Jüdisches Leben in Wien

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Plan des Wiener Judenviertels in der Inneren Stadt zur Zeit der Aufhebung im Jahre 1421 mit Judenplatz und Schulhof

Jüdisches Leben in Wien ist seit dem 12. Jahrhundert nachweisbar. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts stellte Wien eines der großen Zentren jüdischer Kultur in Europa dar. Zur Zeit des Nationalsozialismus in Österreich wurde die jüdische Bevölkerung der Stadt Wien beinahe vollständig vertrieben oder in der Schoah ermordet. Nach 1945 kam es zu einem zarten Wiederaufleben von jüdischer Kultur und Existenz in Wien.

Geschichte[Bearbeiten]

Reste der zerstörten Synagoge am Judenplatz von 1420/21
Reste der Gettomauer in der Leopoldstadt (Tandelmarktgasse)

Mittelalter[Bearbeiten]

Die Existenz von Juden ist in Wien seit 1194 nachweisbar. Der erste namentlich bekannte Jude war Schlom oder Schlomo, der bis zu seiner Ermordung 1197 Münzmeister der Herzöge Leopold V. und Friedrich I. war und u.a. das Lösegeld für Richard Löwenherz verwaltete. Ihm gehörten vier Grundstücke im Gebiet der heutigen Seitenstettengasse. Ab etwa 1250 erfolgte dann die Besiedlung des heutigen Judenplatzes als „Wiener Judenstadt“.[1] Dort befand sich vom 13. bis zum 15. Jahrhundert deren Zentrum mit der Synagoge (erstmals 1204 erwähnt), der einzige Steinbau unter den Privat- und Gemeindehäusern, das Spital (jetzt das Haus der Schneidergenossenschaft am Judenplatz) auf dem Grunde des Gemeindegartens (jetzt das Collaltopalais) und das Badehaus [2], bevor sie in der Wiener Gesera (1420 und 1421) unter Albrecht V. vertrieben oder hingerichtet wurden oder aber in der Synagoge Selbstmord begingen, um der Zwangstaufe zu entgehen. 1238 verlieh Kaiser Friedrich II. den Juden ein Privileg, und ab dem 14. Jahrhundert sind Einrichtungen der Gemeinde wie Synagoge, Spital und Fleischhof nachgewiesen. Das Wiener Stadtrecht sah für Streitigkeiten zwischen Christen und Juden einen eigenen Judenrichter vor. Für Konflikte von Juden untereinander war dieser nicht zuständig, außer eine der beiden Parteien erhob bei ihm Klage.

Neuzeit[Bearbeiten]

Obwohl es bis 1624 ein Ansiedlungsverbot gab, wurde es durch zahlreiche Ausnahmegenehmigungen durchbrochen, so dass 1582 ein neuer Friedhof in der Seegasse errichtet werden konnte. 1637 wurden die Rechte der Juden wieder beschränkt, was 1669 und 1670 zur zweiten Vertreibung durch Leopold I. führte. Allerdings bewirkte die Zweite Wiener Türkenbelagerung 1683, dass Samuel Oppenheimer als Finanzier nach Wien berufen wurde, der auch für die Wiederherstellung des Friedhofes sorgte. Durch Vermittlung von Oppenheimer ließ sich 1684 auch Samson Wertheimer aus Worms in Wien nieder und wurde später kaiserlicher Hoffaktor. Hier konnte er jedoch seine rabbinischen Funktionen nicht ausüben, sondern ging jeweils zu diesem Zweck nach Eisenstadt, das zu den Siebengemeinden gehörte, in denen auf Einladung von Paul I. Fürst Esterházy jüdisches Leben willkommen war.

Seit 1736 gab es in Wien eine kleine sephardische Gemeinschaft, die schon unter Maria Theresia eine Religionsgemeinde mit einer eigenen Synagoge besaß, was der überwältigenden aschkenasischen Mehrheit erst durch Franz Joseph gewährt wurde. Um 1885 errichtete die sephardische Gemeinde den Türkischen Tempel.

