Infantile Amnesie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Infantile Amnesie bezeichnet in der Psychologie das Phänomen, dass die meisten Erwachsenen sich nicht an Ereignisse erinnern können, die sich vor dem dritten Lebensjahr abgespielt haben.

Mögliche Gründe[Bearbeiten]

Es gibt je nach zugrunde gelegter Theorie verschiedene Annahmen für dieses Phänomen:

  • Psychoanalyse: Sigmund Freud brachte diesen Vorgang in Zusammenhang mit Verdrängung. Dieser Annahme widerspricht jedoch, dass nicht nur negative Erinnerungen, sondern alle Erinnerungen vergessen werden.
  • Hirnreifung: Die für bewusste Erinnerung notwendigen Hirnstrukturen sind bei Geburt noch nicht vollständig entwickelt (Schachter, Moscovitch, 1984). Hierzu gehören subkortikale limbisch-dienzephalische Strukturen, die erst im Alter von 2 bis 3 Jahren voll ausgereift sind (umstritten) und neokortikale Areale (z.B. im inferotemporalen Kortex) (McKeeund, Squire, 1993)
  • Enkodierung: Frühe Erinnerungen werden nur als Handlungen oder Empfindungen enkodiert. Sie sind später nicht mehr abrufbar, da sie in einem anderen Format als spätere Erinnerungen (vorwiegend sprachlich) gespeichert wurden (Howe, Courage, 1993)
  • Etwa ab dem 2. Lebensjahr entwickelt das Kleinkind eine eigenständige Persönlichkeit (es erkennt sich selbst im Spiegel). Seine Erfahrungen werden ab diesem Zeitpunkt als persönliche ICH-Erlebnisse abgespeichert (Ich, meine Hand, meine Mama,...). Wenn das Ich-Bewusstsein voll ausgeprägt ist, erinnert man sich nicht mehr bewusst an frühere Erlebnisse, die nicht ICH-kodiert sind (da diese ohne ICH-Code im Gedächtnis abgespeichert sind). (Kinseher, 2008)
  • Entwicklungsstand der Wissensstrukturen (Fivush, Hammond, 1990): Infantile Amnesie beruht nach dieser Annahme auf dem Fehlen distinktiver Abrufreize und auf der Tatsache, dass kleine Kinder erst noch Rahmenstrukturen erwerben müssen, um Ereignisse nachzuerzählen und in ihr Gedächtnis aufzunehmen. So konzentrieren kleine Kinder sich auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Ereignissen, dies ist jedoch schlecht dazu geeignet, das Abrufen später zu erleichtern. Außerdem verfügen sie noch nicht über eigene Rahmenstrukturen um Erinnerungen zu konstruieren. Aus diesem Grund sind diese frühen Erinnerungen fragmentiert, was das spätere Abrufen erschwert. Infantile Amnesie ist somit auf das Bemühen um die Bildung von Skripts und das Vergessen von aus dem Rahmen fallenden Ereignissen zurückzuführen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Schachter, M. Moscovitch: Infants, amnesia and dissociable memory systems. In: M. Moscovitch (Hrsg.): Infant Memory. Plenum, New York 1984, S. 173–216.
  • M. L. Howe, M. L. Courage: On resolving the enigma of infantile amnesia. In: Psychological Bulletin. Nr. 113, 1993, S. 305–326.
  • R. Fivush, N. Hamond: Autobiographical memory across the preschool years: Towards reconceptualizing childhood amnesia. In: R. Fivush, J. A. Hudson (Hrsg.): Knowing and remembering in young children. Cambridge University Press, New York 1990, S. 223–248.
  • Richard Kinseher: Verborgene Wurzeln des Glücks – selbstbeobachtbare Gehirnfunktion. BoD, Norderstedt 2008, ISBN 978-3-8334-7378-4.
  • Bauer, Patricia J. & Larkina, Marina: The onset of childhood amnesia in childhood: A prospective investigation of the course and determinants of forgetting of early-life events. In: Memory. Online-Veröffentlichung vom 18. November 2013, doi:10.1080/09658211.2013.854806.