Islamische Expansion
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Die Islamische Expansion bezeichnet die Eroberungspolitik der Araber von der Mitte der 630er Jahre an und (in diesem Artikel) die weitere Ausdehnung des Islam bis ins 8. Jahrhundert hinein. Der Schwerpunkt des Artikels liegt auf der militärischen Expansion. Die wissenschaftliche und kulturelle Entwicklung wird im Artikel Blütezeit des Islams dargestellt.
Mit dem Beginn der islamischen Expansion wird häufig auch das Ende der Antike angesetzt.
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Ausgangssituation
Der islamische Machtbereich erstreckte sich beim Tod Mohammeds 632 n.Chr. auf die arabische Halbinsel,[1] deren Randgebiete weitgehend unter der Kontrolle Ostroms und des Sassanidenreichs standen.
Diese beiden Großmächte der Spätantike hatten sich bei ihrer Grenzverteidigung lange großteils auf arabische Stämme verlassen. Doch hatte der sassanidische Großkönig Chosrau II. das Reich der Lachmiden, deren Hauptstadt Hira im heutigen Südirak lag, bereits um 602 vernichtet. Wenig später hatten die Araber in einem kleineren Gefecht mit den Persern festgestellt, dass ihre leichte Reiterei den schwer gepanzerten sassanidischen Kataphrakten gewachsen bzw. überlegen war.
Als Mohammed gestorben war, kam es unter den muslimischen Arabern zu einer Abfallbewegung (ridda), da viele Stämme der Ansicht waren, nur dem Propheten selbst verpflichtet gewesen zu sein. Der erste Kalif entschied sich, weiter an einem nicht nur religiösen, sondern auch politischen Führungsanspruch festzuhalten, und unterwarf die Abtrünnigen militärisch; zugleich hielt man Ausschau nach neuen, gemeinsamen Feinden. Die Araber hatten seit Urzeiten Raub- und Plünderungszüge unternommen. Da aber der Islam den Muslimen untersagte, einander zu überfallen, während Mohammed zugleich die Verbreitung der neuen Religion gepredigt hatte, kamen religiöse, ökonomische und innenpolitische Motive zusammen, die die Araber antrieben, bereits ab 632 militärisch über die Grenzen der Halbinsel hinaus vorzustoßen.
Begünstigt wurden sie dabei durch die ungewöhnliche Schwäche ihrer Gegner: Die Oströmer stützten sich seit dem fünften Jahrhundert vielfach auf die teilweise christlichen arabischen Ghassaniden, die südlich von Damaskus herrschten. Doch waren sowohl Ostrom als auch Persien von einem langen Krieg erschöpft, den sich beide bis 629 geliefert hatten, siehe dazu Herakleios und Römisch-Persische Kriege. Beide Reiche waren ganz aufeinander fixiert und militärisch nicht auf einen Angriff der Araber eingerichtet. Kurz vor dem Tod des Kaisers Herakleios (610 bis 641), der die Sassaniden mit Mühe besiegt und so sein Reich noch einmal gerettet hatte, sollte dann die Hauptphase der arabisch-islamischen Expansion beginnen – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als die Römer die Zahlungen an ihre arabischen Verbündeten einstellten.[2]
Islamische Expansion
Die arabische Eroberung des römischen Orients
Die Quellenlage zu den arabischen Eroberungsfeldzügen gegen Ostrom/Byzanz und Persien ist wie die darauf aufbauenden Rekonstruktionen sehr problematisch.[3] Über die arabischen Feldzüge (futuh) berichten etwa Baladhuri und Tabari recht detailliert, wobei ihre Schilderungen (etwa bzgl. Chronologie und Zahlenangaben) aber nicht immer zuverlässig sind. Aus christlicher Sicht liegen eher verstreute Aussagen vor, etwa im Geschichtswerk des Sebeos, in der Chronik des Johannes von Nikiu oder in verschiedenen syrisch-christlichen Chroniken. Mittelbyzantinische Autoren wie Theophanes konnten zudem auf heute verlorene Werke zurückgreifen.
