Impliziter Autor

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Der implizite Autor (englisch: implied author) ist ein Begriff aus der Literaturwissenschaft, der von Wayne C. Booth eingeführt wurde.[1] Nach Booth bezeichnet der Terminus das Bild, das sich der Leser durch die Lektüre dieses Textes vom Autor machen kann. Er stellt somit eine vermittelnde Instanz zwischen dem tatsächlichen Autor und dem Erzähler dar.

Der Begriff des impliziten Autors umfasst nach Booth dabei sowohl die Struktur und Bedeutung eines literarischen Textes als auch auf dessen Werte- und Normensystem („the core of norms and choices“, S. 74) und fungiert als heuristisches Konzept zur Interpretation insbesondere von narrativen Texten.[2]

Der implizite Autor bezeichnet dabei die Größe, die aus dem Text selbst heraus, aber auch aus dessen Bezügen auf andere Texte bzw. aus dessen Kontext heraus abzuleiten ist und vom Leser als ordnende Instanz des literarischen Bedeutungsgeschehens begriffen wird.[3]

Booths Konzeption einer „normativen Rhetorik der Erzählkunst“ zufolge sind literarische Werke „intentional strukturierte normative Welten“; demgemäß ist dieser ebenso einflussreiche wie kontroverse Begriff „integraler Bestandteil einer ethisch orientierten rhetorischen Analyse“ (ethical criticism), die in der Rhetorik der Erzählkunst einen Schlüssel zum Verständnis der Textintention (text intent) und des Wertesystems des Autors liefern will.[4]

Die Einführung dieses Terminus ermöglicht es den primär werkimmanent ausgerichteten literaturwissenschaftlichen Ansätzen in der Nachfolge des new criticism, zumindest wieder „implizit“ den Autor und seine Intentionen in die Werkanalyse einzubeziehen, ohne sich dem Einwand eines Biografismus auszusetzen.[5]

Booth lässt bei seiner Definition allerdings einige Fragen offen, da er den impliziten Autor nicht einheitlich bestimmt. Einerseits spricht er davon, dass der implizite Autor ein vom realen Autor beim Schreiben entworfenes Selbstbildnis ist, andererseits zählt für ihn auch das lesergenerierte Bild vom Autor ebenfalls dazu.

Befürworter des Konzepts heben trotz der Unbestimmtheitsstellen in Booths Konzept dessen interpretatorische Nützlichkeit hervor, beispielsweise zur Analyse erzählerischer Unzuverlässigkeit, und nutzen die Vorstellung eines impliziten Autors für synonym verwendete Begriffe wie „Subjekt des Werkganzen“ oder „abstrakter Autor“.

Diese Begrifflichkeiten bezeichnen allesamt im Kommunikationsmodell literarischer Texte eine „stimmenlose“ Sendeinstanz, die zwischen den Kommunikationsebenen des realen historischen Autors und denen des fiktiven Erzählers bzw. der fiktiven Figuren angesiedelt ist und sich nicht explizit äußert, sondern vom Leser erschlossen werden muss.[6]

Das Pendant zum impliziten Autor auf der Seite des Lesers ist der implizite Leser.

Konzeptuell ist der implizite Autor in der neueren Literaturwissenschaft und Literaturtheorie, wie oben erwähnt, durchaus nicht unumstritten. So ist z.B. Gérard Genette der Auffassung, dass mit dem impliziten Autor in Wahrheit entweder der reale empirische Autor, oder aber die Gesamtbedeutung des Werkes gemeint ist. In beiden Fällen sei es unnötig, eine zusätzliche Instanz wie den impliziten Autor einzuführen.[7]

In der kritischen Auseinandersetzung mit dem Konstrukt des impliziten Autors wird darüber hinaus neben dessen begrifflicher Vagheit vor allem der unbestimmte Status im Kommunikationsmodell der literarischen Texte moniert. Bei dem impliziten Autor und seinem abstrakten Korrelat auf der Empfängerseite, dem impliziten Leser, handele es sich nicht um personalisierbare und pragmatisch bzw. deiktisch fassbare Sprecherinstanzen, sondern um semantische Kategorien in der Gesamtbedeutung bzw. dem Werte- und Normensystem des literarischen Textes.

