Ischiocrurale Muskulatur

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Hintere Oberschenkelmuskulatur des Menschen (rechtes Bein von hinten betrachtet)

Die ischiocrurale Muskulatur, auch Hüftgelenksextensoren oder rückseitige Oberschenkelmuskulatur genannt, sind eine Gruppe von Muskeln, die sich auf der Rückseite – beim Menschen dorsal, bei Tieren kaudal – des Oberschenkels befinden. In der Tieranatomie werden diese Muskeln auch als Hinterbackenmuskeln oder lange Sitzbeinmuskeln bezeichnet. In der anglo-amerikanischen Fachliteratur heißt diese Muskelgruppe ischiocrural muscles oder wird als hamstring zusammengefasst.

Die ischiocruralen Muskeln[Bearbeiten]

Funktion[Bearbeiten]

Die Hauptfunktionen der rückseitigen Oberschenkelmuskulatur sind die Hüftstreckung und die Kniebeugung.

Die ischiocruralen Muskeln können aber – insbesondere bei sportlicher Bewegung wie Laufen und Radfahren – an Bewegungen mitwirken, die eine Streckung des Kniegelenks mit sich bringen. So übernimmt im Radsport bereits nach etwa 80° des Tretzyklus (gemessen ab dem oberen Totpunkt, der höchsten Pedalstellung) der M. biceps femoris, vermutlich aber auch die Mm. semitendinosus und semimembranosus (sie wurden in viele Studien nicht einbezogen) einen großen Teil der vortriebswirksamen Arbeit, indem er Druck auf die Pedale ausübt.

Voraussetzung für diese „paradoxe“ Wirkung ist eine Führung oder Fixierung des Fußes. „Paradox“ wird die Wirkung genannt, weil, wenn die Oberschenkelmuskulatur einen Beitrag zur Kraftentwicklung gegen die Schwerkraft leistet, i.d.R. die kniestreckende vordere Oberschenkelmuskulatur dies übernimmt.

Das Phänomen wurde bereits 1903 von dem US-amerikanischen Physiologen Lombard entdeckt und nach ihm als „Lombard'sches Paradoxon“ benannt. Es wurde auch für den Sprint in der Leichtathletik nachgewiesen.[1]

Die ischiocrurale Muskulatur entlastet propriorezeptiv bei der Kniegelenksextension das vordere Kreuzband (Ligamentum cruciatum anterius), da sie das Plateau des Schienbeins (Tibia) gegenüber dem Kondylus des Oberschenkelknochens (Femur) nach hinten zieht.[2]

Klinische Bedeutung[Bearbeiten]

Abriss der ischiocruralen Muskulatur am Tuber ischiadicum in der Magnetresonanztomographie. Die Pfeilspitzen weisen auf die leere Ursprungsstelle am Sitzbeinhöcker und den durch die Muskeleigenspannung zurückgezogenen Sehnenstumpf. Eine deutliche Einblutung um und in die Muskulatur stellt sich hell dar.

Ein Einriss oder Abriss eines Teils oder der ganzen ischiocruralen Muskulatur ist eine häufige Verletzung, die oft bei Sportarten mit plötzlichen, abrupten Bewegungen wie z. B. Wasserski oder Fußball auftritt. Die Behandlung kann operativ oder konservativ erfolgen, wobei sich die Entscheidung für den einen oder anderen Weg auch nach dem Ausmaß der Verletzung (kompletter Riss oder nur ein Teil) richtet.[3][4]

In der Tiermedizin wird die ischiocrurale Muskulatur häufig zur intramuskulären Injektion genutzt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe bspw. in Klaus WIEMANN: Präzisierung des LOMBARDschen Paradoxons in der Funktion der ischiocruralen Muskeln beim Sprint (PDF; 179 kB)
  2. S. Ostermeier u. a.: Dynamische Messung der Spannung des vorderen und hinteren Kreuzbandes in Abhängigkeit von der ischiocruralen Muskulatur. Meeting Abstract (DGOOC 2004)
  3. J. D. Harris, M. J. Griesser, T. M. Best, T. J. Ellis: Treatment of proximal hamstring ruptures - a systematic review. In: International journal of sports medicine. Band 32, Nummer 7, Juli 2011, S. 490–495, ISSN 1439-3964. doi:10.1055/s-0031-1273753. PMID 21563032. (Review).
  4. J. M. Linklater, B. Hamilton, J. Carmichael, J. Orchard, D. G. Wood: Hamstring injuries: anatomy, imaging, and intervention. In: Seminars in musculoskeletal radiology. Band 14, Nummer 2, Juni 2010, S. 131–161, ISSN 1098-898X. doi:10.1055/s-0030-1253157. PMID 20486024. (Review).

Weblinks[Bearbeiten]