János Bolyai

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János Bolyai [ˈjaːnoʃ ˈbojɒi] (* 15. Dezember 1802 in Klausenburg; † 17. Januar 1860 in Neumarkt am Mieresch), im Deutschen früher auch Johann Bolyai, war ein ungarischer Mathematiker. Er arbeitete als einer der ersten Mathematiker auf dem Gebiet der nichteuklidischen Geometrie.

Leben[Bearbeiten]

Statue von Janos Bolyai in Klausenburg

János Bolyai war der Sohn von Farkas Wolfgang Bolyai, einem Professor für Mathematik. Bolyais eigene Begabung in Mathematik sowie Sprachen[1] und Musik fiel schon früh auf. Mit sieben Jahren lernte er Violine, machte rasch Fortschritte und trat später in Wien auch öffentlich als Violinist auf. Mathematikunterricht erhielt er von seinem Vater und besuchte erst ab neun Jahren eine Schule, das Kalvinisten-Kolleg in Neumarkt am Mieresch, wo auch sein Vater unterrichtete.

Nach dem Schulabschluss 1817 begann er ein Studium der Ingenieurwissenschaften an der Wiener Militärakademie. Das eigentlich gewünschte Mathematikstudium im Ausland konnte sich die Familie nicht leisten; seines Vaters Anfrage an den befreundeten Carl Friedrich Gauß, den Sohn als Schüler aufzunehmen, war negativ beschieden worden. János Bolyai schloss sein Ingenieursstudium 1822 erfolgreich ab und widmete sich danach ein Jahr wissenschaftlichen Studien. Dabei versuchte er zunächst wie sein Vater, das Parallelenpostulat von Euklid zu beweisen, und entwickelte über die Auseinandersetzung mit den Grundlagen der euklidischen Geometrie dann grundlegende Züge einer nichteuklidischen Geometrie. Über einige Probleme tauschte er sich in dieser Zeit mit seinem Freund Carl Szasz (1798-1835) aus, der aber 1821 als Lehrer nach Ungarn ging.

1823 wurde János Bolyai Ingenieuroffizier in der k.u.k- Armee (Unterleutnant), wo er zunächst bis 1826 an den Befestigungsanlagen von Temesvár mitarbeitete. In der Armee war er als hervorragender Fechter bekannt, wie auch für seine Abstinenz – er trank nicht, rauchte nicht und hielt sich auch vom Spiel fern. 1826 bis 1830 war er in Arad stationiert, nach 1830 zunächst in Lemberg. 1827 wurde er Oberleutnant und 1832 Kapitänleutnant.

Er entwickelte seine Ideen zur nichteuklidischen Geometrie in seiner Militärzeit weiter, blieb dabei aber isoliert und konnte auch seinen Vater erst bei einem Besuch 1831 von der Bedeutung seiner Arbeit überzeugen. Dieser drängte daraufhin auf eine Publikation, als Anhang in dessen eigenem Werk "Tentamen". Der Vater sandte sein Buch auch an Gauß,[2] der in einem Antwortbrief[3] zwar die Bedeutung anerkannte und die Leistung des Sohnes lobte – wörtlich schrieb er, „aufs Äußerste“ überrascht gewesen zu sein – gleichzeitig aber mitteilte, diese Entdeckung selbst schon gemacht zu haben, was für János Bolyai ein schwerer Schlag war. Er verdächtigte zeitweise sogar seinen Vater, einen alten Studienfreund von Gauß, diesem aus seinen vorherigen Mitteilungen etwas verraten zu haben.

Bolyai, der ab 1832 in Olmütz stationiert war, litt nun an einer angeschlagenen Gesundheit. Hinzu kamen laut seiner Dienstakte[4] Hypochondrie und cholerische Neigungen. Seine Vorgesetzten erkannten die hohen mathematischen Fähigkeiten an, bemängelten aber häufige Kränklichkeiten, mangelnde Neigung zur Ingenieurtätigkeit sowie Hang zur Isolation von den Offizierskameraden und konstatierten eine ausgeprägte Leidenschaft für das Schachspiel. 1833 ließ sich Bolyai pensionieren, nachdem er zuvor 1832 vergeblich – mit Verweis auf den Brief von Gauß – um eine dreijährige Beurlaubung gebeten hatte, um sich der Mathematik zu widmen.

