Infomatec

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Infomatec Integrated Information Systems AG war ein deutscher Software- und diversifizierter EDV-Dienstleister mit Sitz in Augsburg. Im Mai 2001 meldete das am Neuen Markt notierte Unternehmen nach serienweisen betrügerischen Ad-hoc-Meldungen Insolvenz an und ist danach in Konkurs gegangen.

Firmengeschichte[Bearbeiten]

Die Infomatec AG wurde 1988 von Alexander Häfele und Gerhard Harlos gegründet. Vornehmlich wurden Firmenkunden mit Software-Lösungen und EDV-Support bedient. Umsätze über das Internet spielten dagegen eine sehr untergeordnete Rolle. Wie viele andere Unternehmen drängte Infomatec an die Börse, um Wachstum zu erreichen. Da insbesondere mit dem Internet(-Support) Geld zu verdienen war, forcierten die beiden Firmengründer und Vorstände Ende der 1990er Jahre ihre Aktivitäten in diese Richtung und propagierten den Verkauf sogenannter Set-Top-Boxen (Internet-Surfstations). Mit ihnen ließ sich ein gewöhnlicher Fernseher zum Surfen im Internet nutzen. Dieser Strategie wurde der Erfolg zuteil, dass die Düsseldorfer WestLB das Unternehmen 1998 an den Neuen Markt brachte. Zwar lagen sehr unterschiedliche Gutachten zur Firmenbewertung vor, gleichwohl wurde ein Ausgabepreis von 53 DM pro Aktie festgelegt.[1]

Nach verhaltenem Start ging es bei der Infomatec AG weiter bergauf. Der Ausgabewert konnte zwischenzeitlich verzehnfacht werden. Die Firma avancierte zur zweiterfolgreichsten Neuemission des Jahres 1998 mit einer Marktkapitalisierung, von umgerechnet 1,5 Milliarden Euro im Mai 1999. Auf den Hauptversammlungen gerierte man sich bereits als Global Player.[2] Danach setzte ein Abwärtstrend ein, der den Marktwert noch im selben Jahr halbierte. Dieser konnte gestoppt werden, denn das Unternehmen verkündete in einer Ad-hoc-Meldung am 20. Mai 1999 beziehungsweise wiederholt am 13. September 1999, dass ein 55-Millionen-DM-Auftrag der Firma Mobilcom für 100.000 Set-Top-Boxen an Land gezogen sei. Dies entsprach nicht den Tatsachen.[3] Gleich darauf folgte die nächste Ad-hoc-Meldung; erneut sei ein 55-Millionen-DM-Auftrag vom Pforzheimer Unternehmen Global Well bestätigt worden. Keine zwei Monate später wieder eine Ad-hoc-Meldung: Ein französisches Unternehmen habe einen Auftrag für 50 Millionen DM erteilt. Zwischenzeitlich stieg der Aktienkurs der Infomatec AG immer wieder an.

Die Wahrheit sah so aus: Statt 100.000 waren lediglich 14.000 Boxen bei Mobilcom geordert. Die beiden anderen Meldungen erwiesen sich als invalent. Die gelieferten Boxen überstanden zudem nicht einmal die Testphase. Zudem wurde bekannt, dass die Firmenlenker Harlos und Häfele eigene Aktien der Firma verkauft hatten. Wie sich später herausstellte, verkauften sie im Wert von jeweils knapp 15 Millionen Euro aufgrund der gefälschten Erfolgsmeldungen. Letztlich verkündeten die Vorstände eine letzte Ad-hoc-Meldung, die das ganze Desaster offenbarte, denn sie kam der Wahrheit am nächsten. Statt der bisherigen Umsatzprognose von 90 bis 100 Millionen DM, wurde eine von gerade einmal knapp über 50 Millionen verkündet. Gleichzeitig wurde erklärt, dass die bisherigen Darlegungen erheblich übertrieben gewesen seien. Die Aktien mutierten nun zu Penny-Stocks (Zockerpapieren), Infomatec schlitterte in die Pleite und die Firmengründer traten von ihren Ämtern zurück. Sie traf der Vorwurf des Insiderhandels und des Scalpings. Umsätzen von 21,6 Millionen DM standen im Jahr 2000 Jahresfehlbeträge in Höhe von 100 Millionen DM gegenüber. Die West-LB und einer der Gutachter, die HHP, gerieten zudem ins Visier der strafrechtlichen Ermittlungen.

