Jürgen Ponto

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Jürgen Ponto (* 17. Dezember 1923 in Bad Nauheim; † 30. Juli 1977 in Frankfurt am Main) war von 1969 bis zu seinem Tod Vorstandssprecher der Dresdner Bank. Er wurde von Terroristen der Rote Armee Fraktion ermordet.

Leben[Bearbeiten]

Ponto war ein Sohn einer Hamburger Kaufmannsfamilie; er verbrachte einige Kindheitsjahre in Ecuador, wo sein Vater Handelsgeschäfte betrieb. Er war der Neffe des Schauspielers Erich Ponto (1884-1957).

Im März 1942 machte er sein Abitur am Wilhelm-Gymnasium Hamburg; direkt danach wurde er zur Wehrmacht bzw. zum Kriegsdienst eingezogen. Nach einem Kriegsoffiziers-Lehrgang kam er zum Fronteinsatz im Russlandfeldzug als Panzerjäger in Süd- und Mittelrussland. Im Februar 1943 wurde er schwer verwundet. Noch vor seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst begann Ponto im April 1944 an der Universität Göttingen ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften mit den Nebenfächern Philosophie und Kunstgeschichte, das er nach dem Krieg in Hamburg fortsetzte. Während des Studiums in Hamburg schrieb er nebenbei für die „Hamburger akademische Rundschau” und spielte in Studententheatern mit.[1]

Er machte beide Staatsexamina (das zweite 1952). 1950/51 arbeitete Ponto im Rahmen seines Referendariats in der von Joachim Entzian geleiteten Rechtsabteilung der Dresdner Bank. Entzian gab Ponto eine gute Beurteilung, stellte ihn 1951 als Volontär ein und förderte ihn ab dann. 1951 studierte er an der Universität Seattle (USA); ab Februar 1952 war er wieder bei der Dresdner Bank und wurde nach dem Assessor-Examen als Mitarbeiter der Rechtsabteilung eingestellt. 1959 wurde Ponto als Chefsyndikus der Dresdner Bank AG, Hauptverwaltung Hamburg, zum Nachfolger von Entzian ernannt.[2]

In den folgenden Jahren leitete Ponto in der Dresdner Bank das Ressort Geld und Kredit. Im Juni 1969 wurde er Sprecher des Vorstands der Dresdner Bank und folgte damit auf Erich Vierhub.[3][4] Ponto, bis dahin relativ unbekannt[4], machte die Dresdner Bank in den Jahren darauf internationaler. Z.B. eröffnete die Bank Niederlassungen in Singapur, New York, London (alle 1972), Tokio (1973), Los Angeles (1974) und Chicago (1974).[5] Sein Rat war auch in Regierungskreisen gefragt; unter anderem beriet er Helmut Schmidt, der im Mai 1974 Bundeskanzler geworden war.

Der künstlerisch interessierte Ponto gründete 1972 zusammen mit Herbert von Karajan eine Stiftung der Dresdner Bank zur Unterstützung junger Musiktalente. Außerdem rief er eine Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des deutschen Musiklebens ins Leben.[6]

Hintergründe der Ermordung[Bearbeiten]

Am 29. Juli 1977 wurde Susanne Albrecht von ihren Eltern für den nächsten Tag um halb fünf zu einem Besuch im Haus der Pontos in Oberursel angekündigt.[7] Albrecht war die Tochter eines Studienfreundes von Ponto und die Schwester von Pontos Patenkind. Dem Bankier war bekannt, dass Susanne Albrecht politisch sehr weit links eingestellt war, er ahnte jedoch nichts von ihren Kontakten zur RAF.

