Jüdisches Theater

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Geschichte[Bearbeiten]

Ursprünge[Bearbeiten]

Weder biblische noch talmudische Literatur enthält etwas, was als Theater oder Drama im modernen Sinne verstanden werden kann. Dramatische Rudimente, d.h. eine Kombination von Gesang und Tanz, sind zwar im Lied von Moses (Exodus 15) und dem Hohelied enthalten, und das Buch Ijob hält sich an allgemeine dramatische Prinzipien: es enthält Dialoge, Beschreibungen von Charakteren und dramatische Zwischenfälle. Einige Bühnenaufführungen dieses biblischen Buches haben jedoch vor Augen geführt, dass es keineswegs zu Aufführungszwecken geschrieben wurde.

Nachbiblische Periode[Bearbeiten]

Der einzige dramatische jüdische Autor der nachbiblischen Periode ist Ezechiel aus Alexandria, der im ersten vorchristlichen Jahrhundert lebte und ein Stück namens Exagoge schrieb, das den Auszug aus Ägypten (Exodus) beschreibt . Von diesem Stück sind knapp 300 iambische Verse erhalten. Die Rabbiner standen im Allgemeinen den Theatern, Amphitheatern und Zirkussen der umgebenden hellenistisch-römischen Welt ablehnend gegenüber. Diese Einstellung wurde zunächst nicht allgemein geteilt; Herodes ließ in einigen Städten Palästinas, darunter auch Jerusalem, Theater, Amphitheater und Hippodrome erbauen. Nachdem aber im zweiten nachchristlichen Jahrhundert die Tragödien immer mehr durch grobschlächtige Komödien ersetzt wurden, in denen zum Teil Juden und ihr Brauchtum zum Opfer des Gespötts wurden, verbaten die Rabbiner schließlich sogar, am Bau eines Stadions oder Amphitheaters teilzunehmen. (Avoda sara 16a).

In Rom gab es während der Regierungszeit des Kaisers Nero Juden auf der römischen Bühne sowie auch im Publikum. Ein jüdischer Schauspieler namens „Aliturus“ oder „Alityros“ wird von Flavius Josephus als kaiserlicher Favorit beschrieben.

Ein Kontakt mit dem christlichen Mysterienspiel ergab sich in Italien zur Zeit der frühen Renaissance. Im 16. Jahrhundert war Mantua berühmt für seine höfische Pracht und wurde zum Zentrum des neuen italienischen Dramas. Die dortige jüdische Gemeinde zählte etwa 2000 Personen und war in hohem Maße an der Ausstattung und Bezahlung von Aufführungen zur Unterhaltung der herrschenden Herzöge beteiligt. 1489 führte die jüdische Gemeinde von Pesaro auf eigene Kosten die Geschichte von Judith und Holofernes auf, zur Feier der Hochzeit von Giovanni Sforza mit Maddalena Gonzaga, der Tochter des Herzogs von Mantua.

Neuzeit[Bearbeiten]

Jiddisches Theater, das heißt Theateraufführungen in jiddischer Sprache, entwickelte sich aus Purim-Spielen, die ähnlich den christlichen Passionsspielen im Mittelalter entstanden. Wesentliche Grundvoraussetzung für die Entstehung des jüdischen Theaters waren allerdings die Reformen von Moses Mendelssohn im 18. Jahrhundert, die eine neue geistige Orientierung und Aufklärung (Haskala) brachten. Einschränkungen wie Verkleidungs- und Schauspielverbote (mit Ausnahme von Purim) sowie das Bilderverbot wurden dadurch aufgeweicht oder, im modernen Judentum, abgeschafft.

