Institut für Sozialforschung

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Institut für Sozialforschung (Begriffsklärung) aufgeführt.
Institut für Sozialforschung
Logo des Instituts für Sozialforschung
Typ Stiftung bürgerlichen Rechts
Gründer Felix Weil
Gründung 1923
Koordinaten 50° 7′ 6″ N, 8° 39′ 14″ O50.1184194444448.65385Koordinaten: 50° 7′ 6″ N, 8° 39′ 14″ O
Sitz Frankfurt am Main, Senckenberganlage 26
Personen

Axel Honneth (Direktor),
Max Horkheimer, Carl Grünberg (Gründungsdirektor)

Website www.ifs.uni-frankfurt.de
Institut für Sozialforschung

Das Institut für Sozialforschung (IfS) an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main wurde 1923 durch eine Stiftung des Kaufmanns und Mäzens Hermann Weil und seines Sohnes Felix Weil gegründet. Nach den Anfängen mit einem akademischen Marxismus in den ersten Jahren erhielt das Institut seine schulbildende Bedeutung mit der Übernahme der Leitung durch Max Horkheimer 1931, der es zur zentralen Forschungsstätte der Kritischen Theorie machte. Seit 2001 wird das Institut von Axel Honneth, einem Schüler Jürgen Habermas', geleitet.

Geschichte[Bearbeiten]

1920er/1930er Jahre[Bearbeiten]

Als erster Direktor des Instituts war ursprünglich Kurt Albert Gerlach vorgesehen, doch dieser verstarb bereits 1922. Im Mai des Jahres 1923 fand die Marxistische Arbeitswoche statt, dessen Initiator – laut Felix WeilKarl Korsch war und als das erste Theorieseminar des Instituts gilt. Viele spätere Mitarbeiter und Begleiter des Instituts nahmen an der Arbeitswoche teil, darunter Friedrich Pollock und Karl August Wittfogel und zwei der bedeutendsten „westlichen“ Marxisten, Karl Korsch und Georg Lukacs. Die Veranstaltung wurde von Felix Weil finanziert.[1]

Das Institut wurde am 22. Juni 1924 in der Viktoria-Allee (heute Senckenberganlage) eingeweiht. Architekt des im Krieg zerstörten ersten Gebäudes war der gebürtige Lichtensteiner Franz Roeckle, der auch den Wettbewerb für den Bau der Frankfurter Westend-Synagoge gewonnen hatte und 1932 Mitglied der NSDAP wurde.[2]

Mit dem zugehörigen Lehrstuhl wurde das Institut als erste Forschungsstätte für den wissenschaftlichen Marxismus eingeweiht; sein erster Direktor war der Austromarxist Carl Grünberg, bis dahin als Professor für Staatswissenschaften an der Universität Wien tätig, und zu dessen Schülern Max Adler, Otto Bauer, Karl Renner und Rudolf Hilferding zählten. Gemeinsam mit Friedrich Pollock, einem Jugendfreund Max Horkheimers, entwickelte Grünberg die Konzeption des Instituts, das die „Kenntnis und Erkenntnis des sozialen Lebens in seinem ganzen Umfang“ fördern sollte.

Die wichtigsten Mitarbeiter des Instituts in der Frühphase waren die beiden Hauptassistenten Friedrich Pollock und Henryk Grossmann (seit 1925 für den bereits Ende 1924 ausgeschiedenen Richard Sorge) sowie Karl August Wittfogel. Mit Grünberg kam auch sein Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung in das Frankfurter Institut. Das Institut profilierte sich in den folgenden Jahren mit Forschungen zur Geschichte des Sozialismus und zur Wirtschaftsgeschichte. Ein wesentlicher Bestandteil der Institutsarbeit wurde die Zusammenarbeit mit dem Marx-Engels-Institut in Moskau bei der Herausgabe der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA).[3] In den 1920er Jahren fand das Institut in der linksliberal republikanisch geprägten Stadt und Universität ein ideales Umfeld.

