Industriestandard
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Ein Industriestandard oder – vor allem im englischen Sprachraum – De-facto-Standard, seltener auch Quasi-Standard, ist ein technischer Standard, der nicht durch ein Normengremium verabschiedet, sondern von Industrieunternehmen definiert wurde.
Ein Industriestandard kann sich im Laufe der Jahre durch die Praxis vieler Anwender und verschiedener Hersteller als technisch nützlich und sinnvoll herausbilden. In der Regel gelingt es nicht, solche Industriestandards von vornherein festzulegen, wie beispielsweise beim GSM-Standard des ETSI.
Die wirtschaftliche Zielsetzung eines Industriestandards ist es, bei einer gewissen Problemstellung ein bestimmtes pragmatisches Regelwerk einzuhalten.[1] Sobald eine „kritische Masse“ überschritten wurde, beschleunigt sich die Akzeptanz noch stärker. Ein (inter)nationales Normungsverfahren wie bei Normen bzw. De-jure-Standards muss jedoch nicht zwingend durchgeführt werden.[2]
Eine Eigenschaft eines Industriestandards ist, dass die Festlegung und Weiterentwicklung noch mehr als bei Normen im Allgemeinen von wirtschaftlichen Interessen und Patenten der in diesem Prozess eingebunden Unternehmen oder Interessensverbänden gesteuert wird. Das lässt sich am Beispiel DOS zeigen: DOS galt als ein Industriestandard für PC-Betriebssysteme; es gab jedoch zur gleichen Zeit verschiedene Ausprägungen des Systems (PC-DOS, MS-DOS, DR-DOS), die untereinander nicht vollständig kompatibel waren.
Ein Industriestandard wird auch von einzelnen Unternehmen gezielt forciert oder durch Absprachen mehrerer Unternehmen geschaffen. Beispiel dafür ist Ethernet: Die Ethernet-Spezifikation wurde von drei Unternehmen (DEC, Intel, Xerox) abgesprochen und später von IEEE und ISO zu internationalen Standards erklärt.
Generell gehen solche Aktivitäten inzwischen aber zurück zugunsten von größeren Foren. Gruppen (meist Hersteller aus der privaten Industrie), die an einem Thema Interesse haben, und sich in Standardisierungsgremien nicht ausreichend repräsentiert sehen, gründen Foren mit dem Ziel, für eine ganz neue Technik, die erst entwickelt werden muss, einen Industriestandard zu setzen. Damit werden für die beteiligten Unternehmen die Marktrisiken verkleinert. Die DVD ist beispielsweise auf diese Art standardisiert worden.
Beispiele [Bearbeiten]
Einige bekannte Beispiele für Industriestandards sind:
- Compact Cassette von Philips
- Compact Disc von Philips und Sony
- Blu-ray Disc als Nachfolger der DVD
- Betacam und seine Nachfolger für Videoaufzeichnung und -wiedergabe im professionellen Bereich
- XLR-Stecker in der Beschallungs- und Studiotechnik
- Cinch-Stecker an Heim-Audio- und -Videogeräten
- Deflate als Algorithmus zur verlustlosen Datenkompression sowie die Dateiformate ZIP und gzip, die auf Deflate basieren
- Drawing Interchange Format (DXF) als Austauschformat für Vektorgrafiken
- PDF für elektronische Dokumente, die Version 1.7 ist ISO-Standard ISO 32000-1
- IBM-PC als Vorlage für IBM-PC-kompatible Computer
- RSS Version 2.0 zur Nachrichtenübermittlung von und zwischen Websites
- Short Message Service (SMS) für textbasierte, mobile Kommunikation
- SQL als Sprache für Datenbankabfragen
- Das Wasserschlauch-Stecksystem von Gardena
- der SDS Bohrerschaft der Firma Robert Bosch GmbH
Siehe auch [Bearbeiten]
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Andreas Franz: Management von Business Webs, Gabler, 2003, ISBN 3-8244-7833-1. Darin: „Grundlage von Standards sind meist von Unternehmen entwickelte Typen. Diese werden dann von anderen Unternehmen übernommen. Man spricht auch von Industriestandards oder de-facto Standards.“
- ↑ Petra Demharter: Koordination überbetrieblicher Geschäftsprozesse auf Basis von E-Business-Frameworks, GRIN, 2007, ISBN 3-638-84237-1. Darin: „Bezüglich Entstehung lassen sich Standards in Normen bzw. De-jure-Standards und Industriestandards bzw. De-facto-Standards einteilen.“