Ioan Holender

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Ioan Holender, 2011.

Ioan Holender (* 18. Juli 1935 in Timișoara, Rumänien) ist ein österreichischer Sänger und Künstleragent rumänischer Herkunft. Er war von 1992 bis 2010 Direktor der Wiener Staatsoper.

Biografie[Bearbeiten]

Ioan Holender entstammt einer jüdischen Unternehmerfamilie. Sein Vater hatte in Timișoara (auch: Temesvar oder Temeschburg) eine Marmeladen- und Essigfabrik, die 1948 enteignet wurde. Ioan wuchs dreisprachig auf: Rumänisch, Deutsch, Ungarisch. Um zu einem Studium zugelassen zu werden, arbeitete er zunächst ein Jahr lang bei der Straßenbahn, studierte anschließend Maschinenbau (Fachrichtung Dampfmaschinen) am Polytechnischen Institut Timișoara. Als Teilnehmer am Studentenaufstand in Timișoara 1956 wurde er exmatrikuliert und hatte damit auch keinen Zugang zu anderen Hochschulen des Landes.

Daraufhin arbeitete Ioan Holender unter anderem als Tennistrainer und Regieassistent. Da seine Mutter bereits in Wien lebte, durfte er 1959 im Rahmen der Familienzusammenführung dort einreisen. Statt des ursprünglich vorgesehenen Technikstudiums, begann er aber, Gesang zu studieren. Nach dem Abschluss war er als Opernbariton und Konzertsänger zuerst am Stadttheater Klagenfurt und später in St. Pölten tätig.

1966 trat Holender als Mitarbeiter in die Theateragentur Starka ein, die er nach einigen Jahren übernahm und die letztlich als Opernagentur Holender bekannt wurde.

1988 wurde er vom designierten Direktor Eberhard Waechter zum Generalsekretär der Wiener Staatsoper ab 1991 berufen. Dies führte in den Medien zu teils heftiger Kritik, weil Holender vorgeworfen wurde, mit der amtierenden Staatsoperndirektion von Claus Helmut Drese vertragliche Verpflichtungen ausgehandelt zu haben und zugleich bereits dessen Nachfolger zuzuarbeiten. Jene Sänger, so hieß es, deren Engagement er selbst der Staatsoper vermittelt habe, würde er nun zugleich als Mitglied der künftigen Opernführung kritisieren. (Waechter plante damals, das System der Abendverträge gastierender Künstler einzuschränken und durch einen verstärkten Ensembleaufbau sowie längerfristige Gastverträge zu ersetzen.) Auch wurde geargwöhnt, Holender würde bei Engagements für die Spielzeiten Waechters gleichsam Sängerverträge mit seiner eigenen Agentur aushandeln. Schließlich zog sich Holender aus seiner Opernagentur zurück, die später innerhalb der eigenen Familie verkauft wurde.

Nach dem unerwarteten Tod Waechters im März 1992 wurde Holender am 1. April desselben Jahres zum Direktor der Staatsoper bestellt. Vier Jahre lang führte er gleichzeitig die Volksoper Wien.

An der Staatsoper bewirkte Holender innerhalb kurzer Zeit erhebliche Korrekturen an Waechters konservativer Konzeption; beispielsweise ließ er Titel der gespielten Opern wieder in der Originalsprache – also Le nozze di Figaro statt Die Hochzeit des Figaro – plakatieren und weichte das Ensembleprinzip durch eine Verstärkung kurzfristiger Abendverträge auf. Zudem verpflichtete er Exponenten moderner Operninszenierungen wie Herbert Wernicke, Hans Neuenfels, Willy Decker oder David Pountney.

Den Plan Waechters, ältere Inszenierungen unter der Leitung der jeweiligen Regisseure neu geprobt an der Staatsoper wiederaufzunehmen, legte Holender fast vollständig beiseite. Das von ihm gespielte Repertoire stützt sich im Wesentlichen auf die Neuinszenierungen seiner Direktionszeit, ergänzt von bekannten Schlüsselwerken oder einigen älteren Produktionen, deren geringerer Aufwand die Organisation des Spielplans erleichterte. Zudem setzte Holender - wie vor ihm Claus Helmut Drese und Herbert von Karajan - vermehrt auf Koproduktionen – etwa mit den Salzburger Festspielen, der Mailänder Scala und der Pariser Oper. Einige Inszenierungen der Wiener Staatsoper wurden an andere Opernhäuser verkauft oder ausgeliehen, etwa an die Bayerische Staatsoper in München, das Teatro La Fenice in Venedig und die Metropolitan Opera in New York City.

Holenders Vertrag wurde dreimal verlängert und endete am 31. August 2010. Er ist somit der längst amtierende Direktor seit 1869, d.h. seit Bestehen des Hauses. In Berlin betreute Holender nach dem vorzeitigen Ausstieg des Intendanten Udo Zimmermann übergangsweise das Programm der Deutschen Oper. Holender ist Lehrbeauftragter am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien. Außerdem ist er Vorstandsmitglied der Europäischen Musiktheater-Akademie.

Im November 2011 wurde Ioan Holender zum Vorsitzenden des Vereins Timişoara Capitală Culturală Europeană (Temeswar Kulturhauptstadt Europas) gewählt.[1]

Privat ist Holender in zweiter Ehe verheiratet und hat daraus einen Sohn und eine Tochter. Seiner ersten Ehe entstammt der Jurist Adrian Hollaender. Holender ist der Cousin des österreichischen Regisseurs Robert Dornhelm.

Auszeichnungen und Ehrungen (Auszug)[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Von Temesvar nach Wien. Der Lebensweg des Wiener Staatsoperndirektors. Autobiografie, bearbeitet von Marie-Theres Arnbom. Böhlau, Wien 2001, ISBN 978-3-205-99384-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. adz.ro, Robert Tari: Mit Ioan Holender zur Kulturhauptstadt. Der Verein „Timişoara Capitală Culturală“ hat seinen Präsidenten gewählt
  2. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB)
  3. Juwelier Wagner: Ehrenring der Wiener Staatsoper, Februar 2004
  4. wien.diplo.de, Deutsche Botschaft Wien: Direktor der Wiener Staatsoper i.R. Ioan Holender mit dem großen Verdienstkreuz ausgezeichnet, 13. Oktober 2011, abgerufen am 11. November 2011