Nach einem Schlaganfall Grünbergs im Jahre 1928 übernahm sein erster Assistent, Friedrich Pollock, kommissarisch die Institutsleitung. 1931 wurde auf Vorschlag von Felix Weil Max Horkheimer zum Leiter des Instituts berufen und gleichzeitig zum Ordinarius für Sozialphilosophie an der Universität ernannt. Auch diesen Lehrstuhl hatte Felix Weil gestiftet, um seinen Kandidaten durchzusetzen.[4] Horkheimer setzte andere Akzente als Grünberg. In seiner Öffentlichen Rede am 24. Januar 1931 bei der Übernahme der Institutsleitung betonte er, dass der heutige Stand der Erkenntnis eine fortwährende Durchdringung von Philosophie und Einzelwissenschaften verlange, um den Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Leben der Gesellschaft, der psychischen Entwicklung der Individuen und den Veränderungen im kulturellen Bereich darzustellen.[5] Programmatisch forderte er die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Fachwissenschaften aus Soziologie, Volkswirtschaft, Geschichte und Psychologie, die sich in philosophischer Reflexion an den Fragestellungen einer Sozialphilosophie als Gesellschaftstheorie orientieren sollte.

Unter seiner Leitung gab das Institut für Sozialforschung ab 1932 die Zeitschrift für Sozialforschung heraus, die in der Emigration von 1939 bis 1941 als Studies in Philosophy and Social Science erschien. Zu den Autoren der ersten Jahrgänge gehörten Leo Löwenthal, Friedrich Pollock, Erich Fromm, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin und Herbert Marcuse.

Eine der frühen Erhebungen des Instituts war die unter der Leitung von Erich Fromm (bereits seit 1930 ordentliches Institutsmitglied und zuständig für sozialpsychologische Forschungsprojekte) in den Jahren 1930/31 durchgeführte „Arbeiter- und Angestelltenerhebung“ über die psychische Verfassung qualifizierter Arbeiter, Angestellten und unteren Beamten, deren Ergebnisse erst 1980 in den USA, unter dem Titel „German Workers 1929“,[6] veröffentlicht wurden; Teilergebnisse hatten Fromm und seine Mitarbeiterin Hilde Weiss aber schon 1936 in dem Sammelband Studien über Autorität und Familie[7] veröffentlicht.

Im Sommer 1932 eröffnete das Institut eine Zweigstelle bei der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf, die ihm die Auswertung ihrer reichhaltigen statistischen Materialien über die Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage in den großen Industrieländern gestattete. Es lag in Horkheimers Absicht, mit diesem Schritt dem Institut zugleich „eine Art Not-und Ausweichquartier in dem rechtlich geordneten Nachbarland“[8] angesichts der heraufziehenden Nazidiktatur zu schaffen.

Nationalsozialismus und Exil[Bearbeiten]

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das kulturelle Klima. Ein Drittel des Lehrpersonals der Universität wurde aus rassischen und politischen Gründen ausgeschlossen, darunter führende Vertreter ihrer Fachgebiete. Stadt und Universität verloren die Träger ihrer liberal-republikanischen Kultur. Am 13. März 1933 wurde das Institut geschlossen; in einem von Heinrich Richter-Brohm unterzeichneten Brief vom 13. Juli 1933 erklärte es die Gestapo auf Grund des Gesetzes über die Einziehung kommunistischen Vermögens für beschlagnahmt, enteignet und aufgelöst. Das Gebäude des Instituts wurde schließlich während der Bombardierung Frankfurts im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Horkheimer hatte die heraufziehende Gefahr schon früh erkannt und seit seiner Übernahme der Geschäftsführung die Emigration des Instituts vorbereitet. Im Februar 1933 wurde die „Gesellschaft für Sozialforschung“ durch die „Société Internationale de Recherches Sociales“ mit Hauptsitz in Genf ersetzt. Auch in Paris wurde eine Außenstelle im Centre de Documentation an der Ecole Normale Supérieure eingerichtet, die von Paul Honigsheim geleitet wurde. In Paris hatte auch der neue Verlag, Félix Alcan, seinen Sitz; in ihm konnte die Zeitschrift bis zum Krieg weiterhin in deutscher Sprache erscheinen. Für die wissenschaftliche Arbeit blieb der Sitz in Genf ein Provisorium. Die Behörden erteilten nur Horkheimer eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, Pollock, Löwenthal und Marcuse erhielten nur Touristenvisa.[9] Aufgrund der restriktiven Ausländergesetzgebung entschied Horkheimer, mit dem Institut nach New York zu ziehen. Durch Vermittlung von Robert Lynd, einem Soziologieprofessor an der Columbia University, überließ der Präsident der Columbia University dem Institut großzügig ein günstig gelegenes Haus der Universität für einige Jahre mietfrei.[10]

