JJ1

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JJ1 heute ausgestellt im Münchner Museum Mensch und Natur mit Bienenwaben

JJ1, bekannt geworden als „Bruno“, der „Problembär“, war ein Braunbär, der im Mai 2006 aus der italienischen Provinz Trentino nach Norden wanderte, sich im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet längere Zeit aufhielt und mehrfach die Landesgrenze überschritt.

Es war seit über 170 Jahren der erste Braunbär, der in Deutschland in freier Wildbahn auftrat. Der letzte Braunbär war 1835 im bayerischen Ruhpolding erlegt worden.

Während seiner Streifzüge schlug Bruno auch Haus- und Nutztiere, vor allem Schafe, zum Teil auch innerhalb von Siedlungen oder in deren Nähe. Daraufhin wurde er von der bayerischen Regierung als „Problembär“ eingestuft, der eine Bedrohung für den Menschen darstelle und wurde – trotz deutlicher Proteste – schließlich zum Abschuss freigegeben. Die Freigabe wurde nach massiver Kritik seitens Experten und öffentlicher Diskussion zeitweise zurückgezogen. Drei Wochen lang wurde mit verschiedenen Methoden versucht, JJ1 lebend zu fangen. Am 26. Juni 2006 wurde er in der Nähe der Rotwand im Spitzingseegebiet in Bayern erlegt und später schließlich ausgestopft. Seit 27. März 2008 ist er im Schloss Nymphenburg im Museum Mensch und Natur ausgestellt, wo auch das in Bayern 1835 geschossene Braunbär-Exemplar zu sehen ist.

JJ1 wurde während seiner Wanderung zu einem Politikum und internationalen Medienereignis, über das unter anderem auch die New York Times[1] berichtete. Zahlreiche Menschen und Gruppen solidarisierten sich mit dem Bären.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Herkunft und Name

1996 initiierte der italienische Naturpark Adamello-Brenta bei Trient ein EU-LIFE Projekt zum Schutz des Braunbären im Brenta (“Ursus – protection of Brenta brown bear population”). In den Jahren 2004 und 2005 wurde das Projekt im Rahmen eines EU-LIFE Nature Co-op-Projektes weitergeführt. Ziele des Co-op-Projektes waren die Wiederansiedlung des Braunbären im Alpenraum und die Vernetzung der dort noch bestehenden Bärenpopulationen. An diesem Projekt waren die Länder Italien mit den Regionen Trentino und Friaul, Österreich mit Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark sowie Slowenien beteiligt.

Die Population im Naturpark Adamello-Brenta bestand Ende des 20. Jahrhunderts nur noch aus 2 bis 3 Individuen, ein Überleben dieser Population ohne Bestandsstützung war extrem unwahrscheinlich. Im Rahmen dieser Projekte wurden daher im Naturpark Adamello-Brenta von 1999 bis 2002 insgesamt zehn Bären aus Slowenien freigelassen. Seitdem wurden in der Region insgesamt elf Junge geboren; derzeit schätzt man den aktuellen Bestand auf etwa 18 bis 20 Bären. JJ1 wurde dort 2004 geboren, er konnte während seiner Wanderung durch DNS-Analysen von Fellresten identifiziert werden. Sein Vater wird als „Joze“ (geboren 1994) geführt, seine Mutter heißt „Jurka“ (geboren 1998), beide stammen aus Slowenien. Als Erstgeborener erhielt er den aus deren Anfangsbuchstaben gebildeten Namen „JJ1“. Da die Verwendung von Anfangsbuchstaben als Namensersatz oder Spitzname vor allem in den USA üblich ist, wurde JJ im deutschen Sprachraum immer „Jay-Jay“ (statt dem deutschen „Jot-Jot“) ausgesprochen.

Zu Beginn seiner Wanderung erhielt JJ1 dann von österreichischen Medien den Spitznamen Bruno, einige Zeitungen, wie die Augsburger Allgemeine und ihre Regionalausgaben, nannten ihn hingegen Beppo. Sein jüngerer Bruder, „JJ2“ (genannt Lumpaz), war 2005 im Engadin in der Schweiz und in Nauders in Tirol unterwegs, gilt aber seit Herbst 2005 als verschwunden. Es wird vermutet, dass er gewildert wurde. Ein weiterer Bruder, der Schweizer „Problembär“ namens „JJ3“, wurde am 14. April 2008 erlegt, weil er keine Menschenscheu zeigte und mehrfach Abfallcontainer plünderte.

