Improperien
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Die Improperien oder Heilandsklagen (von lat. probrum: Vorwurf, Schelte) gehören seit dem frühen Mittelalter zur kirchlichen Feier vom Leiden und Sterben Christi am Karfreitag. Sie sind in der festen Liturgie der römisch-katholischen und orthodoxen,und gelegentlich auch in der Liturgie der lutherischen und altlutherischen Kirchen zu finden.
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[Bearbeiten] Entstehung
Die erste abendländische Quelle für die Improperien findet sich im mozarabischen Liber Ordinum aus dem 7. Jahrhundert. Die Inhalte stammen aus dem Alten Testament und wurden Jesus in den Mund gelegt. Sie sind mit syrischen und griechischen Karfreitagsgesängen verwandt.
Ursprünglich wurde die Kreuzverehrung am Karfreitag still vollzogen, doch im fränkischen Raum während des 9. Jahrhunderts wurde das dreimalige Trishagion (Hagios ho Theos) mit den Improperien verbunden und vor der Verehrung des Kreuzes gesungen. Dort bildeten sie auch den liturgischen Rahmen für die folgenden Großen Fürbitten.
Die Bezeichnung Improperien findet sich erst im römischen Missale von 1474, da sie nicht zum ursprünglichen gregorianischen Graduale gehören.
[Bearbeiten] Aufbau
Die Improperien sind in die großen und die kleinen Improperien eingeteilt, die während der Kreuzverehrung aneinander anschließen. Zu Beginn stimmt der Priester, der Diakon oder der Kantor das Popule meus an, das ein Klagelied des Erlösers an sein treuloses Volk darstellt.
Die großen Improperien bestehen aus drei jeweils von einem Vorsänger vorgetragenen Versen Popule meus / Quia eduxi te / Quid ultra debui, auf die jeweils die responsorische Antwort der Schola Hagios ho Theos folgt. Die Verse des Vorsängers bestehen aus je zwei Teilen. Im ersten Teil werden eine oder mehrere Heilstaten Gottes an seinem Volk benannt (unter anderem die Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft, woran wiederum direkt in der Osternacht angeknüpft wird); dem wird jeweils eine Schandtat des Gottesvolkes während der Passion gegenübergestellt.
Anschließend werden die kleinen Improperien gesungen, die aus neun antithetischen Versen (von zwei Kantoren gesungen) bestehen, wechselnd mit Ego und Tu beginnend, und denen je ein Popule meus der Schola folgt. Die sich daraus ergebende Anklage des Erlösers ist kürzer als in den großen Improperien. Durch die gleich langen Verse und den regelmäßigen Wechsel der Versanfänge von "Ego" und "Tu" sind die kleinen Improperien jedoch regelmäßiger gegliedert.
Im Gotteslob steht als Lied 206 eine im Jahr 1817 von Markus Fidelis Jäck übertragene Fassung der Improperien ("O du mein Volk, was tat ich Dir?"). Der Charakter des Wechselgesangs wird beibehalten, jedoch vereinfacht, indem nur noch zwischen Schola bzw. und allen anderen Anwesenden unterschieden wird. Dagegen fällt die Einteilung in große und kleine Improperien weg; außerdem wird die textliche Reihenfolge teilweise verändert und manche Passagen auch ganz weggelassen.
[Bearbeiten] Text
| Lateinischer Originaltext nach dem Graduale Romanum 1973 |
Deutsche Übersetzung nach dem Schott-Messbuch |
Gereimte Übertragung Markus Fidelis Jäck 1817 |
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I. |
I. |
1. |
[Bearbeiten] Theologische Aussage
Die Botschaft dieser Klagen richtet sich nicht - wie man durch die angeführten rettenden Taten Gottes aus dem Alten Testament annehmen könnte - an die Israeliten, dem Volk des alten Bundes, zu dem Gott zuerst gesprochen hat, sondern zunächst an die Christen. Genauso wie Israel sei auch die Kirche oft von Gott abgefallen. Somit sei letztere selbst angesprochen, und jeder einzelne Christ müsse sich fragen: „Wo habe ich (haben wir) den Herrn verraten?“
[Bearbeiten] Orthodoxe Kirchen
Die Orthodoxe Kirchen feiern den Karfreitag nach dem Byzantinischen Ritus, der ebenfalls Klagegesänge und das Trishagion enthält.