Die meisten festen Mitarbeiter des Instituts (neben Horkheimer: Pollock, Fromm, Löwenthal, Marcuse, Neumann, Kirchheimer) waren bis Mitte der 1930er Jahre nach New York übergesiedelt (Adorno kam erst 1938 aus London als offizielles Institutsmitglied hinzu). Die Columbia University wurde zum wissenschaftlichen Zentrum des Instituts. Da auch die Gelder der Stiftung rechtzeitig ins Ausland transferiert worden waren, war die wirtschaftliche Fortexistenz des Instituts als Institute for Social Research (ISR) und die weitere Herausgabe der Zeitschrift für Sozialforschung, fortgeführt als Studies in Philosophy and Social Science (1939–1941), vorerst gesichert. Das vor dem Exil begonnene Projekt gemeinschaftlicher Forschungsarbeit – Autorität und Familie – wurde mit Befragungen in Frankreich und der Schweiz fortgeführt und erschien noch im Pariser Verlag, das Vorwort von Max Horkheimer ist datiert auf „April 1935, New York“; die Widmung ist an den Stifter adressiert: „Felix Weil, dem treuen Freunde“.

Die Arbeitskontakte zwischen den emigrierten Institutsmitgliedern blieben zunächst erhalten, wenn sie sich auch zunehmend um fremdfinanzierte Forschungs- und Lehraufträge bemühen mussten. Adorno beispielsweise arbeitete mit einer halben Stelle in dem von Paul Lazarsfeld geleiteten mehrjährigen Radio Research Project. Unter den Mitgliedern kam es zu regelmäßigen Diskussionen über den Charakter des Faschismus. Pollock entwickelte eine Theorie des Staatskapitalismus, die im Mitarbeiterkreis kontrovers aufgenommen wurde und der insbesondere Franz L. Neumann mit einem Gegenentwurf widersprach.[11] Stellte Pollock das nationalsozialistische Regime als eine autoritäre Variante des Staatskapitalismus dar, dann verdichteten sich Neumanns detaillierte Analysen (ausgeführt in seinem bekanntesten Buch Behemoth[12]) zum Typus eines „totalitären Monopolkapitalismus“.

Ab 1938 verschärften sich die Finanzierungsprobleme des Instituts aufgrund von Fehlinvestitionen Pollocks. Horkheimer und Adorno übersiedelten 1940/41 an die Westküste und nutzten die letzten Exiljahre zur Ausarbeitung ihres Hauptwerkes Dialektik der Aufklärung. Auch Pollock folgte Horkheimer nach Kalifornien. Die übrigen Institutsmitarbeiter blieben in New York, wurden nur noch provisorisch beschäftigt, bis sie ihren Unterhalt durch andere Projekte finanzieren konnten. 1942/43 erhielten Marcuse, Neumann, Kirchheimer und Löwenthal Stellen im Office of Strategic Services, wo sie als Deutschlandexperten in den Dienst der amerikanischen Kriegsanstrengungen traten, aber weiterhin Kontakt zu Horkheimer und mit dem Rumpf-Institut in New York aufrechterhielten. Fromm hatte bereits 1939 das Institut in Unfrieden verlassen; er konnte als Psychoanalytiker auch in den USA praktizieren.[13]

