Islam in Japan

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Moschee Tokyo Camii

Der Islam war bis zur Meiji-Restauration in Japan praktisch unbekannt. Bis heute ist er zumeist auf wenige einheimische Konvertiten und im Land ansässige Ausländer begrenzt geblieben. [1]

Entwicklung 1904 bis 1953[Bearbeiten]

Infolge des russisch-japanischen Krieges (1904/05) kamen in den am Festland unter japanische Verwaltung gelangten Gebieten erstmals eine signifikante Anzahl von Muslimen, meist turk-tatarische Händler und deren Familien, unter japanische Herrschaft. Diese Gruppe vergrößerte sich durch „weiße“ Flüchtlinge[2] als Folge der Oktoberrevolution.

Bereits zu dieser Zeit versuchten japanische Geheimdienstkreise, das nationalistische Potential dieser Gruppen gegen Russland und andere Kolonialmächte (unter dem Begriff kaikyo seisaku - islamistische Politik) zu nutzen. Agitatoren wie Abdürreşid İbrahim, der Ägypter Ahmad Fadzli Beg (1874–?), später der Inder Mouvli Barakatullah (1856–1927), Ayaz İshaki, Kurban Ali († 1972 in sowjetischer Gefangenschaft in der er sich seit 1945 befand) und dem Saudi Tewfik Pasha wurden – oft indirekt über Geheimgesellschaften wie die Kokuryūkai – unterstützt. Der erste japanische Hadji (1910) Yamaoka Kōtarō war Geheimagent,[3] ebenso seine Nachfolger: Nur Tanaka Ippei (1924) und 1934-36: Hadji Yamauchi, Muhammad Abdul Muniam Hosokawa Susumu, Muhammad Abduralis Kori Shozo, Muhammad Nimet Enomoto Momotaro, Saleh Suzuki (als Partisanenführer in Aceh bis 1949).[4]

In der Zeit bis zum Pazifikkrieg bildeten sich in Kōbe und Tokio islamische Gemeinden, deren Angehörige meist aus der turk-tatarischen Kaufmannschaft stammten, die vom japanisch verwalteten Festland eingewandert waren. Infolge der japanischen Groß-Asien-Vision, wurden die muslimischen Führer der Unabhängigkeitsbewegung in Niederländisch-Indien durch die Japaner konkret gefördert. Sie erhofften sich durch die Stärkung des Faktors Religion innerhalb der Unabhängigkeitsbewegung einen starken Widerstand gegen die europäischen Kolonialmächte. Durch eine unabhängige asiatische Handelszone versprach sich Japan mehr Selbstständigkeit gegenüber dem Westen. US-Dokumente aus dem Zweiten Weltkrieg belegen, wie Japan über Jahrzehnte hinweg die Gruppe des Islam als politischen Faktor für ihre eigenen Zielsetzung radikalisierte (Religion wurde als politische Waffe entdeckt, Lit.: M.J. Schindehütte, 2006, 77-113).

Bereits 1909 entstand die Initiative in Tokio eine Moschee zu errichten, diese wurde jedoch erst am 12. Mai 1938 (Geburtstag Mohammeds) fertiggestellt, nachdem verschiedene Zaibatsu den Bau finanziert hatten (s. Tokyo Camii). Am Festland in Harbin, wurde 1937 eine 1922 begonnene Moschee vollendet. 1934 kam es in Kōbe zu einer Konvention in Japan lebender Türken und Tataren. Dabei wurde der Bau einer Moschee (s. Kōbe-Moschee) beschlossen, die 1935 geweiht wurde. Zu dieser Zeit befanden sich etwa 600, meist vor der Sowjetmacht geflohene, tatarische Türken in Japan.

All diese Projekte – wie auch islamistische Zeitschriften (u. a. Yani Yapon Muhbiri; in Mukden Milli Bayrak (1935-45)[5]) – wurden staatlicherseits unterstützt, da der islamische Nationalismus gegen die Sowjetunion genutzt werden sollte. Der 81-jährige Abdürreşid İbrahim wurde 1938 Imam der Tokioter Moschee und Vorstand im Dai Nippon Kaikyō Kyōkai, der offiziellen staatlichen Organisation für den Islam[6] in Japan. Als Imam folgte ihm Abdülhay Kurban Ali (1889-1972).

Der als Kriegsverbrecher der Kategorie A angeklagte Ōkawa Shūmei (aufgrund seiner „Visionen“ als unzurechnungsfähig eingestuft und aus der Haft entlassen) vollendete im Gefängnis die erste Übersetzung des Koran ins Japanische.

Die nach dem Krieg in Japan gebliebenen tatarischen Muslime erhielten 1953 die türkische Staatsangehörigkeit, woraufhin viele – ebenso wie ihre in Nordchina verbliebenen Glaubensgenossen – mit Hilfe des Roten Kreuzes nach Australien, USA und in die Türkei auswanderten, wodurch sich die islamische Gemeinde stark verkleinerte.

Islamwissenschaft in Japan[Bearbeiten]

In den 1930er Jahren kam es auch zur Gründung islamwissenschaftlicher Institute[7]. Zunächst im Februar 1932 Islam Bunka Kenkyūjo (dt. „Institut für Islamische Kultur“). Diese rein akademische Organisation trennte sich in zwei Gruppen: Das 1935 gegründete Islam Gakkai („Islamische Akademie“) und die Islam Bunka Kyōkai (gegr. 1937), in der Regierungsvertreter dominierten. Diese Organisation ging dann 1938 im Dai-Nippon Kaikyō Kyōkai auf. Im selben Jahr gründete Ōkubo Koji (大久 保幸; 1887-1947) mit Unterstützung des Fürsten Tokugawa Iemasa das Kaikyōken Kenkyūjo (回教圏研究所, dt. „Institut der islamischen Welt“). Regierungsseitig folgte dann 1941 noch das Tōa Kenkyūjo (東亜研究所, dt. „Ostasien-Institut“; vollständig: 東亜経済調査局・西北研究所, Tōa keizai chōsa kyoku – seihoku kenkyūjo, dt. „Ostasiatisches Wirtschaftsarchiv, Nordwest-Institut“).

All diese Organisationen gaben Journale heraus, u. a. Islam Bunka, Islam Kaiyō Bunka (Okt. 1937 - Jan. 1939), Kaikyōken (Juli 1938 - Dez. 1944), Kaikyō Jijo (bis Dez. 1941), Shin-Ajia (Aug. 1941-). Viele islamistische Publikationen dieser Zeit sind nur in einer Spezialsammlung der Bibliothek der Waseda-Universität erhalten.[8] Sämtliche genannten Organisationen wurden von der Besatzungsmacht 1945 aufgelöst. Die japanische Islamwissenschaft kam daraufhin für etwa zehn Jahre zum Erliegen. Der erste bedeutende Islamwissenschaftler war Izutsu Toshihiko.

Entwicklung nach 1953[Bearbeiten]

1974 kam es zur Gründung einer „Japan Muslim Federation.“[9]

Das Gebäude der Tokioter Moschee wurde 1985 abgerissen, um einem Neubau Platz zu machen. Heute sollen etwa 30-40 kleinere Moscheen und etwa 100 islamische Gebetsräume in Japan bestehen.[10]

Die Anzahl der Muslime in Japan nahm erst durch den um 1985 beginnenden Zufluss von Gastarbeitern meist aus Bangladesh und dem Iran wieder signifikant zu. Die Anzahl der Konvertiten ist weiterhin gering. Bis heute gibt es nur wenige Japaner als Imam einer Moschee.[11]

Literatur[Bearbeiten]

  • Selcuk, Esenbel; Japan's Global Claim to Asia and the World of Islam: Transnational Nationalism and World Power, 1900–1945; in: Am. Hist. Rev. Vol. 109, No. 4 online (Version vom 5. Dezember 2004 im Internet Archive)
  • Selcuk, Esenbel; Inaba Chiharū (Hrsg.); The Rising Sun and the Turkish Crescent; İstanbul 2003, ISBN 975-518-196-2
  • Kawamura Mitsuo (川村 光郎); 戦前日本イスラム中東研究小史 A short history of Islamic studies in Japan – a case of the 1930's; in: 日本中東学会 (ISSN 0913-7858), 1987, S. 409-39 Abstract (en.)
  • Schindehütte, Matti; Die Entdeckung von Religion als politischen Faktor in (Süd)Ost-Asien; in: Ders.; Zivilreligion als Verantwortung der Gesellschaft. Religion als politischer Faktor innerhalb der Entwicklung der Pancasila Indonesiens, Hamburg : Abera 2006, 65-113 (ISBN 3-934376-80-0), oder online über SUB Hamburg. Hier finden sich auch Dokumente und Reports des US-amerikanischen Geheimdienstes Office of Strategic Services (OSS)
  • Derk Bodde; Japan and the Muslims of China; Far Eastern Survey, Vol. 15, No. 20 (Oct. 9, 1946), S. 311-313.
  • Emile A. Nakhleh, Keiko Sakurai, Michael Penn: „Islam in Japan: A Cause for Concern?“, Asia Policy, Number 5, January 2008

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Statistische Jahrbücher, sowie Standardwerke wie das Japan-Handbuch erwähnen ihn meist nicht. Der: Paul L. Swanson; Clark Chilson; Nanzan guide to Japanese religions; Honolulu 2006 (Univ. of Hawai'i Press), ISBN 0-8248-3002-4 enthält nur eine Zeile im Anhang.
  2. Besonders nach der Niederschlagung des Basmatschi-Aufstandes der zentralasiatischen Turkvölker 1922. Selcuk, Esenbel; Japan's Global Claim …
  3. Esenbel, Selcuk; Inaba Chiharū (Hrsg.); The Rising Sun … besonders S. 107-21.
  4. Selcuk, Esenbel; Japan's Global Claim ...
  5. Esenbel, Selcuk; Rising Sun ... a.a.O.
  6. ausführlich in: 大沢; 昭和前記にあける大日本回教協会の活動について; Jnl. Jap. Ass. Religious Studies 2004, Nr. 5, S 288-9.
  7. der gesamte Absatz nach: Kawamura Mitsuo (川村 光郎); 戦前日本イスラム中東研究小史; 1987
  8. http://dspace.wul.waseda.ac.jp/dspace/bitstream/2065/3973/1/100189_15.pdf
  9. Nanzan guide to Japanese religions; Anhang.
  10. Kawakami Yasunori: Local Mosques and the Lives of Muslims in Japan
  11. FOCUS:Japanese imam understands true meaning of Islam (Memento vom 8. Juli 2012 im Webarchiv Archive.today)

siehe auch: National Archives, Washington, D.C.; Office of Strategic Services, R&A reports no. 890, Japanese Infiltration among Muslims Throughout the World (May 1943); no. 890.1, Japanese Infiltration among Muslims in China (May 1944); no. 890.2, Japanese Attempts at Infiltration among Muslims in Russia and Her Borderlands (August 1944).

Japanische Namensreihenfolge Japanischer Name: Wie in Japan üblich, steht in diesem Artikel der Familienname vor dem Vornamen. Somit ist Yamaoka der Familienname, Kōtarō der Vorname.