Jørgen Skafte Rasmussen

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Jørgen Skafte Rasmussen 1906

Jørgen Skafte Rasmussen (* 30. Juli 1878 in Nakskov; † 12. August 1964 in Kopenhagen) war ein dänischer Ingenieur und Industrieller.

Leben[Bearbeiten]

Der Vater Hans Peder Rasmussen und dessen erste Tochter

Jørgen Skafte Rasmussen war der Sohn des Kapitäns Hans Peder Rasmussen und dessen zweiter Ehefrau Maren Johanne, geb. Skafte. Er hatte eine Vollschwester namens Kirstine (* 1875) und eine Halbschwester namens Anna Petersine Frederikke (* 1862).[1] Hans Peter Rasmussen starb, als Jørgen Skafte Rasmussen noch ein Kleinkind war. Seine Mutter verlor er im Alter von 19 Jahren.[2]

Jørgen Skafte Rasmussen besuchte die Realschule in Nakskov und begann wahrscheinlich 1894 eine Lehre bei Smidt, Mygind & Hüttemeier in Kopenhagen. Nach dem Tod der Mutter zog er zu seiner Stiefschwester nach Nykøbing, wo die Firma Guldborg seine zweite Lehrwerkstatt wurde. Dort schloss er 1898 seine Ausbildung ab; unmittelbar darauf verließ er Dänemark.[3]

Rasmussen studierte von 1898 bis 1900 Maschinenbau und Elektrotechnik am Technikum Mittweida. Er fehlte jedoch in so vielen Stunden unentschuldigt und zeigte so wenig Fortschritte, dass die Schulleitung mehrfach Kontakt mit seinem Vormund Lorenz Benzon Freuchen aufnahm. Auch als Rasmussen eine Gefängnisstrafe drohte, weil er einen Hund ohne Maulkorb spazierenführte, wurde Freuchen informiert, reagierte aber mit Unverständnis für diese Strafmaßnahme. Rasmussen entschied sich für eine Geld- statt der Gefängnisstrafe, konnte daraufhin jedoch seine Semestergebühren nicht mehr bezahlen. Wegen weiterhin unzureichender Leistungen erfolgte im Oktober 1900 die Relegation vom Technikum Mittweida.[4]

Er wechselte auf die neugegründete Ingenieurschule Zwickau. Dort legte er 1902 nach drei Semestern die Prüfungen zum Ingenieur mit der Gesamtnote „befriedigend“ ab. Anschließend scheint er bei der Rheinischen Metallwaren- & Maschinenfabrik in Düsseldorf gearbeitet zu haben, kehrte aber offenbar bald nach Zwickau zurück. 1903 beantragte er sein erstes Gebrauchsmuster auf einen Drehstahlhalter.[5]

Mit dem Kaufmann Carl Ernst, der aus Köln stammte, gründete er die Firma Rasmussen & Ernst (RE), die im Dampfmaschinenarmaturen- und Apparatebau tätig war. Finanziert wurde die Gründung der Firma, die in dem Gebäude Am Markt 15 in Chemnitz ihren ersten Sitz hatte, laut Aussage Ove Rasmussens durch einen Schweizer namens Keller, den Rasmussen während einer Eisenbahnfahrt kennengelernt hatte.[6] Gebrauchsmuster, die 1903 von RE angemeldet wurden, betrafen ausschließlich Vorrichtungen an Dampfmaschinen. 1904 schied Carl Ernst aus dem Unternehmen aus, das aber seinen Namen noch länger nutzte. Die Rasmussen & Ernst GmbH war die Muttergesellschaft der Zschopauer Maschinenfabrik J. S. Rasmussen; getrennt wurden die Firmen erst nach dem Ersten Weltkrieg. Die Firma Rasmussen & Ernst existierte bis 1953.[7]