Nach dem vom bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz veröffentlichten Sektionsbericht hatte JJ1 zum Zeitpunkt seines Todes eine Widerristhöhe von 91 cm, seine Scheitel-Steiß-Länge betrug 130 cm, die Kopflänge 32 cm und er wog 110 Kilogramm.

[Bearbeiten] Wanderung

JJ1s Wanderroute

JJ1 wurde in der Umgebung des italienischen Naturparks Adamello-Brenta zuletzt am 25. April 2006 durch die DNS-Analyse von Fellresten nachgewiesen. Am 4. Mai hielt er sich bei Reschen unmittelbar südlich der österreichischen Grenze auf. Er wurde in Österreich erstmals am 5. Mai 2006 gesichtet. Seitdem ließ sich seine Wanderroute anhand der erbeuteten Haustiere recht gut dokumentieren. Er wanderte im Westen Österreichs durch die Bezirke Bludenz und Reutte zuerst nach Westen, dann nach Nordosten. Am 20. Mai wurde er zum ersten Mal in Deutschland im oberbayerischen Kreis Garmisch-Partenkirchen nachgewiesen. Bereits am 25. Mai verließ er Bayern wieder und hielt sich mindestens bis zum 29. Mai in Tirol auf. Am 3. oder 4. Juni wurde er wieder im Kreis Garmisch-Partenkirchen nachgewiesen, auch danach wechselte er bis zu seiner Tötung mehrfach zwischen Bayern und Österreich.

JJ1 wanderte offenbar täglich beziehungsweise nächtlich größere Strecken und hielt sich nur sehr selten länger als einen Tag in einem Gebiet auf. Nachweise an aufeinanderfolgenden Tagen waren in direkter Linie 2 bis 17 km voneinander entfernt, meist über 10 km. Die von JJ1 zurückgelegten Laufstrecken waren sicher noch erheblich größer.

[Bearbeiten] Als problematisch erachtetes Verhalten

JJ1 hatte 2005 und 2006 schon in Italien mehrfach Bienenstöcke aufgebrochen und war in Schafställe eingedrungen. In Bayern und Österreich erbeutete er nach bisherigen Erkenntnissen im Zeitraum 10. Mai bis 26. Juni zehnmal Schafe, dabei wurden jeweils 1–4 Schafe getötet. In Bayern und Tirol soll er nach Angaben des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz vom 20. Mai bis 26. Juni 2006 angeblich 31 Schafe getötet haben. In einem weiteren Fall hat JJ1 mehrere Ziegen getötet. Außerdem war er in diesem Zeitraum in drei Bienenstöcke, zwei Hühnerställe und einen Kaninchenstall eingedrungen und hatte dort Schäden verursacht.

[Bearbeiten] Bewertung

In allen europäischen Ländern mit Bärenvorkommen werden regelmäßig in einem gewissen Umfang Bienenstöcke, Kaninchen- oder Hühnerställe geplündert und Schafe in einsam gelegenen Schafställen oder -pferchen erbeutet. Raubtiere töten beim Eindringen in einen Pferch oder Stall häufig viele Schafe, da die Schafe nicht fliehen können und durch ihre Fluchtversuche immer wieder die reflexartige Tötungshandlung auslösen. Da in einer solchen Extremsituation die Menge der getöteten Tiere den momentanen Nahrungsbedarf weit übersteigt, wird dann zwangsläufig nur ein kleiner Teil der getöteten Tiere gefressen. Ein entsprechendes Verhalten zeigen in solchen Fällen auch Hunde und Wölfe.

Um die Akzeptanz der Bevölkerung für den Schutz des Braunbären zu gewährleisten, wurden daher in mehreren europäischen Ländern Managementpläne entwickelt, die einen abgestuften Katalog von Maßnahmen zur Verhinderung oder zumindest Minimierung der von Bären verursachten Schäden beinhalten. In erster Linie werden gegen solche Übergriffe Schutzmaßnahmen ergriffen (beispielsweise in Form von Elektrozäunen). Nachweislich durch Bären entstandene Schäden werden ersetzt. Bei wiederholten Schäden werden Braunbären vergrämt, hierzu werden in erster Linie Gummigeschosse oder Knallkörper eingesetzt. Die Tötung von Bären ist in diesen Managementplänen nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Sie ist jedoch nur vorgesehen, wenn Bären gegenüber Menschen aggressiv auftreten.