Unter dem Eindruck der Aufklärung erließ Kaiser Joseph II. sein Toleranzedikt, das den Weg zur Emanzipation der Juden eröffnete. Erstmals wurden ihnen bestimmte bürgerliche Rechte zugestanden und diskriminierende Bestimmungen aufgehoben. Weiterhin verboten blieben allerdings die Bildung einer Gemeinde und das öffentliche Abhalten von Gottesdiensten.

19. Jahrhundert[Bearbeiten]

1824 wurde auf Fürsprache von Michael Lazar Biedermann der Rabbiner Isaak Mannheimer von Kopenhagen nach Wien geholt. Da es noch keine behördliche Anerkennung der Gemeinde gab, wurde er als „Direktor der Wiener kaiserlich königlich genehmigten öffentlichen israelitischen Religionsschule“ angestellt. Ähnlich erging es Lazar Horowitz, der 1828 als Rabbiner nach Wien berufen wurde und zunächst den Titel eines „Ritualienaufsehers“ führte. Mannheimer führte in Wien vorsichtig Reformen durch, ohne die Gemeinde zu spalten, wie das in den meisten jüdischen Gemeinden Europas des 19. Jahrhunderts der Fall war. Er setzte sich zusammen mit Horowitz auch für die Aufhebung des diskriminierenden „Judeneids“ (more judaico) ein. Der Kaufmann Isaak Löw Hofmann nahm von 1806 bis zu seinem Tod 1849 eine führende Rolle innerhalb des Wiener Gemeindelebens ein.

Juden in Wien[3][4][5]
nach Volkszählung und jeweiligem Gebietsstand
Jahr Ges.-Bev. Juden Anteil
1857 476.220 2.617 1,3 %
1869 607.510 40.277 6,6 %
1880 726.105 73.222 10,1 %
1890 817.300 99.444 12,1 %
1890* 1.341.190 118.495 8,8 %
1900 1.674.957 146.926 8,7 %
1910 2.031.420 175.294 8,6 %
1923 1.865.780 201.513 10,8 %
1934 1.935.881 176.034 9,1 %
1951 1.616.125 9.000 0,6 %
1961 1.627.566 8.354 0,5 %
1971 1.619.855 7.747 0,5 %
1981 1.531.346 6.527 0,4 %
1991 1.539.848 6.554 0,4 %
2001 1.550.123 6.988 0,5 %
* nach der großen Stadterweiterung

Am 12. Dezember 1825 erfolgte durch Mannheimer die Grundsteinlegung des von Joseph Kornhäusel geplanten Stadttempels in der Seitenstettengasse 4, der dann am 9. April 1826 von ihm eingeweiht wurde. Im selben Jahr berief man Salomon Sulzer von Hohenems als Oberkantor an den neuen Stadttempel, wo er 56 Jahre lang tätig war.

Die bürgerliche Revolution von 1848 war für viele jüdische Intellektuelle der willkommene Anlass, sich im Rahmen der revolutionären Bewegung für die Emanzipation der Juden zu engagieren. 1867 wurde durch das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger den Juden erstmals in ihrer Geschichte im ganzen kaiserlichen Österreich der ungehinderte Aufenthalt und die Religionsausübung garantiert.

Die Jüdische Gemeinde wuchs als Folge dieser Entwicklungen sehr rasch: Registrierte die Israelitische Kultusgemeinde Wien 1860 6.200 jüdische Einwohner, so waren es 1870 bereits 40.200 und zur Jahrhundertwende 147.000. Der seit 1850 zweite Gemeindebezirk, die Leopoldstadt, benannt nach Leopold I., der die Juden von dort 1669 / 1670 vertreiben ließ, entwickelte sich in dieser Phase zum Zentrum des Wiener Judentums. Die jüdische Bevölkerung stellte dort in der Zwischenkriegszeit fast die Hälfte der gesamten Bezirksbevölkerung.

