Schwitzhütte

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Schwitzhütte der Nez Percé, Edward Curtis 1910

Die Schwitzhütte, oder Inipi (Lakota: sie schwitzen) war bei den Indianern Nordamerikas wie vermutlich auch bei vielen anderen Völkern der nördlichen Erdhalbkugel weit verbreitet und diente der Vorbereitung von Zeremonien, der Reinigung und physischen Gesunderhaltung und zur Heilung bei Erkrankung. Bei den Lakota gehört Inipi zu den Sieben Riten der Heiligen Pfeife und wird auch heute noch durchgeführt.

Bau der Hütte[Bearbeiten]

Eine indianische Schwitzhütte kann − je nach Stamm − verschiedene Formen haben: Von einer einfachen, bedeckten Erdgrube über rechteckige, flache Holzhäuser, kleine runde Lehmhütten, Anbauten an Wohnhäusern bis zu der in der Gegenwart meist gewählten Form einer Kuppel aus Weidengeflecht, die ursprünglich von den Prärieindianern, speziell den Lakota, benutzt wurde.[1] In dieser traditionellen Form wird die Schwitzhütte in einem rituellen Vorgang aus Weidenstäben oder Haselnussruten errichtet. Die Stäbe werden in vorbereitete Löcher gesteckt, in Bögen angeordnet und durch vier Ringe kuppelförmig miteinander verbunden (Lame Deer Version). In der Mitte der Hütte wird ein Loch für die heißen Steine gegraben. Die ausgehobene Erde häuft man neben dem Eingang oder in der Mitte auf dem Weg zur Feuerstelle zu einem „Heiligen Hügel“ bzw. Altar auf. In der Lakota-Tradition befindet sich die Feuerstelle sechs Schritte entfernt und ist durch einen Weg mit der Hütte verbunden. Das Feuer steht für die Sonne, die Hütte für die Erde, die durch die Sonne Energie erhält. Die Steine für das Ritual werden „Samen von Großvater Sonne“ genannt. Für ein Reinigungsritual werden bei den Lakota eine bestimmte Anzahl Steine benutzt, meist 32 und für ein Heilungsritual 64. Zum Gebrauch deckt man das Gerüst mit Fellen oder Decken ein. Eine Lakota-Schwitzhütte ist etwa 5 bis 7 Fuß (1,5 bis 2 m) hoch und bietet 7 bis 8 Menschen Platz, es gibt aber auch deutlich größere Schwitzhütten bis zu 25 Personen, z.B. bei Sonnentänzen.

Schwitzhütte in traditioneller Bauweise der Lakota-Indianer auf dem Beuerhof in Üxheim, Eifel

Der Schwitzhüttenbau unterliegt differenzierten Regeln und variieren stark von der Wahl des Platzes über die Beachtung der Himmelsrichtungen, der Anzahl der zu verwendenden Holzstäbe und der symbolischen Darstellung von Elementen, Planeten und des Gleichgewichts der Kräfte. So werden bei den Lakota z.B. für eine Familienschwitzhütte 12 Weidenstäbe verwendet, während eine Hütte aus 16 Stäben für die Heilungsrituale der Medizinmänner vorgesehen sind. Der Eingang befindet sich bei den Lakota auf der Westseite, bei vielen anderen Stämmen auf der Ostseite, manchmal auch auf beiden.

Jeder Hüttenteil besitzt eine besondere Bedeutung. In der Lakota-Tradition stellen die vier Ringe die vier Schöpfungsphasen der höheren Geister, der verbündeten Geister, der untergeordneten Geister und der niederen Geister dar, die im Einzelnen dann den Löchern der Weidenstäbe zugeordnet sind (Sonne, Bewegung, Erde, Stein, Mond, Wind, Befriedigung und Harmonie, Bison, Bär, Himmelsrichtungen, Geist, Verstand und Stoff). In der Mitte der Kuppel werden dann 104 Tabaksäcke in den Farben der Himmelsrichtungen aufgehängt. Ein wichtiger Ritualgegenstand in einer Lakota-Hütte ist die Heilige Pfeife.

