Iring Fetscher

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Iring Fetscher (* 4. März 1922 in Marbach am Neckar; † 19. Juli 2014 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Politikwissenschaftler. Er war Professor emeritus der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Leben[Bearbeiten]

Iring Fetscher war der Sohn des Mediziners Rainer Fetscher, der in Dresden eine Professur für Sozialhygiene bekleidete, am 26. Februar 1934 aber aus dem Hochschuldienst am Pädagogischen Institut Dresden (zur Volksschullehrerausbildung) entlassen wurde, da er Gegner der Nationalsozialisten war. Seine Lehrtätigkeit mit Professorentitel an der Allgemeinen Abteilung der Technischen Hochschule Dresden endete 1936.[1]

Iring Fetscher besuchte 1928–1932 die Volksschule in Dresden, anschließend das König-Georg-Gymnasium bis zum Abitur und 1940 noch eine Dolmetscherschule. Danach meldete er sich mit 18 Jahren kurz nach seiner Aufnahme in die NSDAP freiwillig in Altenburg bei einem Feldartillerieregiment als Offiziersanwärter bei der Wehrmacht;[2] seine anfängliche Begeisterung für den Offiziersberuf konnte er nach eigenem Bekunden später nur noch schwer nachvollziehen. Fetscher war in Artillerieregimentern in den Niederlanden, Belgien und der Sowjetunion eingesetzt. Das Kriegsende erlebte er in Kopenhagen.

Nach der Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft studierte er zunächst Humanmedizin; anschließend Philosophie, Germanistik, Romanistik und Geschichte an der Sorbonne in Paris und an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er war wissenschaftlicher Assistent und Lehrbeauftragter an den Universitäten Tübingen (1949–1956) und Stuttgart (1957–1959).

Er war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Mit Vollendung seines 90. Lebensjahres bestimmte er, dass sein literarischer Nachlass dem Deutschen Literaturarchiv Marbach übergeben werde.[3]

Fetscher war verheiratet mit Elisabeth Fetscher, geborene Götte (1929–2010). Das Paar hat vier Kinder: die Journalistin Caroline Fetscher, den habilitierten Mediziner Sebastian Fetscher, den Germanistikprofessor Justus Fetscher und die Juristin Christiane Irina Fetscher, Geschäftsführerin der Flick-Stiftung.[4]

Werk[Bearbeiten]

1950 promovierte Iring Fetscher mit einer Arbeit über Hegels Lehre vom Menschen, 1959 folgte die Habilitation mit der Schrift Rousseaus politische Philosophie. 1963 wurde er als Professor für Politikwissenschaft und Sozialphilosophie an die Universität Frankfurt berufen[5], wo er bis zu seiner Emeritierung 1987 blieb. Seine Forschungsschwerpunkte bildeten politische Theorie und Ideengeschichte. Diverse Gastprofessuren führten ihn u. a. an die New School for Social Research in New York (1968/1969), nach Tel Aviv (1972), an das Netherlands Institute for Advanced Study Wassenaar (1972/1973), an das Institute for Advanced Study der Australian National University in Canberra (1976) und an das Institute for European Studies der Harvard University (1977).

Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit waren Studien über Rousseau, Hegel und Marx, insbesondere über die verschiedenen Richtungen des europäischen Marxismus. Zu seinen bekanntesten Schriften zählen das Standardwerk Von Marx zur Sowjetideologie (1957) und das dreibändige Handbuch Der Marxismus (1963–1968). 1985 begann Fetscher zusammen mit Herfried Münkler mit der Veröffentlichung einer auf fünf Bände angelegten Geschichte politischer Ideen (Pipers Handbuch der politischen Ideen). In seinem Buch Überlebensbedingungen der Menschheit (1991) rekonstruiert er ökologische Positionen in der Marxschen und kritischen Theorie und thematisiert die kapitalistischen Grundlagen der Umweltzerstörung.

Eine hohe Bekanntheit in der Bundesrepublik erreichte er auch durch eine ständige Präsenz im Fernsehen, wo er Themen wie Mitbestimmung, den Terrorismus der RAF und „die Grenzen des Wachstums“ kommentierte.[6] Fetscher positionierte sich "gegen Konservatismus und gegen Kommunismus".[7] Er beteiligte sich häufig an den Frankfurter Römerberggesprächen.[8]

Mitte der 1990er Jahre begann Fetscher sich öffentlich intensiver mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen und legte 1995 unter dem Titel Neugier und Furcht. Versuch, mein Leben zu verstehen einen Lebensbericht vor.

Politisches Engagement[Bearbeiten]

Fetscher war 1946 in die SPD eingetreten,[9] beriet Willy Brandt, als dieser noch in Berlin tätig war,[10] arbeitete an der Seite von Erhard Eppler als Mitglied der SPD-Grundwertekommission[11] und beriet die Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt. Als Mitglied der von der sozial-liberalen Bundesregierung eingesetzten Kommission zur Erforschung der geistigen Ursachen des Terrorismus besuchte er zusammen mit dem Sozialphilosophen Günter Rohrmoser den in Haft sitzenden Horst Mahler. Rohrmoser und Fetscher verfassten zusammen mehrere Bücher.

Sonstiges[Bearbeiten]

Durch sein „Märchen-Verwirrbuch“ Wer hat Dornröschen wachgeküßt? (1972), das bis 1990 eine Auflage von 250.000 erreichte, wurde Fetscher einer weiteren Öffentlichkeit bekannt.

