Islamistischer Terrorismus
Mit dem Begriff islamistischer Terrorismus (seltener auch islamischer Terrorismus) wird Terrorismus bezeichnet, der durch extremen religiösen Fanatismus vor dem Hintergrund islamistischer Ideologie motiviert ist. Islamistische Terroristen berufen sich zur Rechtfertigung ihrer Aktionen auf die Grundlagen des Islam, den Koran und die Sunna, wobei diese dem Zweck entsprechend interpretiert werden.
Islamistische Terroristen haben im 21. Jahrhundert weltweit – vor allem im Westen – eine Serie schwerer Anschläge verübt, darunter die größten Anschläge in der Geschichte der Vereinigten Staaten[1] und einiger europäischer Länder[2][3][4].
Inhaltsverzeichnis |
Ideologie [Bearbeiten]
Zentral in der Ideologie islamistisch-terroristischer Gruppierungen und Organisationen ist die kompromisslos kriegerische Interpretation des Begriffs Dschihad, der als islamisch legitimierter militärischer Kampf zur Ausweitung und Verteidigung des Gebiets des Islam (Dar al-Islam) verstanden wird. Ein wichtiges Denkmuster ist dabei die Einteilung der Welt in den Dar al-Islam und den Dār al-Harb. Diese zwei Begriffe finden sich jedoch weder im Koran noch in den Hadithen. Hinzu kommt nach der Lehre Ibn Taimiyas der Kampf gegen Herrscher, die als vom Islam abgefallen gelten, weil sie die Schari'a nicht anwenden. Wichtige Ideologen waren dabei Muhammad ibn Abd al-Wahhab, Sayyid Qutb und Abdallah Azzam.
Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg untersucht in seinem Buch Der nahe und der ferne Feind – Das Netzwerk des islamistischen Terrorismus die Dynamik zwischen diesen beiden Formen des islamistischen Terrorismus, wobei der „nahe Feind“ aus der Sicht der Terroristen die Herrscher muslimischer Staaten sind, der „ferne Feind“ vor allem die Vereinigten Staaten und Israel, die manchmal als der „große Satan“ und der „kleine Satan“ bezeichnet werden. Nach Steinberg ist der internationale islamistische Terrorismus ohne diese Dynamik kaum zu verstehen. Danach entstanden in einzelnen muslimischen Ländern Terrororganisationen, die zuerst die eigene Regierung stürzen wollten. Da dies nicht möglich war, fanden die religiösen Freiheitskämpfer nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan ein neues Betätigungsfeld in Afghanistan, wo sie mit Unterstützung ihrer Heimatländer und auch der USA in den 1980er Jahren die Sowjetunion bekämpften. Erst nach dem Rückzug der Sowjetunion aus Afghanistan, der als Sieg der Muslime verstanden wurde, begannen die einzelnen Gruppen den Kampf gegen den „fernen Feind“ zu organisieren. Eine zentrale Figur war dabei Osama bin Laden und seine Organisation Al-Qaida.
Charakteristisch für den islamistischen Terrorismus ist seine Bereitschaft zur asymmetrischen Kriegführung, insbesondere durch Selbstmordattentate. Dabei spielt die religiöse Vorstellung, dass sie als "Märtyrer" (Schahid, Pl. Schuhada) direkt ins Paradies einziehen dürfen, eine wichtige Rolle bei der Bereitschaft der Terroristen, den eigenen Tod in Kauf zu nehmen. Aber auch Beweggründe wie gesellschaftliches Ansehen und die finanzielle Unterstützung der Familie von Selbstmordattentätern tragen zur Motivation bei.
Brennpunkte [Bearbeiten]
Betroffen vom islamistischem Terrorismus sind in erster Linie die Menschen im muslimischen Kulturkreis selbst, wo die Terroristen versuchen, die aus ihrer Sicht nicht islamisch legitimierten und/oder zu pro-westlichen Regime gewalttätig zu destabilisieren und durch ihre Vorstellung eines fundamentalistischen Gottesstaates zu ersetzen. In der westlichen Weltöffentlichkeit finden dagegen hauptsächlich die Anschläge gegen die westliche Kultur Aufmerksamkeit, während vergleichbare Ereignisse in Afrika und im fernen Osten kaum wahrgenommen werden. Weitere Brennpunkte des islamistischen Terrorismus sind die Südgrenze der ehemaligen Sowjetunion (Kaukasuskonflikte), Indien und Teile Ozeaniens.