Ebenfalls große jüdische Bevölkerungsanteile wiesen die angrenzenden Bezirke Brigittenau (1900 von der Leopoldstadt als 20. Bezirk abgetrennt) und der Alsergrund (9. Bezirk) auf. Die in den genannte Bezirken lebende jüdische Bevölkerung, die den Großteil der jüdischen Wiener ausmachte, gehörte zumeist der Unter- oder Mittelschicht an – sie waren Arbeiter, Handwerker, Kleinunternehmer (zum Beispiel Caféhäuser) und Händler. Die wohlhabenden Juden lebten vorwiegend in den Villengebieten von Döbling (19. Bezirk) und Hietzing (13. Bezirk) sowie im Stadtzentrum, der Inneren Stadt.

Auf den sich zunehmend verbreitenden Antisemitismus reagierte Theodor Herzl mit der Begründung des politischen Zionismus, die Kultusgemeinde wurde aber um diese Zeit vornehmlich von assimilierten Juden geführt, denen Auswanderung fern lag. In Reaktion auf Antisemitismus wechselten auch Tausende jüdische Wiener in christliche Konfessionen; dies sollte sich 1938 aber nicht als Schutz vor antisemitischem Terror herausstellen.

Ende der Monarchie und Erste Republik[Bearbeiten]

Orthodoxe Juden am Karmeliterplatz im 2. Bezirk, 1915
Gerngross, eines der bekanntesten Kaufhäuser Wiens
Das Riesenrad hatte bis 1938 jüdische Eigentümer
Beteiligung der Juden[6]
am Berufs- bzw. Wirtschaftsleben (1934) Anteil
Ärzte 51,6 %
Apotheken 31,5 %
Auskunfteien 82,0 %
Autofahrschulen 13,0 %
Bäcker und Brotfabriken* 60,0 %
Banken 75,0 %
Drogisten 26 %
Fleischhauer 9 %
Fotografen 34 %
Friseure 9,4 %
Garagen 15,5 %
Juweliere 40 %
Kaffeehäuser 40 %
Kinos 63 %
Kürschner 67,6 %
Modisten 34 %
Optiker 21,5 %
Lederhändler 25 %
Rechtsanwälte 85,5 %
Reklamebüros 96,5 %
Schankgewerbe 4,7 %
Schlosser 5,5 %
Schuhfabrikation 70 %
Spengler 20 %
Textilbranche 73,2 %
Uhrmacher 32 %
Zahntechniker 31 %
Zuckerlgeschäfte ≤ 70 %
Alteisen- und Metallhandel ≤ 100 %
Benzin- und Ölhandel 70 %
Geflügelhandel 60 %
Holzhandel und Papierbranche ≤ 70 %
Möbelhandel und Möbelfabriken 85 %
Radiohandel ≤ 80 %
Weinhandel 73,6 %
* sowie die gesamte Brotproduktion

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, 1914, und den ersten österreichisch-ungarischen Niederlagen an der Ostfront setzte im Nordosten der Monarchie, in Galizien und der Bukowina, ein Flüchtlingsstrom von 350.000 Menschen ein. Darunter befanden sich – je nach Schätzungen – 50.000 (laut damaligen Polizeiangaben) bis 70.000 (laut Arbeiter-Zeitung) Juden, die allesamt am Wiener Nordbahnhof in der Leopoldstadt eintrafen. Als sich die Lage an der Ostfront wieder gebessert hatte, kehrte etwa die Hälfte wieder zurück, 25.000 blieben.[7]

Die gesamte jüdische Gemeinschaft in Wien sowie die Beziehungen zwischen Juden und Christen wurden dadurch auf eine schwere Belastungsprobe gestellt, da die Flüchtlinge verarmt waren und kaum Arbeitsplätze fanden bzw. in Fabriken nicht aufgenommen wurden. Hatten die Deutschen die Ostjuden zu Zwangsarbeit in der Industrie verurteilt, so verurteilten sie die Österreicher zur Zwangsarbeitslosigkeit.[7] Viele versuchten als Hausierer und Ratenhändler ihr tägliches Brot zu verdienen. Es entstanden zahlreiche Wohltätigkeitsvereine, auch christliche, die sich der Kleidersammlung und anderen Unterstützungskampagnen verschrieben. Als „Ostjuden“ mit vielen negativen Vorurteilen belastet und von Antisemiten wegen ihrer Armut noch häufiger angefeindet als assimilierte Juden wegen ihres Wohlstandes, wurde es ihnen schwer gemacht, in Wien Fuß zu fassen.

