Jürgen Link

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Jürgen Link (* 14. August 1940) ist ein deutscher Literaturwissenschaftler (Germanist und Romanist).

Er hatte bis zu seiner Emeritierung 2005 an der Universität Dortmund eine Professur inne. Er wohnt in Hattingen-Niederwenigern.

Link engagierte sich sowohl in Paris als auch im Ruhrgebiet in der 68er-Bewegung. 1999 beteiligte er sich an der Kampagne gegen die Beteiligung Deutschlands am Kosovo-Krieg. Seit Anfang 2010 setzt sich Link gemeinsam mit Hartmut Dreier, Siegfried und Margret Jäger mit einem öffentlichen Appell gegen den Krieg in Afghanistan seit 2001 ein.

Wirken[Bearbeiten]

Er gilt als der prominenteste Vertreter einer semiotisch arbeitenden historischen Diskursanalyse. Ansatzpunkt für Links Diskursanalyse ist der Diskursbegriff Michel Foucaults; danach gelten Diskurse als Anordnungen von sprachlichen Strukturen (Aussagen), die mit der sozialen Praxis verknüpft sind und gesellschaftliches Handeln organisieren. Besonders intensiv beschäftigen sich die Arbeiten Links mit der Regulierungsfunktion der Normalitätsproduktion, dem Interdiskurs und der Kollektivsymbolik in den Medien und der Gesellschaft. Link ist Herausgeber der medienkritischen Zeitschrift kultuRRevolution. Er veröffentlicht in zahlreichen Medien, darunter auch in der kritischen Zeitschrift Amos. Ein großer Teil der Theoriearbeiten Links werden in den verschiedenen diskurstheoretischen Schulen aufgegriffen und weiterentwickelt. So besteht eine produktive Zusammenarbeit beispielsweise mit dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung und dessen Leiter Siegfried Jäger.

Normalismus[Bearbeiten]

Links Normalismustheorie – wie er sie in seinem Buch Versuch über den Normalismus darlegt – fasst den Diskurs der Normalität als ein typisch modernes Dispositiv auf, das sich vor allem in den letzten Jahrzehnten (seit 1968) auf allen gesellschaftlichen Ebenen konsolidiert hat. Normalität spielt eine zentrale Rolle in vielen Spezialdiskursen (z.B. über die „Normalität“ von Krieg und Gewalt, über das Verhältnis von „normal“ und „anormal“ in der Psychiatrie oder Sonderpädagogik) wie auch im Elementardiskurs, also im alltäglichen Umgang mit Begriffen wie normal oder unnormal. Diese Begriffe werden im Alltag als subjektive Wertung oder beschreibender Ausdruck eines angenommenen allgemeinen Verständnisses verwendet, ohne genau definiert oder beschrieben zu werden. Im interdiskursiven Kontext, in dem gesellschaftliche Querschnittsvostellungen von Normalität generiert werden, fließen diese Diskurse zusammen.

Normalität ist zu unterscheiden von Normativität, die Werte, Normen und Paradigmata präskriptiv setzt. Die Vorstellung von Normalität beruht hingegen darauf, dass mittels Statistik, Durchschnittsanlaysen und -abschätzungen etc. das „Normale“ erst im Nachhinein aus einer Gesamtschau des betreffenden Feldes konstituiert wird.

Der Normalismus unterteilt sich weiterhin in Protonormalismus und flexiblen Normalismus. Während der Protonormalismus sich in vielerlei Hinsicht an Normativität anlehnt und um eine Einengung des Normalitätsfeldes (der Bereich dessen, was als normal gilt) bemüht ist, dominiert in der Jetztzeit der flexible Normalismus, der Normalitätsgrenzen flexibler setzt und zur Inklusion einer Vielfalt von Phänomenen in den Bereich des Normalen tendiert.

Ein Beispiel aus der Psychiatrie bzw. Psychologie: „Der Protonormalismus behauptet, durch Wesensschau zu wissen, daß etwa Homosexualität oder auch dominante Gemütsarmut abnorm sind. Der flexible Normalismus verdatet zunächst ein Feld und stellt dabei etwa fest, daß sich zwischen 5 % und 10 % der Bevölkerung homosexuell verhalten, und daß dieser Anteil folglich normal ist.“ (S. 92)

Dabei bezieht sich Link explizit auf Émile Durkheims Ausführungen zur Normalität und der davon abweichenden Anomie. Als Beispiele führt er Durkheims Thesen zur „normalen Kriminalität“ und „normalen Selbstmordrate“ an, die als normal zu gelten haben, wenn sie einigermaßen stabil sind, jedoch anomisch werden, wenn dynamische Steigerungen zu verzeichnen sind.

