Ingeborg Drewitz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ingeborg Drewitz (* 10. Januar 1923 in Berlin; † 26. November 1986 ebenda) war eine deutsche Schriftstellerin.

Leben[Bearbeiten]

Ingeborg Drewitz absolvierte ihr Abitur 1941 an der Königin-Luise-Schule in Berlin-Friedenau und arbeitete zunächst in einem Betrieb. Danach nahm sie ein Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie auf und promovierte am 20. April 1945 an der Friedrich-Wilhelms-Universität, der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin über den Dichter Erwin Guido Kolbenheyer.[1]

Als Autorin sah sie sich der Aufklärung verpflichtet und setzte sich mit der Nachkriegsgeschichte Deutschlands ebenso auseinander wie mit der gesellschaftlichen Stellung der Frau in Vergangenheit und Gegenwart. Laut Knaurs Lexikon der Weltliteratur (3. Auflage 1995) "gestaltet sie in ihrem literarischen Werk die Verlassenheit des modernen Menschen und sein Unvermögen, auf den Mitmenschen einzugehen, sowie die Problematik, die Individualität im genormten Leben zu bewahren. Dabei stehen in ihrem Werk Probleme der Frau im Mittelpunkt." Ihr Drama Alle Tore waren bewacht, das 1955 seine Uraufführung hatte, befasste sich als erstes deutsches Theaterstück mit den Bedingungen in Konzentrationslagern.[2] Als ihr erfolgreichster Roman gilt Gestern war heute: Hundert Jahre Gegenwart (1978), der drei Frauengenerationen des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt stellt.

Neben zahlreichen Lesereisen durch Europa, Afrika und den USA nahm sie u. a. auch von 1973 bis 1980 Lehraufträge an dem Institut für Publizistik der Freien Universität Berlin wahr. Ein Jahr vor ihrem Tod war sie noch Jury-Mitglied beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt.

Für ihr literarisches Werk wurde sie mit höchsten Auszeichnungen und auch postumen Ehrungen bedacht.

Geboren als Ingeborg Neubert, war sie seit 1946 mit ihrem Jugendfreund Bernhard Drewitz verheiratet und hatte mit ihm drei Töchter. Gestorben ist Ingeborg Drewitz an den Folgen eines Krebsleidens.[3]

Gesellschaftspolitisches Engagement[Bearbeiten]

Von ihrer Sozialkritik als Autorin leitete sie ein außergewöhnlich hohes gesellschaftspolitisches Engagement ab. 1966 wurde sie zur Vorsitzenden des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller (SDS) gewählt.[3] Sie war Mitbegründerin des Verbandes deutscher Schriftsteller und mit einer Unterbrechung von 1969 bis 1980 dessen stellvertretende Vorsitzende.[2]. In dieser Funktion organisierte sie 1977 in Berlin den ersten Kongress Europäischer Schriftstellerverbände.[2] Als Vizepräsidentin des deutschen P.E.N.-Zentrums sowie als VS-Vorsitzende trat sie u. a. sehr entschieden für die innerdeutsche Entspannung ein. Dabei arbeitete sie mit dem Präsidiumsmitglied des P.E.N.-Zentrums, Hanns Werner Schwarze, zusammen.[4] Des Weiteren war sie Mitbegründerin des PEN-Clubs in Portugal und hielt dort Vorlesungen über deutsche Literatur.[2] Zudem war sie Mitbegründerin der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) und einer Autorenbuchhandlung in Berlin.[2] 1979 war sie Jurorin des Dritten Russell-Tribunals in Frankfurt-Harheim, dass Menschenrechtsverletzungen in der Bundesrepublik Deutschland anprangerte.

Sehr große Anerkennung fand nicht zuletzt ihr Engagement innerhalb von amnesty international sowie ihr Einsatz für Literaturprojekte von Inhaftierten, die z.B. durch ihre Herausgebertätigkeit Chancen bekamen, publiziert zu werden.[2] 1985 hat sie sich auf dem evangelischen Kirchentag in Düsseldorf mit Exegesen zu Paulus-Texten aus dem Neuen Testament eingebracht. Zuletzt ist sie noch dem evangelisch orientierten und kritisch ambitionierten Radius Verlag als Gesellschafterin beigetreten.

All das begründete nicht zuletzt auch u. a. die postume Stiftung zweier nach ihr benannter Preise.

