Jüdische Diaspora

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Die Jüdische Diaspora (hebräisch: galut bzw. גלות) ist die bis heute anhaltende Zerstreuung (= griech. Diaspora) der Juden. Sie begann mit der ersten babylonischen Eroberung des Reiches Juda im Jahr 597 v. Chr., wobei viele Judäer nach Babylon exiliert wurden.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Weit vor dem Untergang des Reiches Juda gab es schon jüdische Handelsniederlassungen außerhalb des Landes Israel (vgl. 1. Buch der Könige 20,34). Auch gab es einige Juden, die aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verließen (vgl. Buch Ruth 1,1).[1] Nach dem Tod König Salomos 926 v. Chr. kam es nach der biblischen Überlieferung zu einer Teilung des israelitischen Reiches. Das Nordreich Israel wurde zwischen 722 und 721 v. Chr. von Assyrien erobert. Ein Teil der Einwohner wurde zwangsumgesiedelt und durch deportierte Bewohner anderer Teile des assyrischen Großreichs ersetzt. Im Laufe der Zeit vermischten sich die Einwohner zum Volk der Samaritaner. Die deportierten Bewohner des Nordreiches gelten bis heute als verschollen und werden als die Verlorene Stämme Israels bezeichnet.

Das Südreich Juda, bestehend aus den Stämmen Juda, Benjamin sowie dem Priesterstamm der Leviten, konnte vorerst noch weiter bestehen.

Entstehung[Bearbeiten]

Hauptartikel: Babylonisches Exil

597 v. Chr. eroberte der babylonische König Nebukadnezar II. Jerusalem und das Königreich Juda. Dabei verschleppte er einen Teil der Bevölkerung Judäas, etwa 10.000 Menschen, vor allem Angehörige der Oberschicht nach Babylon und siedelte sie dort an.

586 v. Chr. nach einem weiteren Kriegszug der Babylonier unter Nebukadnezar II., der zum Untergang des Reiches Juda und zur Zerstörung des salomonischen Tempels führte, wurden mindestens genauso viele Juden nach Babylon exiliert.

Die Babylonier siedelten die Judäer in geschlossenen Siedlungen an, unter anderem am Fluss Kebar (vgl. Ezechiel (Prophet) 1,1 und 3). Damit konnten die Judäer ihre Traditionen und ihren Glauben innerhalb einer andersgläubigen Bevölkerung bewahren. Diese Lebensweise als Minderheit mit eigenem jüdischen Glauben und oft auch mit unterschiedlichem Rechtsstatus unter Andersgläubigen ist das Charakteristische an der jüdischen Diaspora. [2] [3]

Gemäß dem Buch Jeremia (Jer 52, 28–30) kam es 582 v. Chr. zu einer dritten, kleineren Deportation, vermutlich als Folge der Ermordung des von den Babyloniern eingesetzten Statthalters Gedalja ben Achikams.

Sicher belegt ist, dass nach 597 v. Chr. Namen von Hebräern aus der privilegierten Oberschicht in babylonischen Urkunden auftauchen.

Weitere Entwicklung[Bearbeiten]

In der Antike[Bearbeiten]

Aus Furcht vor der Vergeltung Nebukadnezar II. für die Ermordung des von ihm eingesetzten Statthalter Gedalja ben Achikam im Jahr 586 v. Chr., flohen viele der noch auf dem Gebiet des ehemaligen Königreichs Juda lebende Juden nach Ägypten, siehe hierzu auch Buch Jeremia Kapitel 43 und 44. Im 6. Jahrhundert v. Chr. siedelte eine in ägyptischen Diensten stehende judäische Militärkolonie in Elephantine im Süden Ägyptens.

539 v. Chr. eroberte der persische König Kyros II. das babylonische Reich. Er erlaubte im Jahr 538 v. Chr. den Exilanten in einem Erlass die Rückkehr in die nun persische Provinz Jehūdāh. Davon machte aber nur ein kleinerer Teil Gebrauch. Die Rückkehrer in die persische Provinz Jehūdāh waren die ersten, die Juden genannt wurden.

Von Babylonien und von Palästina aus breitete sich in den folgenden Jahrhunderten der altpersischen Herrschaft die jüdische Diaspora im syrischen Raum, Kleinasien, in den Norden Mesopotamiens, nach Persien im Osten, auf die arabische Halbinsel und nach Zentralasien aus.

332 v. Chr. besetzte Alexander der Große das persische Reich. Nach der Aufteilung unter die Diadochen fiel die Provinz Jehūdāh an die Ptolemäer.

In hellenistischer Zeit entstand die nach Babylonien größte Siedlungsdichte in Ägypten. Nach der Gründung von Alexandria siedelten sich viele Juden dort an. Kleinere Gemeinden entstanden in der Kyrenaika, an der Küste des Schwarzen Meeres, in Griechenland und in fast allen bedeutenden Hafen- und Handelsstädten des östlichen Mittelmeerraumes.

Synagogen in der Antike um 200 n. Chr.

Die Seleukiden übernahmen 198 v. Chr. die Provinz Jehūdāh von den Ptolemäer. König Antiochos IV. versuchte mit aller Macht, das Judentum durch den Hellenismus zu ersetzen, was im Jahr 168 v. Chr. zum Makkabäeraufstand führte. 141 v. Chr. konnten die Juden einen unabhängigen Staat unter der Dynastie der Hasmonäer gründen.