Das geschrumpfte Institut in New York finanzierte seine Mitarbeiter Paul Massing und Arkadij Gurland vorwiegend aus Mitteln, die Horkheimer vom American Jewish Committee für ein „Antisemitismus-Projekt“ eingeworben hatte. Diesem Projekt widmeten Horkheimer und Adorno, neben der gemeinsamen Arbeit an der Dialektik der Aufklärung, auch einen Teil ihrer Arbeit an der Westküste. Während Horkheimer vornehmlich Leitungs- und Organisationsaufgaben wahrnahm, verfertigte Adorno u. a. Inhaltsanalysen öffentlicher Reden antidemokratischer Agitatoren. Im Kapitel „Elemente des Antisemitismus“ des Dialektik-Buches schlug sich die Verschränkung ihrer Arbeiten an beiden Projekten nieder. Ihr Gemeinschaftswerk schlossen sie im Frühjahr 1944 ab; mit dem Titel „Philosophische Fragmente“ und der Widmung „Friedrich Pollock zum 50. Geburtstag“ überreichten es als Typoskript dem Geehrten. Hiernach konnte Adorno sich voll der Forschungsarbeit am Antisemitismus-Projekt widmen. In Kooperation mit der von dem Sozialpsychologen R. Nevitt Sanford geleiteten Berkeley Public Opinion Study Group entwickelte er die F-Skala (F steht für Faschismus) zur Messung von Einstellungen und Eigenschaften autoritärer Persönlichkeiten vermittels projektiver Fragen. Aus der Kooperation mit Sanford und seinen beiden Mitarbeitern, Else Frenkel-Brunswik (einer aus Österreich emigrierten Psychoanalytikerin) und Daniel J. Levinson, ging die spätere Publikation The Authoritarian Personality hervor.[14]

Nachkriegsgeschichte[Bearbeiten]

Im Oktober 1946 übermittelten der Frankfurter Oberbürgermeister und der Rektor der Frankfurter Universität an Felix Weil und Max Horkheimer den Wunsch, das Institut wieder zu errichten. Diese Einladung löste einen langwierigen Entscheidungsprozess bei Horkheimer und Pollock aus. Im April 1948 reiste Horkheimer nach Frankfurt, um Eigentumsrechte des Instituts geltend zu machen und die Gesellschaft für Sozialforschung neu zu gründen. Anfang der 1950er Jahre kehrte das Institut nach Frankfurt zurück und wurde als private Stiftung als ein Institut an der Universität geführt. An der Senckenberg-Anlage wurde 1951 im Austausch für das alte Institutsgrundstück, das die Stadt Frankfurt für den Ausbau der Universität benötigte, ein neues Institutsgebäude errichtet. Die Architekten waren Alois Giefer und Hermann Mäckler. Die förmliche Wiedereröffnung erfolgte am 14. November 1951. Leiter des Institutes war weiterhin Max Horkheimer, der wieder sein Ordinariat in der philosophischen Fakultät erhalten hatte, sogleich zum Dekan und wenig später zum Rektor gewählt wurde. Zurückgekehrt waren neben Horkheimer nur Adorno und Pollock; beide erhielten Professuren an der Frankfurter Universität. Als zurückkehrende Ausnahmen „der profilierten Dozenten aus der Blütezeit der Frankfurter Universität in den letzten Jahren der Weimarer Republik“ konnten sie mit „wohlwollender Duldung rechnen“.[15]

Das erste große Forschungsprojekt des neugegründeten Instituts war das vom amerikanischen High Commissioner for Germany finanzierte Gruppenexperiment zur Erforschung der politischen Meinungen und Einstellungen verschiedener Bevölkerungsgruppen Westdeutschlands. In Gruppendiskussionen sollten die Teilnehmer möglichst freimütig über heikle Themen (Judenverfolgung, deutsche Schuld, Besatzungsmächte, demokratische Staatsform) diskutieren. Die Resultate waren deprimierend: die weitaus größte Zahl stellten diejenigen, die jede Mitschuld abwehrten und gegenüber der Demokratie ambivalent eingestellt waren. Die von 1.635 Personen in 151 Gruppen – auf über 6.000 transkribierten Seiten – geführten Diskussionen fanden ihre Zusammenfassung und Interpretation in einem von Friedrich Pollock herausgegebenen Forschungsbericht, der viele methodische Fragen aufwarf. Er wurde in der 1955 neu begründeten Buchreihe Frankfurter Beiträge zur Soziologie veröffentlicht.[16] Trotz der methodischen Kritik an ihrem Vorgehen im Einzelnen,[17] erwiesen sich die Frankfurter Sozialforscher mit dem erstmals in Deutschland angewandten Verfahren der Gruppendiskussion als Pioniere. Das Verfahren, über das der Hauptbearbeiter des empirischen Materials, Werner Mangold, seine Dissertation verfasste,[18] fand Aufnahme in den Kanon der grundlegenden Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung.[19]