Reaktionen in westlichen Ländern [Bearbeiten]
In der öffentlichen Diskussion der westlichen Welt fand der Begriff verstärkt nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA Beachtung. Die Bekämpfung des islamistischen Terrorismus ist seither ein Schwerpunkt in dem von den Vereinigten Staaten propagierten Krieg gegen den Terror.
Reaktionen von Muslimen [Bearbeiten]
Die Bewertung des Terrors ist sowohl in der islamischen Öffentlichkeit als auch bei muslimischen Rechtsgelehrten nicht einheitlich.[5]
Einerseits werden von vielen muslimischen Organisationen und Rechtsgelehrten islamistisch motivierte Terroranschläge gegen unschuldige Menschen, und insbesondere Selbstmordattentate, deutlich und öffentlich verurteilt.[6] So haben am 21. November 2004 auf einer Großdemonstration in Köln 20.000 bis 25.000 Muslime gegen islamistischen Terrorismus demonstriert.[7] In einer gemeinsamen Erklärung distanzierten sich die größten muslimischen Verbände in Deutschland am 25. August 2006 von den vereitelten Terroranschlägen auf zwei Regionalbahnen Nordrhein-Westfalens und betonten dabei, dass solche Taten durch den Islam nicht gerechtfertigt werden können.[8] Im Oktober 2006 verabschiedeten sunnitische und schiitische Religionsgelehrte in Mekka eine Erklärung, die Selbstmordattentate und Anschläge auf heilige Stätten zur Sünde erklärt[9], was im Umkehrschluss allerdings im Hinblick auf nicht- heilige Stätten die Sündlosigkeit zur Folge hat.
Das amerikanische Meinungsforschungsinstitut The Gallup Organization veröffentlichte im März 2008 die Ergebnisse einer umfangreichen Studie zum Thema „Who Speaks for Islam? What a Billion Muslims Really Think“ (dt.: Wer spricht für den Islam? Was eine Milliarde Muslime wirklich denken). Demnach bewundert die große Mehrheit der Muslime den Westen für seine Demokratie und seine bürgerlichen Freiheiten, will aber nicht, dass man ihnen westliche gesellschaftspolitische Strukturen aufzwingt.[10]
Andererseits spiegeln die westlichen Medien bevorzugt die Selbstdarstellungen der muslimischen Verbände in Europa oder in den USA. Der Blick auf Medien und öffentliche Meinung in arabischen Ländern macht deutlich, dass Terroranschläge dort in Abhängigkeit vom Kontext beurteilt werden: Die Anschläge in Europa – insbesondere die Madrider Zuganschläge oder die Terroranschläge am 7. Juli 2005 in London – oder die Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA wurden mehrheitlich verurteilt. Selbstmordattentate im Irak nach dem Einmarsch der Amerikaner und insbesondere der islamistische Terror gegen Israel im Rahmen des Nahostkonflikts dagegen werden meist als begründet angesehen oder verteidigt.[11] Einen Eindruck davon gibt das umfangreiche Material beim Übersetzungsdienst Middle East Media Research Institute (MEMRI), wo sowohl Zeitungsmeldungen als auch Video-Mitschnitte aus arabischen Medien veröffentlicht und Übersetzungen angeboten werden.[12]
Situation in Deutschland [Bearbeiten]
Drei der vier Selbstmordpiloten der Anschläge vom 11. September 2001 hatten zuvor eine Terrorzelle in Hamburg geformt, wo sie regelmäßig gemeinsam die Al-Quds-Moschee besuchten.[13] Im Juli 2006 schlug ein Bombenanschlag von libanesischen Islamisten auf zwei Personenbeförderungszüge in Westdeutschland fehl. 2007 wurde die Sauerland-Gruppe, eine vierköpfige Terrorzelle der Islamischen Dschihad-Union bestehend aus deutschen Konvertiten und Deutschtürken, ausgehoben. Die Gruppe hatte den Einsatz von Autobomben gegen amerikanische Militäreinrichtungen sowie zivile Ziele auf deutschem Boden geplant. Im März 2011 erschoss ein islamistischer Kosovo-Albaner zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere schwer, die sich auf dem Weg nach Afghanistan befanden (Mordanschlag am Frankfurter Flughafen am 2. März 2011).
Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes sind beinahe alle islamistischen Terroraktivitäten in Deutschland dem fundamentalistischen Salafismus zuzurechnen.[14]
Für die Situation in Deutschland kommt eine umfangreiche Studie im Auftrag des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 2007 u.a. zu dem Ergebnis, dass etwa 40 % der befragten Muslime physische Gewalt für ein legitimes Mittel der Auseinandersetzung bei einem Angriff des Westens gegen den Islam halten, dass aber über 90 % der Befragten Selbstmordattentate und Terror für nicht legitim halten.[15]
Infolge der Anschlagserie durch Mohamed Merah in Südfrankreich 2012 ist auch in Deutschland die Sorge vor inländischen Einzeltätern gewachsen, die ihre Tat individuell planen und ausführen. Diese sogenannten „einsamen Wölfe“ durchlaufen eine mitunter plötzliche Selbstradikalisierung – oft beschleunigt durch extremistisches Propagandamaterial im Internet – und sind ohne direkte Verbindung zu bekannten islamistischen Terrornetzwerken für die Sicherheitsbehörden im Vorfeld kaum aufspürbar. Anders als beim herkömmlichen, von Gruppen organisierten Terrorismus geht dem Anschlag nicht unbedingt eine Ausbildung im Terrorcamp im muslimischen Ausland voraus, sondern der Radikalisierungsprozess der Attentäter vollzieht sich inmitten der deutschen Gesellschaft. Die Ausführung des Anschlags kann wie bei Arid Uka in Frankfurt spontan oder erst nach akribischer Vorbereitung erfolgen. Bundesinnenminister Friedrich (CSU) zufolge gelten derzeit circa 130 Islamisten in Deutschland als „Gefährder“, potentielle Attentäter auf dem Bundesgebiet. Um junge Muslims vom gewaltbereiten Extremismus fernzuhalten, fordert die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke ihre umfassende Einbindung im engen persönlichen Umfeld, namentlich in Familie und Schule sowie Moscheegemeinde und Einwandererorganisation.[16]
Anschläge im Westen [Bearbeiten]
Große, von islamistischen Extremisten in westlichen Ländern verübte Terroranschläge sind:
- Anschlagsserie in Frankreich 1995
- Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA, der schwerste Anschlag in der Geschichte[1]
- Madrider Zuganschläge (2004), der schwerste Anschlag in der Geschichte von Spanien und der EU zu Land[3][2]
- Terroranschläge am 7. Juli 2005 in London, der schwerste Anschlag zu Land in der Geschichte von Großbritannien[4]
- Anschlagsserie in Midi-Pyrénées (2012), der schwerste Anschlag in Frankreich seit 1995[17]
Aussteigerprogramme [Bearbeiten]
Um dem Phänomen des islamistischen Terrorismus zu begegnen, haben eine Reihe islamischer Staaten — darunter der Jemen, Saudi-Arabien und Libyen — Aussteigerprogramme initiiert. Das angestrebte Ideal bei diesen Programmen besteht darin, dass einzelne Terroristen oder auch ganze Terrorgruppen der Gewalt aus innerer Überzeugung abschwören, die Legitimität der Regierung anerkennen und dafür vom Staat rehabilitiert und wieder in die Gesellschaft integriert werden.[18]
Bei der Libyschen Islamischen Kampfgruppe (LIKG) gelang es, deren Führungsriege zum Verfassen einer mehr als vierhundert Seiten umfassenden berichtigenden Studie zu bewegen, die zur Freilassung ihrer Mitglieder aus den Gefängnissen führte. [19] Die im September 2009 veröffentlichte Studie verurteilt die Tötung von Zivilisten unter dem Vorwand des Dschihad und fand in der arabischen Welt große Beachtung. Im Zusammenhang mit dieser Studie kam es zu einer öffentlichen Infragestellung der geistigen Grundlagen von al-Qaida durch frühere Weggefährten Osama bin Ladens.[20][21]
Literatur [Bearbeiten]
- Elhakam Sukhni: Die ,Märtyreroperation' im Dschihad: Ursprung und innerislamischer Diskurs. Akademische Verlagsgemeinschaft München, 2011. ISBN 3-869-24107-1
- Egün Capan: Terror und Selbstmordattentate aus islamischer Perspektive. INID, Mai 2005, ISBN 3-935521-10-3.
- Mark A. Gabriel, Ph.D.: Islam und Terrorismus: Was der Koran wirklich über Christentum, Gewalt und die Ziele des Djihad lehrt. Zweite (unveränderte) Auflage. Resch-Verlag, 2005, ISBN 3-935197-39-X.
- Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus. Piper Verlag, München 2004, ISBN 3-492-24248-0.
- Matthias Küntzel: Djihad und Judenhaß. Über den neuen antisemitischen Krieg, ça ira-Verlag 2002, ISBN: 3-924627-06-1
- Reinhard Möller: Islamismus und terroristische Gewalt. Ergon, Würzburg 2004, ISBN 3-89913-365-X.
- Guido Steinberg: Der nahe und der ferne Feind. Das Netzwerk des islamistischen Terrorismus. Beck-Verlag, 2005, ISBN 3-406-53515-1.
- Th. Kolnberger, C. Six (Hrsg.): Fundamentalismus und Terrorismus. Zu Geschichte und Gegenwart radikalisierter Religion. Magnus Verlag, 2007, ISBN 978-3-88400-604-7.
- Hans-Peter Raddatz: Von Allah zum Terror? Der Djihad und die Deformierung des Westens. Herbig-Verlag, München 2002, ISBN 3-7766-2289-X.
- Peter Heine: Terror in Allahs Namen. Extremistische Kräfte im Islam. Herder, 2001, ISBN 3-451-05240-7 (= Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 449).
- Hiltrud Schröter: Das Gesetz Allahs: Menschenrechte, Geschlecht, Islam und Christentum. Helmer (9. Mai 2007), ISBN 3897412217
Weblinks [Bearbeiten]
- Verurteilung von Terroranschlägen islamistischer Terroristen durch Muslime
- Bundesamt für Verfassungsschutz: Islamismus und islamistischer Terrorismus
- EU-Liste terroristischer Organisationen, Gruppen und Personen, Verordnung Nr. 881/2002 des Rates vom 27. Mai 2002
- Sabine Damir-Geilsdorf: Krieg im Namen des Islam? Aushandlungen und Transformationen religiöser Konzepte am Beispiel der islamischen „Märtyreraktionen“ im Palästinakonflikt. 7. Dezember 2003
- Guido Steinberg: Islamismus und islamistischer Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten (pdf; 114 kB), Ursachen der Anschläge vom 11. September 2001 ISBN 978-3-933714-28-2
- Ulrich Hottelet: Private Terrorjagd: Van Helsing im Netz, Frankfurter Rundschau vom 29. September 2009
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ a b c US-Außenministerium: September 11 (PDF; 61 kB)
- ↑ a b The Guardian: The worst Islamist attack in European history, vom 31. Oktober 2007, abgerufen am 4. April 2012
- ↑ a b The New York Times: Spain Struggles to Absorb Worst Terrorist Attack in Its History, vom 11. März 2004, abgerufen am 4. April 2012
- ↑ a b The Guardian: Four bombs in 50 minutes – Britain suffers its worst-ever terror attack, vom 8. Juli 2005, abgerufen am 4. April 2012
- ↑ vgl. dazu bspw. Volker Trusheim: Selbstmordattentäter. Islamische Positionen zu Selbstmordattentaten., Artikel v. 27. August 2007, S.3, im Dossier Islamismus der Bundeszentrale für politische Bildung
- ↑ vgl. dazu z.B. die Sammlung von Stellungnahmen auf der deutschsprachigen Webseite Muslime gegen Terror
- ↑ http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,328990,00.html
- ↑
- ↑
- ↑ Die Welt v. 9. März 2008: Mehrheit der Muslime bewundert westliche Werte
- ↑ Volker Trusheim: Selbstmordattentäter. Islamische Positionen zu Selbstmordattentaten., a.a.O.
- ↑ http://www.memri.org, die Video-Mitschnitte unter http://www.memritv.org
- ↑ National Commission on Terrorist Attacks upon the United States Al Qaeda aims at the American Homeland. 5.3 The Hamburg Contingent, 21. August 2004, abgerufen am 25. August 2011
- ↑ Bundesverfassungsschutz: Salafistische Bestrebungen, abgerufen am 17. August 2012
- ↑ Katrin Brettfeld und Peter Wetzels: Muslime in Deutschland. Integration, Integrationsbarrieren und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und religiös motivierter Gewalt. Ergebnisse von Befragungen im Rahmen einer multizentrischen Studie in städtischen Lebensräumen. Universität Hamburg, Fakultät für Rechtswissenschaft, Institut für Kriminalwissenschaften, Abteilung Kriminologie, Hamburg, Juli 2007, S. 199. Vgl. dazu Anna Reimann: 500 Seiten politischer Sprengstoff, in: Der Spiegel, 20. Dezember 2007
- ↑ Terrorismus. Der gefährliche Trend zum islamistischen Amoklauf, 3. April 2012, abgerufen am 4. April 2012
- ↑ Boston Globe: France detains 19 suspected Islamist extremists, vom 31. März 2012, abgerufen am 4. April 2012
- ↑ Christopher Boucek: Dangerous Fallout from Libya’s Implosion, 9. März 2011 (dt. Übersetzung)
- ↑ Libya releases LIFG members
- ↑ Die Zweifel der Gotteskrieger
- ↑ New jihad code threatens al Qaeda