János Bolyai lebte dann auf dem Familiengut bei Domáld zusammen mit Rozália Kibédi Orbán (Rosalia Orban von Kibed), mit der er zwei Kinder hatte; da die dafür aufzubringende Geldsumme fehlte, fand die Heirat erst 1849 statt. Die Ehe, der sein Vater ablehnend gegenüberstand, hielt nicht lange – 1852 trennte sich das Paar. Bolyai beschäftigte sich weiter mit Mathematik, beispielsweise reichte er eine Preisarbeit in Leipzig ein zur Rolle der komplexen Zahlen in der Geometrie. 1846 zog er in die Nähe seines Vaters nach Marosvásárhely. Dort lernte er 1848 die Arbeiten von Lobatschewski zur nichteuklidischen Geometrie kennen. Zuletzt beschäftigte er sich hauptsächlich mit Philosophie und hinterließ einen umfangreichen Nachlass an Manuskripten, die sich in der Bolyai-Teleki Bibliothek in Neumarkt am Mieresch befinden. János Bolyai starb im Januar 1860 an Lungenentzündung in Neumarkt am Mieresch.

Wie sein Vater arbeitete J. Bolyai an Untersuchungen über das Parallelenaxiom. Allerdings fand er als einer der ersten neben Carl Friedrich Gauß und Nikolai Iwanowitsch Lobatschewski eine nichteuklidische Geometrie, eine „absolut wahre (hyperbolische) Geometrie des Raumes“.

Kaum bekannt ist seine aus der Mathematik hergeleitete Philosophie, deren Grundgedanken man nur aus Fragmenten rekonstruieren kann, seiner Abhandlung über die Seele, die Materie und den Geist sowie aus seinem Schreiben an Kaiser Franz Josef, das unter anderem praktische Vorschläge zu einer neuen, gerechteren Finanzordnung enthält. Der umfangreiche Nachlass von Bolyai ist in jahrzehntelanger Arbeit von Elemér Kiss entziffert worden.[5]

vorgeblich János Bolyai
(nicht authentifiziert)

Nach Victor Babeș und ihm wurde die Babeș-Bolyai-Universität Cluj benannt. An den Mathematiker erinnern auch der Asteroid (1441) Bolyai und seit 1970 ein Mondkrater.[6][7]

Von Bolyai existieren keine Porträts – das einzige Porträt zerstörte Bolyai selbst mit einem Säbel. Ein oft kopiertes Bild, das auch auf Briefmarken zu seinem 100. Todestag 1960 in Ungarn und Rumänien erschien, ist nicht authentisch, sondern zeigt wohl einen unbekannten Zeitgenossen;[8] es ist einem Gemälde von Mór Adler (1826-1902) von 1864 nachempfunden, das allerdings keine Angaben zur abgebildeten Person machte. Károly Lühnsdorf (1893-1958) fertigte davon eine Zeichnung an und notierte fälschlicherweise, dass es ein Porträt von Janos Bolyai sei.[9] Die einzige Darstellung, die eventuell Anspruch auf Authentizität erheben kann, ist eine Büste vor dem Kulturpalast von Neumarkt am Mieresch, angefertigt um 1911, als der Sohn Dénes Bolyai (damals ein pensionierter Richter) und andere Personen, die ihn kannten, also noch lebten. Es gibt aber authentische Porträts seines Vaters, seiner Mutter und seines Sohnes, so dass in den 1990er Jahren Rekonstruktionen des ungefähren Aussehens von Bolyai versucht wurden, zum Beispiel durch den Maler Attila Zsigmond.[9]

Versuch einer Rekonstruktion des Aussehens von Bolyai von Attila Zsigmond

Literatur[Bearbeiten]

