Incipit

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Handschrift aus dem Benediktinerstift Weihenstephan, um 1475, oben (in rot) das frühneuhochdeutsche Incipit „Hie hebt sich an der heyligen leben in dem wintertayl“

Das lateinische Wort incipit bedeutet „es beginnt“ (3. Person Singular des Verbs incipere, „anfangen, beginnen“). Als Incipit bezeichnet man heutzutage die ersten Worte eines literarischen Textes; manchmal auch den Anfang eines Notentextes (so sind etwa einige Kompositionen Wolfgang Amadeus Mozarts nur durch das Incipit im eigenhändigen Verzeichnis seiner Werke überliefert).

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Ursprüngliche Bedeutung

Als formelhafte Wendung steht incipit am Anfang von Texten des Mittelalters und der frühen Neuzeit, wo es dann am besten mit „Hier beginnt ...“ übersetzt wird. Dem Incipit folgt eine mehr oder weniger ausführliche Zusammenfassung des Inhalts, gelegentlich auch Bemerkungen zum Autor oder andere sekundäre Informationen. Da es sich bei den betreffenden Texten zu einem großen Teil um Handschriften handelt, ist der Anfangsbuchstabe „i“ manchmal als prächtige und fantasievoll verzierte Initiale ausgeführt.

Als das Lateinische in der frühen Neuzeit zusehends von den Volkssprachen als Literatursprache abgelöst wurde, starb das Incipit als eröffnende Floskel damit keineswegs gleich aus; vielmehr wurde in volkssprachlichen Texten die jeweilige Übersetzung des lateinischen Wortes eingesetzt, also eben „Hie hebt sich an ...“ oder „Heere bigynneth ...“ usw.

[Bearbeiten] Ursachen des Bedeutungswandels

Das Incipit übernimmt dabei Funktionen, die im modernen Buchdruck zum Teil vom Titelblatt, zum Teil aber auch vom Inhaltsverzeichnis oder der Kapitel-Überschrift wahrgenommen werden. Diese nach heutigen Kriterien wenig effizient erscheinende Praxis bewährte sich im Alltag des mittelalterlichen Buchwesens durchaus, da es seinerzeit aus Gründen der Kostenersparnis üblich war, mehrere Texte – auch ganz verschiedenen Inhalts, ja sogar in verschiedenen Sprachen – zu einem einzigen Kodex, einer so genannten Sammelhandschrift, zusammenzufügen.

Mit der Diversifizierung von Kunst und Gesellschaft und dem Aufkommen individualistischer Strömungen kam man davon ab, Bücher in dieser stereotypen Art und Weise zu beginnen. Schrittweise ging die Entwicklung dahin, im Gegenteil gerade den ersten Worten eines literarischen Textes und deren origineller Gestaltung besonderes Augenmerk zu widmen.

Geoffrey Chaucer als Pilger im Ellesmere Manuscript der Canterbury Tales. Oben das mittelenglische Incipit „Heere bigynneth Chaucers tale of Melibeus“

[Bearbeiten] Gegenwärtiger Sprachgebrauch

Im einem neuen, übertragenen Sinne bezeichnete man als Incipit alsbald auch die „eigentlichen“ ersten Worte eines Textes (der entsprechende Begriff „Explicit“ für die letzten Worte existiert ebenfalls). In vielen Sprachen ist dies heute die einzig gebräuchliche Verwendung des lateinischen Terminus, der Bezug zum Bibliothekswesen ist in diesem Fall weitestgehend in Vergessenheit geraten.

Die Praxis, einen Text nach den ihn eröffnenden Worten zu betiteln, war allerdings bereits im Altertum verbreitet. Sumerische Keilschrifttafeln des 3. Jahrtausends v.u.Z. wurden von den damaligen Archivaren anhand dieser Methode katalogisiert.

Im Hebräischen heißen die Bücher des Tanach (im christlichen Sprachgebrauch: des Alten Testaments) häufig nach ihrem Incipit; so heißt das 1. Buch Mose Bereschit, also „Im Anfang“. Erst mit der griechischen Übersetzung Septuaginta kam der inhaltsbezogene Titel Genesis auf.

Die Paraschot, also die Wochenabschnitte der Toralesung am Sabbat, heißen ausnahmslos nach den ersten Worten des jeweiligen Abschnitts (Bereschit, Noach, Lech Lecha usw.). An diese Praxis knüpft das christliche Kirchenjahr an: hier tragen die Sonntage in vielen Fällen Namen, die auf die ersten Worte der zu lesenden Bibelstelle oder des zur Liturgie gehörenden Introitus zurückgehen (beispielsweise Laetare, Quasimodogeniti, Misericordias Domini).

Konzilsdokumente und Päpstliche Enzykliken werden ebenfalls bis heute nach ihren meist programmatisch gewählten Anfangsworten zitiert, etwa Gaudium et Spes oder Lumen Gentium.

Auch in der Literaturwissenschaft ist es üblich, Gedichte ohne Titel nach ihren Anfangsworten zu zitieren; der Fall, dass das Incipit sogar bekannter wird als der eigentliche Titel, tritt ebenfalls häufig auf – ein gutes Beispiel dafür ist Friedrich Schillers Ode „An die Freude“ (1785), die gewöhnlich stärker mit ihren einleitenden Worten „Freude, schöner Götterfunken“ assoziiert wird. In den Inhaltsverzeichnissen von Gedichtbänden und Liedersammlungen werden daher im allgemeinen Titel und Incipit gleichberechtigt nebeneinander aufgeführt.

[Bearbeiten] Das Incipit in der modernen Textverarbeitung

Eine moderne Variante dieser Form des Katalogisierens über ein Incipit ergibt sich aus einer Eigenschaft vieler Textverarbeitungsprogramme: Ein vom Benutzer nicht ausdrücklich anders benanntes Dokument wird hierbei seitens der Software mit den ersten Worten des Textes als Titel gespeichert.

[Bearbeiten] Siehe auch

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