Isaak Emmanuilowitsch Babel

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Isaak Babel

Isaak Emmanuilowitsch Babel (russisch Исаак Эммануилович Бабель; * 1. Julijul./ 13. Juli 1894greg. in Odessa; † 27. Januar 1940 in Moskau) war ein jüdisch-russischer Journalist und Schriftsteller. Sein bekanntestes Werk ist der 1926 veröffentlichte Erzählband Die Reiterarmee. Nach anfänglichen Erfolgen in der jungen Sowjetunion fiel er den stalinistischen Säuberungen zum Opfer und wurde 1940, nach einer anderen Quelle 1941 hingerichtet; 1954 wurde er rehabilitiert.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten]

Isaak Babel wurde 1894 als Sohn von Emmanuel Isaakowitsch und seiner Frau Fejga in eine Familie von jüdischen Händlern im Moldawanka Quartier in der ukrainischen Stadt Odessa geboren. Kurz nach seiner Geburt übersiedelte die Familie nach Nikolajew, wo es Babels Vater zu Wohlstand brachte. Im Winter 1905 kehrte Babel nach Odessa zurück und besuchte die nach dem Zaren Nikolaus I. benannte und angesehene Wirtschaftsschule von Odessa, die er 1911 abschloss. Inspiriert von seinem Lehrer für Französisch und Literatur, las Babel die Autoren Gustave Flaubert und Guy de Maupassant. Weiterhin begann er, auf Französisch erste Geschichten zu schreiben.

Anfang der literarischen Karriere[Bearbeiten]

Da ein Studium an der Universität von Odessa wegen der Quote für Juden nicht in Frage kam, ging Babel nach Kiew an das Institut für Ökonomie und Finanzen. Hier traf er Jewgenija Gronfein, seine zukünftige Frau. 1916 schloss Babel sein Studium ab und zog nach Petrograd (heute: Sankt Petersburg), das nicht zum Ansiedlungsrayon (Черта оседлости) gehörte, in dem Juden sich in Russland niederlassen durften. In der Stadt traf er den Schriftsteller Maxim Gorki, der einige seiner Geschichten in seinem Magazin Letopis (Летопись) veröffentlichte. Gorki gab dem angehenden Schriftsteller den Rat, sich mehr Lebenserfahrung zu verschaffen. Später schrieb Babel in seiner Autobiografie: "[...]Ich verdanke alles diesem Zusammentreffen und spreche auch heute noch Alexej Maximowitsch's Namen mit Liebe und Bewunderung aus.[...]". Eine seiner bekanntesten autobiographischen Erzählungen mit dem Titel "Die Geschichte meines Taubenhauses" (russ. "История моей голубятни") widmete er Gorki. Die Geschichte "Das Badezimmerfenster" erschien den russischen Zensoren obszön und Babel wurde für die daraus entstehende Verletzung des Artikel 1001 des Kriminalgesetzbuches bestraft.

Der Erste Weltkrieg und die darauffolgende russische Revolution veränderten Babels Leben vollständig. In den nächsten sieben Jahren kämpfte er im Ersten Weltkrieg an der rumänischen Front und arbeitete für die Tscheka als Übersetzer bei der Spionageabwehr. Neben weiteren Tätigkeiten war er Mitglied im regionalen Komitee der Bolschewiki in Odessa, einer Einheit zur Requirierung von Nahrungsmitteln, im Narkompros (Kommissariat für Erziehung und Bildung) oder Reporter für Zeitungen in den Städten Tiflis und St. Petersburg. Am 9. August 1919 heiratete er Jewgenija Gronfein in Odessa.

Babel als sowjetischer Schriftsteller[Bearbeiten]

Im Jahr 1920 wurde er auf dem Höhepunkt des russischen Bürgerkriegs als Reporter der Reiterarmee des Generals Budjonny zugeteilt, nachdem er sich, dem Rat Maxim Gorkis folgend, freiwillig zum Dienst in der Roten Armee gemeldet hatte. Er wurde Zeuge des erfolglosen Versuches dieser Reiterarmee das polnische Kernland zu besetzen, nachdem der Vorstoß der polnischen Armee auf dem Territorium der Ukraine vorher erfolgreich abgewehrt worden war. Der Roten Armee gelang es zwar, im Polnisch-Sowjetischen Krieg Warschau zu bedrohen, sie wurde jedoch wieder zurückgeschlagen.

Babel schrieb: "Erst im Verlauf des Jahres 1923 habe ich gelernt, meine Gedanken in einer klaren und knappen Weise auszudrücken. Danach begann ich wieder zu schreiben." Verschiedene Geschichten, die später in dem Band "Die Reiterarmee" zusammengefasst wurden, wurden 1924 in Wladimir Majakowskis Magazin LEF ("ЛЕФ") publiziert. Babels ehrliche Beschreibung der Brutalität des Krieges und sein Verzicht auf Beschönigungen brachten ihm eine Reihe von mächtigen Feinden ein, unter denen auch Budjonny war. Die Einmischung Gorkis verhinderte jedoch eine Vernichtung des Buches, welches bald in verschiedene Sprachen übersetzt worden war.

