Isaac de Pinto

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zu dem amerikanischen und ebenfalls jüdischen Schriftsteller siehe Isaac Pinto

Isaac de Pinto (* 20. April 1717 in Amsterdam; † 14. August 1787 in Den Haag) war ein niederländischer Jude von portugiesischer Abstammung. Er trat als Philosoph, Gelehrter, Ökonom, Politiker und Geschäftsmann recht vielseitig in Erscheinung. Als Finanzier war er zudem einer der Hauptanleger der Niederländischen Ostindien-Kompanie. Er lebte in Amsterdam, Paris und London und stand im Austausch mit wichtigen Persönlichkeiten - u.a. mit Voltaire und David Hume[1] - der europäischen Aufklärung.

Wirken[Bearbeiten]

Das Haus Nieuwe Herengracht Nr. 99 mit dem Wappen des Jacob Texeira de Mattos

Er war der Sohn des David de Pinto (1692–1751) und dessen Ehefrau Lea Levie-Ximenes (1688–1740), beide seit dem 21. März 1714 verheiratet. Die Familie hatte noch zwei weitere Söhne den Aron und den Jacob de Pinto.[2] Die drei Brüder wurden bereits in jungen Jahren in der Führung der portugiesischen jüdischen Gemeinde in Den Haag beteiligt. Bis 1760 besetzten sie gemeinsam regelmäßig und abwechselnd, zahlreiche administrative Funktionen. Mit seiner Heirat im Dezember 1734 begann Isaac de Pinto sein eigenständiges Leben zu führen. So heiratete er in diesem Jahr die um vier Jahre ältere Rachel Nunes Henriques, die Tochter eines wohlhabenden Gesellschafter und Finanzier der Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC).

De Pinto unterstützte im Österreichischen Erbfolgekrieg William IV von Oranien, der auch Direktor der Niederländischen Ostindien-Kompanie war, indem er ihm 1747 Geld zur Abwehr der Franzosen bei Bergen op Zoom zur Verfügung stellte. Als Gegenleistung dafür bemühte er sich um die Abmilderung des für jüdische Händler geltenden Verbotes, Kleidung, eingelegte Gurken oder Fisch auf den Straßen zu verkaufen.

Von umfassender Bildung, veröffentlichte er erst 1748 in Amsterdam seine erste Schrift Reflexoens politicas, tocante a constituica da Nacao judaica, exposicao do estado de suas financas, causas dos atrasos, & desordens que se experimentao & meyos de os prevenir. Er setzte sich in ihr mit der zunehmenden Armut unter portugiesischen Juden auseinandersetzte und schlug vor, die ärmsten Juden in englische oder niederländlische Kolonien in Amerika zu schicken, nach Surinam, Curacao, Jamaika oder Barbados. Als Teilhaber einer in dieser Region aktiven kolonialen Handelsgesellschaft war dies auch für ihn selbst ein nützlicher Vorschlag. Die Armenfürsorge im Land wäre entlastet worden und Pinto schlug vor, mit diesen Ersparnissen einen Vorsorgefond zu bilden. Als weitere Gründe der Verelendung seiner Gemeinschaft führte er die gestiegene Besteuerung portugiesischer Juden an, Bankrotte von Familiengesellschaften (infolge von Dekadenz), Diskriminierungen jüdischer Handelsvertreter, die Englisch-Niederländischen Seekriege, den Bankrott diverser kolonialer Handelsgesellschaften und die Einwanderung orientalischer Juden.

1762 veröffentlichte er den Essai sur le Luxe in Amsterdam, eine weit beachtete Erwiderungsschrift gegen die luxusfreundliche Haltung Voltaires. Im selben Jahr folgte Apologie pour la Nation Juive, ou Réflexions Critiques, in der er Voltaire erneut kritisiert, weil dieser der jüdischen Religion ihre Rückständigkeit vorwarf und weil er zu wenig zwischen den einzelnen jüdischen Gruppierungen differenziert habe. In seiner Antwort räumte Voltaire eigene Fehler ein. Antoine Guenée verbreitete de Pintos Apologie in seinen Lettres de Quelques Juifs Portugais, Allemands et Polonais, à M. de Voltaire. Im Vorfeld des Friedens von Paris, der den Siebenjährigen Krieg in Übersee beendete, war de Pinto als diplomatischer Vermittler auf britischer Seite aktiv und erhielt dafür eine lebenslange Pension in Höhe von 500 £ der British East India Company.