Der Antisemitismus nahm von nun an immer stärkere Ausmaße an. In jüdischen Vierteln, vor allem in der Leopoldstadt, verbreiteten antisemitische Organisationen ihre Blätter und Zeitungen, um die christliche Bevölkerung gegen die jüdische aufzustacheln. Hugo Bettauer publizierte 1922 den Roman Die Stadt ohne Juden, in dem die hinausgeworfenen jüdischen Wiener letztlich darum gebeten werden, in die Stadt zurückzukehren; darauf basierte 1924 der gleichnamige Film „Die Stadt ohne Juden“. Bettauer wurde 1925 ermordet.

Als Sozialisten und Kommunisten am 1. August 1925 auf dem Praterstern gegen rechtsradikale Gewalttaten und gegen die Polizei demonstrierten, wurde in Folge eines Tumultes der unbeteiligte 21-jährige Buchhalter Josef Mohapl von einem unpolitischen, polizeibekannten Kleinkriminellen erstochen. Das Opfer wurde daraufhin von sämtlichen rechten Parteien und Zeitungen instrumentalisiert (unter anderem mit der Schlagzeile „Christenpogrom in der Leopoldstadt“) und die Gewalttat als die Konsequenz einer „jüdisch-marxistischen Hetze“ hingestellt. Der „Fall Mohapl“ führte zu einer weiteren antisemitischen Radikalisierung auf parteipolitischer und medialer Ebene.

In den folgenden Jahren sorgten antisemitische Schlägertrupps immer häufiger gezielt in der Leopoldstadt für Unruhe. Einer der ersten großen Überfälle dieser Gruppierungen auf jüdische Einrichtungen vor 1938 war die Zerstörung des bekannten „Cafés Produktenbörse“ im Dezember 1929. Als vorläufiger Gewalthöhepunkt folgte 1932 der Angriff auf einen Gebetsraum im Café Sperlhof, bei dem Betende verprügelt wurden und die Einrichtung zerstört wurde.[7]

Mit dem Ende der Monarchie, als Juden sich im gesamten Gebiet Österreich-Ungarns frei bewegen konnten, erreichte die jüdische Gemeinde in Wien in etwa jene Größe, die sie bis zu Beginn der Judenverfolgung in den 1930er Jahren beibehielt. Das Wiener Judentum war aufgeteilt in jene zumeist schon länger hier lebende oder hier geborene Juden, die sich gesellschaftlich assimilierten, und in die orthodoxen Juden, die nach traditionellenm Mustern und Gebräuchen leben wollten. Bei der Volkszählung von 1923 gaben 2.434 Personen als Umgangssprache Jiddisch an, 1934 nur noch 510.[8]

In den Wahlgewohnheiten war ebenfalls eine Teilung zu erkennen. Die Mehrheit, darunter vor allem die assimilierten Juden, wählte die Sozialdemokratische Partei, die übrigen die jüdischen Parteien, die sowohl in der Monarchie als auch in der Ersten Republik zu Wahlen antraten und in ihrer Wahlwerbung hart gegen Stimmenverluste zu den Sozialdemokraten ankämpften. Zuletzt wählte fast das gesamte Judentum die Sozialdemokraten, da die jüdischen Parteien als nicht stark genug betrachtet wurden und alle anderen Parteien antisemitisch waren und auch keine Juden aufnahmen.[7]

Antisemitisches Wahlplakat der Christlichsozialen Partei bei der Nationalratswahl in Österreich 1920.