Noch bevor sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts erste jiddische Theateraufführungen nachweisen lassen, gab es theaterähnliche Unterhaltungskünstler und -gruppen. So wurde etwa aus dem Purimspiel die komische Tradition des Badchen fortgeführt, und eine gewisse Vorreiterrolle hatten auch jüdische Volkssänger, von denen die Broder Singer am Bekanntesten wurden. Diese Sänger, die in Gasthäusern Menschen mit teils gespielten Liedern und Monologen unterhielten, waren vor allem in Osteuropa, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, anzutreffen.[1]

Die erste nachgewiesene Aufführung eines jiddischen Theaterstückes, Serkele von Solomon Ettinger, fand 1862 im Rabbinerseminar in Shitomir (Ukraine) statt.[2] Als Vater des modernen jiddischen Theaters wird jedoch Abraham Goldfaden angesehen. Dieser war selbst Schüler in Shitomir gewesen und verfasste ab 1876 in Iași, Rumänien, jiddische Dramen und Lyrik, mit denen er das jiddische Theater jahrzehntelang entscheidend prägte. Ebenfalls von großer Bedeutung für das jiddische Theater sind die Werke von Scholem Alejchem.

Bald breitete sich das jiddische Theater nach Russland aus. Nachdem die russische Regierung 1883 Theateraufführungen auf Jiddisch verboten hatte, emigrierten zahlreiche jüdische Schauspieler in den Westen und gründeten jiddische Theater in Paris, London, den USA (vor allem New York) und Südamerika (vor allem Buenos Aires). Das erste jiddische Theater in der argentinischen Hauptstadt wurde 1901 gegründet. In New York erlebte das jiddische Theater in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit den Dramen von Jacob Gordin seine „goldene Ära“.[3]

Während des ersten Weltkriegs bildeten sich in osteuropäischen Städten mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil wie etwa Wilna, Warschau und Moskau, einige Theatergruppen. Am bekanntesten von diesen waren die Wilnaer Truppe, das Ensemble um Ida Kaminska (Warschau) sowie Habimah und Goset in Moskau. Diese Gruppen spielten Dramen, häufig abgeleitet aus zeitgenössischer und klassischer europäischer Literatur, und entwickelten dabei eine eigene Ästhetik. Tourneen führten diese Gruppen durch ganz Europa und auch in die USA.[3]

Die Geschichte des jiddischen Theaters in der Sowjetunion ist untrennbar mit dem Namen von Alexander Granovsky (1890–1937) verbunden. 1919 gründete er im damaligen Petrograd ein Studio, das zwei Jahre später nach Moskau zog und den Namen „Jüdisches Staatstheater“ erhielt (russische Abkürzung GOSET). Nachdem das Theater und Granovsky 1928 in Charkow wegen „rechten Abweichlertums“ angeklagt worden waren, unternahm Granovsky im selben Jahr eine erfolgreiche Tournee durch Deutschland, Österreich und Frankreich und kehrte nicht mehr nach Russland zurück. Eine weitere wichtige Figur des jiddischen Theaters in der Sowjetunion ist Solomon Michailowitsch Michoels, der 1948 auf bis heute nicht ganz geklärte Weise in Minsk bei einem Autounfall ums Leben kam.

In Westeuropa gab es zwar ebenfalls jiddische Bühnen und Theatergruppen, doch spielten diese im internationalen Vergleich zumeist nur eine geringe Rolle, da im Westen zumeist das assimilierte Judentum überwog, während Jiddisch vor allem in Osteuropa gesprochen wurde. Allerdings entstanden auch in Westeuropa immer wieder Stoffe, die auch international an jiddischen oder jüdischen Bühnen aufgeführt wurden. Immer wieder fanden auch Schauspieler, Autoren und andere Theaterschaffende auch aus Städten wie Paris, Wien und Berlin ihren Platz in der internationalen jiddischen Theaterszene – die sich ab den 30er-Jahren zunehmend auf New York konzentrierte, wo auch der jiddische Film seine Blütezeit erfuhr.

In Israel erwachte das Interesse für jiddisches Theater in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts, nachdem hier zuvor der Gebrauch des Jiddischen auf Kosten des Hebräischen missbilligt worden war.

