Jüdischer Friedhof

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Jüdischer Friedhof in Jerusalem

Ein jüdischer Friedhof (hebräisch בית-עלמין bzw. בית-עולם, Aussprache: [beɪt ʌl'mɪn] bzw. [beɪt o'lʌm], dt. „Haus der Ewigkeit“ nach Kohelet 12,8 EU oder בית קברות [beɪt kvʌ'rot], „Haus der Gräber“) ist ein Friedhof mit Besonderheiten, die sich aus den Gesetzen des Judentums ergeben. So ist die Erdbestattung üblich, die dauerhafte Totenruhe gilt als unantastbar und Besucher legen statt Blumen in der Regel kleine graue Steine auf das Grab. Mit Bezug zu seinem lebensbejahenden Charakter und der Messias-Erwartung wird der jüdische Friedhof – nach einem jiddischen Ausdruck – auch „guter Ort“ genannt.

Geschichte[Bearbeiten]

Jüdischer Friedhof in Frauenberg (Moselle)

Während die Aschkenasim (deutschstämmige und osteuropäische Juden) aufrechte Steine an ihre Gräber stellten, bestatteten die Sephardim (portugiesische und spanische Juden) ihre Toten unter flachliegenden Grabplatten oder Zeltgräbern. In Mittel- und Osteuropa sind überwiegend aschkenasische Bestattungsarten verbreitet. Vereinzelt finden sich dort auch jüdische Friedhöfe, die außer einem aschkenasischen Teil auch einen sephardischen Teil beinhalten wie zum Beispiel der Jüdische Friedhof in Hamburg-Altona. Anfangs wurden die Toten nach Jerusalem ausgerichtet, diese Tradition wird seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr durchgesetzt.

Insbesondere wurden die Grabsteine (Mazevot) ab der Zeit der Haskala nicht nur in hebräischer Sprache beschriftet, sondern auch in der jeweiligen Landessprache. Letzteres geschah in der Regel auf der Rückseite des Grabsteins. Eine weitere Besonderheit bestand darin, dass auf der hebräisch beschrifteten Seite des Grabsteins nicht nur der Name des Toten selbst genannt wurde, sondern auch der Name seines Vaters. Dies stellt heute für die genealogische Forschung einen unschätzbaren Wert dar. In der Zeit der Haskala wurden in Anlehnung an die christliche Tradition Familiengräber mit aufwändiger gestalteten Grabsteinen und sogar Mausoleen für Familien errichtet.

Als der älteste jüdische Friedhof Europas mit einem Grabstein von 1058/59 gilt der Heilige Sand in Worms.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden zahlreiche jüdische Friedhöfe verwüstet.

Besonderheiten[Bearbeiten]

Jüdischer Friedhof in Kamienna Góra

Weil im Tode alle Menschen gleich sind, finden sich bis Mitte des 18. Jahrhunderts gleichförmige Grabsteine. Erst mit der Haskala, der fortschreitenden jüdischen Emanzipation und Assimilation, beginnen die Juden, ebenso prunkvolle Grabstätten zu errichten, wie es auch von christlichen Friedhöfen dieser Zeit bekannt ist.

„Einer der fundamentalsten israelitischen Glaubensgrundsätze, die Unantastbarkeit der Totenruhe, führte dazu, dass Gräber und Grabmale über Jahrhunderte erhalten bleiben, dass die jüdischen Friedhöfe über Generationen hinweg „wachsen“, während auf anderen Friedhöfen immer wieder – nach Ablauf von Ruhefristen – einzelne Gräber oder ganze Grabfelder geräumt werden […]“

aus dem Vorwort „Der jüdische Friedhof“[1]

Das jüdische Grab wird von den Gemeinden nicht eingeebnet und der Stein bleibt bestehen. Bei Platzmangel legt man eine Schicht Erde über ein Grab und bestattet einen Toten über dem anderen. Eindrucksvoll ist dies beim Alten Jüdischen Friedhof in Prag zu sehen. Dies hängt mit dem jüdischen Glauben an die Auferstehung der Toten nach dem Eintreffen des Messias zusammen.

Blumenschmuck ist in der jüdischen Tradition nicht üblich, stattdessen werden kleine Steine auf die Grabplatten gelegt. Die Gräber lässt man mit Efeu und Gras überwachsen. Nach dem Besuch des Friedhofs wäscht man sich die Hände, weil die Nähe der Toten kultisch unrein macht. In Deutschland sind die jüdischen Friedhöfe in der Regel am Sabbat geschlossen. Die Halacha gestattet es nicht, am Sabbat Tote zu begraben oder dort tätig zu sein.

Auch nichtjüdische Männer werden gebeten, aus Achtung vor den jüdischen Bräuchen auf einem jüdischen Friedhof ihren Kopf bedecken.