Viele Juden organisierten sich in sozialistischen und / oder zionistischen (Jugend-)Bewegungen. Die größten davon waren Haschomer Hatzair, Poale Zion (Arbeiter Zions) und die Jüdische Sozialistische Arbeiterjugend. In den 1930er Jahren schlossen sich sozialistische, jüdische und zionistische Bewegungen teilweise in Aktionskomitees zusammen, um in Patrouillen auf der Straße präsent zu sein und gegen „Hakenkreuzler“ vorzugehen, die in den jüdischen Ballungszentren der Stadt, vor allem Leopoldstadt und Brigittenau, jüdische Bürger attackierten. Als erste Gruppierung dieser Art wurde 1918 die „Jüdische Selbstwehr“ gegründet. Auch die paramilitärische Organisation Betar hatte in Wien Mitglieder.[7]

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen häuften sich nach einem Jahrhundert erfolgreicher jüdischer Emanzipationsbemühungen die von Christlichsozialen, Deutschnationalen und Nationalsozialisten geschürten antisemitischen Ausschreitungen.

1938 bis 1945[Bearbeiten]

Direkt nach dem „Anschluss“ wurden die Wiener Juden unter Beteiligung der Bevölkerung gezwungen, in „Reibpartien“ pro-österreichische Slogans von den Gehsteigen zu putzen

Bereits am Tag nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich im März 1938 wurden Juden schikaniert, man trieb sie durch Wien, plünderte ihre Wohnungen und Geschäfte und begann mit der Arisierung. Einen Höhepunkt erreichten diese Ausschreitungen in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938: Alle Wiener Synagogen und Bethäuser wurden vernichtet, – einzig der Stadttempel konnte wegen seiner Lage im Wohngebiet nicht niedergebrannt werden. Die meisten jüdischen Geschäfte wurden geplündert und dann geschlossen, über 6.000 Juden wurden in dieser Nacht verhaftet und zum Großteil in den folgenden Tagen ins KZ Dachau verschleppt.

Die Nürnberger Gesetze hatten ab Mai 1938 auch im besetzten Österreich Gültigkeit, verschärft durch zahllose antijüdische Verordnungen. Sie führten Schritt für Schritt zur vollständigen Beraubung der Freiheitsrechte, zur Ausschaltung aus nahezu allen Berufszweigen, zum Ausschluss von Schulen und Universitäten, zur sichtbaren Diskriminierung durch das erzwungene Tragen des Judensterns. Die Beraubung jüdischer Menschen wurde systematisch und konsequent durchgeführt (Propagandaspruch: Der Jud geht, sein Geld bleibt da.).

Die jüdischen Organisationen und Institutionen, ausgenommen die Kultusgemeinde, wurden aufgelöst. Damit wollten die Nationalsozialisten die Juden zunächst zur Emigration zwingen – mit Erfolg. Unter Zurücklassung nahezu ihres gesamten Vermögens und nach Bezahlung der Reichsfluchtsteuer, gegebenenfalls mit finanzieller Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen, gelang bis Ende 1941 mehr als 130.000 Juden die Flucht; davon emigrierten mehr als 30.000 in die Vereinigten Staaten.

Die meisten der dann in Wien verbliebenen Juden fielen der Tötungsmaschinerie des NS-Regimes zum Opfer. Am 1. Februar 1941 gab Karl Ebner von der Gestapo-Leitstelle Wien dem Amtsdirektor der Kultusgemeinde 13 Weisungen zur Deportation der jüdischen Bevölkerung Wiens bekannt und rühmte sich später gegenüber Heinrich Himmler, er habe selbst 48.500 Juden aus Wien und Niederdonau nach den Ostgebieten evakuiert.[9] Von den mehr als 65.000 jüdischen Wienern, die in den Osten deportiert wurden, überlebten nur wenig über 2.000.

Nach 1945[Bearbeiten]

Die „Steine der Erinnerung“ zum Gedenken an die ermordeten Schauspieler der Praterstraße

Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es Jahrzehnte lang, ehe man sich in Österreich zu einer klaren Position über den Anteil der Schuld von Österreichern an den Gräueln des Dritten Reichs durchdringen konnte. Erst in den 1980er Jahren setzte in Verbindung mit der Waldheim-Affäre das Umdenken ein, das den historischen Fakten Rechnung trug und zur Stellungnahme der Bundesregierung im Juni 1991 führte, als Bundeskanzler Vranitzky vor dem Parlament erstmals ausdrücklich auf die Beteiligung von Österreichern an den Verbrechen des Dritten Reichs einging.

