Improvisationstheater

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Improvisationstheater (oft auch kurz Improtheater) ist eine Form des Theaters, in der improvisiert wird: Es wird eine Szene oder es werden mehrere Szenen gespielt, die zuvor nicht inszeniert sind. Meist lassen sich die Schauspieler ein Thema oder einen Vorschlag aus dem Publikum geben. Diese Vorschläge sind dann Auslöser und Leitfaden für die daraufhin spontan entstehenden Szenen. Häufig werden die Spieler durch einen − meist ebenfalls improvisierenden − Musiker begleitet.

Geschichte[Bearbeiten]

Erste Ursprünge des improvisierten Theaters lassen sich bis ins antike Griechenland zurückverfolgen (Mimus). Allerdings trat die Improvisation im Laufe der Geschichte mit der Entwicklung einer Theatertradition immer mehr in den Hintergrund. Die Improvisation wurde dann zwar wiederentdeckt – ähnlich wie in der Musik. Doch die Improvisation erkämpfte sich nur langsam die Anerkennung als eine eigenständige Kunstform: Ihre Berechtigung liegt nicht nur in der Probenarbeit des regulären Theaterbetriebs und in den Schauspielschulen, sondern sie kann auch als alleinige Grundlage für Aufführungen dienen.

In der Neuzeit lassen sich Belege für improvisiertes Theater in Italien und Frankreich vor allem im Bereich der Commedia dell'Arte finden. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es weitere Experimente, z.B. die Stegreifkomödie, das Stegreiftheater, das Jacob Levy Moreno mit psychotherapeutischen Zielsetzungen zunächst in Wien und später in den USA zum psychodramatischen Rollenspiel weiterentwickelte.[1]

In den 1940er Jahren erschuf die Amerikanerin Viola Spolin Improvisationstechniken und Improspiele.[2] Von ihrem Sohn Paul Sills wurde Improtheater in Amerika weiterentwickelt. Dessen im Jahre 1955 in Chicago gegründete studentische Schauspielgruppe "The Compass" war wahrscheinlich die früheste Improvisationstheatergruppe im heutigen Sinne. Sie führte − inspiriert durch Bertolt Brechts Theatertheorien und Theater-Spielen von Viola Spolin – nach so genannten Scenarios gesellschaftskritische, satirische Improvisationen auf. Darüber hinaus wurden nach Vorgaben des Publikums kurze Szenen improvisiert.

In den 1970er Jahren schuf Keith Johnstone in England das Konzept Theatersport, die bis heute populärste Form des Improtheaters. Johnstone exportierte es nach Kanada, wo er das heute noch existente Loose Moose-Theater gründete.[3][4]

Del Close erfand die erste Langform eines Improvisationstheaters, den sogenannten "Harold" und machte damit erst viele heute bekannte abendfüllende Improformate möglich.[5]

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts verbreitete sich Theatersport und Improvisationstheater global. Unzählige Formen und Formate haben sich inzwischen ausdifferenziert und wurden von immer mehr Quellen inspiriert und beeinflusst.

Theorie[Bearbeiten]

Gunter Lösel vergleicht die Theorieansätze der "Klassiker" (Moreno, Spolin, Johnstone, Close...), sucht Gemeinsamkeiten und entwickelt daraus − unter Verwendung des Konzepts der Performativität von Erika Fischer-Lichte − eine Theorie der Aufführung des Improvisationstheaters: [6]

In der Theorie und der Praxis des Improvisationstheaters haben sich grundlegende allgemeine Regeln der Produktion etabliert. So besitzt jeder Mensch bereits alle wichtigen Eigenschaften wie Erzählen oder Spontanität. Der Großteil der Regeln beschäftigt sich mit der Beseitigung von Abwehrmechanismen und Blockaden. Eine Geschichte entsteht aus der Spontaneität und gegenseitigen Inspiration der Impro-Spieler. Der verneinende Intellekt weicht der Phantasie. Ohne Widerstände entwickelt kann sich eine Improvisation selbstorganisierend entwickeln. Schöpferische Quellen sind dabei das Unbewusste, die Emergenz und der Zufall.

Dem Problem einer schwankenden Qualität wird auf verschiedenen Weisen begegnet. Die Commedia dell´arte überbrückte schwache Momente mit ihren "lazzi", "tirate" und "bravure" und das Ensemble half, wenn einem Schauspieler nicht weiter wusste und unterstützte ihn. Moreno sah das Problem einer schwankenden Qualität als unüberwindbar, erst die Chicago-Schule und Johnstone finden Antworten auf das Problem. Im Improvisationstheater wird eine Ästhetik des Imperfekten gepflegt. Das Scheitern wird positiv gerahmt, der Rahmen Theatersport fängt z.B. schlechte Szenen auf, im Sport ist das Verlieren ein wichtiger Teil des Ereignisses.