Infomatec war in jener Zeit auch Haupt- und Trikotsponsor des FC Augsburg, der in der weiland drittklassigen Regionalliga Süd spielte. Weil eine zugesicherte Bürgschaft von 3 Millionen DM ausblieb, wurde dem Verein 2000 die Lizenz entzogen und es erfolgte eine Zwangsrelegation.[4]

Noch 10 Jahre nach Anmeldung der Insolvenz ist die Gesellschaft nicht komplett abgewickelt. Eine Schlussverteilung wird es mangels Masse nicht geben. Wegen Masseunzulänglichkeit werden die Verbindlichkeiten (die die Verteilungsmasse nahezu um das dreifache übersteigen) nach Maßgabe des § 209 InsO berichtigt werden. Die Löschung im Handelsregister und das Delisting sind im Jahr 2012 nur noch eine Frage der Zeit.[5]

Strafprozess[Bearbeiten]

Im November 2000 wurden Häfele und Harlos verhaftet. Ihnen wurde zum Vorwurf gemacht aus bloßen geschäftlichen Hoffnungen Faktizitäten geschaffen zu haben. Anfänglich wurde ihnen auch zum Vorwurf gemacht, sie hätten einen Eingehungsbetrug durch Gründungsschwindel begangen, denn ihnen hätte niemals verborgen bleiben können, dass der Unternehmenswert mit 207 Millionen Euro (Basiswert für den Ausgabekurs der Aktie) gegenüber tatsächlichen 5 Millionen Euro Wert völlig überzogen war. Dieser Anklagepunkt wurde jedoch fallengelassen. Im November 2003 verurteilte das Landgericht Augsburg beide Infomatec-Vorstände zu Geld- und Haftstrafen wegen vorsätzlicher Fehlinformation der Anleger und wegen Insiderhandels, gemäß § 400 AktG. Harlos erhielt nach Teilgeständnis eine Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung und eine Geldstrafe von 9000 Euro sowie einen Zahlungsbefehl von 3000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung. Sein Vermögen fiel an den Staat.[6] Häfele erhielt am 4. Mai 2004 eine Haftstrafe von 2 Jahren und 9 Monaten.[7]

Zivilprozess[Bearbeiten]

Im September 2001 verurteilte ein Augsburger Gericht die beiden Firmengründer zur Zahlung von 90.000 DM an einen Kleinanleger. Dieser hatte sich aufgrund der positiven Ad-hoc-Mitteilungen von Infomatec mit deren Aktien eingedeckt. Ein Urteil dieser Größenordnung zugunsten eines Kleinanlegers war ein Novum. Eine Bestätigung erfolgte aber durch den BGH am 19. Juli 2004. Er erkannte eine persönliche Haftung der Gründungsmitglieder, hergeleitet aus § 826 BGB, sittenwidrige vorsätzliche Schädigung.[8] Der BGH hatte in diesem Präzedenzfall erstmals zu den Voraussetzungen der Organhaftung über §§ 826, 31 BGB (bei Ad-hoc-Mitteilungen) Stellung genommen.[9]

Trivia[Bearbeiten]

Die Welt zog ihr Fazit: Infomatec habe

„neue Maßstäbe des Schreckens gesetzt.“[10]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Klaus Schmeh: Die 55 größten Flops der Wirtschaftsgeschichte Frankfurt/Wien, Redline Wirtschaft, Ueberreuter, ISBN 3-8323-0864-4
  • Edelmann (2004), S. 2031–2033

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Schmeh, S. 242-245
  2. Volker H. Peemöller, Stefan Hofmann, Bilanzskandale, Delikte und Gegenmaßnahmen, S. 106 f.
  3. Handbuch zum deutschen und europäischen Bankrecht, S. 2100f.
  4. Horst Eckert, Werner Klinger: Augsburger Fussballgeschichte, Verlagsgemeinschaft Augsbuch, Augsburg, 2007. ISBN 3-938332-08-5. S. 119, 122.
  5. INFOMATEC Integrated Information Systems AG (DE0006222003) - Das Schlussverzeichnis ist auf der Geschäftsstelle des Amtsgerichts Augsburg – Insolvenzgericht – Geschäftszeichen: 1 IN 324/01 niedergelegt. Augsburg, den 7. Dezember 2011
  6. Infomatec-Gründer verurteilt (süddeutsche.de)
  7. Infomatec-Prozess: Ex-Vorstandsmitglied zu Haftstrafe verurteilt
  8. Infomatec-Urteil "Wahnsinn, jetzt bekomme ich mein Geld zurück"
  9. Petra Buck-Heeb, Kapitalmarktrecht
  10. Die Welt: Infomatec- Katastrophe am Neuen Markt Meldung vom 31. August 2000, abgerufen am 6. März 2014.