Institut für Angewandte Theaterwissenschaft

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Das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen ist eine universitäre Einrichtung, die das Studium der Theaterwissenschaft mit einem Studium der künstlerischen Theaterpraxis verbindet.

Am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft werden insgesamt drei Studiengänge angeboten: Der dreijährige Bachelor-Studiengang Angewandte Theaterwissenschaft und die jeweils zweijährigen Master-Studiengänge Angewandte Theaterwissenschaft und Choreographie und Performance. In allen drei Studiengängen sind wissenschaftliche und künstlerische Praxis gleichermaßen Teil des Studiums. In Seminaren, Lektürekursen und Übungen werden wissenschaftliche Problemstellungen untersucht, in szenischen Projekten, praktischen Kursen und Workshops künstlerische Ansätze erprobt. In je unterschiedlichem Ausmaß sind auch andere geistes- und kulturwissenschaftliche Institute der Justus-Liebig-Universität, die sogenannten Beteiligten Fächer, in die wissenschaftliche Bildung eingebunden. Im MA-Studiengang Choreographie und Performance werden Teile des praktischen Lehrangebots in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main organisiert und abgehalten.

Bachelor und Master Angewandte Theaterwissenschaft (BA und MA ATW)[Bearbeiten]

Der BA-Studiengang bietet eine umfassende Grundbildung der Theaterwissenschaft und der künstlerischen Praxis und richtet sich an Studierende, die entweder ein noch ungerichtetes Interesse an Theater, Tanz und Performance haben oder sich bewusst entscheiden wollen, mit ihrem ersten Studienabschluss keine Spezialisierung zu wählen. Die wissenschaftlichen Seminare, Lektürekurse und Übungen zielen auf die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen der Theater-, Tanz- und Performancetheorie, -ästhetik und -geschichte und der Aufführungsanalyse ab. Ergänzt wird die wissenschaftliche Lehre durch Anteile der beteiligten Fächer, die im BA-Studium die Angebote der Germanistik, Anglistik, Romanistik, Slawistik, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Kultur der Antike und Philosophie umfassen und die den Studierenden interdisziplinäres Fachwissen zur Erweiterung der eigenen Perspektive mitgeben. In szenischen Projekten können sich die Studierenden in den unterschiedlichsten Projekten ausprobieren und im Austausch mit den anderen Studierenden und mit der Unterstützung der Lehrenden ihre eigenen ästhetischen Interessen ausbilden, sodass sie zur eigenständigen Arbeit befähigt sind. Darüber hinaus bieten praktische Kurse die Möglichkeit, die einzelnen Theatermittel wie etwa Stimme, Körper, Bewegung, Licht, Ton und Video kennenzulernen und mit ihnen experimentell umzugehen. Der Bachelor-Studiengang wird mit einer wissenschaftlichen Arbeit, der Bachelor-Thesis, abgeschlossen.

Der zweijährige MA-Studiengang Angewandte Theaterwissenschaft dient der individuellen Vertiefung der wissenschaftlichen und künstlerischen Interessen der Studierenden. Seine Studienstruktur bietet große Wahlfreiheiten und die Möglichkeit, sich entweder auf die wissenschaftliche oder die künstlerische Praxis zu konzentrieren oder weiterhin beide parallel auszuüben. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung kann in MA-Seminaren und Kolloquien weiter verfolgt werden, in denen insbesondere die Theorie und Ästhetik, aber auch die Politik und Ökonomie des Theaters der Gegenwart untersucht werden. Die künstlerische Praxis erfolgt in szenischen Projekten und praktischen Kursen für Fortgeschrittene und in der eigenständigen Arbeit an eigenen künstlerischen Projekten, bei denen die Studierenden individuell betreut werden. Zur interdisziplinären Vertiefung können Seminare in der Musikwissenschaft und Kunstgeschichte, in der Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaft, Anglistik, Romanistik oder Slavisitik besucht werden. Abgeschlossen wird das Studium des MA Angewandte Theaterwissenschaft entweder mit einer wissenschaftlichen Master-Thesis oder mit einem eigenen Theaterprojekt und dazugehöriger theoretischer Reflexion.

Master Choreographie und Performance (MA CuP)[Bearbeiten]

Der MA-Studiengang Choreographie und Performance wird in Zusammenarbeit mit der Abteilung für zeitgenössischen Tanz an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main angeboten. Anders als BA und MA Angewandte Theaterwissenschaft ist der MA Choreographie und Performance ein internationaler, deutsch- und englischsprachiger Studiengang. Deutschkenntnisse sind nicht zwingend für die Absolvierung des Studiums erforderlich, da der Großteil der Lehrveranstaltungen auf Englisch angeboten wird.

