Intelligenzija

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Das Wort Intelligenzija (russisch интеллигенция) steht für die gesellschaftliche Kategorie der Intelligenzler-Berufsgruppen, vornehmlich in Russland bzw. der UdSSR; abhängig von genaueren Begriffsabgrenzungen ergeben sich wesentliche Unterschiede zum Konzept des Intellektuellen. Auf Deutsch werden auch die synonymen Begriffe russische Intelligenz oder schlicht Intelligenz verwandt, auch die englische Transkription Intelligentsia wird manchmal in deutschen Texten benutzt.

Geprägt wurde der Begriff in den 1860er Jahren vom russischen Publizisten Pjotr Dmitrijewitsch Boborykin. Die Intelligenzija sei die gesellschaftliche Schicht von Menschen, die „klug, verständnisvoll, wissend, denkend und auf professionellem Niveau kreativ beschäftigt sind und zur Entwicklung und Verbreitung von Kultur beitragen.“ Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew fasste den Begriff später wesentlich weiter, er rechnete auch Vertreter nicht gebildeter Schichten (wie z. B. des Bauerntums) zur Intelligenzija, sofern sie aktiv am öffentlichen Leben teilnahmen.

Unter den Bolschewiki war vor der Oktoberrevolution die Intelligenzija weit überproportional vertreten. Gemäß marxistischer Interpretation des Materialismus liegt dies daran, dass einige intellektuelle Vertreter des Kleinbürgertums im Vergleich zum Großbürgertum weit weniger zu verlieren haben und sich im Klassenkampf auf diejenige Seite stellen, die sie für die siegreiche halten, also die Arbeiterklasse.

Soziologie[Bearbeiten]

Die Intelligenz als Bezeichnung für die Gesamtheit aller Gebildeten wurde erstmals 1844 im Polnischen von Karol Libelt gebraucht, 1846 im Russischen von Wissarion Grigorjewitsch Belinski, im Deutschen später von u. a. Karl Kautsky, Karl Marx, Hugo Ball (Kritik der deutschen Intelligenz) und Adolf Hitler. Die Intelligenz als soziale Schicht war bis 1990 fester Bestandteil eines kommunistisch geprägten Gesellschaftsverständnisses. In der DDR verstand man unter Intelligenz, auch Geistesarbeiter oder Geistesschaffende genannt, die Gesamtheit aller Personen mit einem Hochschul- oder Fachschulabschluss. Im westlichen Deutschland, wo der Begriff auch weite Verbreitung erlangte, konkurriert Intelligenz auch heute noch mit dem älteren Begriff Intellektuelle bzw. mit Akademiker oder erscheint gar als soziologischer Fachbegriff in der slawischen Form Intelligentsia.

In der Sowjetunion bestand die Intelligenzija typischerweise aus Ingenieuren, Lehrern und anderen Akademikern, deren Lebensumstände mit denen der Arbeiterklasse vergleichbar oder wenig besser waren.

Siehe auch Freischwebende Intelligenz, Technische Intelligenz

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Mannheim: The Problem of the Intelligentsia. In: Karl Mannheim: Essays on the Sociology of Culture. Routledge & Kegan Paul, London 1956, S. 91–170.
  • Kurt Lenk: Die Rolle der Intelligenzsoziologie in der Theorie Mannheims. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 15. Jg., 1963, ISSN 0023-2653, S. 323–337.
  • Theodor Geiger: Intelligenz. In: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften. Band 5: Handelsrecht – Kirchliche Finanzen. Fischer u. a., Stuttgart 1956, S. 303.
  • R. Piepmeier et al: Intelligenz, Intelligentsia, Intellektuelle. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4: I–K. Völlig neubearb. Auflage von Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ . Schwabe, Basel u. a. 1976, ISBN 3-7965-0115-X, S. 445–461.