Am Samstag, dem 30. Juli 1977, saßen Jürgen Ponto und seine Frau Ignes auf der Terrasse ihrer Villa. Die beiden wollten am Abend nach Südamerika fliegen. Susanne Albrecht, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar erschienen um 17.05 Uhr, eine halbe Stunde später als angekündigt. Peter-Jürgen Boock wartete draußen im Fluchtwagen. Nichts ahnend begrüßte Ponto die drei Besucher, bat sie auf die Terrasse und wollte eine Vase für die von Susanne Albrecht mitgebrachten Rosen holen. In unbemerkter Gegenwart von Pontos Frau teilte Klar ihm mit, er solle von der RAF entführt werden. Als Ponto sich zur Wehr setzte, schossen Klar und Mohnhaupt mehrere Male auf Ponto, der schwer verletzt zu Boden sank. Danach stürzten Klar, Mohnhaupt und Albrecht aus dem Haus und flohen mit dem von Boock gesteuerten Ford Granada. Jürgen Ponto erlag später in der Universitätsklinik Frankfurt seinen Verletzungen.[8]

Die „Befreiungsbewegung“ Aktion Roter Morgen bekannte sich am nächsten Tag zu der Tat. Später wurden für dieses RAF-Kommando verurteilt (wegen Mordes bzw. Beihilfe zum Mord): Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar, Peter-Jürgen Boock, Sieglinde Hofmann und Susanne Albrecht. Das Verfahren gegen Adelheid Schulz wurde wegen der Verurteilung in anderen Fällen eingestellt. Pontos Ermordung stellte nach der von Siegfried Buback einen weiteren Teil der sogenannten Offensive 77 dar, die im Deutschen Herbst ihren Höhepunkt erreichte.

Die Terroristen gaben an, es habe bei der versuchten Entführung ein Gerangel gegeben. Zwei Gerichte zweifelten diese Darstellung nicht an:

  • Der Zweite Strafsenat des Oberlandesgerichtes Stuttgart schrieb in seinem Urteil von 1984: „Während sich Jürgen Ponto so heftig wehrte, löste sich aus dieser Waffe ein Schuss. …“[9]
  • Der Fünfte Strafsenat des Oberlandesgerichtes Stuttgart stellte 1985 fest: „Angesichts des entschlossenen Widerstandes von Ponto erkannten die Täter, dass die beabsichtigte Entführung unmöglich geworden und die ‚Aktion‘ gescheitert war.“[10]

Susanne Albrecht berichtete aber nach ihrer Festnahme 1990, die zweite Generation der RAF habe drei Geheimnisse gegenüber Gruppenmitgliedern und Unterstützern gehabt: Das erste sei die Ermordung Pontos ohne jeglichen Widerstand des Opfers, das zweite die Selbstmorde von Stammheim und das dritte die Drogensucht von Peter-Jürgen Boock (gewesen).

Im Gerichtsverfahren von Susanne Albrecht, die zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, stellte der fünfte Strafsenat des Oberlandesgerichtes Stuttgart fest, dass zwischen Ponto und den RAF-Terroristen kein Gerangel stattfand.[11]

Gemäß einer von der Witwe Pontos im Jahr 2009 gemachten Aussage soll es aber tatsächlich zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen Ponto und Klar gekommen sein, in deren Verlauf Ponto von der dazukommenden Brigitte Mohnhaupt erschossen worden sein soll.

Der Bankier hinterließ seine Frau Ignes sowie einen Sohn und eine Tochter.[12] Nach dem Attentat zogen diese in die USA.

Pontos Grabstätte befindet sich auf dem alten Waldfriedhof von Sensbachtal.

Zum Andenken an Jürgen Ponto wurden auf dem Oberurseler Rathausplatz ein Brunnen und in Frankfurt a. M. ein Platz in der Innenstadt nach ihm benannt; an diesem Platz steht der Silberling.

Aufarbeitung des Mordes und Konflikt in der Familie Ponto[Bearbeiten]