Formen[Bearbeiten]

  • Kurzformen: Die jeweilige Szene dauert nur wenige Minuten. Hier gibt es Hunderte von Spielen ("Games") verschiedenster Kategorien, zum Beispiel Gromolo-Spiele, Synchronisationsspiele und viele andere mehr. Häufig werden kurze Szenen im Rahmen einer "Impro-Show" zusammengefasst. Die Impro-Show hat oft ein Motto oder einen formalen Rahmen. Die kurzen Szenen werden in der Regel auch beim Theatersport benutzt.
  • Theatersport: Beim Theatersport treten zwei Mannschaften in verschiedenen Disziplinen gegeneinander an und versuchen, durch besonders gute Szenen die Gunst des Publikums zu erlangen. Der Begriff "Theatersport" wurde von Keith Johnstone rechtlich geschützt und darf nur mit dessen Genehmigung für Auftritte verwendet werden. Deswegen sind auch Begriffe wie Impro-Match geläufig, auch wenn der rechtliche Schutz in Deutschland keine Gültigkeit hat.
  • Langformen: Die Szene dauert mindestens 15-20 Minuten. Eine typische Langform ist der Harold: Impressionen über ein Thema, oft auch mit autobiographischen Elementen der Schauspieler, die collagenartig gesammelt und miteinander verwoben werden.
  • Impro-Krimi: In verschiedenen Formaten, die sich vor allem durch die Beteiligung der Zuschauer unterscheiden, meist als Langform-Improvisation aufgeführtes Format.
  • Improvisation mit Regisseur: Ein längeres Theaterstück, bei dem ein Regisseur eingreifen kann.
  • Impro-Soap: Eine improvisierte, auf mehrere Folgen angelegte Seifenoper
  • Biographietheater: Ein geladener Gast erzählt aus seinem Leben. Diese Geschichte wird gleichzeitig improvisiert. Dies geschieht beim Improtheater eher unterhaltsam, beim Playback Theater eher psychologisierend.
  • improvisierte musikalische Formen, wie Oper, Musical, Grand Prix
  • Action Theater: Eine von der Performerin Ruth Zaporah gegründete körperbetonte Form des Improtheaters.

Fernsehen und Schule[Bearbeiten]

Im britischen und US-amerikanischen Fernsehen ist Whose Line Is It Anyway? eine bekannte Comedyshow, die auf dem Prinzip des Improvisationstheaters beruht (und auch viele aus den Impro-Kurzformen bekannten Spiele verwendet). Im Deutschen Fernsehen diente sie als Vorbild für die Improvisationscomedy Frei Schnauze und Frei Schnauze XXL (RTL). Zwei weitere deutschsprachige Sendungen aus dem Genre Improvisationscomedy sind Schillerstraße (Sat.1) und Durchgedreht! (ZDF).

Improvisationstheater wird auch in der Schule, besonders in der Interaktionspädagogik, angewandt. Die Lernenden treten in eine gemeinsame Interaktion und die nötigen Handlungskompetenzen der Sozialisation werden gefördert. Bei der Improvisation im Schulunterricht können vor allem Grundqualifikationen des sozialen Handelns wie Empathie, Ambiguitätstoleranz und Identitätsdarstellung trainiert werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Augusto Boal: Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-11361-5.
  • Augusto Boal: Der Regenbogen der Wünsche. Kallmeyer, Seelze 1999, ISBN 3-7800-5811-1.
  • Augusto Boal: Legislative Theater. Routledge, London 1999, ISBN 0-415-18241-7.
  • Randy Dixon: Im Moment. Buschfunk, Impuls-Theater, Planegg 2000, ISBN 3-7660-9103-4.
  • Charna Halpern, Del Close, Kim Howard Johnson: Truth in Comedy. The Manual for Improvisation. Meriwether Pub, 1994, ISBN 1-56608-003-7.
  • Keith Johnstone: Improvisation und Theater. Alexander, Berlin 1993, ISBN 3-923854-67-6.
  • Keith Johnstone: Theaterspiele. Spontaneität, Improvisation und Theatersport. Alexander, Berlin 2002, ISBN 3-89581-001-0.
  • Gunter Lösel: Theater ohne Absicht. Impulse zur Weiterentwicklung des Improvisationstheaters (ein Herz-, Hand- und Hirnbuch für Improvisationstheater). Buschfunk, Impuls-Theater, Planegg 2004, ISBN 3-7660-9104-2.
  • Gunter Lösel: Das Spiel mit dem Chaos. Zur Performativität des Improvisationstheaters. Transcript, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-2398-7.
  • Stephen Nachmanovitch: Das Tao der Kreativität. Schöpferische Improvisation in Leben und Kunst. Barth, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-502-61189-9.
  • Doug Nunn: Show ab! Impuls-Theater, Planegg 1999, ISBN 3-7660-9102-6.
  • Jo Salas: Playback-Theater. Alexander, Berlin 2012, ISBN 978-3-89581-216-3.
  • Viola Spolin: Improvisationstechniken − für Pädagogik, Therapie und Theater. Junfermann, Paderborn 1983, ISBN 3-87387-209-9.
  • Radim Vlcek: Workshop Improvisationstheater. Auer, Donauwörth 2000, ISBN 3-403-03423-2.
  • Ruth Zaporah: Action Theater − the improvisation of presence. North Atlantic Books, Berkeley, CA 1995, ISBN 1-55643-186-4.
  • Dagmar Dörger, Hans-Wolfgang Nickel: Improvisationstheater - Ein Überblick: Das Publikum als Autor. Schibri, Berlin 2008, ISBN 978-3-937895-62-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gunter Lösel: Das Spiel mit dem Chaos. Zur Performativität des Improvisationstheaters. Transcript, Bielefeld 2013.
  2. Viola Spolin: Improvisationstechniken für Pädagogik, Therapie und Theater. Junfermann, Paderborn 2010.
  3. Keith Johnstone: Improvisation und Theater. Alexander, Berlin 2010.
  4. Keith Johnstone: Theaterspiele: Spontaneität, Improvisation und Theatersport. Alexander, Berlin 2011.
  5. Charna Halpern, Del Close, Kim "Howard" Johnson: Truth in Comedy. The Manual of Improvisation. Meriwether Pub, 1994.
  6. Gunter Lösel: Das Spiel mit dem Chaos. Zur Performativität des Improvisationstheaters. Transcript, Bielefeld 2013.