Feuer und Steine[Bearbeiten]

Das Feuer ist ein Schichtfeuer. Dicke Äste werden quadratisch und kreuzweise in mehreren Lagen aufgeschichtet. In mittleren Lagen werden die 15 bis 20 cm großen Steine eingebracht, und von weiteren Holzlagen überdeckt. Der so entstehende Holzstapel misst etwa 1,2 × 1,2 m² und ist etwa 1 m hoch. Das Feuer bringt in etwa zwei bis drei Stunden die Steine im Dunkeln optisch erkennbar zum Glühen. Es muss dann während der Zeremonie mindestens weitere zwei Stunden erhalten werden. Dafür ist ein entsprechender Holzvorrat erforderlich. Die Steine sollen möglichst trocken (keine Flusssteine) sein, damit sie in der Hitze nicht gefährlich reißen, und keine Stoffe enthalten, die unter Hitze ausdünsten – Kalkstein z. B. ist völlig ungeeignet.

Ritual[Bearbeiten]

Für den Ablauf des Schwitzhüttenrituals ist ein Ritualleiter verantwortlich, der die Regeln und Bedeutungen interpretiert und sie variieren kann. Auch die Plätze in der Schwitzhütte haben bei Heilungsritualen eine Bedeutung und sind verschiedenen menschlichen Problematiken zugeordnet. Während des Schwitzhüttenrituals werden die ausgesuchten Steine in einer nahe gelegenen Feuerstelle erhitzt, durch den Feuerhüter in die Schwitzhütte getragen, mit Kräutern bestreut und mit Wasser übergossen. Diesen wiederholten Vorgang begleiten intensive Gebete, manchmal auch Trommeln und Gesang.

Das Ritual beginnt bereits mit der gemeinsamen Vorbereitung: Holz suchen (für ein großes Ritual-Feuer, das mehrere Stunden kräftig brennen muss), Steine suchen, Schwitzhütte mit Decken verschließen, Feuerplatz vorbereiten, Holz und Steine kunstgerecht aufschichten. Der Hüter des Feuers oder Feuermann ist der zweite Zeremonienmeister und verantwortlich für Aufbau, Entzünden und Unterhalten des Feuers und später für den Transport der Steine und den Schutz der Zeremonie von außen. Er leistet eine verantwortungsvolle, harte und schweißtreibende Arbeit. Das Entzünden des Feuers wird von der Gruppe mit Trommeln, Gesang und Gebet begleitet.

Nach einer Pause (bis das Feuer die Steine zum Glühen gebracht hat) beginnt die eigentliche Schwitzhütte mit einer rituellen Reinigung der Teilnehmer durch Räuchern. Vor dem Betreten der Schwitzhütte werden dann die Kleider abgelegt und Schmuck und Opfergaben auf einen Altar gelegt.

Das Ritual in der Hütte beginnt mit der Einladung der Ahnen und Geister, deren unterstützende Energie zum Erfolg beiträgt. Dann folgen meistens vier Runden, jede Runde mit einem Thema, nach dem Lakota-Weg:

  1. Danken: Für alles, was mir widerfahren ist, was ich erlebt und gelernt habe.
  2. Bitten: Für mich und andere (vor allem um Energie, Ideen, Einsicht).
  3. Geben: Was ich verschenken möchte (Liebe, Wissen, Energie),
    aber auch was ich loslassen will (negative Gedanken, schlechte Gewohnheiten).
  4. Vision: In Stille für Eingebungen und Erkenntnisse offen sein.

In den verschiedenen Runden wird eine unterschiedliche Anzahl von Aufgüssen gemacht: in der ersten Runde vier, in der zweiten sieben, in der dritten zehn, und in der letzten Runde „unendlich“ viele Aufgüsse.