  • Ludovicos von Dávid: Die beiden Bolyai. Birkhäuser, Basel 1951. (Ungarische Neuauflage: Budapest 1979)
  • Annemarie Maeger: János Bolyai. Der Mozart der Mathematik. Maeger, Hamburg 1999, ISBN 3-929805-10-3. (mit Abdruck von Schriften von Bolyai)
  • Ilona Pálffy: Bibliographia Bolyaiana. OSzK, Budapest 1962.
  • I. Tóth: Johann Bolyai: Leben und Werk des grossen Mathematikers. Bukarest 1955.
  • S. Barna: Bolyai Janos. Budapest 1978. (Ungarisch).
  • B. Szénássy: History of Mathematics in Hungary until the 20th Century. Springer, 1992.
  • B. Szénássy: János Bolyai. Budapest 1978. (ungarisch).
  • Paul Stäckel (Hrsg.): Wolfgang und Johann Bolyai. Geometrische Untersuchungen. 2 Bände. Leipzig 1913. (Band 1 online, Band 2 online)
  • Paul Stäckel, Friedrich Engel: Gauss, die beiden Bolyai und die nichteuklidische Geometrie. In: Mathematische Annalen. Band 49, 1897, S. 149–167. (mit Abdruck des Briefs von Gauß) (online)
  • Paul Stäckel Die Entdeckung der nichteuklidischen Geometrie durch Johann Bolyai. In: Math. und Naturwiss. Berichte aus Ungarn. Band 17. 1901.
  • Dirk Struik: Bolyai. In Dictionary of Scientific Biography.
  • Roberto Bonola: Non Euclidean Geometry. Chicago 1911.
  • J. Frischauf (Hrsg.): Absolute Geometrie nach Johann Bolyai. Teubner, 1872. (deutsche Übersetzung des Anhangs zu Wolfgang Bolyai´s Tentamen von Johann (Janos) Bolyai). (online)
  • Elemér Kiss: Mathematical gems from the Bolyai chests. János Bolyai's discoveries in number theory and algebra as recently deciphered from his manuscripts. Aus dem Ungarischen von Anikó Csirmaz und Gábor Oláh. Akadémiai Kiadó, Budapest/ TypoTeX, Budapest 1999, ISBN 963-05-7563-9.
  • Tibor Weszely: János Bolyai. Die ersten 200 Jahre. Aus dem Ungarischen von Manfred Stern. Birkhäuser, Basel 2013, ISBN 978-3-0346-0045-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: János Bolyai – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Später sprach er angeblich neun Sprachen neben seiner Muttersprache, unter anderem Chinesisch, Tibetisch (MacTutor Webarchiv, siehe Weblinks). In seiner Militärakte wird neben Deutsch und Ungarisch nur Französisch, Latein und etwas Italienisch erwähnt (Wiesner, Jahresbericht DMV, siehe Weblinks).
  2. zugesandt 1831, Gauß erhielt das Buch aber erst in der zweiten Zusendung im Januar 1832: Bonola Noneuclidean geometry. Chicago 1911, S. 100.
  3. Datiert 6. März 1832. Briefwechsel zwischen Carl Friedrich Gauß und Wolfgang Bolyai, Herausgeber Stäckel und Franz Schmidt, Teubner 1899, S. 108ff.
  4. Wiesner: Jahresbericht DMV. siehe Weblinks
  5. Elemér Kiss: Mathematical gems from the Bolyai chests. Akademiai Kiado, 1999. Vergleiche auch Tamas Denes: The real face of Janos Bolyai. In: Notices of the American Mathematical Society. Januar 2011.
  6. Bolyai. In: Gazetteer of Planetary Nomenclature. der IAU. (englisch)
  7. D. H. Menzel, M. Minnaert, B. Levin, A. Dollfus, B. Bell: Report on lunar nomenclature by the working group of commission 17 of the IAU. In: Space Science Reviews. 12, Juni 1971, S. 142. (englisch)
  8. Zum Beispiel Craig Smorynski: History of Mathematics – a Supplement. Springer, 2008, S. 244f ; Reichardt: Gauß und die Anfänge der nichteuklidischen Geometrie. Teubner 1985 ; Marvin Greenberg: Euclidean and noneuclidean geometries. 1974.
  9. a b Tamas Denes: The real face of Janos Bolyai. In: Notices of the American Mathematical Society. Januar 2011.