Im Jahre 63 v. Chr. verlor das Reich nach der Eroberung durch Pompeius seine Unabhängigkeit. Es existierte als römischer Klientelstaat fort.

Die Hasmonäer verloren im Jahre 37 v. Chr. endgültig ihre Macht und der Idumäer Herodes der Große wurde König. Im Jahre 6 n. Chr. wurde das Königreich durch Kaiser Augustus in die römische Provinz Judäa umgewandelt und verlor damit seine Eigenstaatlichkeit.

Der jüdische Geschichtswissenschaftler Salo W. Baron schätzt, dass es damals etwa zwei Millionen Juden in Palästina gab, aber vier Millionen Juden im Römischen Reich außerhalb Palästinas und mindestens eine weitere Million in Babylonien und in anderen Ländern, die nicht von Rom regiert wurden.[4]

In der folgenden Zeit kam es immer wieder zu Aufständen und Rebellionen, die in den Jüdischen Krieg von 66 bis 74 n. Chr. mündeten. Viele Juden wurden nach dem verlorenen Krieg versklavt oder verließen ihre verwüstete Heimat und kamen so in alle Teile des römischen Reiches. Einige wanderten auch ins Perserreich.

In der Spätantike[Bearbeiten]

Im Mittelalter[Bearbeiten]

In der Neuzeit[Bearbeiten]

Siehe auch: Holocaust und Antisemitismus (bis 1945)

Seit der Staatsgründung[Bearbeiten]

Siehe auch: Geschichte des Staates Israel und Antisemitismus (nach 1945)

Chronologie[Bearbeiten]

Bedeutsame Ereignisse in der jüdischen Diaspora waren:

In der Antike[Bearbeiten]

  • 597 v. Chr. Eroberung des Königreich Juda durch Nebukadnezar II. und Verschleppung von etwa 10.000 Judäern nach Babylon
  • 586 v. Chr. Nebukadnezar II. besiegte Juda erneut und zerstörte den salomonischen Tempels. Weitere ca. 10.000 Juden kamen nach Babylon. Viele flohen danach nach Ägypten.
  • 516 v. Chr. Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem. Dieses Datum markiert nach jüdischer Auffassung das Ende des babylonischen Exils.
  • 332 v. Chr. Eroberung durch Alexander den Großen, Beginn der hellenistischen Zeit
  • 301 v. Chr. Aufteilung in die Diadochenstaaten, das Land Juda fällt zusammen mit Ägypten an Ptolemais.
  • 198 v. Chr. Die Seleukiden eroberten das Land Juda.
  • 167 v. Chr. Beginn des Aufstands der Makkabäer
  • 164 v. Chr. Friedensschluss, Wiedereinweihung des Tempels
  • 142 v. Chr. Jüdische Autonomie unter den Hasmonäern, nachdem Vertreibung der seleukidische Besatzung
  • 63 v. Chr. Der römische Feldherr Pompejus eroberte Jerusalem.
  • 37 v. Chr. Herodes der Große regierte Israel
  • 49 Kaiser Claudius verwies alle Juden aus der Stadt Rom.
  • 66–74 Jüdischer Krieg, viele Juden wurden nach dem Krieg versklavt oder verließen ihre verwüstete Heimat und kamen in alle Teile des römischen Reiches.
  • 115–117 Diasporaaufstand
  • 132–135 Bar-Kochba-Aufstand gegen die Römer, Vernichtung des letzten größeren jüdischen Siedlungsgebiet

In der Spätantike[Bearbeiten]

  • 212 Der römische Kaiser Caracalla gab den jüdischen Bewohnern seines Reiches das Bürgerrecht.
  • 313–638 Palästina gehörte zum Byzantinischem Reich.
  • 417 und 423 Judengesetze des byzantinisches Kaisers Theodosius II.
  • 534 Judengesetze des byzantinischen Kaisers Justinian I., sie degradierten die Juden zu Bürgern minderen Rechts.
  • 590–604 Papst Gregor der Große legte die päpstliche Judenpolitik des Mittelalters fest: Ablehnung der Zwangstaufe, Gewinnung durch Vergünstigungen, schutzbedürftige Fremde, die durch den König gewährt wird (= Königsmunt).
  • 614 Die Perser verwüsteten Palästina.
  • 634 Die Araber eroberten unter Kalif Omar Palästina.
  • 750 Die Abbasiden aus Bagdad eroberten Palästina.

Im Mittelalter[Bearbeiten]

In der Neuzeit[Bearbeiten]

Seit der Staatsgründung 1948[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Jüdische Geschichte: Aufstellung von Hauptartikeln.

Afrika:

Hauptartikel: Judentum in Afrika

Amerika:

Asien:

Europa:

Hauptartikel: Juden in Osteuropa

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jewish diaspora – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora
  2. Vgl. Alberto R. Green, The Chronology of the last days of Judah: Two apparent discrepancies. Journal of biblical literature 101, 1982, Seite 57–73.
  3. Vgl. Donner, Geschichte, 370–381.
  4. A Social and Religious History of the Jews, Bd. I, 1. Teil, Philadelphia 1952, S. 167–171