In Deutschland gründete der "Verein zur Förderung der jüdischen Kultur und zur Errichtung des ersten jüdischen Kultur- und Theaterhauses in Deutschland e. V." im Jahr 1996 in Köln das erste jüdische Theater- und Kulturhaus Deutschlands der Nachkriegszeit, das “Theater Michoels".[4] Bei Inszenierungen wie “Die Juden" oder “Mit a bissl Masl" gilt das Motto "Lachen bis der Rabbi kommt". Mit Augenzwinkern werden Schwächen und Neurosen, aber auch die üblichen Vorurteile auf die Schippe genommen. Die Grundsteinlegung war im Jahr 2000. Ein Jahr später zog das Theater Michoels in das Interimsdomizil im Kunsthaus Rhenania im Kölner Rheinauhafen. Heute verfügt das Theater über eine Probebühne im Interkulturellen Zentrum in der Annostrasse im Kölner Süden und tritt in ganz Deutschland auf. Im Jahr 2012 soll diese Bühne erweitert und die eigene Spielstätte fertiggestellt werden. Zu den Aktivitäten des Theaters gehören die erfolgreiche Kulturreihe “Jüdische Impressionen" und die Gründung der ersten “Welt-Musik, Klezmer & Ästhetik Akademie e.V.[5] sowie Theater- und Bildungsprojekte für Schüler und Jugendliche.

In Berlin wurde im Jahre 2001 das "Jüdische Theater Bimah" von dem israelischen Regisseur und Schauspieler Dan Lahav gegründet. Das Theater hat seit dem Herbst 2011 seine Spielstätte im Berliner Admiralspalast. Das feste Ensemble fühlt sich der Präsentation zeitgenössischer Stücke israelischer, englischsprachig-, us-amerikanisch- und deutsch-jüdischer Autoren verpflichtet. So stehen auf dem Spielplan unter anderem "Bent" von Martin Sherman, "Das Zimmer" von Harold Pinter oder Stücke wie "Das Geheimnis der Pianistin in der 5. Schublade" - mit starken autobiographischen Zügen des Intendanten Dan Lahav und seiner hamburgisch-jüdischen Familiengeschichte. "Esther Glick" ist die fiktive Geschichte der ersten jüdischen Detektivin, die die Eingebungen zur Lösung ihrer Fälle beim Kochen bekommt. Besonders für Aufsehen sorgt die Inszenierung "Eine Unglaubliche Begegnung im Romanischen Café", in der eine fiktive Begegnung von Lotte Lenya, Else Lasker-Schüler, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Friedrich Hollaender einen Tag vor ihrer Emigration aus Nazi-Deutschland auf die Bühne gebracht wird. In der Inszenierung "Shabat Shalom" erlebt das Publikum einen Freitagabend in einer jüdischen Familie. Abende zu Kurt Tucholsky und Ephraim Kishon ergänzen das Programm. Das Theater fühlt sich außerdem der politischen und gesellschaftspolitischen Bildungs- und Erziehungsarbeit verpflichtet, so durch die Unterstützung von Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen bei Migranten oder der Polizei. Ein Freundeskreis unterstützt den gemeinnützigen Theaterverein. Das "Jüdische Theater Bimah" in Berlin spielt während der Sommermonate ohne Theaterferien durch. Im März 2014 schloss das "Jüdische Theater Bimah" seine Pforten. Das Amtsgericht Charlottenburg hat am 15. April 2014 das Insolvenzverfahren eröffnet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Brigitte Dalinger: Verloschene Sterne. Geschichte des jüdischen Theaters in Wien. Picus, Wien 1998, ISBN 978-3-85452-420-5.
  • J. Hoberman: Bridge of Light. Yiddish Film between two Worlds. Temple University Press, Philadelphia 1991.
  • Jeanette R. Malkin, Freddie Rokem (Hg.): Jews and the Making of Modern German Theatre. University of Iowa Press, Iowa City 2010, ISBN 978-1-58729-868-4.
  • Zalmen Zylbercwaig: Leksikon fun Yidishn Teater (Subtitel: Lexicon of the Yiddish Theatre, erste zwei Bände gemeinsam mit Jacob Mestel), Hebrew Actors Union of America (Hrsg.), Bde 1–4 New York 1931–1963, Bde 5–6 Mexico City 1965–67.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Brigitte Dalinger: Verloschene Sterne. Geschichte des jüdischen Theaters in Wien. Picus Verlag, Wien 1998, S. 21
  2. Dalinger, 1998, S. 25
  3. a b Dalinger, 1998, S. 11
  4. Theater Michoels
  5. Klezmerakademie

Weblinks[Bearbeiten]