Im Studium werden Körper-, Bewegungs- und Kompositionspraktiken verbunden mit einem reflektierenden Zugang, der den Blick der Studierenden für ein kritisches und erweitertes Verständnis von Tanz, Choreographie und Performance schult. Der körperliche Ausdruck wird nicht nur als künstlerisches Mittel erprobt und analysiert, sondern auch in Bezug auf gegenwärtige gesellschaftliche, politische und ökonomischen Kontexten diskutiert. Um den Studierenden zu einer eigenständigen Positionierung ihrer Arbeitsweise zu verhelfen, wird zudem der Beschäftigung mit zeitgenössischer internationaler Tanz- und Performancekunst und ihren Arbeits- und Produktionsweisen besonderes Augenmerk geschenkt.

Das Lehrangebot des MA-Studiums setzt sich aus Veranstaltungen des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft, der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt und anderer Partner der Hessischen Theaterakademie wie dem tanzlabor_21 zusammen. Durch die breite Zusammenstellung aus wissenschaftlichen Seminaren und Lektürekursen auf der einen Seite und künstlerischen Veranstaltungen wie Szenischen Projekten, Praktischen Kursen, Workshops, Körpertraining, Dramaturgie- und Mentoring-Kursen auf der anderen Seite werden vielfältige Ansätze für das eigenständige Arbeiten vermittelt. Nach zwei Jahren wird das Studium des MA Choreographie und Performance mit einem künstlerischen Projekt und einer dazugehörigen schriftlichen Reflexion des Projekts abgeschlossen. Der Abschluss mit einer wissenschaftlichen Master-Thesis ist nicht möglich.

Geschichte[Bearbeiten]

Gründungszeit[Bearbeiten]

1982 von Andrzej Wirth gegründet[1], war das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft die erste universitäre Einrichtung im deutschsprachigen Raum, die das Studium der Theaterwissenschaft mit einem Studium der künstlerischen Theaterpraxis verbinden sollte. Unter Wirth und der Mitarbeit von Hans-Thies Lehmann entwickelte sich das Institut auf der einen Seite schnell zu einem Gegenpol zu etablierten Schulen der darstellenden Künste, die Theater ausschließlich als Schauspiel auf der Grundlage von Dramen verstanden und ihre Studierenden für einen etablierten Stadttheatermarkt ausbildeten. Auf der anderen Seite bildete es auch einen Gegenpol zu anderen Theaterwissenschaftsinstituten, die der Praxis keinen Raum gaben und Theaterwissenschaft vor allem als Theaterhistoriographie verstanden. Auf der neu eingerichteten Probebühne suchten Wirth und Gastprofessorinnen und Gastprofessoren wie Heiner Müller, George Tabori, Emma Lewis Thomas oder Robert Wilson gemeinsam mit den Studierenden nach neuen Theaterformen, die das Monopol des deutschsprachigen Stadttheaters auf das Machen und die Definition von Theater infrage stellten. Von Wirth und seiner Wahl der Gastprofessoren geprägt, beschäftigten sich einige frühe Arbeiten der Studierenden etwa mit der Tradition von Brechts Lehrstück und minimalistischen Tendenzen aus der bildenden Kunst. Lehmann arbeitete parallel an einer Theorie ebenjener theatralen Ansätze, die sich nicht mehr mit den bis dahin bekannten Theorien der Darstellung auf Basis von Drama und Schauspiel erfassen ließen. Heute sind diese Theaterformen durch Lehmanns Begriffsbildung als postdramatisches Theater bekannt.

Die 1990er- und 2000er-Jahre[Bearbeiten]

In den 90er-Jahren übernahmen die Theaterwissenschaftlerin Helga Finter und der Komponist und Regisseur Heiner Goebbels die wissenschaftliche und künstlerische Leitung des Instituts. Goebbels erweiterte die künstlerische Lehre hin zu neuen medialen Darstellungsformen und Musik-, Klang- und Lichtinszenierungen. Mit der Einrichtung von Ton- und Videostudios ließ er die nötige Ausstattung für die eigenständige Arbeit mit den neuen Medien schaffen. In der Wissenschaft setzte Finter neue Schwerpunkte, indem sie die Theatralität der Theater- und Literaturexperimente der historischen Avantgarden, insbesondere von Antonin Artaud, vermittelte. Auch die Arbeiten von Wilson und anderen zeitgenössischen Regisseuren und Künstlern wie Klaus Michael Grüber zählten zu jenen Untersuchungsgegenständen, die Finter zu einer Theorie des Theaters als Verhandlungsraum der Subjektivität in Absetzung zu einer sich immer weiter formierenden Gesellschaft des Spektakels führten. Die Tradition der Gastprofessuren wurde mit Künstlerinnen und Künstlern sowie Theoretikerinnen und Theoretikern wie etwa Marina Abramović, Richard Schechner, Patrice Pavis, Josette Feral, Samuel Weber, Georg Seeßlen, Mathilde Monnier, Jerome Bel, Xavier Le Roy, Rabih Mroué, Tino Sehgal oder Claudia Bosse bis heute fortgesetzt und bildet immer noch einen entscheidenden Einfluss für das Institut.