Als Institutsleiter machte Horkheimer 1955 Ludwig von Friedeburg, der nach einem frühen Praktikum am Institut und nach dreijähriger Tätigkeit am Institut für Demoskopie in Allensbach zurückgekehrt war, zum Leiter der empirischen Abteilung des Instituts. Seine erste Aufgabe war, die sogenannte „Mannesmann-Studie“, eine Untersuchung über das Betriebsklima in den Mannesmann-Werken „zu einem guten Ende zu bringen“.[20] Aus dem Rohbericht der umstrittenen Auftragsarbeit wurde eine gedrängte Darstellung der Ergebnisse, auch sie eine vorwiegend quantitative Auswertung von Interviews und Gruppendiskussionen; veröffentlicht wurde sie ebenfalls in der Buchreihe Frankfurter Beiträge zur Soziologie, unter dem Titel Betriebsklima.[21] Erst später hat v. Friedeburg in seiner Habilitationsschrift zur Soziologie des Betriebsklimas[22] die empirischen Ergebnisse mit dem Hintergrundverständnis des objektiven Interessengegensatzes zwischen Management und Arbeitern ausgewertet und interpretiert. [23]

Gegen die Publikation einer 1957 von den Institutsmitarbeitern Friedrich Weltz, Christoph Oehler und Jürgen Habermas durchgeführten Umfrage zum politischen Bewusstsein der Studenten in der neuen Buchreihe erhob Horkheimer jedoch Einspruch. Weniger die ernüchternden Ergebnisse der nach einer Stichprobe ausgewählten 171 befragten Frankfurter Studenten boten dafür den Anlass als Habermas' umfangreiche Einleitung „Über den Begriff der politischen Beteiligung“; sie erschien Horkheimer wegen ihrer radikal-demokratischen Aussagen politisch bedenklich. Selbst Adornos positives Votum und Bewertung der Habermasschen Einleitung als „relatives Glanzstück“ konnte Horkheimers Ablehnung nicht umstoßen.[24] Habermas, der sich das marxistische Erbe der Kritischen Theorie anzueignen begann, stellte für Horkheimer ein „Sicherheitsrisiko“ für das Institut dar.[25] Ohne Bezugnahme auf das Institut erschien die Untersuchung dann 1961 in der neuen Buchreihe Soziologische Texte des Luchterhand Verlags.[26]

Horkheimer leitete bis zu seiner Emeritierung 1964 gemeinsam mit Theodor W. Adorno das Institut. Als einzige gemeinsame Publikation nach dem Kriege erschien von ihnen 1962 eine Sammlung von Vorträgen und Reden unter dem Titel Sociologica II[27] Adorno zog sich mehr und mehr von der empirischen Arbeit zurück und widmete sich der Ausarbeitung seiner theoretischen Werke (Negative Dialektik, Ästhetische Theorie).

1964 war auch der vielversprechende Gesellschaftstheoretiker Jürgen Habermas nach Frankfurt zurückgekehrt und hatte Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie übernommen. Habermas lehnte die ihm angebotene Leitung des Instituts für Sozialforschung ab. Stattdessen übernahm Habermas mit Ludwig von Friedeburg, der zwischenzeitlich von 1962 bis 1966 eine Professur an der FU in Berlin innegehabt hatte und 1966 einem Ruf nach Frankfurt gefolgt war, die Leitung des „Seminars für Soziologie“, einer auf die Lehre beschränkte Dependance des Instituts.

Ludwig von Friedeburg übernahm aber gleichzeitig – neben Theodor W. Adorno (geschäftsführender Direktor bis zu seinem Tod 1969) und dem Statistiker Rudolf Gunzert – eine der drei Direktorenstellen des Instituts. Er begründete dort mit gewerkschafts- und industriesoziologischen Untersuchungen einen Schwerpunkt empirischer Sozialforschung, womit er gewissermaßen an seine frühere Arbeit in den 1950er Jahren anknüpfte. Etwa seit 1968 wurde von einem fast vollständig ausgewechselten Personal in diesem Schwerpunkt geforscht. Die Ergebnisse wurden seit 1974 mit der ersten „Gewerkschaftsstudie“[28] zusammen mit Untersuchungen zur Industriearbeit publiziert. Mit dem Soziologen Gerhard Brandt trat 1972 ein neuer Direktor in das Institut; er betreute bis zu seinem Ausscheiden 1984 im Wesentlichen diesen neuen Forschungsschwerpunkt. Sein Nachfolger war Wilhelm Schumm, der von 1984 bis 1997 als Forschungsdirektor den industriesoziologischen Schwerpunkt leitete.