Ausgehend von der antijudaistischen Gottesmord-Theorie, bezeichnen einige dieser Klagegesänge die Juden als „Schwarm der Gottesmörder“, „frevelhaftes“, „gottloses und verbrecherisches“, „mit Mord beflecktes“, „neidisches, mörderisches und rachedurstiges Volk“, „verderbliche Bande von Gotteshassern“, „Synagoge von übel handelnden Gottesmördern“, „arrogantes Israel“ und „(zähne-)knirschendes, allerbösartigstes Hebräergeschlecht“. Dem werden die Wohltaten Christi an seinem Volk gegenübergestellt. Ein Schuldbekenntnis der christlichen Gemeinde, die sich für Jesu Leiden und Sterben mitverantwortlich erklärt, wird vom Priester allenfalls ergänzt, ist jedoch kein Bestandteil der vorgegebenen Liturgie.
Seit 1977 kam es zu fünf offiziellen Beratungen von Vertretern der orthodoxen Kirche und des Judentums, bei denen letztere um Revision der antijüdischen Gesänge in der Karwochenliturgie baten. Seit Mai 1995 befürwortet Bartholomäus I. - als Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel geistliches Oberhaupt der Orthodoxen Kirche ohne Jurisdiktionsprimat -, die antijüdischen Passagen aus der Karwochenliturgie zu streichen. Einzelne Synoden könnten die Liturgie ändern, verzichten jedoch aus Achtung vor der Tradition darauf, bis ein großes Konzil aller Orthodoxen darüber entschieden hat. Viele orthodoxe Traditionalisten Osteuropas lehnen eine solche Liturgiereform grundsätzlich ab, während westliche Orthodoxe aufgrund stärkerer Kontakte mit Juden offener dafür sind. Sie lassen die antijüdischen Beschimpfungen weg oder deuten sie um: So klagt der französische Katechismus Dieu vivant die christlichen Verbrechen an Juden an und betont den ungekündigten Israelbund Gottes. Auch Christen seien stets gefährdet, durch Verrat an ihren Nächsten wie Judas Verräter und Mörder Christi zu werden.[1]
[Bearbeiten] Vertonungen
Bekannte Vertonungen stammen von Tomás Luis de Victoria und Giovanni Pierluigi da Palestrina.
[Bearbeiten] Literatur
Katholische Liturgie:
Missale Romanum ex decreto Sacrosancti Oecomenici Concilii Vaticani II instauratum auctoritate Pauli PP. VI promulgatum, Editio typica altera, Rom 1975, S.259-216.
Die Feier der Heiligen Messe. Messbuch für die Bistümer des deutschen Sprachgebiets. Authentische Ausgabe für den liturgischen Gebrauch. Herausgegeben im Auftrag der Bischofskonferenzen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz und der Bischöfe von Luxemburg, Bozen-Brixen und Lüttich. Kleinausgabe, Einsiedeln u.a. 1975, S. [56]-[58].
Graduale Romanum. S. 176-81. Tournai: Desclée & Co., 1974.
Gotteslob. Katholisches Gebet- und Gesangbuch, S. 268-69. Stuttgart: Katholische Bibelanstalt GmbH, 1975.
Evangelische Liturgie:
Cantionale für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, 5. Aufl. d. Musikalischen Anhangs zur Agende, Band I, Ansbach 1941, S. 161-172.
Kleines Kantionale, Band I, zum Gebrauch in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, München 1968, S. 40-43.
Gottesdienstfeiern von Palmsonntag bis Ostern, Entwurf der Agende für evangelisch-lutherische Kirchen und Gemeinden, Band II Teilband I, Hannover 2008, S. 134-137