Jurka, die Mutter von JJ1, verursachte in der Provinz Trentino in den letzten Jahren mehrfach Schäden in Ställen und Bienenstöcken, mit hoher Wahrscheinlichkeit erlernte JJ1 diese Art der Ernährung von ihr. Die Tötung von Jurka wurde in Italien nie erwogen, da sie (ebenso wie JJ1) nie aggressiv gegenüber Menschen auftrat. Im Trentino wurde Jurka gefangen und mit einem Sender versehen, damit sie gezielter vergrämt werden kann, sobald sie sich in Siedlungsnähe begibt. Sie hat ihr Verhalten nicht geändert und musste schließlich gefangen und in ein Gehege verbracht werden.[2] Der später geborene Bruder von JJ1 wanderte 2007 in die Schweiz ein, auch er näherte sich Siedlungen, wurde mit einem Sender markiert und vergrämt. Nachdem diese Versuche nicht zum Erfolg führten, wurde er von der Schweizer Wildhut 2008 abgeschossen.[3]

[Bearbeiten] Erste Abschussgenehmigung

Wegen seines Verhaltens, sich menschlichen Siedlungen zu nähern, und der darin gesehenen potentiellen Gefährdung, erließ die Bayerische Staatsregierung bereits Ende Mai eine Abschussgenehmigung. Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz stufte das Verhalten des Bären als „abnormal“ ein, Umweltminister Werner Schnappauf verkündete darüber hinaus, der Bär sei ganz offensichtlich „außer Rand und Band“. Nach Angaben des Sprechers des bayerischen Umweltministeriums Roland Eichhorn sei bereits die Bärenmutter Jurka bei sogenannten Vergrämungs-Versuchen, bei denen sie mittels Gummigeschossen von menschlichen Ansiedlungen ferngehalten werden sollte, versehentlich „falsch gepolt“ worden und habe somit auch ihre Jungen JJ1 und JJ2 entsprechend konditioniert.[4]

Auch im Land Tirol wurde Ende Mai eine Abschussgenehmigung für den Bezirk Außerfern erteilt und eine Ausweitung auf das ganze Bundesland diskutiert.

Aufgrund massiver Proteste der Natur- und Tierschutzverbände sowie von Seiten der Öffentlichkeit wurde diese Abschussgenehmigung am 2. Juni wieder zurückgezogen. Unter anderen forderte auch der NABU-Bundesverband die sofortige Rücknahme der Abschussgenehmigung und, entsprechend den Managementplänen anderer Länder, die Vergrämung oder den Fang und die Besenderung von JJ1. Stattdessen fokussierte sich die Diskussion jedoch sehr schnell auf die beiden Alternativen Fang und anschließende Gehegehaltung oder Tötung. Die Bayerische Staatsregierung ließ sich dabei vom WWF beraten, der diese Haltung nachdrücklich unterstützte.

[Bearbeiten] Fangversuche

In Zusammenarbeit mit dem WWF wurde zunächst versucht, JJ1 mittels einer speziellen Röhren-Falle einzufangen. Bei der in Montana hergestellten knapp 3.200 Euro teuren und vom WWF finanzierten Falle handelte es sich um einen sogenannte Culvert-Trap, wie sie auch in Nordamerika zur Umsiedlung von Bären verwendet wird, die in der Nähe von Siedlungen auftauchen. Die Versuche blieben, insbesondere wegen der geringen Ortstreue von JJ1, erfolglos. Eine Suchaktion, die in der Nacht auf den 9. Juni 2006 im Gemeindegebiet von Zirl durchgeführt wurde, verlief ebenfalls erfolglos. Man konnte nur ein paar Bärenspuren sowie ein totes und ein verletztes Schaf finden.[5]

Norwegischer Elchhund

Um das Tier systematisch aufzuspüren, wurde daraufhin ein finnisches Team von vier Bärenjägern mit der Suche beauftragt. Unterstützt wurden sie von schwedischen und norwegischen Elchhunden. Dabei handelt es sich um spezielle Hunde, die überwiegend gegen wehrhaftes Wild eingesetzt werden und speziell ausgebildet sind, um Bären und Elche zu stellen und diese von Menschen abzulenken. Außerdem sind sie mit leuchtend orangefarbenen Westen ausgestattet, die GPS-Ortungssender enthalten, um sie jederzeit wieder finden zu können.

