Italienische Invasion Ägyptens

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Italienische Invasion Ägyptens
Italienische Soldaten auf dem Marsch in Nordafrika (April 1941).
Italienische Soldaten auf dem Marsch in Nordafrika (April 1941).
Datum 9. September bis 16. September 1940
Ort Nordafrika (Italienisch-Libyen, Ägypten)
Ausgang strategischer Sieg der Alliierten
Konfliktparteien
Italien 1861Königreich Italien (1861–1946) Italien Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich
Britisch-IndienBritisch-Indien Britisch-Indien
Freies FrankreichFreies Frankreich Freies Frankreich
Befehlshaber
Italien 1861Königreich Italien (1861–1946) Rodolfo Graziani (Oberbefehlshaber),
Italien 1861Königreich Italien (1861–1946) Mario Berti
(Befehlshaber 10. Armee),
Italien 1861Königreich Italien (1861–1946) Pietro Maletti (Gruppe Maletti)
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Archibald Wavell (Oberbefehlshaber Nahost),
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Henry Maitland Wilson (Oberbefehlshaber Ägypten)
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Richard O’Connor (Western Desert Force)
Truppenstärke
ca. 150.000 Mann,
ca. 1.500 Artilleriegeschütze,
ca. 500 Panzer
ca. 30.000 Mann
Verluste
120 Gefallene,
ca. 400 Verletzte
40 Gefallene

Die Italienische Invasion Ägyptens war eine italienische Offensive gegen das von Großbritannien besetzte Ägypten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Sie war zugleich der Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen in Nordafrika. Das anfängliche Ziel der Offensive war die Besetzung des Sueskanals, später dann nur noch die Eroberung Alexandrias und schließlich war es der Angriff der alliierten Truppen. Die am 9. September 1940 begonnene Offensive endete am 16. September mit einem Vormarsch von lediglich etwa 100 Kilometern und der Einnahme von Sidi Barrani, ohne dass es zu größeren Kampfhandlungen zwischen beiden Seiten gekommen wäre.

Hintergrund[Bearbeiten]

Am 10. Juni 1940 erklärte Italien Großbritannien und Frankreich den Krieg und verbündete sich damit mit dem Deutschen Reich. Als Reaktion brach das Ägyptische Parlament am 13. Juni 1940 alle diplomatischen Beziehungen mit Italien ab[1], erklärte aber, es werde sich im Krieg neutral verhalten.[2] Am 13. September wurden gegenüber Deutschland die gleichen Schritte ergriffen.[3] Unabhängig von der ägyptischen Neutralitätserklärung berief sich Großbritannien auf den Anglo-Ägyptischen Vertrag von 1936, der bei einer Bedrohung des Sueskanals die Besetzung des Landes erlaubte.

Zum Zeitpunkt der Kriegserklärung Italiens hatte dieses zwei Armeen in Italienisch-Libyen stationiert. Die größere von beiden, die neun Divisionen umfassende 5. Armee, war in Tripolitanien in Westlibyen stationiert und sollte die Grenze zum französischen Protektorat Tunesien sichern. Die kleinere 10. Armee war in der Kyrenaika stationiert und sicherte die Grenze zu Ägypten. Nach der Niederlage Frankreichs und nachdem Tunesien unter der Kontrolle des befreundeten Vichy-Frankreichs stand, wurde die 5. Armee auf vier Divisionen verkleinert und diese der 10. Armee zugeordnet, die nun zehn Divisionen mit etwa 170.000 Mann umfasste. Auch ein Großteil der Ausrüstung, insbesondere die motorisierten Transportkräfte, wurden für eine bevorstehende Invasion Ägyptens nach Osten verlegt.

Am 17. Juni 1940 hatte Großbritannien als Reaktion auf die italienische Kriegserklärung die so genannte Western Desert Force unter dem Kommando von Richard O'Connor ins Leben gerufen. Sie umfasste zunächst alle im westlichen Ägypten stationierten Truppen, zusammen etwa 10.000 Mann. O'Connor verfolgte von Anfang an eine aggressive Strategie zur Sicherung der Grenze. Er ließ kleine gemischte Einsatzteams aus Panzern, Artillerie und Infanterie zusammenstellen, die das Grenzgebiet patrouillierten, bei Kontakt mit italienischen Kräften angriffen und regelmäßig kleinere Überfälle auf grenznahe italienische Stellungen durchführten. So konnte nur eine Woche nach der italienischen Kriegserklärung Fort Capuzzo in Libyen eingenommen werden.