Rasmussen zog samt seiner Firma bald in die Alte Kunsthütte in der Annaberger Straße 25 in Chemnitz um. Er produzierte weiterhin hauptsächlich Zubehörteile zu Dampfmaschinen und meldete ab 1906 zahlreiche Erfindungen beim Patentamt an, darunter eine Reibemaschine für Feldfrüchte, eine Messer- und Gabelputzmaschine und einen Azetylen-Sauerstoffbrenner für Scheinwerfer. 1907 erhielt er sein erstes Patent. DRP 190 137 betraf eine „Schleudermaschine zum Entölen und Trocknen von Textilgut, welches als Putzmittel verwendet worden ist“.[8] 1915 folgte ein zweites Patent. Daneben wurden weiterhin zahlreiche Gebrauchsmuster eingetragen. Erfolg hatte Rasmussen besonders mit seinen Hochdruck-Abschlämm- Ventilen, einem Speisewasser-Reiniger und Ölreinigungsapparaten. 1913 warb er damit, dass der Imperator, der zu dieser Zeit größte deutsche Passagierdampfer, mit Rasmussen-Abdampf-Entölern ausgestattet war.[9]

Rasmussen erwarb 1906 mit 1000 Mark Eigenkapital eine stillgelegte Textilfabrik in Zschopau, um dort die Flächen zur Erweiterung der Produktion nutzen zu können. Zschopau bot zudem den Vorteil, dass dort, bedingt durch die Krise der Textilindustrie, qualifizierte Fabrikarbeiter zu günstigen Löhnen verfügbar waren. 1910 wurde die Zschopauer Maschinenfabrik Jörgen Skafte Rasmussen in das Handelsregister eingetragen. Eine juristische Trennung von der Muttergesellschaft Rasmussen & Ernst erfolgte jedoch erst 1913.

Rasmussen auf einer Ausstellungstafel des Framo-Museums in Frankenberg mit dem Hinweis auf die Gründung einer eigenen Fabrik 1923

Im Ersten Weltkrieg produzierte die Fabrik Rüstungsgüter und experimentierte mit Dampfkraftwagen. Der dänische Ingenieur Svend Aage Mathiesen sollte in Zschopau die Serienproduktion von Dampfkraftwagen nach dem Muster Rollin H. Whites aufbauen. Mindestens zwei Prototypen wurden 1916 gebaut.[10] Nach Kriegsende gab Rasmussen aber die Arbeit an den dampfgetriebenen Fahrzeugen auf und wandte sich anderen Wagen zu: Er lernte den Ingenieur Emil Fischer und den Zweitaktpionier Hugo Ruppe kennen und vermarktete einen von diesem entwickelten kleinen Zweitaktmotor, der als Spielzeug konzipiert worden war, als Fahrrad-Hilfsmotor. Zu diesem Zweck wandelte er die J. S. Rasmussen GmbH in eine OHG um, die den Namen Zschopauer Motorenwerke J. S. Rasmussen erhielt.[11] Nachdem auf der Leipziger Messe 1919 ein 1-PS-Hilfsmotor für Fahrräder präsentiert worden war, den Ruppe entwickelt hatte, gab es bald zahlreiche Nachahmer; schon 1921 wurden Fahrrad-Hilfsmotoren von 20 Firmen angeboten. Rasmussen, dessen Schwungrad-Zündanlagen Bosch in Stuttgart nicht fertigen wollte, gründete daraufhin zusammen mit Richard Blau 1919 in Zschopau die Rota Magnet-Apparatebau GmbH und verkaufte seine Zweiräder mit dem Slogan „DKW, das kleine Wunder, läuft bergauf wie andre runter!“ sehr erfolgreich. 1919 wurde Bruno Cavani in Bologna der erste DKW-Vertreter außerhalb Deutschlands.[12]

Emil Fischer konstruierte in Zschopau den „Kleinen Bergsteiger“, ein Cyclecar, verließ jedoch nach Streitigkeiten mit Rasmussen schon nach einem Jahr die Firma. Die beiden Prototypen des „Kleinen Bergsteigers“ erhielten Motoren nach Ruppes Entwürfen; auch den Holzaufbau entwickelte nicht Fischer. Inspiriert war diese Konstruktion von Rudolf Slabys elektrogetriebenem Kleinstwagen, den Rasmussen 1919 in Berlin gesehen hatte, was sofort zu einem Geschäftskontakt geführt hatte.[13]

1921 unternahm Rasmussen seine erste Reise in die USA, von der er die Idee der Fließbandfertigung nach Deutschland brachte, und führte das Sesselrad „Golem“ ein. Weder „Golem“ noch seinem Nachfolger „Lomos“ war jedoch ein Erfolg auf dem Fahrzeugmarkt beschieden. Der Ingenieur Hermann Weber konstruierte schließlich 1922 ein Leichtmotorrad mit Einzylinder-Zweitaktmotor, das Geschwindigkeiten bis 65 km/h erreichen konnte. Dieses Fahrzeug wurde später als „Reichsfahrtmodell“ bekannt.[14] Um den Aufbau eines Händlernetzes kümmerte sich ab 1921 der Österreicher Carl Hahn, der schnell zu einem engen Vertrauten Rasmussens wurde.