Vor ihrem Einsatz in den Alpen wurde ihnen das Fell kürzer geschoren, um sie vor der sommerlichen Hitze zu schützen. Am Sonntag, dem 19. Juni traf ein weiterer Bärenjäger mit dem laut bayerischen Umweltministerium besten finnischen Bärenhund ein.[6]

Das Team wurde auch von einem österreichischen Betäubungsexperten, dem Wiener Professor für Wildtiermedizin und Artenschutz Chris Walzer, begleitet. Da man mit Blasrohren oder normalen Betäubungsgewehren zu nah an den Bären heran hätte müssen, war ein Spezialgewehr erforderlich, das auf eine Entfernung von 80 Metern Betäubungspfeile verschießen konnte. Bären haben eine außerordentlich dicke Fettschicht, darum versagen konventionelle Betäubungsmethoden.

Der sofortige Einsatz der Jäger scheiterte zunächst an bürokratischen Hürden, da geprüft werden musste, ob finnische Jäger grenzüberschreitend in Deutschland und Österreich bewaffnet eingreifen dürfen. Nach einer Einigung der Länder Tirol und Bayern gab es dann für die finnischen Sucher grünes Licht, am darauf folgenden Wochenende mit der Suche zu beginnen. Den Bärenfängern wurde zwei Wochen Zeit eingeräumt, den Bären aufzuspüren.

Am Sonntag, dem 11. Juni, begann die inzwischen eingetroffene Bärenhundestaffel im Bezirk Schwaz mit der organisierten Suche. Zwar konnte der Standort von JJ1 einige Male recht genau eingegrenzt werden, es gelang jedoch nicht, sich ihm auf mehr als 600 m zu nähern. Wesentliche Probleme waren die geringe Ortstreue von JJ1, hohe Temperaturen, Wetterunbilden sowie die Schwierigkeiten des alpinen Geländes. Am 23. Juni wurde der Einsatz der fünf finnischen Spezialisten endgültig ergebnislos abgebrochen. Der Einsatz des finnischen Teams kostete 30.000 Euro, die sich Bayern und Tirol teilten.[7]

Ausflügler, die JJ1 sichteten, gefährdeten sich selbst, indem sie den Bären verfolgten – bis dieser umkehrte und seinerseits auf die Menschen zuging. [7]

[Bearbeiten] Erneute Abschussgenehmigung

Am 23. Juni 2006 wurde die Abschussgenehmigung wieder in Kraft gesetzt. Auch der Landeshauptmann von Tirol war für den Abschuss. Während man in Tirol die gesetzlichen Grundlagen für einen Abschuss des Bären schuf, entbrannte in Bayern ein Streit darüber, wer dafür zuständig sein könnte: Der Landesjagdverband wollte sich keinesfalls aktiv an einer Hatz auf JJ1 beteiligen. So sollte die Polizei diese Aufgabe übernehmen. Das Innenministerium verwies aber darauf, dass die Polizei lediglich unterstützend, beispielsweise mit Hubschraubern und Personal, tätig werden könne, für die Jagd auf Großwild fehle jedoch die Kompetenz.

[Bearbeiten] Reaktionen der Öffentlichkeit

Die Neuerteilung der Abschussgenehmigung stieß dabei immer noch auf vehementen Protest von Experten und Tierschützern.[8] Ein Streitpunkt war, ab wann die neue Abschussgenehmigung ihre Gültigkeit erlangte. Hier kursierten sowohl der 26. Juni für Bayern als auch der 27. Juni für Tirol in den Medien, das bayerische Ministerium selbst nannte den 25. Juni, obwohl in einer Allgemeinverfügung des zuständigen Regierungsbezirks Oberbayern vom 23. Juni 2006 „der sofortige Vollzug der vorstehenden Ausnahmegenehmigung als Notstandsmaßnahme im öffentlichen Interesse“ angeordnet wurde. Zitat: „Die Allgemeinverfügung tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft“.[9]

Kritisiert wurde auch, unter anderen seitens der Jägerschaft, dass Schnappauf eine Abschussgenehmigung gutheiße, obwohl der Bär ein geschütztes Tier und entsprechend dem bayerischen Jagdgesetz kein jagbares Wild ist. Somit, hieß es, läge eine Kompetenzüberschreitung, wenn nicht gar die Anstiftung zum Wildfrevel vor.