Zählte die Wiener Jüdische Gemeinde vor 1938 noch über 185.000 Mitglieder, so waren es 1946 nur noch 25.000, von denen viele in der folgenden Zeit auswanderten, während etwa in Deutschland die jüdische Gemeinde durch Zuwanderung aus Osteuropa an Mitgliedern gewann.[10] Ende der 1990er Jahre waren kaum mehr als 7.000 Wiener bei der Kultusgemeinde als Mitglieder registriert. Viele kamen erst in den letzten Jahrzehnten als Flüchtlinge aus osteuropäischen Ländern nach Wien und begannen hier ein neues Leben. Die ab 1991 beginnende Zuwanderung Jüdischstämmiger aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion hat die zahlenmäßig schwache jüdische Gemeinde gestärkt.

1987 / 1988 begann die Tätigkeit des Jüdischen Museums der Stadt Wien. 1990 wurde die liberale Gemeinde Or Chadasch gegründet, 1992 das Sephardische Zentrum offiziell eröffnet. 1994 wurden das Psychosoziale Zentrum Esra (deutsch: Hilfe) und 1999 das neue Schulgebäude von Lauder Chabad im Augarten eröffnet. 2000 wurde das im Auftrag der Stadtverwaltung gestaltete Holocaust-Mahnmal von Rachel Whiteread auf dem Judenplatz enthüllt und das Museum Judenplatz, eine Dependance des Jüdischen Museums, eröffnet.

Im Herbst 2008 übersiedelte die Zwi-Perez-Chajes-Schule von der Castellezgasse in die Simon-Wiesenthal-Gasse neben dem Messezentrum am Prater, ebenfalls im 2. Bezirk. Die Schule gehört dort einem Komplex aus jüdischem Kindergarten, Volksschule und Gymnasium für rund 600 Kinder an und befindet sich nahe dem im März 2008 wiedereröffneten Hakoah-Sportzentrum im Prater, einem Bildungszentrum und einem Pensionistenheim.[11]

Bei der Volkszählung 2001 wurden in Österreich 8.140 Juden gezählt, 6.988 davon mit Wohnsitz in Wien.[12] Die Israelitische Kultusgemeinde Wien geht jedoch von rund 15.000 Juden in Österreich aus,[13] manche Angaben sprechen auch von bis zu 20.000.[11]

Auch heute stellt der zweite Wiener Gemeindebezirk, die Leopoldstadt, ein Zentrum jüdischen Lebens in Wien dar. Der Anteil der Bezirksbevölkerung jüdischen Glaubens ist mit 3,1 % überdurchschnittlich hoch. Unter anderem befinden sich in der Leopoldstadt acht aschkenasische und drei sephardische Synagogen bzw. Bethäuser[14], sieben jüdische Bildungseinrichtungen[15], mehrere koschere Lebensmittelgeschäfte und Restaurants.

Kultur[Bearbeiten]

Erste jiddische Ensembles traten in Wien von 1900 bis 1908 in M. Edelhofers Volksorpheum (Rotensterngasse 7a, Wien-Leopoldstadt) auf, einer lokal beliebten polnischen Theater- und Varieteegesellschaft.[16] Das erste jüdische (und auch jiddische) Theater Wiens war zugleich jenes, das am längsten durchgehend Bestand hatte: Die Jüdische Bühne um Schulim Podzamcze, die zunächst im Saal des Hotel Stefanie spielten (wo auch die Budapester Orpheumgesellschaft, die vor allem aus jüdischen Sängern und Komikern bestand und auch Einakter aufführte, jahrelang spielte). Nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland 1933 emigrierten viele deutsche Juden zunächst nach Wien, die vor allem am Jüdischen Kulturtheater Beschäftigung fanden.