Werke[Bearbeiten]

Dramen[Bearbeiten]

  • Unio mystica - ein Spiel. 1949
  • Alle Tore werden bewacht. 1955

Hörspiele[Bearbeiten]

  • Das Labyrinth. 1962
  • Der Mann im Eis. 1976 ISBN 3-15-009834-3
  • Hörspiele. Fischerhude: Atelier im Bauernhaus 1977

Erzählungen[Bearbeiten]

  • Und hatte keinen Menschen. Berlin/Witten: Eckart-Verlag 1955
  • Im Zeichen der Wölfe. Göttingen: Sachse & Pohl 1962
  • Eine fremde Braut. Erzählungen. München : Claudius-Verlag 1968
  • Der eine, der andere. Stuttgart: Werner Gebühr 1976. Neuausg: Goldmann TB 6386 (1981) ISBN 3-442-06386-8
  • Bahnhof Friedrichstrasse. Hrsg. von Agnes Hüfner. Hildesheim: Claassen 1992, ISBN 3-546-00021-8

Romane[Bearbeiten]

  • Der Anstoß. Bremen: Schünemann 1958
  • Das Karussell. Göttingen: Sachse & Pohl 1969
  • Oktoberlicht oder Ein Tag im Herbst. München: Nymphenburger 1969. NA: Frankf./M.: Fischer TB 5479 (1983) ISBN 3-596-25749-2
  • Wer verteidigt Katrin Lambert? Stuttgart: Werner Gebühr 1974. NA: Frankf./M.: Fischer TB 1734 (1976) ISBN 3-596-21734-2
  • Das Hochhaus. Stuttgart: Werner Gebühr 1975. NA: München: Goldmann TB 3825 (1979) ISBN 3-442-03825-1
  • Eis auf der Elbe. Tagebuchroman. Düsseldorf: Claassen 1982, ISBN 3-546-42188-4. NA: München: Goldmann TB 6740 (1984) ISBN 3-442-06740-5
  • Eingeschlossen. Düsseldorf: Claassen 1986. NA: München: Goldmann TB 8947 (1988) ISBN 3-442-08947-6

Autobiographische Prosa[Bearbeiten]

Sachbücher[Bearbeiten]

  • Die dichterische Darstellung ethischer Probleme im Werke Erwin Guido Kolbenheyers. Berlin: Univ. Diss. 1945
  • Berliner Salons: Gesellschaft und Literatur zwischen Aufklärung und Industriezeitalter. Berlin: Haude & Spener, Schriftenreihe: Berlinische Reminiszenzen Bd. 7, 1965
  • Leben und Werk von Adam Kuckhoff. Berlin: Friedenauer Presse, 1968
  • Bettine von Arnim. Romantik - Revolution - Utopie. Biographie. Düsseldorf/Köln: Diederichs 1969 - Hildesheim: Claassen, 1992. ISBN 3-546-00025-0
  • Zeitverdichtung: Essays, Kritiken, Portraits; gesammelt aus 2 Jahrzehnten. Wien/München/Zürich: Europaverlag, 1980 ISBN 3-203-50745-5
  • Kurz vor 1984. Stuttgart: Radius-Verlag, 1981
Gekürzte Neuausgabe: 1984 - am Ende der Utopien: Literatur und Politik; Essays. München: Goldmann TB 6699, 1984 ISBN 3-442-06699-9
  • Schrittweise Erkundung der Welt. Reise-Eindrücke. Wien u.a. : Europaverlag, 1982 ISBN 3-203-50745-5
  • Unter meiner Zeitlupe. Porträts und Panoramen. Wien u.a. : Europaverlag, 1984
  • Junge Menschen messen ihre Erwartungen aus, und die Messlatten stimmen nicht mehr - die Herausforderung: Tod. Stuttgart: Radius-Verlag, 1986, ISBN 3-87173-724-0

Herausgeberschaft[Bearbeiten]

  • Städte 1945. Bekenntnisse und Berichte. Düsseldorf/Köln: Diederichs, 1970
  • Die Literatur und ihre Medien: Positionsbestimmungen. Düsseldorf u.a. : Diederichs, 1972
  • Schatten im Kalk: Lyrik und Prosa aus dem Knast. Stuttgart: Radius-Verlag, 1979 ISBN 3-87173-547-7
  • Hoffnungsgeschichten. Gütersloh: GTB-Siebenstern 1979
  • Märkische Sagen. Berlin und die Mark Brandenburg. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf 1979, ISBN 3-424-00658-0 (diverse spätere Neuauflagen)
  • Mut zur Meinung. Gegen die zensierte Freiheit. Frankf./M.: Fischer TB 4202 (1980) (Hg. mit Wolfhart Eilers)
  • Strauss ohne Kreide : ein Kandidat mit historischer Bedeutung. Reinbek, Rowohlt (rororo Aktuell 4637) 1980
  • So wächst die Mauer zwischen Mensch und Mensch: Stimmen aus dem Knast und zum Strafvollzug. Bremerhaven: Wirtschaftsverl. NW Edition die Horen 1980, ISBN 3-88314-115-1
  • "Gunther Tietz. Die Verteidigung der Schmetterlinge. Lyrik und Prosa" Band 1 der Reihe: Dichtung im ausgehenden Zwanzigsten Jahrhundert. Radius-Verlag Stuttgart, 1981, ISBN 3-87173-586-8
  • Die zerstörte Kontinuität - Exilliteratur und Literatur des Widerstandes. Wien u.a. : Europaverlag, 1981
  • Wortmeldungen. Deutsche Autoren und ihr Verhältnis zu den Türken. Berlin, Ararat 1983
  • Abstellgleise. Eine Anthologie. Kiel: Neuer Malik 1987