[Bearbeiten] Tötung von JJ1

Nach insgesamt vier Wochen erfolgloser Versuche, „Bruno“ zu fangen, wurde er am Morgen des 26. Juni 2006 um 04:50 Uhr auf der 1500 m hoch gelegenen Kümpflalm, einer Alm in der Nähe der Rotwand im Spitzingseegebiet, im Gemeindebereich Bayrischzell im Landkreis Miesbach von einem Jäger aus Bayrischzell getötet.[10]

Zunächst war unklar, wer für den Abschuss verantwortlich war. Die örtliche Jägerschaft distanzierte sich von Anschuldigungen und gab an, sich bereits frühzeitig gegen einen Abschuss des Braunbären ausgesprochen zu haben, da dieser in Deutschland geschützt sei und überhaupt nicht gejagt werden dürfe. Der Abschuss sei vielmehr durch ein staatlich beauftragtes Sicherheitsteam erfolgt. Später wurde bekannt, dass tags zuvor im Landratsamt von Miesbach eine „Eingreiftruppe“ zusammengestellt wurde, die bei einer erneuten Sichtung des Tieres so schnell wie möglich vor Ort gebracht werden sollte. Als der Bär am Abend des 25. Juni im Bereich des Rotwandhauses dann tatsächlich gesichtet wurde, brach diese Eingreiftruppe auf. Sie erreichte die Kümpflalm gegen Mitternacht. Als die Gruppe am nächsten Morgen die Hütte um 4:50 Uhr verließ, war der Bär 150 m entfernt.[11]

Von Seiten des Bayerischen Umweltministeriums hieß es, der Abschuss sei – so wörtlich – „von jagdkundigen Personen“ vorgenommen worden. Weitere Details über den Schützen oder den Vorgang selbst wurden jedoch nicht genannt.

JJ1 starb aufgrund innerer Verletzungen, wie die am 28. Juni 2006 veröffentlichte Obduktion ergab, in der Lunge befand sich 1 Liter Blut.[12] Am 6. Juli 2006 gab Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf das Ergebnis der genetischen Auswertung bekannt, welches bestätigte, dass der abgeschossene Bär tatsächlich auch JJ1 war. Auf eine entsprechende Anfrage der SPD-Fraktion im bayerischen Landtag verweigerte Schnappauf detailliertere Angaben zum Abschuss: „Aussagen zum Gewehrtyp, zu Kaliber und Munition können nicht gemacht werden, um die Anonymität der Beteiligten zu wahren.“[13]

[Bearbeiten] Reaktionen auf die Tötung

[Bearbeiten] Verbände

  • Der Bund Naturschutz in Bayern e. V. (BN) bedauerte, dass 170 Jahre nach der Ausrottung des Bären in Bayern durch den Menschen das erste wiederkehrende Tier bereits nach wenigen Wochen getötet wurde.
  • Der Deutsche Tierschutzbund prüfte rechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen.[14]
  • Der WWF bedauerte den Abschuss, wies jedoch darauf hin, dass es sich um ein verhaltensauffälliges Tier handelte.
  • Die Tierschutzstiftung Vier Pfoten, die sich in Rumänien um Tanzbären kümmert und derzeit in Mecklenburg-Vorpommern eine Auffangstation für Braunbären aus schlechten Haltungsbedingungen errichtet, kündigte an, die Rechtmäßigkeit des Abschusses von Bruno zu prüfen und gegebenenfalls weitere juristische Schritte zu unternehmen.
  • Die STIFTUNG FÜR BÄREN ernannte den 26. Juni, den Abschusstag des seit 171 Jahren ersten heimischen Bären, zum Bärengedenktag.