Jüdische Theater in Wien vor 1938:[17]

  • 1908–1938: Jüdische Bühne (Sprache: jiddisch)
  • 1919–1922: Freie Jüdische Volksbühne (jiddisch)
  • 1925–1931: Jüdisches Künstlerkabarett (jiddisch)
  • 1928–1938: Jüdische Künstlerspiele (jiddisch)
  • 1928–1938: Jüdisch-Politisches Kabarett (deutsch)
  • 1935–1938: Jüdisches Kulturtheater (deutsch)

Gegenwärtige jüdische Theater in Wien (die einzigen in Österreich):

  • seit 1999: Jüdisches Theater Austria (gegründet in Graz, seit 2001 in Wien)
  • seit 2009: Theater Hamakom Nestroyhof

Synagogen[Bearbeiten]

Der Wiener Stadttempel, die einzige erhaltene historische Synagoge Wiens, ist Zentrum der Israelitischen Kultusgemeinde
Siehe: Liste jüdischer Andachtstätten in Wien

Im Laufe der Geschichte bestanden in Wien 93 Synagogen. Die einzige historische Synagoge, die die Novemberpogrome in der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich überstanden hat, ist der Stadttempel. Mittlerweile existieren wieder einige neue Synagogen und Beträume.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jüdisches Leben in Wien – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Jüdisches Leben in Wien – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kurt Schubert: Die Geschichte des österreichischen Judentums. S. 20f.
  2. MaxGrunwald: Geschichte der Wiener Juden http://ldn-knigi.lib.ru/JUDAICA/Grunwald.htm
  3. Ergebnisse der Volkszählungen 1890, 1900, 1910 der K. K. Statistischen Central-Kommission sowie Volkszählung 1934 und Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien für das Jahr 1910. In: Anson Rabinbach: The Migration of Galician Jews to Vienna. Austrian History Yearbook, Volume XI, Berghahn Books/Rice University Press, Houston 1975, S. 48
  4. Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien 1930–1935 Neue Folge. 3. Band. Hrsg. von der Magistratsabteilung für Statistik. Beinhaltet die Daten für 1910, 1923 und 1934.
  5. Statistik Austria: Bevölkerung nach dem Religionsbekenntnis und Bundesländern 1951 bis 2001 (abgerufen am 15. Jänner 2009)
  6. Die Ergebnisse der österreichischen Volkszählung vom 22. März 1934. Bearbeitet vom Bundesamt für Statistik. Österreichische Staatsdruckerei, Wien 1935. Diese Statistik sagt aber nichts über den tatsächlichen bzw. maßgeblichen Einfluss der Juden an den Unternehmen aus.
  7. a b c d e Ruth Beckermann: Die Mazzesinsel. In: Ruth Beckermann (Hrsg.): Die Mazzesinsel – Juden in der Wiener Leopoldstadt 1918–38. Löcker, Wien 1984, ISBN 978-3-85409-068-7, S. 16f.
  8. Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien, 1934, S. 12
  9. Judith E. Innerhofer: Der Engel der Gestapo, in: Wochenzeitung Falter, Wien, Nr. 41, 9. Oktober 2013, S. 18 f.
  10. Ariel Muzicant: Österreich ist anders, 12. Mai 2005. In: Der Standard, 4. Mai 2005
  11. a b Marijana Milijković: Von einer Blüte ist keine Rede – Dennoch tut sich was in der jüdischen Gemeinde: Der Campus im Prater eröffnet. Der Standard, 12. September 2008, S. 2
  12. Volkszählung der Statistik Austria, 2001
  13. Ariel Muzicant: Österreich ist anders. 12. Mai 2005. In: Der Standard, 4. Mai 2005
  14. IKG Wien: Synagogen in Wien abgerufen am 31. Jänner 2009
  15. IKG Wien: Jüdische Schulen und Bildungsstätten, abgerufen am 31. Jänner 2009
  16. Verschiedene Nachrichten. (…) Wien. M. Edelhofers Volksorpheum (…). In: Die Wahrheit, Nr. 47/1904, 2. Dezember 1904, Wien 1904, ZDB-ID 2176231-4, S. 7.
  17. Brigitte Dalinger: Verloschene Sterne. Geschichte des jüdischen Theaters in Wien. Picus Verlag, Wien 1998, S. 46–122

Literatur[Bearbeiten]