Zitate[Bearbeiten]

Auf die Frage, zu welchen Konsequenzen es führt, wenn Menschen mittels Regulationstechniken - zum Beispiel der Medien - dazu angeregt werden, gesellschaftliche Diskurse um Sozialabbau oder Krieg nicht als Bedrohung, sondern als normal anzusehen, antwortet Link:

„Daß du nicht merkst, dass du nichts merkst.“

Jürgen Link: Normalismus, in: Konturen eines Konzepts, kulturRRevolution Nr. 27

Publikationen[Bearbeiten]

  • Die Struktur des Symbols in der Sprache des Journalismus. Zum Verhältnis literarischer und pragmatischer Symbole (1978).
  • Elementare Literatur und generative Diskursanalyse (1983).
  • Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe. München 1990.
  • Hrsg. mit Siegfried Jäger: Die vierte Gewalt. Rassismus und die Medien. Duisburg 1993.
  • Hölderlin-Rousseau retour inventif (franz.). Übersetzt von Isabelle Kalinowski. Saint-Denis: Presses Universitaires de Vincennes (PUV) Université Paris VIII, 1995.
  • Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird (1997). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2009 (Rezension)
  • Von Karl Kraus zu Rainald Goetz: Zwei Stadien der Medienkritik - zwei Stadien des Normalismus? (1997) In: Vom Nutzen und Nachteil historischer Vergleiche. Der Fall Bonn-Weimar. Hrsg. von Friedrich Balke und Benno Wagner. Frankfurt/M., New York, S. 235–255.
  • Vom Loch zum Sozialen Netz und wieder zurück: Zur Diskursfunktion und Diskursgeschichte eines dominanten Kollektivsymbols der „Sozialen Marktwirtschaft“ (1997). In: Wissenschaft Macht Politik. Interventionen in aktuelle gesellschaftliche Diskurse. Hrsg. von Gabriele Cleve, Ina Ruth, Ernst Schulte-Holtey und Frank Wichert. Münster, S. 194–207.
  • Jürgen Link, Rolf Parr: Normalität oder: Wie Zustimmung zur 2/3-Gesellschaft im Mediendiskurs organisiert wird (1997). In: Erledigt Nr. 9, November.
  • Die Angst des Kügelchens beim Fall durch die Siebe: Zum Anteil des Normalismus an der Kontingenzbewältigung in der Moderne (1998). In: Eigentlich könnte alles auch anders sein. Hrsg. von Peter Zimmermann und Natalie Binczek. Köln, S. 92–105.
  • Wie das Kügelchen fällt und das Auto rollt. Zum Anteil des Normalismus an der Identitätsproblematik in der Moderne (1999). In: Herbert Willems/ Alois Hahn (Hrsg.): Identität und Moderne. Frankfurt/Main, S. 164–179.
  • Wie kommen „Normalitäten“ zustande? Zwischenbilanz der Dortmunder DFG-Forschungsgruppe „Leben in Kurvenlandschaften - Flexibler Normalismus“ (1999). In: UniReport. Forschungsberichte aus der Universität Dortmund, H. 29, S. 46–48.
  • Jürgen Link, Rolf Parr, Matthias Thiele: Was ist normal? Eine Bibliographie der Dokumente und Forschungsliteratur seit 1945. Oberhausen: Athena 1999.
  • Wieso ist die Norm nicht enorm in Form? Was Normen sagen, ist noch lange nicht die Norm: Zur gesellschaftlichen Funktion des guten Gewissens in der biopolitischen Debatte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 1. August 2001.
  • Margarete Jäger, Jürgen Link (Hrsg.) (2006): Macht – Religion – Politik. Zur Renaissance religiöser Praktiken und Mentalitäten. Münster. ISBN 3-89771-740-9.
  • Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird (2006). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 3-525-26525-5.
  • Bangemachen gilt nicht. Auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung (2008). Oberhausen: Asso Verlag. ISBN 3-938-83429-3.
  • Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart. Konstanz University Press, Konstanz 2013, ISBN 978-3-86253-036-6.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Rainer Diaz-Bone: Operative Anschlüsse. Zur Entstehung der Foucaultschen Diskursanalyse in der Bundesrepublik. Jürgen Link im Gespräch mit Rainer Diaz-Bone [38 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 7(3), Art. 20., April 2006; verfügbar über: [1] [Zugriff: 21, Januar, 2007].
  • Rolf Parr, Matthias Thiele: Link(s). Eine Bibliographie zu den Konzepten "Interdiskurs", "Kollektivsymbolik" und "Normalismus" sowie einigen weiteren Fluchtlinien. Heidelberg: Synchron 2005.

Literatur, die mit Jürgen Links Konzepten arbeitet[Bearbeiten]

  • Frank Becker: Amerikanismus in Weimar. Sportsymbole und politische Kultur 1918-1933, Wiesbaden 1993.
  • Ute Gerhard: Schiller als „Religion“. Literarische Signaturen des XIX. Jahrhunderts, München 1994.
  • Ute Gerhard: Nomadische Bewegungen und die Symbolik der Krise. Flucht und Wanderung in der Weimarer Republik, Opladen 1998, ISBN 3-531-13324-1.
  • Rolf Parr: Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Strukturen und Funktionen der Mythisierung Bismarcks (1860-1918), München 1992.
  • Siegfried Jäger, Margarete Jäger: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. 4. erw. Aufl., Duisburg/Münster 2004. ISBN 3-89771-732-8.
  • Fabian Lamp: Soziale Arbeit zwischen Umverteilung und Anerkennung. Der Umgang mit Differenz in der sozialpädagogischen Theorie und Praxis. Bielefeld 2007.
  • Ariane Wolfram, Katharina Köber: Normalität und ihre Grenzen. Ein dynamisches Spannungsfeld in der Sonderpädagogik. E-Book 2008. ISBN 978-3-640-28900-4.

Siehe auch[Bearbeiten]

Diskurs, Diskursanalyse, Literaturwissenschaft

Weblinks[Bearbeiten]