Schwitzen und Beten sollen eine äußere und innere Reinigung und die Wiedervereinigung mit dem Geist bewirken, damit der Mensch neu geboren wird. Die Schwitzhütte mit ihrer Kuppel gleicht nach der traditionellen Erklärung dem Bauch einer schwangeren Frau, die auf der Erde liegt. So kehren die Teilnehmer in den Bauch der Mutter und der Mutter Erde zurück und erleben durch die rituell aufgerufenen Energien eine Reinigung, Erneuerung und Neuschöpfung ihrer Lebensenergie.

Die Schwitzhütte soll weder während noch zwischen den Runden verlassen werden (wird mit einer Schwangerschaft verglichen, die ja auch nicht einfach „verlassen“ werden könne). Einige Traditionen erlauben ein Verlassen zwischen den Runden. Bei den Absarokee darf die Hütte nur in der zweiten Runde verlassen werden. Am Anfang der dritten Runde einer Lakota-Schwitzhütte reicht der Ritualleiter dann jedem Teilnehmer Trinkwasser. In „Medizin-Schwitzhütten“ ist es den Teilnehmern nicht erlaubt, sich hinzulegen. Dies kann durchaus eine große Überwindung kosten, denn es ist in den Schwitzhütten meistens extrem heiß.

Die Schwitzhüttenzeremonie wurde hauptsächlich durch Mitglieder des Stammes der Lakota, aber auch von anderen Traditionen nach Europa gebracht, wo sie seit den 1990er-Jahren zunehmend auf Interesse stößt. Die ersten Schwitzhütten in Europa fanden vermutlich 1982 und 1983 im Zuge der Schamanismus-Konferenzen in Alpbach (Tirol) statt.

Um eine Schwitzhüttenzeremonie nach Lakota-Tradition leiten zu dürfen, bedarf es einer Autorisierung durch einen Lakota-Indianer. Es ist allerdings bei manchen Indianern sehr umstritten, ob außerhalb Amerikas überhaupt Schwitzhütten gemacht werden sollten, und noch umstrittener, ob Weiße Schwitzhütten leiten sollten. Andererseits wird dies befürwortet, weil das Ritual allen offenstehen sollte. Des Weiteren lassen weltweite Schwitzbadtraditionen und zahlreiche archäologische Funde in Nordeuropa (insbesondere in Irland[2] und Finnland) vermuten, dass auch in anderen Kulturkreisen Schwitzhüttenkonstruktionen zu rituellen Zwecken genutzt wurden.[3]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Joseph Bruchac: The Native American Sweat Lodge. History and Legends. Crossing Press, Freedom CA 1993, ISBN 0-89594-637-8.
  • Raymond A. Bucko: The Lakota Ritual of the Sweat Lodge. History and Contemporary Practice. University of Nebraska Press, Lincoln NE u. a. 1998, ISBN 0-8032-1272-0.
  • Rodney Frey: The World of the Crow Indians. As Driftwood Lodges (= The Civilization of the American Indian Series. Vol. 185). University of Oklahoma Press, Norman OK u. a. 1987, ISBN 0-8061-2076-2.
  • Gerhard Popfinger: Die Schwitzhütte. Herkunft, Bau und Ritual. Arun, Uhlstädt-Kirchhasel 2010, ISBN 978-3-86663-035-2.
  • Christiane van Schie: Im Schoß der Erdmutter. Die Schwitzhütte, ein weiblicher Heilungsweg. Weltweite Tradition, Tabus und Zeremonien. Drachen-Verlag, Klein Jasedow 2010, ISBN 978-3-927369-49-8.
  • Christina Welch: Appropriating the Didjeridu and the Sweat Lodge: New Age Baddies and Indigenous Victims? In: Journal of Contemporary Religion. Vol. 17, Nr. 1, Januar 2002, S. 21–38.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schwitzhütten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Volkskundliche Abhandlung u.A. über Bauformen http://openlibrary.org/works/OL4504975W/Indianische_Schwitzha%CC%88user_der_Nordwestku%CC%88ste_Nordamerikas
  2. James Eogan: Cleansing Body & Soul? Artikel eines irischen Archäologen
  3. Christiane van Schie: Im Schoß der Erdmutter. S. 35–41.