Auftragsarbeiten, wie in den frühen Nachkriegsjahren, fanden seit den 1960er Jahren nicht mehr statt. Das Institut finanziert sich durch Zuschüsse der Stadt und des Landes und durch projektbezogene Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderen nichtkommerziellen Quellen (gemeinnützige Stiftungen, Ministerien etc.).

Ludwig von Friedeburg, der während seiner Zeit als Hessischer Kultusminister (1969–1975) formell Institutsdirektor geblieben war, wurde nach seiner Rückkehr geschäftsführender Direktor. 2001 löste Axel Honneth ihn in diesem Amt ab. Unter Honneth wurde die Arbeit des Instituts wieder stärker an sozialphilosophischen Fragestellungen ausgerichtet.

Theorie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Kritische Theorie

Das IfS steht eng im Zusammenhang mit der von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer begründeten Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Zu den Wissenschaftlern am IfS gehörten neben Adorno und Max Horkheimer auch Erich Fromm, Friedrich Pollock, Herbert Marcuse, Leo Löwenthal sowie später Jürgen Habermas.

Seit der Übernahme der geschäftsführenden Direktion durch Axel Honneth liegt der Schwerpunkt der Projekte auf der Analyse von „Paradoxien der kapitalistischen Modernisierung“. Das Institut arbeitet heute in verschiedenen Arbeitsgruppen an aktuellen Fragestellungen der kapitalistischen Gesellschaft. Das Forschungsprogramm soll in die Bereiche

  • Strukturwandel der normativen Integration in kapitalistischen Gesellschaften,
  • Kapitalistische Rationalisierung und Arbeit,
  • Familialer Wandel und veränderte Sozialisationsbedingungen,
  • Entbürokratisierung des Sozialstaates und politische Demokratie und
  • Kulturindustrie und elektronische Medien

unterteilt, interdisziplinär die verschiedenen Aspekte der kapitalistischen Modernisierung und ihrer Widersprüche analysieren. Die Arbeit umfasst weiterhin die Fortentwicklung kritischer Gesellschaftstheorie auf methodologischer und philosophischer Ebene.

Literatur[Bearbeiten]

Siehe auch: Kritische Theorie, Literatur

Veröffentlichungen des Instituts[Bearbeiten]

  • Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Librairie Félix Alcan, Paris 1936.
  • Erich Fromm: Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung. dtv, München 1983.
  • Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus. Analysen des Instituts für Sozialforschung 1939–1942 von Max Horkheimer, Friedrich Pollock, Franz L. Neumann, A. R. L. Gurland, Otto Kirchheim und Herbert Marcuse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984.
  • Theodor W. Adorno: Studien zum autoritären Charakter. Mit einer Vorrede von Ludwig von Friedeburg. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973
  • Zeitschrift für Sozialforschung, Jahrgänge 1-9, 1932–1941 (Nachdruck), dtv, München 1980, ISBN 3-423-05975-3
  • Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main: Ein Bericht über die Feier seiner Wiedereröffnung, seine Geschichte und seine Arbeiten. Frankfurt am Main 1952.
  • Frankfurter Beiträge zur Soziologie, Bde. 1-22. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1955–1971
    • Band 1: Sociologica I. Aufsätze, Max Horkheimer zum sechzigsten Geburtstag gewidmet, 1955, 2. Aufl. 1974, Basis Studienausgabe, ISBN 3-434-45040-8
    • Band 2: Gruppenexperiment. Ein Studienbericht, bearbeitet von Friedrich Pollock, mit einem Geleitwort von Franz Böhm, 1955, 2. Aufl. 1963, ISBN 3-434-20003-7
    • Band 3: Betriebsklima. Eine industriesoziologische Untersuchung aus dem Ruhrgebiet, 1955
    • Band 4: Institut für Sozialforschung: Soziologische Exkurse. Nach Vorträgen und Diskussionen, 1956, 3. Aufl. 1974, Basis Studienausgabe, ISBN 3-434-46014-4
    • Band 5: Friedrich Pollock: Automation. Materialien zur Beurteilung der ökonomischen und sozialen Folgen, 1956, 7. Aufl. 1966
    • Band 6: Freud in der Gegenwart. Ein Vortragszyklus der Universitäten Frankfurt und Heidelberg zum hundertsten Geburtstag, 1957
    • Band 7: Georges Friedmann: Grenzen der Arbeitsteilung, 1959
    • Band 8: Paul W. Massing: Vorgeschichte des politischen Antisemitismus, aus dem Amerikanischen übersetzt und für die deutsche Ausgabe bearbeitet von Felix J. Weil, 1959, 2. Aufl. 1961
    • Band 9: Werner Mangold: Gegenstand und Methode des Gruppendiskussionsverfahrens, 1960
    • Band 10: Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Sociologica II. Reden und Vorträge, 1962, 3. Aufl. 1973, Basis Studienausgabe, ISBN 3-434-46041-1
    • Band 11: Alfred Schmidt: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, 1962, 3. Aufl. 1978, Basis Studienausgabe, ISBN 3-434-45011-4
    • Band 12: Peter von Haselberg: Funktionalismus und Irrationalität. Studien über Thorstein Veblens „Theory of the Leisure Class“, 1962
    • Band 13: Ludwig von Friedeburg: Soziologie des Betriebsklimas. Studien zur Deutung empirischer Untersuchungen in industriellen Großbetrieben, 1963, 2. Aufl. 1966, ISBN 3-434-20001-0
    • Band 14: Oskar Negt: Strukturbeziehungen zwischen den Gesellschaftslehren Comtes und Hegels, 1964, 2. Aufl. 1974 unter dem Titel: Die Konstituierung der Soziologie zur Ordnungswissenschaft, ISBN 3-434-20060-6
    • Band 15: Helge Pross: Manager und Aktionäre in Deutschland. Untersuchungen zum Verhältnis von Eigentum und Verfügungsmacht, 1965
    • Band 16: Rolf Tiedemann: Studien zur Philosophie Walter Benjamins, 1965
    • Band 17: Heribert Adam: Studentenschaft und Hochschule. Möglichkeit und Grenzen studentischer Politik, 1965
    • Band 18: Adalbert Rang: Der politische Pestalozzi, 1967
    • Band 19: Regina Schmidt, Egon Becker: Reaktionen auf politische Vorgänge. Drei Meinungsstudien aus der Bundesrepublik, 1967, ISBN 3-434-20011-8
    • Band 20: Joachim E. Bergmann: Die Theorie des sozialen Systems von Talcott Parsons. Eine kritische Analyse, 1967
    • Band 21: Manfred Teschner: Politik und Gesellschaft im Unterricht. Eine soziologische Analyse der politischen Bildung an hessischen Gymnasien, 1968, 2. Aufl. 1969, ISBN 3-434-20013-4
    • Band 22: Michaela von Freyhold: Autoritarismus und politische Apathie. Analyse einer Skala zur Ermittlung autoritätsgebundener Verhaltensweisen, 1971, ISBN 3-434-20025-8

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Lutz Eichler / Hermann Kocyba / Wolfgang Menz: Gesellschaftstheoretischer Anspruch und die Beharrlichkeit des Besonderen. Theorie und Empirie in den industriesoziologischen Arbeiten des Instituts für Sozialforschung. In: Hans K. Pongratz / Rainer Trinczek (Hrsg.): Industriesoziologische Fallstudien. Entwicklungspotentiale einer Forschungsstrategie. Sigma, Berlin 2010, S. 163–201, ISBN 978-3-8360-3570-5
  • Felicia Herrschaft & Klaus Lichtblau (Hg.): Soziologie in Frankfurt. Eine Zwischenbilanz, VS-Verlag, Wiesbaden 2010 ISBN 978-3-531-16399-4
  • Max Horkheimer: Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung. Frankfurter Universitätsreden. Frankfurt am Main 1931.
  • Paul Kluke: Das Institut für Sozialforschung, in: Wolf Lepenies (Hrsg.): Geschichte der Soziologie, Band 2, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981, S. 390–429, ISBN 3-518-07967-0
  • Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1997 (5. Aufl.). ISBN 3-446-13132-9
  • Willem van Reijen / G. Schmid Noerr (Hrsg.): Grand Hotel Abgrund. Eine Photobiographie der Frankfurter Schule. Junius, Hamburg 1989