Verbandsfriedhof[Bearbeiten]

Der Friedhof ist in der Regel Eigentum der jüdischen Gemeinde. Hingenen befindet sich ein Verbandsfriedhof in der Trägerschaft mehrerer Kehillah (Gemeinden). Der Zusammenschluss zu einem Friedhofsverband machte die gemeinsame Finanzierung eines Friedhofs möglich. Das betraf sowohl die Neuanlage als auch die anfallenden Kosten für den Unterhalt des Friedhofs. Jüdische Gemeinden oder jüdische Familien, die sich nicht in den Verbandsfriedhof eingekauft hatten, konnten zwar auch ihre Toten dort bestatten, mussten aber oftmals höhere Gebühren entrichten.

Einer der größten und ältesten erhaltenen jüdischen Verbandsfriedhöfe Deutschlands ist der Jüdische Friedhof in Heinsheim bei Bad Rappenau im Kraichgau, Baden-Württemberg.

Große jüdische Friedhöfe[Bearbeiten]

Da Fläche und Gräberanzahl sich nicht entsprechen, ist bei Friedhöfen eine Ordnung nach Größe schwierig. So ist der Friedhof Ohlsdorf der größte Europas nach Fläche, der Wiener Zentralfriedhof aber der weitaus größte nach der Grabanzahl. Den größten jüdischen Friedhof hatte Thessaloniki. Mit angeblich 500.000 Gräbern wurde er nach dem Balkanfeldzug (1941) in Zusammenarbeit von Wehrmacht und griechischen Behörden zerstört.[2][3][4]

In Deutschland hatten Berlin, Breslau und Königsberg i. Pr. die größten jüdischen Gemeinden. Unter den erhaltenen Friedhöfen ist der Jüdische Friedhof Berlin-Weißensee der größte in Europa. Auf einer Fläche von 42 Hektar liegen etwa 115.000 Gräber. Auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Breslau verteilen sich 12.000 Gräber auf 5 ha, auf dem Neuen 20.000 Gräber auf 7 ha. Für Königsberg fehlen Zahlenangaben.

In Ostmitteleuropa folgt der Neue Jüdische Friedhof Łódź mit 40 ha dicht auf Weißensee; er hat 180.000 Gräber.[5]

In Südosteuropa rangiert der Jüdische Friedhof Czernowitz mit 14,2 ha und 50.000 Gräbern weit vor Lemberg und Brody (Ukraine). Von den drei Jüdischen Friedhöfen in Lemberg ist nur einer erhalten. Der zerstörte Friedhof in Brody mit 6000 Grabsteinen wurde nach dem Krieg durch ein Stadion überbaut.[6] Der Alte Jüdische Friedhof in Prag ist der berühmteste, aber kleinste der bekannten jüdischen Friedhöfe. Auf einem knappen Hektar sind 12.000 Grabstätten.

In Nordosteuropa war Vilnius ein Zentrum des Judentums. Von den drei Jüdischen Friedhöfen in Vilnius ist ebenfalls nur einer erhalten; er birgt 6500 Gräber.

Symbole auf Grabsteinen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Blisniewski: Wandlungen der jüdischen Sepulkralkultur im 19. Jahrhundert. In: Claudia Denk, John Ziesemer (Hg.): Der bürgerliche Tod. Städtische Bestattungskultur von der Aufklärung bis zum frühen 20. Jahrhundert. Internationale Fachtagung des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Nationalmuseum München, 11.–13. November 2005. Regensburg 2007, S. 14–23 (= ICOMOS – Hefte des Deutschen Nationalkomitees 44).
  • Tina Walzer: Jüdische Friedhöfe in den europäischen Ländern. Rahmenbedingungen und Zustandsbilder. In: DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift. Heft 82, 09/2009.(Webdokument, davidkultur.at)
  • Falk Wiesemann: Sepulcra judaica: Bibliographie zu jüdischen Friedhöfen und zu Sterben, Begräbnis und Trauer bei den Juden von der Zeit des Hellinismus bis zur Gegenwart. Klartext Verlagsgesellschaft, Essen, 2004, ISBN 3-89861-422-0.
  • Herbert Liedel, Helmut Dolhopf: Haus des Lebens. Jüdische Friedhöfe. Stürtz, Würzburg 1985, ISBN 3-8003-0251-9.
  • Alfred Udo Theobald (Hg.): Der jüdische Friedhof. Zeuge der Geschichte – Zeugnis der Kultur. Badenia, Karlsruhe 1984. ISBN 3-7617-0228-0.
  • Ulrich Knufinke: Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2007. ISBN 978-3865682062.
  • Claudia Theune und Tina Walzer (Hg.): Jüdische Friedhöfe – Kultstätte, Erinnerungsort, Denkmal. Böhlau Verlag, Wien Köln Weimar 2011, ISBN 978-3-205-78477-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jüdische Friedhöfe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alfred Udo Theobald: Der jüdische Friedhof. Karlsruhe 1984
  2. Zeitungsartikel der Neuen Rheinischen Zeitung
  3. Bericht über eine Historiker-Tagung in Thessaloniki zur jüdischen Geschichte der Stadt mit Zahlenangaben
  4. Aus dem Gedächtnis verschwunden. Der vergessene jüdische Friedhof von Thessaloniki (Deutschlandfunk, 2010)
  5. Stiftung Jüdische Monumente in Lodz (Version vom 20. April 2009 im Internet Archive)
  6. Friedhof Brody (Deutschlandradio, 2012)