Über die literaturtheoretischen Widersprüche in dem Konzept hinausgehend, rügen Kritiker wie M. Bal und G. Genette ebenfalls die „theoretisch und methodisch bedenkenlose“ Verwendung dieses Begriffs und plädieren dafür, im Rahmen einer auf die Beschreibung von Textmerkmalen ausgerichteten Erzähltheorie auf ein solches „anthropomorphisierte[s]“ Konzept zu verzichten.[8]

Im Zuge der ausgangs des 20. Jahrhunderts in der neueren literaturwissenschaftlichen bzw. literaturtheoretischen Diskussion proklamierten Rückkehr des Autors hat allerdings ungeachtet der Entwicklung von Alternativkonzepten Booths Begriff des impliziten Autors eine Renaissance erlebt und eine erneute Bedeutung in der Praxis der Literaturinterpretation erfahren.[9]

Siehe auch:

Literatur[Bearbeiten]

  • Booth, Wayne C.: The Rhethoric of Fiction. University of Chicago Press, Chicago/London 1991 [1961] (dt. Die Rhetorik der Erzählkunst. Quelle und Meyer, Heidelberg 1974, UTB, ISBN 3-494-02040-X).
  • Kindt, Tom, Müller, Hans-Harald: The Implied Author. Concept and Controversy (Narratologia/Contributions To Narrative Theory). De Gruyter 2006. ISBN 3-11-018948-8.
  • Kindt, Tom, Müller, Hans-Harald: Der implizite Autor: Zur Explikation und Verwendung eines umstrittenen Begriffs. In: Fotis Jannidis et al. (Hrsg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Niemeyer Verlag, Tübingen 1999, ISBN 3-484-35071-7, S. 273-288.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Booth, Wayne C.: The Rhethorik of Fiction. University of Chicago Press, Chicago/London 1991 [1961] (dt. Die Rhetorik der Erzählkunst. Quelle und Meyer, Heidelberg 1974, UTB, ISBN 3-494-02040-X), S. 74.
  2. Ansgar Nünning: Autor, impliziter. In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 2004, ISBN 3-476-10347-1, S. 8f.
  3. Andrea Polaschegg: Autor. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 35-39, hier S. 38.
  4. Vgl. Ansgar Nünning: Autor, impliziter. In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 2004, ISBN 3-476-10347-1, S. 8f. Siehe auch Tom Kindt, Hans-Harald Müller: Der implizite Autor: Zur Explikation und Verwendung eines umstrittenen Begriffs. In: Fotis Jannidis et al. (Hrsg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Niemeyer Verlag, Tübingen 1999, ISBN 3-484-35071-7, S. 273-288, hier v.a. S. 279f.
  5. Vgl. Ansgar Nünning: Autor, impliziter. In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 2004, ISBN 3-476-10347-1, S. 8f.
  6. Ansgar Nünning: Autor, impliziter. In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 2004, ISBN 3-476-10347-1, S. 8f. Siehe auch z.B. Manfred Pfister: Das Drama. Theorie und Analyse. Fink Verlag, (8. Auflage, München 2000 [1988], ISBN 3-8252-0580-0 (UTB), S. 21).
  7. Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko (Hrsg.): Texte zur Theorie der Autorschaft.2000 Stuttgart. ISBN 978-3-15-01-8058-7
  8. Vgl. Ansgar Nünning: Autor, impliziter. In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 2004, ISBN 3-476-10347-1, S. 9. Siehe auch Tom Kindt, Hans-Harald Müller: Der implizite Autor: Zur Explikation und Verwendung eines umstrittenen Begriffs. In: Fotis Jannidis et al. (Hrsg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Niemeyer Verlag, Tübingen 1999, ISBN 3-484-35071-7, S. 286.
  9. Vgl. Andrea Polaschegg: Autor. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 35-39, hier S. 38.