Nachdem er nach Odessa zurückgekehrt war, begann Babel eine Serie von Kurzgeschichten über das Leben im Odessaer Viertel Moldawanka vor und nach der Oktoberrevolution zu schreiben. Diese wurden zunächst in verschiedenen Magazinen und Zeitschriften veröffentlicht, 1931 wurden die gesammelten Erzählungen unter dem Titel Geschichten aus Odessa als Buch veröffentlicht. Während der gleichen Zeit traf Babel Ilja Ehrenburg und schloss mit ihm Freundschaft. Er veröffentlichte seine Kurzgeschichten während der gesamten verbleibenden 20er Jahre. 1925 emigrierte seine erste Frau Jewgenija Gronfein jedoch nach Paris. Er heiratete später Antonina Piroschkowa.

1930 reiste Babel durch die Ukraine und sah die Brutalität, mit der die Kollektivierung in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Als Stalin seinen Griff um die sowjetische Kultur festigte und besonders nach dem Entstehen des "Sozialistischen Realismus" begann Babel sich vom öffentlichen Leben zurückzuziehen. "Zu arbeiten", notiert er, "fällt mir sehr viel schwerer als früher." In Deutschland von Tucholsky in der "Weltbühne" gelobt, wuchsen zu Hause die persönlichen Schwierigkeiten, welche sich aus seinem ungeschönten Umgang mit der Realität des Russischen Bürgerkrieges ergaben. Was Babels Wahrheit unbequem, ja gefährlich machte: Noch gab es Augenzeugen, Verantwortliche, für die von Babel in der Reiterarmee geschilderten Geschehnisse, welche sich zum Teil in einflussreichen Positionen des sowjetischen Staatsapparates befanden. Gegen die Vorwürfe, er habe das Bild der Roten Reiterarmee entstellt, konnte er sich daher öffentlich schon nicht mehr äußern.

Nach einigen vergeblichen Anfragen wurde es Babel schließlich gestattet, ins Ausland nach Paris zu reisen und dort seine Familie zu besuchen. 1935 hielt er eine Ansprache auf dem Kongress antifaschistischer Schriftsteller in Paris. Nach seiner Rückkehr arbeitete er mit Sergei Eisenstein an dem Film Beschinwiese und schrieb an Drehbüchern für weitere sowjetische Filme mit. 1935 erschien sein zweites Theaterstück Marija im Druck. Es spielt im revolutionären Petrograd nach 1917, in einer Stadt des Elends und des Todes. Die scharfen Reaktionen auf die Veröffentlichung führten zum Abbruch der Proben an verschiedenen Theatern. Es wurde an keiner sowjetischen Bühne aufgeführt. Seine Welturaufführung erfuhr das Drama 1964 in italienischer Sprache am Piccolo-Theater in Florenz.

Nach dem Tod von Maxim Gorki verbrachte Babel seine Zeit in der ständigen Angst, verhaftet zu werden. Obwohl er Schriftsteller und im Ausland gewesen war, wurde er aber vom Großen Terror unter Nikolai Iwanowitsch Jeschow zunächst verschont. Dies wurde durch gute Kontakte ermöglicht, welche er zu den Ausführenden des Stalinistischen Terrors aufbaute. Erst nach der Absetzung Jeschows im Dezember 1938 geriet er in akute Gefahr.

Vom NKWD aufgenommenes Foto Isaak Babels (Lubjanka, Mai 1939)

Verhaftung und Tod[Bearbeiten]

Man verhaftete ihn aufgrund einer Denunziation am 15. Mai 1939 gegen 5 Uhr morgens in seiner Datscha im Dorf Peredelkino. Er wurde in Begleitung seiner Frau (die nicht verhaftet wurde) in das große Moskauer Gefängnis Lubjanka gebracht und beschuldigt, für den Westen spioniert zu haben. Die Anschuldigungen stützten sich dabei hauptsächlich darauf, dass Babel gute Kontakte zu dem ehemaligen Chef des NKWD Jeschow über eine Affäre mit dessen Frau und auch zu seinem Vorgänger Jagoda hatte.[1][2] Neben diesen tatsächlich ausschlaggebenden Fakten, durch die er von dem neuen NKWD-Chef Lawrenti Beria als Feind angesehen wurde, warf man ihm im Laufe der Verhöre auch noch "verbotene" Gespräche mit verschiedenen anderen "Staatsfeinden" vor. Nach seinem erzwungenen Geständnis, welches er am Tag seiner Gerichtsverhandlung widerrief, wurde er angeklagt, am 26. Januar 1940 von einem Tribunal, bestehend aus dem Richter Ulrich und den Militärs Kandybin und Dimitriew, für schuldig befunden und am darauffolgenden Tag im Gefängnis Butyrka erschossen. Seine Witwe Antonina Nikolajewna erfuhr erst 15 Jahre später von seinem Schicksal, vorher wurde ihr immer wieder die falsche Information gegeben, dass ihr Mann noch am Leben sei. Nach einer offiziellen Version sollte er in einem Lager in Sibirien am 17. März 1941 gestorben sein. Seine Manuskripte wurden vom NKWD bei seiner Verhaftung beschlagnahmt und später verbrannt.[3]