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Institut für Sozialforschung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael Buckmiller. Die ‘Marxistische Arbeitswoche’ 1923 und die Gründung des ‘Instituts für Sozialforschung’. In: Willem van Reijen / G. Schmid Noerr (Hrsg.): Grand Hotel Abgrund. Eine Photobiographie der Frankfurter Schule. Junius, Hamburg 1989, S. 141ff.
  2. Sacha Roesler: Festung der Wissenschaft. Das erste Gebäude des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und sein mehrdeutiger Charakter, in: Neue Zürcher Zeitung vom 3. November 2012, S. 65.
  3. http://www.trend.infopartisan.net/trd7899/t057899.html
  4. Emil Walter-Busch: Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik. Wilhelm Fink, München 2010. S. 18f.
  5. Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung. 2. Auflage, Hanser, München 1987, S. 31f.
  6. Erich Fromm: German Workers 1929. A Survey, its Methods and Results. Deutsche Ausgabe: Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung. dtv, München 1983.
  7. Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Libraire Felix Alcan, Paris 1936, S. 231ff.
  8. Paul Kluke: Das Institut für Sozialforschung. In: Wolf Lepenies (Hrsg.): Geschichte der Soziologie, Band 2. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981, S. 422f.
  9. Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung. 2. Auflage, Hanser, München 1987, S. 152f.
  10. Emil Walter-Busch: Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik. Wilhelm Fink, München 2010. S. 24f.
  11. Helmut Dubiel/Alfons Söllner (Hrsg.): Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus. Analysen des Instituts für Sozialforschung 1939–1942. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981.
  12. Franz L. Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944. Amerikanische Originalausgabe 1942, erweitert 1944. Dt. Ausgabe: Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1977.
  13. Emil Walter-Busch: Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik. Wilhelm Fink, München 2010. S. 28f. und 117.
  14. Theodor W. Adorno / Else Frenkel-Brunswik / Daniel J. Levinson / R. Nevitt Sanford: The Authoritarian Personality. Harper und Brothers, New York 1950.
  15. Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung. 2. Auflage, Hanser, München 1987, S. 479.
  16. Gruppenexperiment. Ein Studienbericht, bearbeitet von Friedrich Pollock, mit einem Geleitwort von Franz Böhm, Frankfurt am Main 1955.
  17. Vgl. die Kritik von Peter R. Hofstätter und Adornos Replik in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 9. Jg./1957, S. 97–117.
  18. Werner Mangold: Gegenstand und Methode des Gruppendiskussionsverfahrens. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1960.
  19. Vgl. René König (Hrsg.): Handbuch der empirischen Sozialforschung. Band 2: Grundlegende Methoden und Techniken. Erster Teil. 3. Auflage, dtv, Stuttgart 1973, S. 228–259.
  20. Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung. 2. Auflage, Hanser, München 1987, S. 536.
  21. Institut für Sozialforschung:Betriebsklima. Eine industriesoziologische Untersuchung aus dem Ruhrgebiet. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1955.
  22. Ludwig von Friedeburg: Soziologie des Betriebsklimas. Studien zur Deutung empirischer Untersuchungen in industriellen Gesellschaften. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1963.
  23. Zur frühen empirischen Forschung der Nachkriegsjahre vgl. Johannes Platz: Die Praxis der kritischen Theorie. Angewandte Sozialwissenschaft und Demokratie in der frühen Bundesrepublik 1950-1960. Diss. Universität Trier. Trier 2012 online
  24. Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung. 2. Auflage, Hanser, München 1987, S. 608ff.
  25. Emil Walter-Busch: Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik. Wilhelm Fink, München 2010. S. 35.
  26. Jürgen Habermas / Ludwig von Friedeburg / Christoph Oehler / Friedrich Weltz: Student und Politik. Eine soziologische Untersuchung zum politischen Bewußtsein Frankfurter Studenten. Luchterhand, Neuwied 1961.
  27. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Sociologica II. Reden und Vorträge. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1962. (Sociologica I war eine Festschrift für Max Horkheimer zum 60. Geburtstag, die 1955 ebenfalls in der Europäischen Verlagsanstalt als Band 1 der Reihe Frankfurter Beiträge zur Soziologie erschienen war.)
  28. Joachim Bergmann/Otto Jacobi/Walther Müller-Jentsch: Gewerkschaften in der Bundesrepublik. Frankfurt am Main 1974.