Bereits 629 war ein arabisch-islamisches Heer plündernd in Palästina eingefallen, jedoch von oströmischen und christlich-arabischen Verbänden geschlagen worden. Im Herbst 633 rückte nun wieder eine starke Armee nach Palästina und Syrien vor. Sie konnte kleinere kaiserliche Verbände schlagen, kam aber insgesamt nur langsam voran. Tatsächlich leisteten die oströmischen Grenztruppen zum Teil wohl erbitterten Widerstand. So forderte der Kalif Abu Bakr beim Kommandeur der Truppen im Südirak, Chalid ibn al-Walid, dringend Verstärkung an:
Beeilt euch! Beeilt euch! Denn bei Gott, die Eroberung eines Dorfes in Syrien kommt mich teurer zu stehen als eine große Provinz im Irak (zitiert nach Berthold Rubin, Propyläen Weltgeschichte, Bd. 5, Berlin 1990 (ND), S. 185).
Mit Hilfe der angeforderten Verstärkung wurde der lokale römische Widerstand nun gebrochen. Kaiser Herakleios, der nicht mit einem Angriff von solcher Wucht aus der Wüste gerechnet hatte, sandte nun stärkere Truppen nach Syrien, die jedoch Mitte 634 südwestlich von Jerusalem geschlagen wurden.
Bald darauf eroberten die Araber nach längerer Belagerung Damaskus. Der Kapitulationsvertrag der Stadt sollte Modellcharakter erhalten: Die nicht-muslimische Bevölkerung sollte eine Kopfsteuer (dschizya) entrichten, war dafür aber von den islamischen Steuern, der Zakat und der Sadaqa befreit. Außerdem wurde ihnen die freie Ausübung ihrer Religion gewährt.[4]
Am 20. August 636 fand die Schlacht am Jarmuk im heutigen Jordanien statt. Die oströmischen Truppen – vielleicht 40.000 Mann, vielleicht deutlich weniger – waren zwar zunächst wohl in der Überzahl, jedoch auch erschöpft vom Marsch. Vor allem führten Streitigkeiten innerhalb ihrer militärischen Führung zu schweren Fehlern. Die Überlegenheit der arabischen schnellen leichten Reiterei über die römischen Panzerreiter, insbesondere aber die Streitigkeiten im kaiserlichen Oberkommando, Verständigungsprobleme innerhalb des multiethnischen Heeres und topographische Nachteile vor Ort bewirkten schließlich, dass die Oströmer, deren arabische Verbündete zudem angeblich zu Beginn des Gefechts zu den Muslimen überliefen, nach einem erbitterten Kampf entscheidend geschlagen wurden. Damit war das bislang christlich-römisch bestimmte Schicksal Syriens und Palästinas besiegelt. Kaiser Herakleios, der nur wenige Jahre zuvor mit Mühe die Perser abgewehrt hatte, sah sein Lebenswerk zusammenbrechen und verließ Antiochia, bevor auch diese Stadt an die Araber fiel. Die kaiserlichen Armeen zogen sich nach Kleinasien zurück, und Herakleios fiel angeblich in Lethargie. Die Städte Syriens leisteten zwar teilweise selbstständig Widerstand, doch letztlich fielen alle an die Eroberer.