Vorbereitung der Offensive[Bearbeiten]

Am 28. Juni 1940 kam der Gouverneur-General Italienisch-Libyens Italo Balbo beim Anflug seiner Maschine auf Tobruk durch eigenes Feuer ums Leben. Benito Mussolini ersetzte ihn durch Rodolfo Graziani, den er sogleich mit einer groß angelegten Offensive gegen Ägypten bis zum 8. August beauftragte, mit dem Ziel, den Sueskanal zu erobern. Ebenso wie Balbo vor ihm äußerte Graziani Bedenken: die 10. Armee sei nicht gut genug ausgestattet und versorgt, um eine Offensive über eine so lange Strecke erfolgreich durchführen zu können. Die motorisierten Transportkapazitäten seien bei weitem nicht ausreichend, Artillerie, Panzerabwehrgeschütze und Panzer den britischen Modellen deutlich unterlegen. Mussolini verwarf diese Einsprüche und bestand auf einem unverzüglichen Start der Offensive.

Der 7. August 1940, der ursprünglich für den Beginn der Offensive geplante Termin, verstrich, ohne dass Graziani die 10. Armee in Marsch setzte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er fortgesetzt aber erfolglos versucht, größere Mengen an Nachschub und Ausrüstung, allen voran LKWs aber auch modernere Panzer, aus Italien zugeteilt zu bekommen. Am 10. August schließlich traf eine Nachricht von Mussolini bei Graziani ein, in der dieser ihn zu einem sofortigen Angriff drängte. Die Operation Seelöwe, also die deutsche Landung in Großbritannien, stehe in den nächsten Wochen, spätestens in einem Monat bevor. Vor diesem Hintergrund gebe es keine festgelegten Gebietseroberungen mehr in Ägypten zu erreichen, weder Alexandria, nicht einmal Sallum. Es gehe ausschließlich darum, die britischen Truppen anzugreifen und zu binden.

Als Reaktion darauf erteilte Graziani Mario Berti, dem Kommandeur der 10. Armee den Befehl, am 27. August mit der Offensive zu beginnen. Graziani hatte immer noch die Hoffnung, dass zumindest ein Teil der benötigten Ausrüstung bis dahin in Libyen eintreffen würde – diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Erst als Graziani am 8. September aus Rom mit der Abberufung gedroht wurde, willigte er ein, am kommenden Tag mit der Offensive zu beginnen.

Die Alliierten ahnten die bevorstehende Offensive voraus und bereiteten sich entsprechend vor. Angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit der italienischen Truppen kam eine direkte Konfrontation an der Grenze nicht in Frage. Die alliierten Truppen waren allerdings mit wesentlich besseren Panzern ausgestattet, hatten einen viel höheren Grad der Motorisierung und kontrollierten zudem das Mittelmeer, wodurch eine stete Versorgung gesichert war. Vor diesem Hintergrund wurde der Plan gefasst, die italienische Armee zunächst durch einen langen Vormarschweg abzunutzen und dann an einer gut ausgebauten Verteidigungsstellung zu erwarten, wo sie durch motorisierte Flankenangriffe aus der Wüste verwundbar war. Es war sehr wahrscheinlich, dass die italienische 10. Armee aufgrund der schlechten Versorgungslage entlang der Küstenstraße über Sollum und den Halfaya-Pass nach Ägypten vordringen würde. Dort war das Gelände durch den großen Steilhang und die Küste zu eng, um die Überlegenheit an motorisierten Kräften ausspielen zu können. Die Verteidigung musste also weiter im Osten erfolgen. Der wichtige Eisenbahnknoten Mersa Matruh erschien hierfür gut geeignet.

Truppenstärke[Bearbeiten]

Ein italienischer Soldat posiert für ein Erinnerungsphoto neben einem Feldgeschütz, Nordafrika 1940.

Die für die Invasion Ägyptens vorgesehene und von Mario Berti geführte 10. Italienische Armee verfügte im September 1940 über zehn Divisionen gegliedert in vier Korps (XX, XXI, XXII, XXIII) sowie einer “Gruppe Libyscher Divisionen” (“Gruppo Divisioni Libiche”) mit insgesamt 150.000 Mann. Einzig die Maletti-Gruppe war in Teilen motorisiert und verfügte zudem über 70 Panzer, je zur Hälfte leichte L3/35 und mittelschwere M11/39 von Fiat. Die restlichen Infanteriedivisionen waren nicht motorisiert. Die mitgeführte Artillerie und Panzerabwehrgeschütze umfassten überwiegend kleinere Kaliber. Aus der Luft wurde die 10. Armee von etwa 330 Flugzeugen der Typen CR.32 und CR.42 unterstützt.

  • 10. Italienische Armee
    • XX. Korps
      • 60. Infanteriedivision “Sabratha”
    • XXI. Korps
      • 1. Schwarzhemden-Division “23. März”
      • 2. Schwarzhemden-Division “28. Oktober”
      • 63. Infanteriedivision “Kyrene”
    • XXII. Korps
      • 61. Infanteriedivision “Sirte”
    • XXIII. Korps
      • 4. Schwarzhemden-Division “3. Januar”
      • 64. Infanteriedivision “Catanzaro”
    • Gruppe Libyscher Divisionen” (“Gruppo Divisioni Libiche”)
      • Maletti-Gruppe
      • 1. Libysche Division “Sibelle”
      • 2. Libysche Division “Pescatori”

Die von Richard O’Connor geführten alliierten Streitkräfte (“Western Desert Force”) in Ägypten umfassten etwa 30.000 Mann, aufgeteilt in zwei Divisionen, einer Brigade und einem Bataillon. Ein Großteil der Kräfte war in Mersa Matruh konzentriert, während der Rückzug lediglich von einem kleineren Teil Truppen gedeckt wurde. Die mitgeführten Panzer der Cruiser und Matilda-Klasse waren den italienischen Modellen deutlich überlegen. Luftunterstützung leisteten etwa 140 Gloster Gladiators.

  • Western Desert Force
    • 7. Gepanzerte Division (Vereinigtes Königreich), davon deckte eine verstärkte Brigade den Rückzug
    • 4. Infanterie-Division (Britisch-Indien), in Mersa Matruh
    • 16. Infanteriebrigade (Vereinigtes Königreich), in Mersa Matruh
    • 3. Bataillon Coldstream Guards (Vereinigtes Königreich), deckte den Rückzug entlang der Küstenstraße
    • Kompanie Marineinfanterie (Freies Frankreich)

Der Verlauf der Offensive[Bearbeiten]

Karte des ägyptisch-libyschen Grenzgebiets 1940/41.

Der Vormarschplan war an die beschränkten Transportkapazitäten der 10. Armee angepasst. Der Gedanke zwei Divisionen als Flankenkräfte durch die Libysche Wüste marschieren zu lassen wurde aufgegeben. Die gesamte Armee sollte entlang der Küstenstraße nach Ägypten vorstoßen. Am 9. September begann der Luftkrieg über Nordafrika. Während die Jägerstaffeln um die Lufthoheit kämpften, griffen britische Bomber Tobruk und das Aufmarschgebiet der 10. Armee an. Die italienischen Bomber konzentrierten sich vor allem darauf alliierte Stellungen entlang der Vormarschroute aufzuweichen.

Der Vormarsch der 10. Armee erwies sich wie erwartet als äußerst schwierig. Eine Division sowie die Maletti-Gruppe verirrten sich in dem eintönigen Gelände, viele LKWs blieben überhitzt liegen. Die zahlenmäßig hoffnungslos unterlegenen Alliierten zogen sich langsam zurück und verminten das hinter ihnen liegende Gelände. Durch abgefangene Funksprüche waren sie über die Probleme der italienischen Armee gut informiert und die 11. Hussaren, ein motorisiertes britisches Aufklärungsregiment, konnte die Bewegungen des Feindes einige Tage unentdeckt unmittelbar beobachten.

Ein Regiment Spahis in Italienisch-Libyen.

Am 13. September konnte Fort Capuzzo durch die 1. Schwarzhemd-Division zurückerobert werden und erst an diesem vierten Tag nach Beginn der italienischen Invasion Ägyptens überschritt die 10. italienische Armee tatsächlich die Grenze zu Ägypten. Am gleichen Tag noch gerieten die in Sallum stationierten Coldstream Guards unter heftiges Feuer der anrückenden 1. Libysche Division, konnte sich aber rechtzeitig vor Eintreffen des Feindes in Richtung Halfaya-Pass zurückziehen.

Auch in den folgenden Tagen blieb der Vormarsch der italienischen Truppen äußerst langsam, ohne dass es zu nennenswerten Aufeinandertreffen der beiden Armeen gekommen wäre. Die beiden libyschen Divisionen, die auch über mit Kamelreitern versehene Spahi-Regimenter verfügte und damit vergleichsweise recht mobil waren, bildeten die Speerspitze der Invasionsarmee. Erst am 16. September kam es zu einer für die Briten gefährlichen Situation, als eine größere Gruppe italienischer Panzer durch eine Flankenbewegung den Coldstream Guards den Rückzug abzuschneiden drohte. Gemeinsam mit den schnell herbeieilenden 11. Hussaren konnte der Panzerangriff allerdings abgewehrt werden und alle alliierten Truppen sammelten sich schließlich wie vorgesehen bei Mersa Matruh.

Graziani war sich bewusst, dass seine Kräfte nicht ausreichen würden, die dort massierten alliierten Verbände zu schlagen. So ließ er seine Truppen nach der Einnahme von Sidi Barrani haltmachen. Das etwa 16 km östlich davon gelegene Maktila wurde ebenfalls besetzt und im Umkreis insgesamt neun Lager errichtet, in denen sich die italienischen Truppen eingruben. Graziani begründete diesen Schritt gegenüber dem italienischen Oberkommando mit Versorgungsengpässen und forderte zum wiederholten Male mehr Transporteinheiten, darunter auch erstmals – vermutlich um seine Nöte anschaulich darzustellen – 600 Maultiere. Alle weiteren Anweisungen Mussolinis den Vormarsch wieder aufzunehmen ignorierte Graziani. Damit war die Italienische Invasion Ägyptens etwa 100 km hinter der ägyptisch-libyschen Grenze und ca. 130 km vor Mersa Matruh beendet.

Folgen[Bearbeiten]

Mit der Einnahme von Sidi Barrani und Maktila und ohne dass die alliierten Kräfte in irgendwelche größere Kampfhandlungen verwickelt werden konnten, blieb die italienische Invasion Ägyptens weit hinter den Erwartungen zurück. Graziani ignorierte auch in den folgenden Wochen alle Forderungen des italienischen Oberkommandos die Offensive wieder aufzunehmen, zuletzt am 26. Oktober durch Mussolini persönlich. Zwei Tage später, am 28. Oktober, begann die italienische Invasion Griechenlands, wodurch die Aufmerksamkeit vollends von den Ereignissen in Nordafrika abgelenkt wurde.

Die Situation blieb unverändert, bis die Alliierten schließlich am 8. Dezember 1940 mit der Operation Compass einen Gegenangriff zur Rückeroberung Ägyptens starteten. Dieser erwies sich als so erfolgreich, dass schließlich die gesamte Kyrenaika besetzt werden konnte und bis Anfang Februar 1941 die 10. Armee nahezu vollständig aufgerieben wurde.

Hitler zögerte lange, weil es ihm um „seinen“ Feldzug, den Krieg gegen die Sowjetunion, ging. Am 11. Januar 1941 erließ er die „Weisung Nr. 22“, in der er unter anderem das Unternehmen Sonnenblume befahl. General Erwin Rommel wurde mit der Führung dieser deutschen Unterstützungstruppen für die bedrängten Italiener beauftragt. Neben der Entsendung kostbarer Einheiten aus der kriegsentscheidenden Panzertruppe nach Afrika hatte Hitler schließlich im April (und Mai) 1941 auch noch den Balkanfeldzug zu führen, um Italien vor einem weiteren Debakel zu bewahren sowie um die „weiche“ Flanke der Achse im Süden Europas zu sichern. Der Balkanfeldzug verzögerte den Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion um sechs Wochen und erschwerte den Plan der Wehrmacht sehr, in einem Blitzkrieg noch vor Wintereinbruch Moskau einzunehmen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Philip Jowett: The Italian Army 1940–45 (2): Africa 1940–43, Men-at-Arms. Osprey Publishing: Oxford 2000. ISBN 1-85532-865-8.
  • I.S.O. Playfair, et al.: The Mediterranean and Middle East. Volume I. The Early Successes Against Italy (to May 1941). History of the Second World War, United Kingdom Military Series. Naval & Military Press: o.O. 2009. ISBN 1-84574-065-3.

Quellen[Bearbeiten]

  • Archibald Wavell: Operations in the Middle East from August, 1939 to November, 1940. Wavell's Official Despatches, in: London Gazette, (Supplement) Nr. 37609. S. 2997–3006. 13. Juni 1946.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Playfair, S. 109
  2. Playfair, S. 121
  3. Playfair, S. 54