Ehrungen[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

  • Von Marx zur Sowjetideologie. 1956, 22 Auflagen bis 1987, zuletzt unter dem Titel Von Marx zur Sowjetideologie. Darstellung, Kritik und Dokumentation des sowjetischen, jugoslawischen und chinesischen Marxismus. Diesterweg, Frankfurt 1987, ISBN 3-425-07363-X.
  • Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des demokratischen Freiheitsbegriffs. Neuwied, Berlin: Luchterhand, 1960.
  • Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten, 1963–68, 3 Bde.
  • Karl Marx und der Marxismus. München: Piper, 1967.
  • Wer hat Dornröschen wachgeküßt? Das Märchen-Verwirrbuch. Düsseldorf: Claassen, 1972. (dt. Gesamtauflage über 250.000 Ex.) ISBN 3-546-42723-8.
  • Herrschaft und Emanzipation. Zur Philosophie des Bürgertums, München 1976
  • Bundesminister des Innern (Hrsg.): Analysen zum Terrorismus. Westdeutscher Verlag, Opladen 1981–1984, Band 1: Iring Fetscher, Günter Rohrmoser (und Mitarbeiter): Ideologien und Strategien (1981)
  • Arbeit und Spiel. Stuttgart: Reclam, 1983, ISBN 3-15-007979-9. (Darin die autobiografische Einleitung "Reflexionen über meine geistige Entwicklung", S. 3-24)
  • als Mitherausgeber: Neokonservative und Neue Rechte. Der Angriff gegen Sozialstaat und liberale Demokratie in den Vereinigten Staaten, Westeuropa und der Bundesrepublik, München 1983
  • als Mitherausgeber: Pipers Handbuch der politischen Ideen. 5 Bände, München 1985ff.
  • Überlebensbedingungen der Menschheit. Ist der Fortschritt noch zu retten? Berlin 1991
  • Neugier und Furcht. Versuch, mein Leben zu verstehen. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1995, ISBN 3-455-11079-7.
  • Neck mich beim Château Margaux. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. November 1999, S. 41
  • Zusammen mit Alfred Schmidt (Hrsg.): Emanzipation als Versöhnung. Zu Adornos Kritik der „Warentausch“-Gesellschaft und Perspektiven der Transformation. Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik, 2002. ISBN 3-8015-0356-9
  • Sammelleidenschaft und spielerische Neugier. Eine weltoffene Familie. In: Familie Marx privat, Akademie Verlag, Berlin 2005, S. XIII-LIII ISBN 3-05-004118-8.
  • Karl Marx, Friedrich Engels: Studienausgabe. Überlegungen, die zur Zusammensetzung der Texte zur Studienausgabe in vier Bänden (1966) geführt haben. In: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge. Sonderband 5. Die Marx-Engels-Werkausgaben in der UdSSR und DDR (1945–1968). Hrsg. von Carl-Erich Vollgraf, Richard Sperl und Rolf Hecker. Argument Verlag, Hamburg 2006, S. 463–470 ISBN 3-88619-691-7.
  • Für eine bessere Gesellschaft. Studien zu Sozialismus und Sozialdemokratie. Hrsg. von Clemens K. Stepina u.a. Wien: Lehner, 2007, ISBN 3-901749-57-8.

Literatur[Bearbeiten]

  • Herfried Münkler (Hrsg.): Der demokratische Nationalstaat in den Zeiten der Globalisierung: politische Leitideen für das 21. Jahrhundert. Festschrift zum 80. Geburtstag von Iring Fetscher, Akademie Verlag, Berlin 2002
  • Clemens K. Stepina (Hrsg.): Iring Fetscher: zwischen Universität und Politik, Edition Art Science, Wien 2011.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Reiner Pommerin (Hg.): 175 Jahre TU Dresden: Geschichte der TU Dresden 1828-2003, Böhlau, Köln 2003, S. 185
  2. Claus-Jürgen Göpfert: „Braune Vergangenheit - Später Schock“, Frankfurter Rundschau, 10. Juni 2011.
  3. Claus-Jürgen Göpfert: Gegen den Fetisch des Wachstums. (Nachruf) fr-online.de, 20. Juli 2014, abgerufen am 21. Juli 2014
  4. FAZ, 2. Oktober 2010, S. 37.
  5. Peter Hahn (Hrsg.), Literatur in Frankfurt, Athenäum, Frankfurt am Main, 1987, S. 179 ISBN 3-610-08448-0.
  6. Willi Winkler: Faible für Marx und Märchen (Nachruf) sueddeutsche.de, 20. Juli 2014, abgerufen am 21. Juli 2014
  7. Stefan Dornuf: Humanist in der Nachkriegszeit. nzz.ch, 21. Juli 2014, abgerufen am 21. Juli 2014
  8. Peter Lückemeier: Ein wohlwollender Frankfurter. faz.net, 21. Juli 2014, abgerufen am 21. Juli 2014
  9. Claus-Jürgen Göpfert: Gegen den Fetisch des Wachstums. (Nachruf) fr-online.de, 20. Juli 2014, abgerufen am 21. Juli 2014
  10. Berthold Seewald: Wie man Professor und Volkspädagoge sein kann. (Würdigung zum 80. Geburtstag) welt.de, 4. März 2002, abgerufen am 21. Juli 2014
  11. Pressemitteilung der SPD zum 90. Geburtstag Fetschers, 2012, abgerufen am 20. Juli 2014