Spätestens 638 kapitulierte das isolierte Jerusalem zu günstigen Bedingungen, während die bedeutende Hafenstadt Caesarea Maritima sich dank der kaiserlichen Flotte noch mindestens bis 640 halten konnte. Den Arabern stand nun keine römische Feldarmee mehr im Weg, so dass sie nach Ägypten vorstießen, wo sie im Juli 640 die schwachen kaiserlichen Truppen in der Nähe des heutigen Kairo schlugen. Alexandria, die Weltstadt des Hellenismus, fiel endgültig 642 in ihre Hände, nachdem eine letzte Gegenoffensive der Oströmer gescheitert war. Nachdem der organisierte militärische Widerstand der kaiserlichen Truppen gebrochen war, arrangierte sich der größte Teil der Zivilbevölkerung in Syrien und Ägypten mit den Arabern – dies vielleicht umso eher, als die dortigen Christen zumeist „Miaphysiten“ waren und sich im Dauerstreit mit den „orthodoxen“ Kaisern befunden hatten. Inwieweit Streitigkeiten innerhalb der christlichen Kirche zum Erfolg der Araber beitrugen, ist aber in der Forschung inzwischen wieder sehr umstritten. Als wichtiger gilt heute oft der Umstand, dass Syrien und Ägypten zuvor jahrelang sassanidisch gewesen und erst seit kurzem wieder oströmisch geworden waren; die kaiserliche Verwaltung hatte dort kaum wieder Fuß fassen können, als die Muslime angriffen. So musste es vielen Einheimischen so vorkommen, als wechsle man lediglich zum dritten Mal in zehn Jahren die Herren. Loyalität gegenüber Konstantinopel scheint nur die Elite empfunden zu haben. So hatten die Araber leichtes Spiel, sobald die reguläre Armee des Kaisers geschlagen war, zumal die Abgaben, die die Unterworfenen zu zahlen hatten, anfangs wohl oft geringer waren als die Steuern, die Konstantinopel verlangt hatte.
Im Norden überrannten die Araber Armenien bis in die 650er Jahre, während in Kleinasien die Gebirgskette des Taurus ein schnelles Vordringen verhinderte. Dies rettete den Rumpf des Imperiums vor dem Untergang. Die Oströmer nutzten hier erfolgreich eine Taktik der verbrannten Erde, dezentralisierten die Verteidigung und wichen einer erneuten großen Feldschlacht aus, so dass Kleinasien von ihnen trotz häufiger arabischer Raubzüge letztlich gehalten werden konnte. Ein letztes Mal zeigten die Römer damit, dass sie notfalls flexibel auf militärische Herausforderungen reagieren konnten. Der innerarabische Bürgerkrieg der 650er Jahre verschaffte ihnen eine zusätzliche Atempause. Zwei großangelegte arabische Angriffe auf Konstantinopel wurden danach abgewehrt (s. u.); doch genügten die oströmischen Kräfte, die nach dem langen Perserkrieg erschöpft waren, nicht mehr für eine erfolgreiche Gegenoffensive.
In Nordafrika kämpften sich die Araber bis ins heutige Marokko vor. Das oströmische Karthago vermochte sich jedoch bis 697/698 zu halten, denn die Berber bekämpften zunächst die Araber, wie sie zuvor auch die Römer bekämpft hatten. Doch für Ostrom bzw. Byzanz blieb entscheidend, dass das Imperium mit den vorderorientalischen Besitzungen zwei Drittel seines Territoriums, drei Viertel seiner Steuereinnahmen und über die Hälfte der Bevölkerung verloren hatte. Die arabischen Razzien führten zudem auch in Kleinasien zum Untergang der meisten Poleis, die nun aufgegeben oder durch kleine, befestigte Siedlungen – man nannte ein solches Wehrdorf Kastron – ersetzt wurden.
Ostrom bzw. Byzanz brauchte zwei Jahrhunderte, um sich von diesem Schock zu erholen und wieder zu einer (begrenzten) Offensive überzugehen. Doch blieb der Verlust nordafrikanischer Territorien wie auch von großen Teilen Syriens und Palästinas endgültig; er besiegelte das Ende der spätantiken Phase des Reiches, das in der Folge administrativ, militärisch und strukturell einen massiven Wandel durchlief. Die alte senatorische Aristokratie war bereits während der Herrschaft des Phokas schweren Schlägen ausgesetzt gewesen, mit dem Arabereinfall verschwand sie fast ganz, und mit ihr die antike Lebensart sowie der Großteil der klassischen Bildung. Sie wurde durch eine neue Elite aus militärischen Aufsteigern ersetzt.
Trotz einer insgesamt toleranten Haltung der arabischen Eroberer, berichten mehrere Quellen, dass diese Eroberungen nicht ohne Gewaltakten an der Bevölkerung abgelaufen sind. Der ägyptische Christ Johannes von Nikiu berichtet in seiner wohl um 660 verfassten Chronik von Übergriffen seitens der Araber während der Eroberung des Nillandes, wenngleich andere Quellen ein positiveres Bild vermitteln.[5] Die arabischen Eroberungszüge verliefen aber offensichtlich allgemein nicht ohne Zerstörungen und Plünderungen. Kleinasien war noch jahrzehntelang von arabischen Angriffen betroffen, was sich auch auf das dortige Alltagsleben auswirkte.
Zahlreiche Flüchtlinge strömten in die verbliebenen byzantinischen Gebiete und stärkten somit langfristig gesehen das Kaiserreich, das nun gänzlich seinen lateinisch-römischen Charakter verlor und sich zum griechisch-byzantinischen Reich des Mittelalters wandelte.[6]
Das Ende des sassanidischen Perserreiches
Etwa gleichzeitig mit der Invasion der römischen Besitzungen begann auch die Eroberung des Sassanidenreichs, das seit über 400 Jahren neben den Römern die wichtigste Macht in der Region gewesen war. In Mesopotamien kamen die Araber zunächst schnell voran, da der Puffer durch die persischen Vasallen nach dem Ende der Lachmiden weggefallen war. Besonders die Macht- und Bruderkämpfe der Sassaniden nach dem verlorenen Krieg gegen Herakleios schwächten das persische Widerstandsvermögen. Zwischen 628 und 632 regierten 14 verschiedene Herrscher, darunter zwei Frauen. Erst 632 war wieder innere Ruhe eingekehrt; der neue Großkönig Yazdegerd III. verweigerte den Arabern den geforderten Tribut und bereitete energisch die Verteidigung vor. Tatsächlich konnte ein erster arabischer Angriff 634 in der Schlacht an der Brücke erfolgreich abgewehrt werden.
Bei Kadesia im Südirak kam es dann 636 zur ersten entscheidenden Schlacht (nach anderen Quellen 637 oder 638). Der sassanidische spahbedh („Reichsfeldherr“) Rostam Farrokhzād, der die westlichen Grenztruppen befehligte, kam nach erbittertem Kampf ums Leben, und den Arabern fiel das reiche Mesopotamien samt der sassanidischen Hauptstadt Ktesiphon (mit dem Staatsschatz) in die Hände. Der schnelle Zusammenbruch der sassanidischen Grenzverteidigung im Zweistromland war dabei vielleicht auch durch die Reformen bedingt, die Chosrau I. im 6. Jahrhundert durchgeführt hatte: Seither stand immer nur eine Grenzarmee eventuellen Angreifern gegenüber, während in der Tiefe keine weiteren Truppen gestaffelt waren. Mit der Niederlage von Kadesia scheinen die sassanidischen Soldaten, deren Prestige bereits durch die Niederlage gegen Herakleios beschädigt gewesen war, ihren Nimbus verloren zu haben; die Quellen berichten davon, dass sich die Bewohner Mesopotamiens gegen die persischen und armenischen Truppen des Großkönigs erhoben und vielfach zu den siegreichen Arabern übergelaufen seien. 639 gelang diesen die Einnahme der reichen Provinz Chuzistan.
Die weiteren Abwehrmaßnahmen der Perser verliefen zunächst unkoordiniert, später verstärkte sich der Widerstand aber wieder. Besonders im persischen Kernland, der iranischen Hochebene östlich des Tigris, kamen die Araber anfangs nur langsam voran, und offenbar wurde erwogen, weitere Offensiven gegen Iran einzustellen. 642 bereitete aber Yazdegerd III. eine große Gegenoffensive vor, und so versammelten auch die Araber ein starkes Heer. Nun entschied sich das Schicksal der Sassaniden. Bei Nehawend, südlich des heutigen Hamadan in Iran, kam es zur Entscheidungsschlacht. Die Perser waren wohl in der Überzahl, allerdings sind Zahlen von 150.000 Mann oder mehr dem Bestreben arabischer Chronisten zuzuschreiben, den Sieg noch glorreicher erscheinen zu lassen. Das sassanidische Heer zählte wohl höchstens 70.000 Mann, eher 40.000; die Araber führten etwa 37.000 Mann in die Schlacht. Zunächst schienen die Perser zu siegen, doch dann wurden sie von den Arabern, die selbst schwere Verluste erlitten, aus ihrer Position gelockt und nach hartem Kampf niedergemacht. Die schwergepanzerte sassanidische Kavallerie konnte gegen die leichte, schnell operierende arabische Reiterei wenig ausrichten. Die Perser unterlagen, und damit stand auch das iranische Hochplateau den Invasoren offen. Der letzte Sassanide Yazdegerd III. zog sich schließlich in den äußersten Nordosten des Reiches, nach Merw im heutigen Turkmenistan, zurück.
Der organisierte Widerstand brach bald zusammen, viele persische Adlige verständigten sich offenbar mit den Invasoren, auch wenn es in der Bevölkerung immer wieder zu Aufständen kam und die Araber teils als „Teufel“ bezeichnet wurden. In einigen Regionen sollte noch jahrzehntelanger Widerstand geleistet werden. 651 wurde Yazdegerd III. von einem Untergebenen getötet – noch Jahrhunderte später trugen dessen Nachfahren aufgrund dieser Tat den Beinamen „Königsmörder“. Versuche seines ältesten Sohnes Peroz, die Macht mit chinesischer Hilfe wieder zu erringen, scheiterten; er starb im Fernen Osten am Hof der Tang-Kaiser. Das Sassanidenreich und damit die letzte Reichsbildung des Alten Orients verschwand so von der Bühne der Weltgeschichte, auch wenn die sassanidische Kultur einen starken Nachhall im Kalifat der Abbasiden fand und somit den staatlichen Untergang überdauerte. Erst um 900 bildeten die Moslems im Iran die Mehrheit, und bezeichnenderweise behielten die Perser im Gegensatz zu den meisten anderen von den Arabern eroberten Gebieten auch ihre Sprache bei.[7]
Das arabische Ausgreifen nach Europa und Zentralasien
Die Araber versuchten sich unter dem Kalifen Umar Ibn al-Chattab als Seemacht und trafen damit den Lebensnerv von Byzanz. 649 unternahmen sie einen Vorstoß nach Zypern, 655 konnten die Araber in der Schlacht von Phoinix das erste Mal eine byzantinische Flotte schlagen. 673 folgte die Eroberung von Rhodos.[8]
Zweimal, 674 bis 678 und 717/18, belagerten sie Konstantinopel, ohne dass ihnen freilich die Einnahme gelang. Tatsächlich kommt dem Aufhalten der arabischen Expansion durch den überaus fähigen byzantinischen Kaiser Leon III. mindestens der gleiche Rang zu wie der spätere (und offensichtlich überschätzte) Sieg der Franken (s.u.). Damit war der arabisch-islamische Vorstoß in Kleinasien beendet, da auch die Ressourcen bei weitem überstrapaziert waren. Auch im Kaukasus gelang zwar 737 die Durchbrechung der khasarischen Sperrlinien und kurzzeitig die Besetzung des Khasarenreichs an der Wolga, doch 740 musste das Kalifat seine Garnisonen zurückziehen und das Gebiet aufgeben. Besonders die innerarabischen Bürgerkriege sorgten denn auch dafür, dass der Osten des Iran und Teile der palästinensischen Küste sowie Zypern zeitweilig der Kontrolle des Kalifats entglitten.
Im Westen gelang dagegen die Eroberung der nordafrikanischen Küstengebiete, und 711 landeten muslimische Truppen (vorwiegend Berber) unter Tāriq ibn Ziyād bei Gibraltar (Berg des Tariq) in Spanien. Die Westgoten wurden im Juli 711 in der Schlacht am Rio Guadalete geschlagen. 711-719 wurde die Iberische Halbinsel erobert, bis 725 auch die zuvor westgotische Region Septimanien in Südwestfrankreich. Ein arabischer Vorstoß in das Frankenreich wurde durch Karl Martell 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers gestoppt, jedoch hielten die Muslime einen Landstrich um Narbonne bis 759. In der Folgezeit entstand, nach dem Ende des umayyadischen Kalifats, in Al-Andalus ein selbständiges umayyadisches Reich, das Emirat von Córdoba, das später zum Kalifat von Córdoba wurde.