Am 23. Dezember 1954 wurde Babel öffentlich von den gegen ihn erhobenen Anschuldigungen freigesprochen. Dies ermöglichte die erneute Veröffentlichung seiner erhalten gebliebenen Werke ab 1957 durch seine Witwe.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Enzo Biagi: "[...] Babel liebt es, sich über den Nächsten lustig zu machen. Wenn er nicht gestört werden will, antwortet er am Telefon mit einer Frauenstimme. Er macht sich sogar über Jagoda lustig, den er bei Freunden trifft: «Genrich Gregorijewitsch, sagen Sie mir, wie muß man sich verhalten, wenn man Ihnen in die Fänge gerät ?» Und Jagoda antwortete belustigt: «Alles abstreiten, wie auch immer die Vorwürfe lauten, nein sagen, immer nur nein sagen. Dagegen können wir nichts machen.»"
  2. Simon Sebag-Montefiore; Isaac Babel; Book of a Lifetime: "[...] when Yezhov was thrown from power, so died she and all her lovers - including Babel."
  3. Die Manuskripte umfassten mehrere Dutzend Erzählungen, ein Drehbuch, ein halbfertiges Theaterstück und eine Materialsammlung zu einer Biografie seines Freundes Maxim Gorki. Dies geht aus einem Gesuch Babels an Lawrenti Berija hervor, in dem er darum bat, das Material zu sichten und zur Veröffentlichung vorzubereiten. siehe Enzo Biagi: Lubjanka oder Die Gewöhnung an den Tod

Werke (in Auswahl)[Bearbeiten]

  • Ein Abend bei der Kaiserin. Erzählungen, Dramen, Selbstzeugnisse. Volk und Welt, Berlin 1969.
  • Budjonnys Reiterarmee und anderes. Das erzählende Werk. Mit einem Nachwort von Walter Jens. Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau 1960.
  • Geschichten aus Odessa. Autobiographische Erzählungen. Deutsch von Milo Dor und Reinhard Federmann. München 1987. ISBN 3-423-10799-5.
  • Marija (Theaterstück), 1935.
  • Die Reiterarmee: Erzählungen (auch Budjonnyjs Reiterarmee, erstmals erschienen 1926). Aus dem Russischen von Dmitri Umanski. Frankfurt a.M. 1994. ISBN 3-518-22151-5.
  • Sonnenuntergang ("Sunset", Theaterstück), 1928.
  • Tagebuch 1920. Aus dem Russischen übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Peter Urban. Berlin 1990. ISBN 3-921592-59-3.

Literatur[Bearbeiten]

  • Enzo Biagi: Das Schweigen des Schriftstellers: Isaak Babel, in: ders.: Lubjanka oder Die Gewöhnung an den Tod, Berlin 1991, ISBN 3-87134-015-4 (Interview mit Antonina Nikolajewna)
  • Ilja Ehrenburg: Menschen - Jahre - Leben (Memoiren), München 1962, Sonderausgabe München 1965, Band II 1923-1941, Seite 133-147 ISBN 3-463-00512-3 (Portrait)
  • Reinhard Krumm: Isaak Babel. Ein Schreiben unter Stalin. Eine Biographie, Norderstedt 2005, ISBN 3-8334-2780-9 auszugsweise online
  • Petra Morsbach: Isaak Babel auf der sowjetischen Bühne, München 1983, ISBN 3-87690-258-4
  • Antonina Piroshkowa: Ich wünsche Ihnen Heiterkeit. Erinnerungen an Babel, Berlin 1993, ISBN 3-353-00984-1
  • Robert A. Rosenstone: King of Odessa, Evanston, Ill. USA 2003, ISBN 0-8101-1992-7
  • Efraim Sicher: Jews in Russian literature after the October Revolution. Writers and artists between hope and apostasy, Cambridge u.a. 1995, ISBN 0-521-48109-0
  • Wolf Schmid: Ornamentales Erzählen in der russischen Moderne. Čechov - Babel - Zamjatin, Frankfurt am Main u.a. 1992, ISBN 3-631-44242-4
  • Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Bücher, Köln 2008, ISBN 978-3-462-03962-7 (zu Babel Seite 206/207)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Isaak Babel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien