Islam in Ungarn

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Die aus der osmanischen Zeit stammende ehemalige Moschee in Pécs.

Der Islam in Ungarn reicht bis ins 10. Jahrhundert zurück. Die Muslime, die damals mit wirtschaftlichen Privilegien ins Land geholt wurden, blieben weitestgehend unter sich. Dies änderte sich auch nicht nach der militärischen Eroberung weiter Landesteile durch die Osmanen im 16. Jahrhundert, obwohl Ungarn durch die weitgehende Verdrängung des christlichen Lebens aus der Öffentlichkeit und die Installation von Moscheen eine optische muslimische Transformation erlebte. Mit der vollständigen Rückkehr des Landes unter habsburgische Herrschaft wurden auch die islamischen Einflüsse der türkischen Besatzungszeit wieder zurückgedrängt.

10. bis 13. Jahrhundert[Bearbeiten]

Die ersten muslimischen Kaufleute wanderten auf Geheiß des ungarischen Großfürsten Taksony im 10. Jahrhundert in Ungarn ein. Er beauftragte die Neuankömmlinge, sich im Bereich des einstigen römischen Kastells Castra Aquincum anzusiedeln, aus dem sich Pest, heute Teil der Hauptstadt Budapest, entwickelte.[1] Außerdem überließ er den Muslimen die Überwachung der Donaufähre zwischen den beiden Orten Buda und Pest.[2] In der Folge unterstützen die Árpádenherrscher diese Politik, wie die erste ungarische Chronik, die Gesta Hungarorum, berichten.

„… so gelangten die ehrwürdigen Männer Billa und Baksh mit zahlreichen Muslimen aus dem Land Bular hierher. Der Herzog (Geza, Vater von Stephan I.) teilte ihnen Besitz in verschiedenen Regionen des Landes zu und darüber hinaus eine Burg namens Pest …“

Herzog Stephan I.: Gesta Hungarorum[3]

Aufgrund seiner Lage und der Donaufähre erlangten das frühe Pest eine gewisse Bedeutung für den Fernhandel. Dabei beschränkten sich die muslimischen Kaufleute jedoch nicht nur auf orientalische Luxusgüter, sondern waren im 12. und 13. Jahrhundert aktiv in das lukrative Wein- und Salzgeschäft Ungarns eingebunden. Der muslimische Theologe und Reiseschriftsteller Abu Hamid al-Gharnati stand um 1150 in Kontakt mit der islamischen Diaspora in Ungarn.[2] Auch der muslimische Geograph Yaqut al-Hamawi ar-Rumi berichtet im 13. Jahrhundert über Muslime in Ungarn, wobei er das Land nicht selbst kennengelernt hat. In seinem geographischen Wörterbuch „Mu'ajam al-Buldan“[4] berichtet er von einer Begegnung mit muslimischen Jugendlichen aus Ungarn in Syrien, die ihm vom Leben im Magyarenreich erzählten.

Die Árpáden erlaubten den einflussreich gewordenen Muslimen, im Finanzwesen des Landes bedeutende Positionen einzunehmen. So erhielten sie das Recht die königlichen Einnahmen zu pachten und selbständig einzutreiben. Doch zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurden erstmals Restriktionsforderungen gegen Muslime und Juden laut. Den ungarischen Adeligen, den servientes regis, waren durch königliches Geheiß die Privilegien gestrichen worden. Daraufhin verfasste der Adel die Goldene Bulle von 1222 in der beklagt wird, dass es den Einheimischen verboten sei, das Kammergrafenamt anzunehmen, Geldwechsel zu betreiben sowie für Zolleinnahmen oder Salzhandel tätig zu sein.[5] Da die ungarische Krone jedoch nicht auf das lukrative Geschäft mit den Muslimen verzichten wollte, erhöhte der Adel mit einer Erneuerung der Bulle und mit Hilfe der Kirche den Druck auf das Königshaus. 1232 wurden alle muslimischen Kauf- und Finanzleute zum Abzug gezwungen. Auch alle in Pest lebenden Sarazenen verließen das Land. Statt den Muslimen wurden nun Deutsche ins Land geholt, welche die entstandenen wirtschaftlichen Lücken schlossen.[6]

Türkische Besetzung Mittelungarns[Bearbeiten]

1526, nach der Schlacht bei Mohács, begannen die Türken mit der Besetzung und äußerlichen islamischen Transformation Ungarns. Ab 1541 hatten die Eroberer die direkte Gewalt über Mittelungarn. Sie installierten fünf Paschas mit jeweils einem Amtsbezirk (Paschaliks) unter der Kontrolle des Belerbeg, dem in Buda sitzenden Pascha. Die Verwaltung der Besatzungsmacht blieb für die Bewohner trotz relativer nationaler und religiöser Freiheit ein Fremdkörper,[7] zumal die während des Krieges erhalten gebliebenen größeren und bedeutenderen Kirchen des Landes entweder zerstört oder den Christen weggenommen wurden, um sie in Moscheen umzuwandeln.[8][9] Dabei erhielten die nun ihrer Glocken beraubten Türme einen hölzernen Kragen, von dem aus der Muezzin zum Gebet rief.[10] Anderenorts wurden Moscheen auch als Neubauten errichtet.

Die Bilanz der türkischen Besatzung war für Ungarn verheerend. Die einst reichsten Gebiete in Südungarn sowie die zentrale Tiefebene war weitflächig verwüstet und die Bevölkerung schon Mitte des 16. Jahrhunderts ausgelöscht. Vor der Schlacht bei Mohács stellten die ungarnstämmigen Bewohner rund 75 bis 80 Prozent der auf 3,5 bis 4 Millionen Menschen geschätzten Gesamtbevölkerung, die um 1600 auf nur noch 2,5 Millionen gesunken war. Nach dem Rückzug der Türken um 1720 hatte das Land erstmals seinen spätmittelalterlichen Stand wieder erreicht.[11] Die Magyaren litten nicht nur unter den schweren Kämpfen, sondern wurden auch als begehrte Sklaven in den Orient verkauft.[12]

Während der osmanischen Besetzung Ungarns wurden einige muslimische Persönlichkeiten in Ungarn geboren. So der in Nagykanizsa geborene Großwesir kroatischer Abstammung,[13] Kanijeli Siyavuş Pascha, der dreimal zwischen 1582 und 1593 dieses Amt innehatte aber auch der Mevlevi Derwisch Pecsevi Árifi Ahmed Dede, ein in Pécs geborener Türke.

Neuzeit[Bearbeiten]

Im 19. Jahrhundert, nach dem Zusammenbruch der Revolution 1849, emigrierten über 6000 Polen und Ungarn vor General Josef Bem ins türkische Exil. Beispielsweise die ungarischen Offiziere Richard Guyon (Kurshid Pascha), György Kmety (Ismail Pascha) und der Honved-Oberst Baron Maximilian Stein (Ferhad Pascha), die später Generäle wurden. Guyon gilt als der erste Christ im Rang eines Paschas und einem türkischen Militärgrad, der nicht zur Konversion genötigt wurde, was als Signal der Modernisierung der osmanischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert gesehen wird.

Gegenwart[Bearbeiten]

In der Hauptstadt Budapest gibt es drei öffentliche muslimische Gebetsorte, allesamt in der Innenstadt. Einer von ihnen, „Dar-es-Salam“, befindet sich unweit der Freiheitsbrücke. Durch Spendengelder finanziert erfolgt seit 2008 der Bau einer großen Moschee, die die drei muslimischen Gemeinschaften der Hauptstadt zusammenfassen soll.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Katalin Gönczi: Ungarisches Stadtrecht aus europäischer Sicht. Die Stadtrechtsentwicklung im spätmittelalterlichen Ungarn am Beispiel Ofen. Vittorio Klostermann, Stuttgart 1997, ISBN 3465029011, S. 50–56.
  2. a b Katalin Gönczi: Ungarisches Stadtrecht aus europäischer Sicht. Die Stadtrechtsentwicklung im spätmittelalterlichen Ungarn am Beispiel Ofen. Vittorio Klostermann, Stuttgart 1997, ISBN 3465029011, S. 51.
  3. Gesta Hungarorum, Stuttgart 1998, ISBN 3-7995-2910-1, Kapitel 57
  4. S.469, 1. Bd., in Jacut's Geographisches Wörterbuch aus den Handschriften zu Berlin, St. Petersburg, Paris, London und Oxford, auf Kosten der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft hrsg. von Ferdinand Wüstenfeld. Leipzig, In Commission bei F. A. Brockhaus, 1866-73 [v. 6, 1870-71]. (NEAR EAST REF G 93 .Y25 1866)
  5. Katalin Gönczi: Ungarisches Stadtrecht aus europäischer Sicht. Die Stadtrechtsentwicklung im spätmittelalterlichen Ungarn am Beispiel Ofen. Vittorio Klostermann, Stuttgart 1997, ISBN 3465029011, S. 52.
  6. Katalin Gönczi: Ungarisches Stadtrecht aus europäischer Sicht. Die Stadtrechtsentwicklung im spätmittelalterlichen Ungarn am Beispiel Ofen. Vittorio Klostermann, Stuttgart 1997, ISBN 3465029011, S. 53.
  7. Paul Lendvai: Die Ungarn. Eine tausendjährige Geschichte. C. Bertelsmann, München 1999, ISBN 3-570-00218-7, S. 121.
  8. Thomas Winkelbauer: Österreichische Geschichte. Ueberreuter Verlag. 2003, ISBN 3800039885, S. 75.
  9. Zsolt Szabóky, György Száraz: Budapest. Corvina, Budapest 1984, S. 81.
  10. László Kósa: Die Ungarn. Ihre Geschichte und Kultur. Akadémiai Kiadó. 1994, ISBN 9630567024, S. 314.
  11. Paul Lendvai: Die Ungarn. Eine tausendjährige Geschichte. C. Bertelsmann, München 1999, ISBN 3-570-00218-7, S. 117.
  12. Paul Lendvai: Die Ungarn. Eine tausendjährige Geschichte. C. Bertelsmann, München 1999, ISBN 3-570-00218-7, S. 119.
  13. Claudia Römer (Hrgr.): Osmanische Sultansurkunden. Untersuchungen zur Einstellung und Besoldung osmanischer Militärs in der Zeit Murāds III.. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3515065423, S. 198.