Im Osten erreichen die Araber bis 712 die Grenzen Chinas und Indiens. In Transoxanien gelang der Sprung in die türkischen Besitzungen und deren langsame und folgenschwere Islamisierung, auch wenn dort den Arabern teils hartnäckig Widerstand geleistet wurde.[9] Bald unternahmen die Araber auch erste Vorstöße nach Sindh; ein weiteres Ausgreifen nach West-und Zentralindien wurde jedoch durch die Niederlage von 738 gegen die dortigen Regionalherrscher verhindert, deren Armeen den arabischen Truppen durchaus gewachsen waren. 751 besiegten die Araber schließlich in der Schlacht am Talas ein chinesisches Heer, da angeblich weite Teile der Truppen die Araber als Befreier ansahen und zu ihnen überliefen. In Folge dessen wurde der chinesische Einfluss in Zentralasien zu Gunsten des arabisch-islamischen zurückgedrängt.
Damit kam auch die erste große und entscheidende Phase der arabisch-islamischen Expansion zum Stillstand. Im 9. Jahrhundert gelang noch die Invasion Siziliens, der weiteren Islamisierung Italiens waren jedoch kaum Erfolge beschieden. Die Araber konnten im Mittelmeer noch jahrzehntelang fast ungestört operieren, bevor Byzanz wieder in die Offensive ging und es damit zu einer faktischen Pattsituation im östlichen Mittelmeerraum kam. Im Westen wurden die islamischen Emirate ab dem Hochmittelalter Stück für Stück zurückgedrängt; auf der iberischen Halbinsel durch die Reconquista der christlichen Könige, die 1492 ihren Abschluss fand, und im 11. Jahrhundert durch die Eroberung Siziliens.
Administrative Maßnahmen der Araber in den eroberten Gebieten
In Syrien teilten die Araber das Land nach byzantinischem Vorbild in vier Verwaltungsregionen auf. Es wurden auch griechischsprachige Verwaltungsbeamte übernommen, was zur Folge hatte, dass Griechisch und Persisch (im ehemaligen Sassanidenreich) als Verwaltungssprache erst in der Regierungszeit Abd al-Maliks durch das Arabische ersetzt und erst im 8. Jahrhundert langsam zurückgedrängt wurden. Offenbar änderten die Araber relativ wenig an dem bestehenden Verwaltungssystem, das ja auch effektiv arbeitete. Zunächst war der neue Großstaat aber relativ locker aufgebaut, wobei die Gouverneure weitgehend freie Hand hatten. Erst Muawiya I., der eigentliche Organisator des Kalifenreiches, schuf eine straffere Zentralverwaltung. Dabei waren in den ehemals byzantinischen Gebieten immer noch überwiegend Christen tätig, wie etwa Sarjun ibn Mansur, der unter Muawiya für die Finanzen zuständig war. Die Islamisierung bzw. Arabisierung der eroberten Gebiete zog sich über einen längeren Zeitraum hin und machte anfangs nur langsam Fortschritte. Das Christentum in Syrien und Ägypten blieb noch lange eine lebendige Kraft und auch der zoroastrische Glaube wurde nur nach und nach zurückgedrängt; wohl erst um das Jahr 1000 sprach die Mehrheit der Bevölkerung Ägyptens und des Irak Arabisch, während in Persien die eigene kulturelle Identität stärker bewahrt werden konnte.[10]
Im religiösen Bereich waren die Araber relativ tolerant, jedenfalls solange es nicht „Heiden“ betraf: Anhänger der Buchreligionen – also insbesondere Christen, Juden und Zoroastrier – mussten eine spezielle Kopfsteuer (Jizya) entrichten, durften ihren Glauben behalten, jedoch nicht in der Öffentlichkeit ausüben und keine Waffen tragen bzw. wurden auch nicht zum Wehrdienst einberufen. Dieser Status wird als Dhimma bezeichnet. Abgesehen von Übergriffen während der Eroberungszüge, kam es erst später zu größeren Ausschreitungen von Seiten der Moslems; auch die Steuerbelastung nahm später zu. Eine wichtige Quelle für diese Repressionen stellt die Chronik des Pseudo-Dionysius von Tell Mahre dar.[11]
Die Araber gründeten auch neue Städte (Kufa, Basra, Fustat, Kairouan, Fès), welche die Funktion von bedeutenden Verwaltungs- und Kulturzentren übernahmen.