2008 schließlich erfolgte mit der Einführung des Master-Studiengangs Choreographie und Performance und einer Professur für Tanzwissenschaft mit dem Schwerpunkt Choreographie und Performance eine weitere Öffnung auf das Feld des zeitgenössischen Tanzes und der Choreographie. Es wurden damit jene ersten Impulse zur Beschäftigung mit der Ästhetik des Tanzes fortgeführt und strukturell verankert, die schon in den 90er-Jahren von Gabriele Brandstetters Tätigkeit als kurzzeitiger Professorin am Institut ausgingen. Der MA-Studiengang Choreographie und Performance wird in Kooperation mit der Abteilung für zeitgenössischen Tanz der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main angeboten und wurde in den ersten Jahren seines Bestehens von Gerald Siegmund aufgebaut. Wie die bestehenden Studiengänge des Bachelors und des Masters Angewandte Theaterwissenschaft ermöglicht das MA-Studium Choreographie und Performance eine zugleich wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung, allerdings insbesondere mit dem Fokus auf den Körper, seine Bewegung, aber auch seine Politik und Ökonomie.

Das Institut heute[Bearbeiten]

Heute sind vier Professuren am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft angesiedelt, wovon drei permanent besetzt sind: Aktuell hat Heiner Goebbels die künstlerische Professur inne, Gerald Siegmund hält seit 2011 die Professur für Theaterwissenschaft und ist geschäftsführender Direktor des Instituts, und Bojana Kunst hat 2012 die Professur für Tanzwissenschaft angenommen. Die vierte Professur ist die künstlerische Gastprofessur, die jedes Semester mit wechselnden Künstlerinnen und Künstlern besetzt wird. Bildeten in den 80er und 90er-Jahren insbesondere die konventionellen und limitierenden Theaterpraktiken und -vorstellungen des deutschsprachigen Stadttheatersystems den Kontext und negativen Bezugspunkt der wissenschaftlichen und künstlerischen Lehre und Forschung am Institut, stehen heute, angesichts des Bedeutungsverlusts der Stadttheater und großer Veränderungen in der gesamten Theaterlandschaft, andere Verhältnisse im Zentrum der Debatten: die Ambivalenzen einer freien Szene, deren Internationalisierung und deren Arbeitsbedingungen aufgrund verschärfter ökonomischer Zwänge neue Herausforderungen und Probleme für die Produktion, aber auch für die Ästhetik des Theaters der Gegenwart aufwerfen.

Das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft gewinnt sein produktives Eigenleben seit seinem Bestehen nicht zuletzt durch ein hohes Maß an Eigeninitiative seiner Studierenden. Seit vielen Jahren richten die Studierenden in vollkommener Eigenregie mehrere Festivals aus: die Theatermaschine, eine Präsentationsplattform für die eigenen künstlerischen Arbeiten der Studierenden; den Diskurs, der seit 1984 organisiert wird und heute ein anerkanntes internationales Festival der performativen Künste ist, zu dem jedes Jahr Künstlerinnen und Künstler mit ihren Arbeiten zu Diskurs und Diskussion eingeladen werden; und schließlich das noch junge Instant-Festival, ein Format zur Förderung des Austauschs mit dem Studiengang für Szenische Künste der Universität Hildesheim, das wechselseitig in Gießen und Hildesheim stattfindet. Alle Festivals, aber auch die Präsentation von Szenischen Projekten und Praktischen Kursen werden begleitet von Kritikgesprächen, die einen institutsinternen, aber auch nach außen offenen kritischen Austausch über die eigene Praxis bilden und wesentlich die Diskussionskultur des Instituts prägen.

Die Absolventen des Instituts[Bearbeiten]

Absolventinnen und Absolventen der Angewandten Theaterwissenschaft arbeiten in allen Feldern von Tanz, Theater und Performance, in der bildenden Kunst, den Medien und der Wissenschaft. Seit nunmehr 30 Jahren mischen sie gleichermaßen das Stadttheater, die freie Szene und die Wissenschaft im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus auf. Réne Pollesch, Gob Squad, She She Pop, Rimini Protokoll, Showcase Beat Le Mot, Monster Truck, Auftrag : Lorey und viele andere haben die Theaterlandschaft mit nicht-hierarchischen, oft kollektiven Arbeitsweisen und einer je singulären Ästhetik nachhaltig verändert; Miriam Dreysse, Jens Roselt, Annemarie Matzke, André Eiermann oder Jörn Etzold, um nur einige wenige zu nennen, formulieren in der Wissenschaft an vielen Instituten im deutschsprachigen Raum neue Analysezugänge und Theorien für das Theater der Gegenwart.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.inst.uni-giessen.de/theater/de/institut/geschichte