersichtsplan der ersten englischen Gasbeleuchtungsanstalt, 1826

Berlin[4] wurde von 1826 bis 1918 von der Imperial Continental Gas Association mit Gas versorgt.[5][6] Ab 1833 war Leonard Drory Direktor. Folgende Ausbaustufen wurden verzeichnet:

  • 1825–1826 Hallische Kommunikation (später Hellweg, heute Gitschiner Straße 18-31 in Berlin-Kreuzberg)
  • 1836–1838 Holzmarktstraße
  • 1846 Städtliche Gaswerk Berlin oder Gaswerk Hellweg (heute Gitschiner Straße am Böcklerpark in Kreuzberg)
  • 1896 Oberspree, Grünau[7]
  • 1901 Gasanstalt Mariendorf[8]

Mit Öffnung des Gasmarktes am 1. Januar 1847 entstand die kommunale Städtische Gasanstalt als Konkurrent zur ICGA.[9]

Aachen[Bearbeiten]

Von 1838 bis 1912 wurde Aachen von der ICGA mit Gas beliefert.[10]

Köln[Bearbeiten]

Gasbehälter in Köln 1841

Ab 1841 versorgte die ICGA die Stadt Köln mit Gas. Für die Bauten war Friedrich August Neuman verantwortlich:

  • 1841 wurde im Severinsviertel auf dem Grundstück Buschgasse 11 / Rosenstraße die erste Steinkohlengasfabrik in Köln errichtet.[11] Direktor der ICGA Köln war William Haseldine Pepys III.[12] Pepys III wurde 1818 als Sohn des Wissenschaftlers und Mitbegründers der Askesian Society, William Haseldine Pepys II (1775–1856), geboren und heiratete Phillipina Mayer aus Bonn.[13]
  • 1860 wurde ein weiteres Gaswerk in Ehrenfeld, Subbelrather Straße 175, gebaut. [14]
  • 1863 entstand das Gaswerk am Spieserhof (heute Spiesergasse) in Köln.

1873 erwarb die Stadt die Gaswerke der ICGA im Severinsviertel und am Spieserhof für eine Million Taler und führte die beiden Werke selbst weiter. 1880 erwarb die Stadt die Betriebsanlagen in Ehrenfeld.

Frankfurt am Main[Bearbeiten]

Eine besondere Situation ergab sich in Frankfurt am Main: Die 1828 von Johann Friedrich Knoblauch und Johann Johann Georg Remigius Schiele (1795–1861) an der Mainzer Landstraße 28 im heutigen Bahnhofsviertel gegründete „Frankfurter Gasfabrik“ (heute Mainova) stellte nach einem halben Jahr den Betrieb ein. Sie konnte aber durch den Erwerb einer Lizenz und die Erneuerung der Apparate durch die Imperial Continental Gas Association 1829 die Produktion wieder aufnehmen.

1844 erhielt die ICGA in Frankfurt das Privileg, ein Gaswerk zur Erzeugung von Gas aus Kohle zu errichten.[15] Nun endete die Zusammenarbeit mit der Frankfurter Gasfabrik; die ICGA stellte im Mai 1844 ihr eigenen Gaswerk an der Obermainstraße (heute Oskar-von-Miller-Straße) in Frankfurt-Ostend fertig.[16] 1869 wurde ein ICGA-Gaswerk an der Solmsstraße in Frankfurt-Bockenheim, das spätere Gaswerk West, eröffnet.

1909 wurde die Frankfurter Niederlassung der Imperial Continental Gas Association von der Frankfurter Gasgesellschaft übernommen.

Österreich[Bearbeiten]

Direktor der österreichischen Niederlassung mit Sitz in Wien war 1881 bis 1899 Henry James Drory.

Wien[Bearbeiten]

Mit dem Erwerb der Gesellschaft zur Beleuchtung mit k. k. ausschließlich privat verbessertem Gas mit dem Gaswerk Fünfhaus im Jahr 1842 schaffte die Imperial Continental Gas Association den Einstieg in das Geschäft mit der Gasversorgung in Wien, seinen 1850 eingemeindeten Vorstädten und seinen 1892 eingemeindeten Vororten.[17]

Durch den Aufkauf auch der zweiten in Wien ansässigen privaten Gasgesellschaft – der Österreichischen Gesellschaft zur Beleuchtung mit Gas mit ihrem 1828 gegründeten Gaswerk Rossau, dem letzten Konkurrenten, im Jahr 1843 – und durch den Bau eigener Gaswerke (z. B. Gaswerk Erdberg) gelangte sie in die umstrittene Stellung des Monopolisten. Zwar wurden später zwei weitere private Gasgesellschaften, die eigene Gaswerke errichteten, gegründet, doch diese konnten die Vormachtstellung der ICGA nicht gefährden.[18]

Die später längere Zeit vorherrschende Unzufriedenheit mit der englischen Gasgesellschaft führte schließlich dazu, dass die Gemeinde Wien 1899 das Gaswerk Simmering als erstes städtisches Gaswerk errichtete sowie das Wiener Gaswerk gründete und die Lieferverträge mit der ICGA für Wien mit den ehemaligen Vorstädten (Bezirke 1–9) mit Jahresende 1899 auslaufen ließ.[19]

Diese Entscheidung der Stadtverwaltung veranlasste die ICGA, 1899 folgende Gaswerke zu schließen:

  • das Gaswerk Belvedere (3. Bezirk)
  • das Gaswerk Erdberg (3. Bezirk)
  • das Gaswerk Zwischenbrücken-Tabor (2. Bezirk)

Am 10. Februar 1906 beschloss der Wiener Gemeinderat, auch die noch von der Imperial Continental Gas Association versorgten Außenbezirke 10–19 mit städtischem Gas zu versorgen, zusätzlich im 1905 eingemeindeten Floridsdorf, dem 21. Bezirk, das Gaswerk Leopoldau zu errichten und den letzten Vertrag mit der ICGA mit 31. Dezember 1911 auslaufen zu lassen.[20]

Bis Ende 1911 betrieb die ICGA im damaligen Stadtgebiet:

(Bezirksnummern und Adressen nach heutigem Stand).