[Bearbeiten] Politik

  • Der Umweltstaatssekretär Bayerns, Otmar Bernhard, bezeichnete den Abschuss von JJ1 als äußerst bedauerlich, aber objektiv unvermeidbar.[16] Des Weiteren erklärte Bernhard, dass die Identität des Schützen nicht preisgegeben werden solle. Frage nach Beteiligung eines Polizisten an der Abschussaktion ließ er unbeantwortet. „Es sind Jagdkundige, und dabei bleibt es“, sagte Ministeriumssprecher Roland Eichhorn zu den Fragen nach den Bärenjägern.[17] Bereits wenige Stunden nach der Tötung trafen Morddrohungen gegen den Todesschützen bei dem örtlichen Jagdverein ein.
  • Italien legte am 28. Juni 2006 Protest gegen die Tötung von JJ1 bei der EU-Kommission ein.[18] Die italienische Regierung will damit erreichen, dass der Artenschutz auf EU-Ebene geregelt wird. JJ1 war Teil des von der EU finanzierten Projektes „Life Ursus“ gewesen, dessen Ziel es ist, im Grenzgebiet Italien-Österreich-Deutschland wieder Bären anzusiedeln. Ein Abschuss komme nur dann in Frage, wenn ein Tier eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstelle - das sei bei JJ1 nicht der Fall gewesen, äußerte sich der WWF-Veterinär Alessandro de Guelmi, der maßgeblich für die Tierwelt der italienischen Alpen verantwortlich ist.
  • Der Umweltminister Deutschlands, Sigmar Gabriel, hat im Zusammenhang mit den Vorfällen um Braunbär JJ1 einen europaweit einheitlich geregelten Schutz von Raub- und Wildtieren verlangt. „Auch diese Tiere haben ein Recht zu leben, nicht nur im Zoo, sondern in ihrer natürlichen Umgebung.“ Gabriel geht zwar davon aus, dass die bayerische Landesregierung ihre Vorgehensweise sicherlich gut begründen kann, fragt sich jedoch „ob es nicht auch möglich gewesen wäre, Bruno zu betäuben oder mit Hartgummigeschossen zu vergrämen statt ihn zu erschießen“.
  • Am 4. Juli 2006 trafen sich in Trient Bärenexperten aus Italien, Deutschland, Österreich und der Schweiz, wobei vor allem wildbiologische Fragen diskutiert wurden. Weitere Beratungen über das so genannte Bärenmanagement fanden im August 2006 in Chur statt.
  • Der italienische Umweltminister Alfonso Pecoraro Scanio forderte das bayerische Umweltministerium in einem Schreiben offiziell dazu auf, den Kadaver an Italien zurückzugeben. „Der Braunbär war Teil eines auf italienischem Staatsgebiet durchgeführten Projekts zur Wiedereingliederung der Braunbären in der Adamello-Brenta-Gruppe und ist somit Eigentum des italienischen Staates“. Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf lehnte das Ansinnen seines italienischen Kollegen jedoch ab. Ein Wildtier gehöre seiner Meinung nach niemandem, und mit dem rechtmäßigen Abschuss sei das Eigentumsrecht an dem Kadaver an den Freistaat Bayern übergegangen. Dort werde er wissenschaftlichen Zwecken zur Verfügung gestellt. Überdies warf er den Italienern vor, mit ihrer misslungenen Vergrämungsstrategie nicht fachgerecht vorgegangen zu sein.
  • Am 31. Januar 2008 verabschiedete der Tiroler Landtag eine Novelle zum Tiroler Jagdgesetz, das den Abschuss von „Problembären“ erleichtert. Anlass für diese Änderung war die Weigerung eines Jagdpächters gewesen, in seinem Revier den Abschuss des Bären JJ1 zuzulassen, obwohl eine Abschussgenehmigung des Landes Tirol vorlag.

[Bearbeiten] Institutionen

  • Nach Prüfung des Sachverhalts gab die Münchner Staatsanwaltschaft am 7. Juli 2006 bekannt, dass das Ermittlungsverfahren eingestellt wurde, da „keine zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Straftat vorliegen.“ „Die Begründung für die Abschussgenehmigung sei nachvollziehbar und ein vorsätzlicher oder sorgfaltswidriger Verstoß gegen Strafnormen scheidet daher aus.
  • Henning Wiesner, Direktor des Tierparks Hellabrunn, empörte sich darüber, dass der Bär nicht betäubt und mit einem GPS-Halsband versehen wurde. Das hätte die Ortung des Bären mit einer Genauigkeit von etwa 5 m möglich gemacht, so dass man jederzeit Gegenmaßnahmen bei Annäherungen an menschliche Wohngebiete hätte einleiten können. Am Wochenende noch habe sich gezeigt, wie leicht sich Menschen dem Bären hätten nähern können (auf etwa 10–15 m), so dass der Einsatz von Betäubungsgewehr (circa 30 m Reichweite) oder Blasrohr (ungefähr 10 m Reichweite) möglich gewesen wäre.
  • Die staatliche italienische Waldpolizei CFS kündigte an, einen Helikopter auf den Namen Orso Bruno (Bär Bruno) zu taufen.[19] Sie kritisierte die Erschießung des Tieres, welches die Frucht eines schwierigen und gut funktionierenden Programmes zur Wiedereinführung der Bären in den Alpen gewesen sei.
Zum Schutz vor den Besuchern steht die Szenerie hinter Glas

[Bearbeiten] Ausstellung

Bruno wurde präpariert und seit dem 26. März 2008 im Münchner Museum Mensch und Natur ausgestellt. Der Bär wird beim Honigstehlen gezeigt. Die Szene bezieht sich auf ein Ereignis vom 16. Juni 2006. Damals beraubte Bruno im oberbairischen Kochel am See einen Bienenstock. Um die Situation möglichst echt darzustellen, wurden nicht nur der Bär, sondern auch rund 1000 Bienen präpariert und zwischen Waben und Bienenkästen platziert. Zum Schutz vor den Besuchern steht die Szenerie hinter Glas. Die italienische Regierung erhebt einen Anspruch auf den Kadaver, der von der Bayerischen Staatsregierung nicht anerkannt wird.[20]

[Bearbeiten] Der Begriff „Problembär“

Im Zusammenhang mit dem Auftreten des Braunbären hatte sich rasch ein Begriff etabliert, der bisher in Deutschland unbekannt war: „Problembär“. Schnell wurde der Begriff zum Synonym für JJ1 und es bildeten sich erste Abwandlungen. Bei der Wahl zum Wort des Jahres 2006 erreichte das Wort den siebten Platz.

[Bearbeiten] Herkunft des Begriffs

Aufgrund ähnlicher Zwischenfälle mit Bären in Niederösterreich und der Steiermark wurde dieser Begriff in der österreichischen Medienberichterstattung schon in den 1990er Jahren geprägt. Der ehemalige Moderator der ORF-Fernsehsendung „Inlandsreport“, Helmut Brandstätter, erklärte im Jahre 1994 das Wort „Problembär“ scherzhaft sogar zum „Wort des Jahres“.

In Deutschland populär und zu einem das Tagesgeschehen mitbestimmenden Wort wurde dieser Ausdruck jedoch erst durch eine Rede des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber Ende Mai 2006, der im Rahmen einer Pressekonferenz die Abschussgenehmigung rechtfertigte. Stoiber erkannte zwar die Bedeutung des Bären als Zeichen gelungenen Naturschutzes an, verwies aber auf die bestehende Problematik der mangelnden Scheu dieses Bären vor dem Menschen. Hierbei unterschied Stoiber in wissenschaftlich fragwürdiger Weise zwischen „Normalbären“ mit erwartungsgemäßem Verhalten, weiter sogenannten „Schadbären“ (einem Begriff, der in der Staatskanzlei breite Verwendung fand und auf Werner Schnappauf zurückging) sowie schließlich den „Problembären“, zu denen er auch JJ1 zählte. Aufgrund der ständig fehlgeschlagenen Fangversuche und der sich anhäufenden Schäden wurde JJ1 später auch als sogenannter „Risikobär“ bezeichnet.

In den deutschen Medien und der deutschen Öffentlichkeit etablierte sich dann überwiegend der Begriff 'Problembär'.

[Bearbeiten] Ähnliche Begriffe

In manchen Regionen der USA und Kanada, wie beispielsweise in New York und in der Nähe der Hudson Bay, kommen wildlebende Bären häufig vor. Einzelne Tiere haben sich daran gewöhnt, in der Nähe von Siedlungen oder Campern nach Futter zu suchen. Diese werden als Nuisance Bears („lästige Bären“, „Störbären“) bezeichnet. Solche Bären werden jedoch nicht abgeschossen. Auch das Einfangen und Verbringen von solchen Bären wird nur in unausweichlichen Fällen durchgeführt. Eher wird den Menschen dazu geraten, Abfälle und Nahrungsmittel außerhalb der Reichweite von Bären zu lagern.

[Bearbeiten] Verselbständigung des Begriffes

Die als unreflektiert empfundene Einteilung des Bären durch den bayerischen Ministerpräsidenten sorgte in der Öffentlichkeit für Aufsehen und gab Anlass für heitere wie kritische Kommentare in den Medien. Sie wurde in Radiospots sowie im Internet in Form von Parodien mehrfach kabarettistisch aufbereitet. So wurde Stoiber unter anderem als „Stoibär“ oder „Schlaubär“ bezeichnet, ferner war spöttisch von der „Stoiber'schen Bärenkunde“ die Rede. Der Fernsehmoderator Stefan Raab titulierte Stoiber als „Problembär der Staatsregierung“.

Daraufhin fanden die mit der Rechtfertigung der Verfolgung des Bären in Zusammenhang gebrachten Komposita „Problem-“, „Schad-“ und „Risikobär“ vielfältige Verwendung. Oft tauchten sie in den Medien im Hinblick auf Personen oder Personengruppen auf, die gerade für ein negatives Presse-Echo sorgen. So sprachen Medien am 27. Juni in einem Artikel im Bezug auf den bayerischen Umweltminister, der die Abschussgenehmigung erteilt hatte, von einem „Problemminister“.[21] In anderen Medien war in ähnlichen Zusammenhängen die Rede von einem „Risikominister“ und von „Schadpolitikern“. Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen das Satiremagazin Titanic wegen dessen Titelbild, auf dem sein Konterfei abgebildet und darunter „Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab!“ zu lesen war.[22] Im Mai 2008 übertitelte die Frankfurter Rundschau einen Artikel über den damaligen Bundeswirtschaftsminister Michael Glos mit der Überschrift „Neues vom Problembären“.

[Bearbeiten] Literarische Bearbeitung

Gerhard Falkner veröffentlichte 2008 die Novelle "Bruno". Falkner verarbeitet hier das Auftreten und den Abschuss des Bären JJ1 literarisch.[23]

Felix Mitterer schrieb das Drehbuch für einen Fernsehfilm, der ebenfalls die Jagd auf Bruno zum Inhalt hat, aber für den Bären ein Happy End hat. Hauptdarsteller sind dabei Erwin Steinhauer, Fritz Karl und Harald Krassnitzer. Ausgestrahlt wurde der Film von ORF und ARD am 25. Februar 2009.[24]

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Quellen

  1. The New York Times: Herr Bruno Is Having a Picnic, but He's No Teddy Bear, 16. Juni 2006
  2. KORA-News: Trentiner Bärin Jurka gefangen
  3. KORA-News: Risikobär JJ3 erlegt
  4. Mitteldeutsche Zeitung: Streunender Braunbär ist kein Unbekannter mehr, 19. Juni 2006
  5. Süddeutsche Zeitung: Bruno, der ABM-Bär, 8. Juni 2006
  6. sueddeutsche.de: Spur in Österreich: Neue Rätsel um Bär Bruno., 19. Juni 2006
  7. a b Mountainbiker verfolgten „Bruno“ – von heute an zum Abschuß frei, Hamburger Abendblatt vom 26. Juni 2006
  8. Netzeitung: Ab Montag droht Bruno der Abschuss, 23. Juni 2006
  9. Regierung Oberbayern: Allgemeinverfügung, 23. Juni 2006
  10. Bayerischer Rundfunk: [1]
  11. sueddeutsche.de: Wie Bruno sein Ende fand, 27. Juni 2006
  12. ORF.at-News: „Bruno“-Obduktion: Bär starb an inneren Verletzungen
  13. Badische Zeitung online: DNA-Analyse bestätigt: Der tote Bär war JJ1, 7. Juli 2006
  14. Deutscher Tierschutzbund: Pressemitteilung, 26. Juni 2006
  15. SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag: Bärentöter Schnappauf muss seinen Hut nehmen, 26. Juni 2006
  16. Bayerisches Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz: Pressemitteilung, 26. Juni 2006
  17. n-tv: Bayerns Bär erlegt, 26. Juni 2006
  18. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Italien protestiert bei EU-Kommission gegen „Brunos“ Tod, 27. Juni 2006
  19. Tages-Anzeiger: Italiens Waldpolizei tauft Helikopter Orso Bruno, 27. Juni 2006
  20. BBC: Battle over Bruno the bear's body (englisch)
  21. Stern: Schnappauf wird zum Problem-Minister, 27. Juni 2006
  22. Lars Langenau: SPD verklagt „Titanic“, Spiegel Online, 3. Juli 2006
  23. Gerhard Falkner: Bruno. Novelle, Berlin Verlag, Berlin, 1. Auflage, 26. Mai 2008, ISBN 978-3--827007858
  24. Vorpremiere: "Bruno"-Film mit Happy End auf ORF am 16. Februar 2009 (abgerufen am 21. Februar 2009)
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