Gründe für den Fall Persiens und für die byzantinischen Gebietsverluste
Die Gründe für dieses nahezu einmalige historische Phänomen werden in der Forschung immer noch diskutiert: Es ist höchstens mit dem Alexanderzug und den mongolischen Eroberungen vergleichbar, wenn auch nur entfernt. Sicher ist es aber so, dass es nicht eine allgemeingültige Erklärung für den Erfolg der Islamischen Expansion gibt, sondern eine Vielzahl von Faktoren den Erfolg begünstigten.
Tatsache ist, dass Ostrom/Byzanz und Persien vom langen Krieg erschöpft waren. Seit 540 hatte es nur gut 20 Jahre lang Frieden zwischen den beiden Mächten gegeben, im letzten Krieg hatten die Sassaniden die Römer an den Rand des Untergangs gebracht (siehe auch Römisch-Persische Kriege). Zudem hatte man wohl nicht mit einer derartigen religiösen Energie gerechnet, geschweige denn mit einer derartigen Invasion, wenn es auch zuvor einige Anzeichen gegeben hatte. Die Religion hatte schon im letzten römisch-persischen Krieg eine wichtige Rolle gespielt.
Weiter war die orthodoxe kaiserliche Reichsregierung in Syrien und Ägypten nicht beliebt. Hier herrschte zum einen der Miaphysitismus, zum anderen spielte die ethnische (semitische) Verwandtschaft zu den Arabern eine wichtigere Rolle als vergleichsweise die Beziehung zu den europäischen Griechen und Römern. Allerdings ist es wohl keineswegs so gewesen, dass die Ankunft der Araber überall auf Wohlgefallen stieß; oft genug beteiligten sich etwa Ägypter und Syrer am Widerstand gegen die Invasoren. Vielleicht wurde die Begründung, dass man in Ägypten und Syrien mit der Religionspolitik der Kaiser unzufrieden war, auch von der älteren Forschung zu oft undifferenziert übernommen; in der neueren Forschung ist diese These jedenfalls wieder umstritten.[12]
Außerdem genehmigten die Araber der unterworfenen Bevölkerung die Ausübung ihrer Religion gegen eine Kopfsteuer – dies galt sowohl für die Christen wie für die Anhänger des Zoroastrismus. Erst allmählich wurde die Bevölkerung islamisiert, sicherlich auch, weil sonst kaum Aufstiegschancen gegeben waren und ihre Rechtsposition (siehe Dhimma) insgesamt prekär war. Vorerst durften die Eroberer auch kein Land als privates Eigentum übernehmen (später änderte sich dies). Allerdings gab es reiche Beute, was für viele Stämme sicherlich ein großer Anreiz bei diesen Kriegszügen war. Elemente der bisherigen Verwaltung wurden von den Arabern übernommen. So blieb etwa Griechisch bis zum Ende des 7. Jahrhunderts die Amtssprache in den eroberten oströmischen Gebieten, und das sassanidische Steuersystem wurde in Persien beibehalten.
Schließlich war auch die oströmische Armee nach den langen Kriegen gegen die Perser demobilisiert worden und benötigte eine lange Vorlaufzeit, um wieder aktiviert zu werden. Das Sassanidenreich war durch die vorangegangene innere Krise noch zusätzlich geschwächt gewesen und wurde von den arabischen Angriffen überrascht, bevor es zu einer Konsolidierung kommen konnte.
Siehe auch
- Zu den religiösen Aspekten islamischer Missionstätigkeit siehe Da'wa
- Futuh
- Islam in Afrika
Literatur
- Averil Cameron u. a. (Hrsg.): The Byzantine and Early Islamic Near East. Bd. 1ff. Princeton 1992ff., ISBN 087850107X
- Fred M. Donner: The Early Islamic Conquests. Princeton 1981.