Zur Fertigung von Motorradarmaturen, Schrauben und Drehteilen gründete Rasmussen 1922 die Metallwerke Zöblitz, zu denen 1924 die Zweigwerke Marienberg und Hüttengrund hinzukamen. Aus einer ehemaligen Sattelfabrik wurden 1923 die Metallwerke Frankenberg/Sachsen, die 1934 zur Framo-Werke GmbH wurde. Kurz nach Einführung der Rentenmark zum Ende der Hyperinflationszeit wurde am 22. Dezember 1923 die Zschopauer Motorenwerke J.S. Rasmussen AG gegründet. Rasmussen war fast der einzige Aktionär und baute in den folgenden Jahren sein Unternehmen zum Großkonzern aus, verschuldete sich jedoch extrem, indem er immer weitere Kredite aufnahm.[15] Der Direktor der Commerzbank Friedrich von Au bescheinigte ihm 1935 „eine beträchtliche Portion Oberflächlichkeit“.[16] Ferner übernahm er Mitte der 1920er Jahre die Slaby-Beringer-Automobil GmbH in Berlin, die später zum DKW-Karosseriewerk wurde; aus dem Werk Scharfenstein der Chemnitzer Maschinenbaufirma Moll wurde 1931 die Tochterfirma „Deutsche Kühl- und Kraftmaschinen GmbH“ (DKK). 1927/28 folgten die Nestler & Breitfeld AG mit dem Eisenwerk Erla, aus der 1933 die Eisen- und Flugzeugwerk Erla GmbH wurde, die Schüttoff A.-G. in Chemnitz und die Audiwerke AG Zwickau. Ferner beteiligte er sich 1926 an der Berliner Maschinenfabrik Prometheus GmbH, der Elcamo-Motor-Aggregatebau GmbH sowie der Eisengießerei Annaberg.[17] Die 1930 gegründeten Luma-Werke in Stuttgart stellten für DKW die Dynastart-Generatoren her. Die Auto Union kaufte später das Luma-Werk, verlegte es zusammen mit dem Rota-Zweigwerk in das ehemaligen Schüttoff-Werk und baute dieses Werk in der Chemnitzer Rößlerstraße ab 1934 zum Hauptzulieferer für die elektrotechnische Ausrüstung aller Fahrzeuge des Konzerns aus.

Rasmussens Unternehmensgruppe wuchs innerhalb weniger Jahre vom mittelständischen Betrieb zum Großkonzern. In den 1920er Jahren wurden die Zschopauer Motorenwerke mit ihren DKW-Motorrädern zum größten Hersteller weltweit. Neben diesen wurden ab 1928 vorwiegend von Audi in Zwickau DKW-Autos produziert. Rasmussen engagierte sich auch in neuer Technologie: 1929 stellte er - als Erster in Europa - einen Kühlschrank für den Haushalt vor, der als „DKW-Kühlung“ zum festen Begriff wurde. Die Tochterfirma Deutsche Kühl- und Kältemaschinen GmbH (die spätere DKK Scharfenstein) fertigte Kühltechnik für Haus und Gewerbe.

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 traf die Unternehmen Rasmussens hart. Auf Initiative der Sächsischen Staatsbank, die als Hausbank die Expansion der Werke finanziert hatte, wurde im Juni 1932 rückwirkend zum 1. November 1931 die Auto Union AG, Chemnitz mit Sitz in Chemnitz gegründet und in das Handelsregister des Amtsgerichts Chemnitz eingetragen. Da in Chemnitz noch kein geeignetes Verwaltungsgebäude vorhanden war, wurde die Hauptverwaltung noch bis 1936 im DKW-Werk in Zschopau untergebracht. Erst 1936 wurde dann die Hauptverwaltung nach Chemnitz in den Umbau der Presto-Werke verlegt. Bei deren Gründung 1932 wurde Rasmussen Vorstandsmitglied der Auto Union. Differenzen mit anderen Vorstandsmitgliedern führten Ende 1934 zu seiner Entlassung aus dem Vorstand. Auf Anweisung Adolf Hitlers erhielt er nach mehrjährigen Streitigkeiten mit dem Konzern von Reichsjustizminister Franz Gürtner Anfang 1938 eine Abfindung im Gesamtbetrag von 1,3 Millionen Reichsmark zugesprochen, was inflationsbereinigt in heutiger Währung rund 5.200.000 Euro entspricht.[18]