Infolge einer missglückten Spekulation ging de Pinto 1763 bankrott und war gezwungen, sein Haus in der Nieuwe Herengracht in der Nähe der Portugiesischen Synagoge Amsterdams mit den berühmten fünf wandfüllenden allegorischen Gemälden von Jan Weenix zu verkaufen. Die Familie zog nach Den Haag. 1768 schrieb de Pinto einen Brief an Diderot über das Kartenspiel, Du Jeu de Cartes.[3] Sein Traité de la Circulation et du Crédit folgte in Amsterdam im Jahr 1771 und wurde zweimal neu aufgelegt und ins Englische und Deutsche übersetzt. Darin stellte er unter anderem die These auf, dass staatliche Verschuldung den nationalen Reichtum fördere, was von den meisten Ökonomen seiner Zeit, auch von Adam Smith, abgelehnt wurde. Ein Précis des Arguments Contre les Matérialistes wurde 1774 in Den Haag veröffentlicht. In 1773 und 1774 werden Pinto und Diderot in Den Haag zusammentreffen.[4]

1776 veröffentlichte er in London seine Letters on the American Troubles in denen er Benjamin Franklins Idee der Unabhängigkeit der nordamerikanischen Kolonien zurückwies. De Pintos Werke wurden auf Französisch (Amsterdam, 1777) und Deutsch (Leipzig, 1777) veröffentlicht. Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten, mit denen de Pinto sich über Ökonomie austauschte, war David Hume.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Reponse de Mr. J. de Pinto, aux Observations d’un homme impartial sur sa Lettre à Mr. S.B., docteur en médecine à Kingston dans la Jamaïque, au sujet des troubles qui agitent actuellement toute l’Amérique septentrionale. (1776)
  • Précis des arguments contre les matérialistes : avec de nouvelles réflexions sur la nature de nos connoissances, l’existence de dieu, l’immatérialité de l’ame. (1775)
  • Traité de la Circulation et du Crédit. (1771)
  • Essai sur le luxe. (1762)

Literatur[Bearbeiten]

  • Art. in: Biographie universelle 34 (1823), 484–6
  • M. B. Amzalak: O economista Isaac Pinto, Lisboa 1922.
  • Herbert I. Bloom: The Economic Activities of the Jews of Amsterdam in the Seventeenth and Eighteenth Centuries. Nachdruck Kennicat Press, Port Washington, NY 1969 (zuerst 1937).
  • Miriam Bodian: Hebrews of the Portuguese Nation. Conversos and Community in Early Modern Amsterdam. Indiana University Press, Bloomington, 1997.
  • José Luís Cardoso und António de Vasconcelos Nogueira: Isaac de Pinto (1717–1787) and the Jewish problems: Apologetic letters to Voltaire and Diderot. In: History of European Ideas, Band 33/4 (2007), S. 476–487
  • A. Hertzberg: French Enlightenment and the Jews, Columbia University Press, Philadelphia 1968, s.v.
  • Jonathan Israel: European Jewry in the Age of Mercantilism, 1550– 1750. The Littman Library of Jewish Civilization, London 1998.
  • Ida J. A. Nijenhuis: Een joodse ‚philosophe‘. Isaac de Pinto (1717-1787) en de ontwikkeling van de politieke economie in de Europese Verlichting. Amsterdam 1992.
  • Richard H. Popkin: Hume and Isaac de Pinto. In: Texas Studies in Literature and Language. A Journal of the Humanities 12/3 3 (1970), S. 417–430.
  • Richard H. Popkin: Hume and Isaac de Pinto, II. Five new letters. In: William B. Todd (Herausgeber): Hume and the Enlightenment. Essays Presented to Ernest Campbell Mossner, Edinburgh University Press, Edinburgh, 1974, S. 99–127.
  • Adam Sutcliffe: Can a Jew Be a Philosophe? Isaac de Pinto, Voltaire, and Jewish Participation in the European Enlightenment, in: Jewish Social Studies NS 6/3 (2000), S. 31-51.
  • L. S. Sutherland: The East India Company and the Peace of Paris, in: English historical review 62 (1947), S. 179-190.
  • J.S. Wijler: Isaac de Pinto, sa vie et ses oeuvres. [Diss. Amsterdam], C.M.B. Dixon & Co, Apeldoorn 1923.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Richard H. Popkin: Mit allen Makeln. Erinnerungen eines Philosophiehistorikers. Hamburg 2008, S. 44
  2. Genealogie der Familie
  3. "Pinto". Jewish Encyclopedia. 1901–1906.
  4. Leon Schwartz: Diderot and the Jews, S. 131. Fairleigh Dickinson University Press, 1981, ISBN 0-8386-2377-8 [1]