Nach dem Erscheinen des Spielfilms Der Baader Meinhof Komplex im September 2008 kritisierte Pontos Witwe die fehlende historische Authentizität bei der Darstellung der Ermordung ihres Mannes im Film. So seien die laut hörbaren Schüsse im Film in Wirklichkeit mit Schalldämpfern abgegeben worden, Ponto völlig anders als im Film gezeigt auf den Boden gestürzt, der Raum dunkel anstatt lichtdurchflutet gewesen, und sie habe während der Tat nicht auf der Terrasse gesessen, sondern sei im Nachbarraum gewesen. Ignes Ponto strengte deswegen eine Klage gegen die Produktionsfirma Constantin Film an, um zu erreichen, dass die Szene nicht mehr gezeigt werden darf.[13] Zuvor hatte sie aus Protest gegen den Film ihr Bundesverdienstkreuz an den damaligen Bundespräsident Horst Köhler zurückgeschickt.[14] Die Zivilkammer des Kölner Landgerichts wies ihre Klage im Januar 2009 ab und stellte fest, dass ihre Persönlichkeitsrechte durch den Film nicht verletzt würden, durch die Szene weder das Lebensbild Pontos verfälscht noch seine Person entwürdigt werde und die kritisierte Szene im Film auch durch das Grundrecht auf Kunstfreiheit gedeckt sei.[15]

In dem 2011 erschienenen Buch Patentöchter, das Julia Albrecht, die Schwester von Susanne Albrecht, und Corinna Ponto, die Tochter Jürgen Pontos, gemeinsam verfasst haben, thematisieren die Autorinnen den Mord an Ponto und mit die Rolle der beiden Familien. Zu diesem Buch nahm Stefan Ponto, der Sohn von Jürgen Ponto, 2014 in einem Spiegel-Interview sehr kritisch Stellung. Er nannte es ein „unerträgliches Buch“ und konstatierte: „Ich sehe unser Verhältnis [sein Verhältnis zu seiner Mutter und seiner Schwester] als nicht reparabel an.“[16]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Strukturprobleme der Kapitalmärkte in internationaler Sicht. 1968.
  • Die Rolle der Banken in der Welt von morgen. 1970.
  • Banken und Staat im Konflikt. In: Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen. 1973.
  • Wirtschaft auf dem Prüfstand. 1975.
  • Mut zur Freiheit. 1977.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ralf Ahrens und Johannes Bähr: Jürgen Ponto 1923-1977. In: Hans Pohl (Hrsg.), Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts, 2007, ISBN 978-3515089548: [1] (Seite 10)
  2. Dresdner Bank AG (Hrsg.): Jürgen Ponto: Kurzbiographie (PDF-Datei; 791 kB). Eugen-Gutmann-Gesellschaft e.V., Historisches Archiv der Dresdner Bank. (abgerufen am 16. Januar 2011.)
  3. Der Spiegel 50/1968: Ponto Nummer 2
  4. a b Die Zeit 22/1969: Ein Vorstand nahm seinen Abschied
  5. [2] (Seite 16)
  6. [3] (Seite 21)
  7. „Du kennst ja den Herrn Ponto“ von Julia Jüttner, Spiegel Online 28. Juli 2007, abgerufen 29. Juli 2010.
  8. focus.de 30. Juli 2007: „Das Killerkommando mit dem Rosenstrauß“ von Jens Bauszus, abgerufen 29. Juli 2010.
  9. Zweiter Strafsenat des Oberlandesgerichtes Stuttgart: 7. Mai 1984-2-2-StE 5/81 [Boock], S. 54.
  10. Fünfter Strafsenat des Oberlandesgerichtes Stuttgart: 2. April 1985-5-1 StE 1/83 [Mohnhaupt/Klar], S. 63.
  11. Fünfter Strafsenat des Oberlandesgerichtes Stuttgart: 3. Juni 1991-5-StE 4/90 [Albrecht]
  12. stern.de / Thomas Seythal: Mord an Jürgen Ponto: Die Mörder hatten Blumen dabei, 29. Juli 2007, Zugriff am 20. Februar 2008.
  13. Ponto-Witwe geht gerichtlich gegen RAF-Kinofilm vor 1. November 2008.
  14. Ponto-Witwe gibt Verdienstkreuz zurück 7. Oktober 2008.
  15. Ponto-Witwe scheitert mit Klage gegen RAF-Film 9. Januar 2009.
  16. "Die wahre Tragödie meines Lebens". In: Der Spiegel 25 / 16. Juni 2014, S. 118-121.
  17. www.kiwi-verlag.de
  18. Rezension von Christopher Kopper