Er verließ Zschopau und erwarb ein Anwesen in Sacrow bei Potsdam, das die Familie bis 1945 bewohnte. 1945 floh er mit seiner Frau nach Flensburg, ging 1947 wieder nach Dänemark und lebte ab 1948 in Hareskovby. In den 1950er-Jahren baute er in Zusammenarbeit mit der Dansk Industri Syndikat A/S Motorräder unter dem Namen DISA. Nach seinem 75. Geburtstag übersiedelte er mit seiner Frau nach Kopenhagen.

Familie[Bearbeiten]

Rasmussen und seine Ehefrau

Am 10. September 1904 heiratete Jørgen Skafte Rasmussen in Chemnitz die Kaufmannstochter Theresie Liebe. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor. Tochter Ilse wurde 1905, die Söhne Hans Werner Skafte, Ove Skafte und Arne Skafte wurden 1906, 1910 und 1912 geboren.

Hans und Arne erhielten wie ihr Vater eine technische Ausbildung, Ove studierte Volkswirtschaft und gründete 1949 die Rasmussen GmbH. Die Kinder arbeiteten nach ihrer Ausbildung in den Unternehmen der Familie. Hans Rasmussen wurde am 2. Juni 1945 von den Sowjets verhaftet und starb am 21. September 1945 im Internierungslager Toszek.[19]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Christoph Graf von Seherr-Thoß: Rasmussen, Jörgen Skafte. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 162 f. (Digitalisat).
  • Immo Sievers: Jørgen Skafte Rasmussen. Leben und Werk des DKW-Gründers, Delius Klasing, Bielefeld 2006, ISBN 3-7688-1828-4.
  • Peter Kirchberg: Der Grand Prix Report - Die Rennerfolge der Auto-Union
  • Peter Kirchberg,Paul Gränz: Ahnen unserer Autos - eine technikhistorische Dokumentation. 4. Auflage, Transpress, Berlin 1981. (ohne ISBN)
  •  Steffen Ottinger: DKW Motorradsport 1920–1939. Von den ersten Siegen des Zschopauer Zweitakters bei Bahnrennen bis zu den Europameisterschafts-Erfolgen. 1. Auflage. HB-Werbung und Verlag GmbH & Co. KG, Chemnitz 2009, ISBN 978-3-00-028611-7, S. 8, 22–32, 122.
  • Jan-Peter Domschke, Sabine Dorn, Hansgeorg Hofmann, Rosemarie Poch, Marion Stascheit: Mittweidas Ingenieure in aller Welt. Hochschule Mittweida (Hrsg.): Mittweida 2014, S. 90f.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jørgen Skafte Rasmussen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sievers 2006, S. 8
  2. Sievers 2006, S. 13 und 16 f.
  3. Sievers 2006, S. 16 f.
  4. Sievers 2006, S. 24
  5. Sievers 2006, S. 26
  6. Sievers 2006, S. 29
  7. Sievers 2006, S. 32
  8. Sievers 2006, S. 47
  9. Sievers 2006, S. 49
  10. Sievers 2006, S. 65
  11. Sievers 2006, S. 68
  12. Sievers 2006, S. 74
  13. Sievers 2006, S. 76
  14. Sievers 2006, S. 88 f.
  15. Sievers 2006, S. 92 f.
  16. zitiert nach Sievers 2006, S. 94
  17. Sievers 2006, S. 95
  18. Der Betrag wurde mit der Vorlage:Inflation ermittelt, ist auf volle 100.000 Euro gerundet und bezieht sich auf den vergangenen Januar.
  19.  Barbara Supp: Die Zeit der Gespenster. In: Der Spiegel. Nr. 32, 1996 (über die vergessenen Toten des sowjetischen Straflagers Tost in Schlesien, online).