- Walter E. Kaegi: Byzantium and the Early Islamic Conquests. Cambridge 1992, ISBN 0521484553.
- Walter E. Kaegi: Confronting Islam: emperors versus caliphs (641–c. 850). In: The Cambridge History of the Byzantine Empire. Hrsg. von Jonathan Shepard. Cambridge 2008, S. 365ff.
- Hugh Kennedy: The Great Arab Conquests. Philadelphia 2007.
- Hugh Kennedy: The Byzantine and Early Islamic Near East (= Variorum Collected Studies Series). Aldershot 2006.
- Michael G. Morony: Iraq After the Muslim Conquest. Princeton University Press. Princeton 1984, ISBN 0691053952.
- Albrecht Noth: Früher Islam. In: Ulrich Haarmann (Hrsg.), Geschichte der arabischen Welt. 3. erweit. Aufl. München 1994, S. 11–100, ISBN 3406314880.
- Werner Schmucker: Untersuchungen zu einigen wichtigen bodenrechtlichen Konsequenzen der islamischen Eroberungsbewegung. Bonner Orientalistische Studien. Neue Serie, Bd. 24. Bonn 1972.
- The Cambridge History of Iran, Bd. 3.1, The Seleucid, Parthian and Sasanian Periods. Hrsg. von Ehsan Yarshater. Cambridge u. a. 1983, ISBN 0-521-24699-7.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Siehe W. Montgomery Watt: Muhammad at Medina. Oxford University Press, 1962. S. 78-151 sowie Elias Shoufani: Al-Ridda and the Muslim Conquest of Arabia. University of Toronto Press, 1973. S. 10-48
- ↑ Eine allgemeine und wichtige Gesamtdarstellung zur Lage des oströmischen Reiches im 7. Jahrhundert hat Haldon vorgelegt: John Haldon: Byzantium in the Seventh Century. 2. Aufl. Cambridge 1997.
- ↑ Eine sehr kritische Haltung gegenüber den Quellen zur arabischen Eroberung und den modernen Rekonstruktionsversuchen nimmt etwa Whittow ein: Mark Whittow: The Making of Byzantium, 600-1025. Berkeley 1996, S. 82ff. Speziell mit dem Problem der Überlieferung wird sich in Kürze die ausführliche Studie Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century (Oxford 2010) von James Howard-Johnston befassen.
- ↑ Detailliert dazu Jens Scheiner: Die Eroberung von Damaskus. Quellenkritische Untersuchung zur Historiographie in klassisch-islamischer Zeit. Leiden 2009.
- ↑ Zu diesen unterschiedlichen Berichten vgl. Kennedy, The Great Arab Conquests, S. 350ff.
- ↑ Allgemein zur Eroberung des römischen Orients durch die Araber siehe die aktuelle Darstellung von Kennedy, The Great Arab Conquests, S. 66ff. Allgemein auch Kaegi, Byzantium and the Early Islamic Conquests.
- ↑ Zur Eroberung des Sassanidenreiches (mit weiterer Literatur): Kennedy, The Great Arab Conquests, S. 98ff. und 169ff.
- ↑ Zum Krieg zur See siehe zusammenfassend Kennedy, The Great Arab Conquests, S. 324ff. Ausführlicher ist Ekkehard Eickhoff: Seekrieg und Seepolitik zwischen Islam und Abendland. Das Mittelmeer unter byzantinischer und arabischer Hegemonie. Berlin 1966.
- ↑ Vgl. Kennedy, The Great Arab Conquests, S. 225ff.
- ↑ Zusammenfassend und mit weiterer Literatur: Chris Wickham: The Inheritance of Rome: A History of Europe from 400 to 1000. London 2009, S. 285–288.
- ↑ Zur „Sicht der Besiegten“: Kennedy, The Great Arab Conquests, S. 344ff.
- ↑ Knapp resümierend: Wolfram Brandes: Herakleios und das Ende der Antike im Osten. Triumphe und Niederlagen. In: Mischa Meier (Hrsg.), Sie schufen Europa. München 2007, S. 248–258, hier S. 257.
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