Von den drei Gaswerken in den heutigen Bezirken 14, 15 und 19 wurden in Wien um 1904 Beleuchtungskörper mit rund 7.700 Flammen versorgt. Außerhalb der damaligen Stadtgrenzen wurden außerdem Weidling, heute Stadtteil von Klosterneuburg, und Hadersdorf-Weidlingau, 1938 als Teil des 14. Bezirks eingemeindet, mit Gas versorgt. Beschäftigt wurden rund 630 Arbeiter.[21]

Andere Standorte[Bearbeiten]

In Sankt Pölten, seit 1986 Landeshauptstadt von Niederösterreich, wurde 1865 von der ICGA ein Gaswerk errichtet. Gemeinsam mit einem Elektrizitätswerk wurde es gegen Ende des 19. Jahrhunderts von der Stadtverwaltung übernommen.[22]

Die Imperial Continental Gas Association betrieb, geleitet von Wien aus, mit Stand von 1899 auch Gasanstalten in Komotau, Saaz, Graslitz und Brüx in Böhmen sowie in Neutra (heute Slowakei) und in Esseg (heute Kroatien), damals in Ungarn.[23]

Niederlande[Bearbeiten]

Die ICGA gründete 1827 in Rotterdam ein Gaswerk.[24]Von 1836 bis 1902 versorgte die ICGA die Stadt Haarlem mit Gas.[25] 1883 wurden in Amsterdam von der ICGA die Westergasfabriek, zum größten Teil nach den Plänen des bekannten Architekten Isaac Gosschalk (1838–1907), und die dazugehörigen Gasbehälter durch den Ingenieur Klönne am Haarlemmerweg 8–10 errichtet.[26]

Belgien[Bearbeiten]

Standorte der ICGA befanden sich auch in Antwerpen und Brüssel.[27]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Moses Montefiore
  2. Bild um 1900
  3. Bild um 1930
  4. Übersicht
  5. ICGA
  6. Reklame- oder Siegelmarke
  7. Eintrag in der Berliner Landesdenkmalliste, abgerufen am 4. November 2012
  8. Eintrag in der Berliner Landesdenkmalliste, abgerufen am 4. November 2012
  9. Direktoren, Aufhebung Gasmonopol
  10. STAWAG
  11. Kölner Zeittafel von gestern bis heute
  12. Adressbuch Köln 1855
  13. Genalogie
  14. Ehrenfeld
  15. Mainova
  16. Zusammenarbeit mit der ICGA
  17. Übernahme der Gaswerke in Wien durch die ICGA
  18. Einstieg der ICGA in die Österreichische Gesellschaft zur Beleuchtung mit Gas
  19. Aufkündigung der Verträge der Stadt Wien mit der ICGA
  20. Wien
  21. Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts…
  22. Jürgen Schneider: Öffentliches und privates Wirtschaften in sich wandelnden Wirtschaftsordnungen. Steiner, Stuttgart, S. 167
  23. Todesfälle. In: Neue Freie Presse, 26. Juli 1899, S. 4 (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp
  24. World Economic History Conference, Helsinki, August 21 to 26 2006 pdf-Datei, Seite 5
  25. Geschichte des EBH-Terrains
  26. WesterGasfabriek
  27. Eintrag in der englischen Wikipedia

Literatur[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

Berlin[Bearbeiten]

  • Hilmar Bärthel: Die Geschichte der Gasversorgung in Berlin. Hrsg. GASAG. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1997, ISBN 978-3875846300.

Frankfurt[Bearbeiten]

  • 175 Jahre Gas- und Wasserversorgung: Und man sieht nur die im Lichte. ISBN 3-9806986-3-7.

Köln[Bearbeiten]

  • Hans Pohl in: Zwei Jahrtausende Kölner Wirtschaft. Band 2: Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Greven, Köln 1975, ISBN 3-7743-0119-0, S. 263, 330.

Österreich[Bearbeiten]

  • Die Erbauung des Wiener städtischen Gaswerkes im Auftrag des Herrn Bürgermeisters Dr. Karl Lueger bearbeitet. Selbstverlage des Wiener Gemeinderates, Wien 1901.
  • Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts – Ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung. Hrsg. Österreichischer Architekten-Verein. Gerlach & Wiedling, Wien 1903.
  • Technischer Führer durch Wien. Hrsg. Österreichischer Ingenieur- und Architektenverein. Redigiert von Martin Paul (Stadtbauinspektor). Gerlach & Wiedling, Wien 1910.
  • Robert Medek: 85 Jahre Städtisches Gaswerk Wien-Simmering – Kommunale Gasversorgung seit 1899. Wiener Stadtwerke – Gaswerke
  • Die Wiener Gasometer – Standorte und Details zu den Gaswerken und Gasometern der ICGA in Wien

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Imperial-Continental-Gas-Association – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien