Iwano-Frankiwsk

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Ivano-Frankivsk)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Iwano-Frankiwsk
(Івано-Франківськ)
Wappen von Iwano-Frankiwsk Iwano-Frankiwsk in der Ukraine
Basisdaten
Oblast: Oblast Iwano-Frankiwsk
Rajon: Kreisfreie Stadt
Höhe: 249 m
Fläche: 83,73 km²
Einwohner: 218.400 (2004)
Bevölkerungsdichte: 2.608 Einwohner je km²
Postleitzahlen: 76000-76490
Vorwahl: +380 342
Geographische Lage: 48° 55′ N, 24° 43′ O48.92277777777824.710555555556249Koordinaten: 48° 55′ 22″ N, 24° 42′ 38″ O
KOATUU: 2610100000
Verwaltungsgliederung: 1 Stadt, 5 Dörfer
Bürgermeister: Wiktor Anuschkewytschus
Adresse: вул. Грушевського 21
76004 м. Івано-Франківськ
Website: Offizielle Website der Stadt Iwano-Frankiwsk (Ukrainisch)
Statistische Informationen
Iwano-Frankiwsk (Oblast Iwano-Frankiwsk)
Iwano-Frankiwsk
Iwano-Frankiwsk
i1

Iwano-Frankiwsk (ukrainisch Івано-Франківськ; russisch Ивано-Франковск/Iwano-Frankowsk, bis 1962 Станислав/Stanislaw bzw. ukrainisch Станиславів/Stanyslawiw; polnisch Stanisławów; deutsch Stanislau) ist die Gebietshauptstadt der Oblast Iwano-Frankiwsk in der Westukraine. Die Universitätsstadt liegt im Karpatenvorland, das Teil der historischen Landschaft Galizien ist.

Administrative Einordnung[Bearbeiten]

Die Stadt ist als Hauptstadt der Oblast nicht einem Rajon unterstellt, sondern wird wie auch vier weitere Städte direkt von der Oblast selbst verwaltet. Zum Stadtgebiet gehören auch noch die fünf Dörfer/Landgemeinden Wowtschynez (Вовчинець), Krychiwzi (Крихівці), Mykytynzi (Микитинці), Uhornyky (Угорники) und Chryplyn (Хриплин).

Geschichte[Bearbeiten]

Iwano-Frankiwsk teilt weitgehend die Geschichte der Ukraine bzw. Galiziens/Polens. Als Stanisławów wurde die Stadt 1662 von der polnischen Adelsfamilie Potocki in der von 1569–1772 bestehenden Woiwodschaft Ruthenien gegründet, einer administrativen Einheit der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik. Die Stadt bekam das Magdeburger Stadtrecht verliehen. Die militärische Befestigung an strategisch günstiger Lage auf einem Plateau am Zusammenfluss der Nadwirnaer und der Solotwynoer Bystryza kurz vor der Mündung in den Dnister bot natürlichen Schutz.

Wechselhafte Zuordnung[Bearbeiten]

Im Jahr 1772 wurde die Stadt österreichisch. Von 1867 bis 1918 gehörte die Stadt zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.

1919 war die Stadt kurze Zeit Hauptstadt der Westukrainischen Volksrepublik. Durch den Frieden von Riga wurde Stanisławów 1921 polnisch und Zentrum der gleichnamigen Woiwodschaft Stanisławów.

Seit dem 19. Jahrhundert war Stanisławów auch ein jüdisches Zentrum. Um 1900 bildeten die Juden knapp die Hälfte der Bevölkerung der Stadt;[1] in den frühen 1930er Jahren lebten rund 25.000 Juden in der Stadt und bildeten etwa ein Drittel der Bevölkerung. Vertreten waren alle jüdischen Richtungen und Parteien mit ihren Institutionen, von der Agudat Israel, über den Bund bis zu zionistischen Parteien. Die übrige Bevölkerung bestand zu je einem Drittel aus Polen und Ukrainern.

Infolge des Molotow-Ribbentrop-Pakts 1939 wurde das Gebiet zunächst der Sowjetunion angegliedert. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde die Stadt am 2. Juli 1941 von den mit den Deutschen verbündeten Ungarn besetzt und am 20. Juli 1941 deutscher Kontrolle übergeben. Im August 1941 wurde der Distrikt Galizien dem Generalgouvernement angeschlossen, Stanislau bildete die Hauptstadt einer Kreishauptmannschaft.

Unter deutscher Besetzung[Bearbeiten]

1931 lebten 24.823 Juden in der Stadt. Ab September 1939 ließen sich viele Flüchtlinge aus den von Deutschen besetzen Gebieten West- und Zentralpolens dort nieder. Nach dem Einmarsch ungarischer Truppen (2. Juli 1941) kam es zu Übergriffen ukrainischer Einwohner auf die Juden. Diese Ausschreitungen wurden von den Ungarn unterbunden, die ihrerseits mehrere tausend Juden aus Transkarpatien auswiesen, diese zwangsweise nach Stanislau transportierten und alle Juden mit einer Armbinde kennzeichnen ließen.[2] Als die Deutschen Ende Juli 1941 die Herrschaft übernahmen, war der jüdische Bevölkerungsteil auf 40.000 Personen angewachsen.[3]

Die deutsche Sicherheitspolizeistelle Stanislau unter Leitung von Hans Krüger führte am 6. Oktober 1941 in Nadwirna eine Massenerschießung polnischer Juden durch und eine weitere am 12. Oktober am Stadtrand von Stanisławów. Den ahnungslosen Menschen wurde eine Aussiedlung angekündigt; man führte sie jedoch auf den jüdischen Friedhof, wo bereits Massengräber vorbereitet waren. Etwa 10.000 bis 12.000 Männer, Frauen und Kinder wurden erschossen. Die Mordaktion wurde mit Beginn der Dunkelheit abgebrochen. Der sogenannte Blutsonntag von Stanislau am 12. Oktober 1941 gilt als Beginn der „Endlösung“ im Generalgouvernement.[4][5] Nach dieser Aktion mussten die überlebenden Juden in einen ärmlichen Stadtteil umziehen, der als Ghetto bewacht wurde. Dort waren bis zu zehn Personen in einem Raum untergebracht.[6]

Am 31. März 1942 trieben deutsche und ukrainische Polizisten jüdische Ghettoinsassen gewaltsam zusammen und selektierten rund 5000 von ihnen, die kein Arbeitsdokument vorweisen konnten.[7] Diese wurden ins Vernichtungslager Belzec transportiert und dort ermordet.[8] Bei einer „Vergeltungsaktion“ im Juli 1942 kamen eintausend Juden zu Tode. Nach einer blutigen „Aktion“ am 12. September 1942 wurden weitere 5000 Juden ins Vernichtungslager Belzec geschafft.[9] Zwischen Januar und Ende Februar 1943 wurde das Ghetto aufgelöst und die meisten Juden umgebracht. Kaum mehr als Einhundert von ihnen überlebten. Ein Sonderkommando der Aktion 1005 versuchte 1944, die Spuren von Massengräbern zu beseitigen. [10]

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die polnische Bevölkerung von den sowjetischen Behörden zwangsweise umgesiedelt, so dass in der Stadt heute neben wenigen Russen überwiegend Ukrainer wohnen. Am 9. November 1962 wurde die Stadt im Rahmen der 300-Jahr-Feier zu Ehren des Schriftstellers Iwan Franko in Iwano-Frankiwsk umbenannt.

Iwano-Frankiwsk gehört zu den Städten, in die die OSZE am 21. März 2014 im Zusammenhang mit der Krimkrise Beobachter entsandte.[11][12]

Historische Stadtnamen[Bearbeiten]

russisch Ивано-Франковск/Iwano-Frankowsk/Ivano-Frankovsk bzw. Станиславов/Stanislawow/Stanislavov, polnisch Stanisławów, deutsch Stanislau, jiddisch סטאַניסלעװ, Stanislew, ungarisch Sztanyiszló.

Historische Beschreibung[Bearbeiten]

Aus Meyers Konversationslexikon von 1888:

„Stanislau (Stanisławów), Stadt in Galizien, an der Bistritza, Knotenpunkt der Lemberg–Czernowitzer Bahn und der Staatsbahnlinie Stryi–Husiatyn, ist Sitz eines griechisch-katholischen Bistums, einer Bezirkshauptmannschaft, eines Kreisgerichts und einer Finanzbezirksdirektion, hat ein Standbild Kaiser Franz I., ein Obergymnasium, Oberrealschule, Lehrerbildungsanstalt, große Eisenbahnwerkstätte, Ziegelfabrikation, Dampfmühle, Bierbrauerei, Gerberei, lebhaften Handel und (1880) 18.626 Einw. (darunter 10.023 Juden).“

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Altes Rathaus
Häuser aus österreichischer Zeit

Iwano-Frankiwsk besitzt eine sehenswerte Altstadt, die in den Jahren nach der Unabhängigkeit der Ukraine nahezu vollständig renoviert wurde. Architektonisch erinnert der Stadtkern von Iwano-Frankiwsk in vielem an das alte Österreich-Ungarn. Dazu kommen einerseits die typischen sowjetischen Verwaltungsgebäude und in den Außenbezirken („Microrajons“) Plattenbauten und andererseits neue, private Wohnhäuser, die keinen einheitlichen Bebauungsplänen unterworfen sind.

Aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs werden im Zentrum der Stadt in der letzten Zeit zunehmend ältere Gebäude abgerissen, um größeren Einkaufspassagen Platz zu machen.

Im Stadtzentrum befindet sich ein künstlicher See, der in der Sowjetzeit am Ort eines früheren jüdischen Friedhofs angelegt wurde. In unmittelbarer Nachbarschaft des Sees befindet sich der jüdische Friedhof, innerhalb dessen Mauern während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkriegs eine große Anzahl von Juden zusammengetrieben und ermordet worden waren.[13]

Wirtschaft[Bearbeiten]

Verkehr[Bearbeiten]

Bahnstrecken[Bearbeiten]

Iwano-Frankiwsk liegt an der wichtigen Eisenbahnstrecke LwiwTscherniwzi (Czernowitz). Außerdem zweigen Strecken nach Stryj und über die Karpaten (Jablunyza- oder Tatarenpass) nach Transkarpatien ab.

Der Nahverkehr wird mit Bussen, Trolleybussen und Marschrutki abgewickelt.

Erdöl und Erdgas[Bearbeiten]

In den Vorkarpaten, etwa 80–100 Kilometer westlich der Stadt, finden sich um Drohobytsch seit dem 19. Jahrhundert Erdöl- und Erdgaslagerstätten. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde von der Sowjetunion der Bau einer Erdgastrasse (Pipeline) vom Gasfeld Urengoi in Sibirien nach Uschhorod zur Versorgung Westeuropas beschlossen und an der Stadt vorbeigeführt.

Kultur[Bearbeiten]

Kunst- und Literaturszene[Bearbeiten]

Es gibt eine lebendige Kunst- und Kulturszene um den Schriftsteller Jurij Andruchowytsch (* 1960), der Iwano-Frankiwsk zum legendären Macondo des Gabriel García Márquez erklärte. Zu Szene gehören auch die Schriftstellerin Halyna Petrosanjak (* 1969) und der Schriftsteller Taras Prochasko.[14]

Universitäten[Bearbeiten]

Die Stadt beherbergt neben der nach Wassyl Stefanyk benannten Nationalen Wassyl-Stefanyk-Universität der Vorkarpaten außerdem die „Staatliche Technische Hochschule für Erdöl und Erdgas“, die Nationale Medizinische Universität und ein Geistliches Seminar der Griechisch-Katholischen Kirche.

Städtepartnerschaften[Bearbeiten]

Vereine[Bearbeiten]

Bekannt sind der Fußballverein Spartak („Spartakus“, früher Prikarpattja („Vorkarpaten“)) sowie der Schachverein Mistez.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]


Zu den bekannten zeitgenössischen Persönlichkeiten der Stadt gehören u. a.:

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Elisabeth Freundlich: Die Ermordung einer Stadt namens Stanislau. NS-Vernichtungspolitik in Polen, 1939-1945 Wien 1986, ISBN 3-215-06077-9

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Iwano-Frankiwsk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. P. R. Magocsi: Historical Atlas of Central Europe; UP of Washington, Seattle, 2002; S. 109
  2. Dieter Pohl: Hans Krueger and the Murder of the Jews in the Stanislawow Region (Galicia); Shoah Resource Center, The International School for Holocaust Studies: Yad Vashem Studies 26 (1998), S. 239–265 (englisch; pdf; 127 kB) / Kennzeichnung erst in deutscher Besatzungszeit laut Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, Bd. III, S. 1371.
  3. Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, Bd. III, S. 1370f.
  4. Klaus-Peter Friedrich (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 9: Polen: Generalgouvernement August 1941–1945, München 2013, ISBN 978-3-486-71530-9, S. 20.
  5.  Dieter Pohl: Hans Krüger and the Murder of the Jews in the Stanisławów Region (Galicia). In: Yad Vashem Studies. Vol XXVI, Yad Vashem, Jerusalem 1998, ISSN 0084-3296, S. 239–264 (Engl. Fassung Deutsch in: Gerhard Paul & Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.): Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien. WBG, 2004, 2. unv. Aufl. 2005 ISBN 3-534-16654-X; unv. Sonderausgabe WBG 2011 & Primus, Darmstadt 2011; ISBN 3-89678-726-8).
  6. Klaus-Peter Friedrich (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 9: ' Polen: Generalgouvernement August 1941–1945, München 2013, ISBN 978-3-486-71530-9, S. 20.
  7. Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1371.
  8.  Guy Miron und Shlomit Shulhani (Hrsg.): Stanisławów. In: The Yad Vashem Encyclopedia of the Ghettos During the Holocaust. Band 2, Yad Vashem, Jerusalem 2009, ISBN 978-965-308-345-5.
  9. Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1371.
  10. Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1372.
  11. Krim-Krise: OSZE schickt 100 Beobachter in die Ukraine, Spiegel Online am 22. März 2014
  12. OSZE entsendet Beobachtermission in Ukraine, RIA Novosti am 22. März 2014
  13. Thomas Sandkühler:„Endlösung“ in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz 1941-1944. Bonn 1996, (St.: S. 150-152)
  14. Holger Gemba: Orpheus kam bis in die Karpaten. Das Stanislauer Phänomen: Wie ein westukrainisches Provinznest zur Kulturmetropole wurde. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 16, 19. Januar 2006