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Postume Ehrungen[Bearbeiten]

Gedenktafel am Haus Quermatenweg 178 in Berlin-Zehlendorf
In diesem Hause lebte und arbeitete von 1946 bis zu ihrem Tode die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz. Ihre Berliner Romane, Erzählungen und dramatischen Werke handeln vom Schicksal der „kleinen Leute“ und reflektieren die gesellschaftliche Entwicklung. In zahlreichen Gremien engagierte sie sich für die Belange der Literaten.

Benennungen[Bearbeiten]

Preisstiftungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhild Brüggemann Rogers: Das Romanwerk von Ingeborg Drewitz. New York u.a. : Lang (Studies in modern German literature ; Vol. 26) 1989, 246 S. ISBN 0-8204-0715-1
  • Yvonne-Christiane Fischer-Lüder: An den Rand gedrückt - zum Opfer gemacht - Subjekt geworden: die Entwicklung der Frauenfiguren in den Romanen von Ingeborg Drewitz. New York; Bern; Frankfurt am Main; Paris: Lang (Europäische Hochschulschriften ; Bd. 1172 : Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur) 1990
  • Titus Häussermann, Bernhard Drewitz (Hrsg.): Ingeborg Drewitz: Materialien zu Werk und Wirken. Stuttgart: Radius-Verl., 1983, 160 S. Völlig überarb., erw. u. aktualisierte 2. Aufl. Radius 1988. ISBN 3-87173-754-2
  • Jutta Rosenkranz: Kurz-Porträt über die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz. Fernsehdokumentation für den ORB, 1998.
  • Jutta Rosenkranz: Ingeborg Drewitz - Der harte Trost der Genauigkeit. In: Rosenkranz, Jutta: Zeile für Zeile mein Paradies. Bedeutende Schriftstellerinnen. 18 Porträts. München 2014. S. 224-240
  • „Von der Unzerstörbarkeit des Menschen“. Ingeborg Drewitz im literarischen und politischen Feld der 50er bis 80er Jahre, hrsg. von Barbara Becker-Cantarino & Inge Stephan. Bern; Berlin; Bruxelles; Frankfurt am Main; New York; Oxford; Wien: Lang, 2005.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dissertation von Ingeborg Drewitz: Die dichterische Darstellung ethischer Probleme im Werke Erwin Guido Kolbenheyers. Berlin: Univ. Diss. 1945
  2. a b c d e f berlin.de - Wer war Ingeborg Drewitz?
  3. a b c ingeborg-drewitz-gesamtschule.de - Referenz der Ingeborg-Drewitz-Gesamtschule (Gladbeck) an die Namensgeberin der Schule, inkl. ihrem Lebenslauf
  4. Hanns Werner Schwarze und Ingeborg Drewitz (PDF; 35 kB) auf: stiftung-aufarbeitung.de
  5. Bekanntgabe von Verleihungen des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. In: Bundesanzeiger. Jg. 25, Nr. 43, 9. März 1973.
  6. Premio Minerva 1986 – die Preisträgerinnen von 1986; in italienischer Sprache online unter www.minervariviste.com
  7. stadtbibliothek-steglitz-zehlendorf.de - Die Berliner Stadtbibliothek Steglitz-Zehlendorf wurde umbenannt in "Ingeborg-Drewitz-Bibliothek"
  8. humanistische-union.de - Der Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene "wurde initiiert von der Gefangeneninitiative Dortmund sowie der Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur an der Universität Münster und wird inzwischen von einem breiten Trägerkreis realisiert, dem neben den katholischen und evangelischen Gefängnisseelsorge-Konferenzen, dem Strafvollzugsarchiv an der Universität Bremen auch die Humanistische Union (Landesverband NRW), der Arbeitskreis kritischer Strafvollzug Münster (AKS) e.V. und der Chance e.V. angehören.
  9. hu-bb.de - Berliner Landesverband Humanistische Union stiftet "Ingeborg-Drewitz-Preis für die Menschenwürde"

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ingeborg Drewitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien