Jacob Burckhardt

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Kulturhistoriker Jacob Burckhardt. Zu anderen Personen siehe Jakob Burckhardt.
Jacob Burckhardt, nach 1890

Jacob Christoph Burckhardt (* 25. Mai 1818 in Basel; † 8. August 1897 ebenda) war ein Schweizer Kulturhistoriker mit Schwerpunkt Kunstgeschichte.

Leben[Bearbeiten]

Jacob Burckhardt wurde 1818 in Basel als viertes von sieben Kindern geboren. Er stammte aus einer alten und erfolgreichen Familie des Basler Daig. Etliche Vorfahren waren Geistliche, auch sein Vater Jacob Burckhardt war Pfarrer der reformierten Kirche in Basel. Da er der Münstergemeinde vorstand, war er zugleich auch Antistes und somit Vorsteher der Basler Geistlichkeit. Im Elternhaus und auf dem Gymnasium erhielt Burckhardt eine umfassende humanistische Bildung. Seine Lehrer vermittelten ihm ausgezeichnete Kenntnisse in Französisch, Italienisch sowie in den alten Sprachen und förderten seine historischen und literarischen Neigungen.

Burckhardt um 1840

In seiner Heimatstadt studierte Jacob Burckhardt seit 1837 auf Wunsch des Vaters Evangelische Theologie. Nebenbei befasste er sich schon damals mit Geschichte und Philologie. Nach vier Semestern wechselte Jacob Burckhardt an die Universität in Berlin, um sich vollends dem Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Philologie zuzuwenden.

In Berlin hörte er von 1839 bis 1843 unter anderem Vorlesungen bei Leopold von Ranke, Johann Gustav Droysen, August Böckh, Franz Kugler und Jacob Grimm. Hier machte Jacob Burckhardt auch die Bekanntschaft mit Bettina von Arnim. Im Sommer 1841 verbrachte er ein Semester in Bonn und schloss sich hier dem Maikäferbund an, einer spätromantischen Dichtervereinigung um Gottfried Kinkel.

Aufgrund der beiden von Ranke angeregten Arbeiten über Karl Martell und Konrad von Hochstaden wurde Jacob Burckhardt 1843 in Basel in Abwesenheit promoviert. Bereits im darauf folgenden Jahr habilitierte er sich dort für Geschichte und wurde 1845 ausserordentlicher Professor.

In den Jahren nach 1844 arbeitete Jacob Burckhardt zeitweise als politischer Redaktor bei den konservativen Basler Nachrichten. 1845 unterbrach er diese Tätigkeit erstmals und gab sie später gänzlich auf, da seine Artikel zur angespannten innenpolitischen Lage der Schweiz umstritten waren. Zwischen 1846 und 1848 hielt er sich zweimal für ein paar Monate in Italien auf und lebte zwischenzeitlich in Berlin, wo er sich an der Abfassung des Brockhausschen Konversationslexikons beteiligte.

Von 1855 bis 1858 war Jacob Burckhardt ordentlicher Professor für Kunstgeschichte am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. 1858 übernahm er an der Universität Basel den Lehrstuhl für Geschichte und Kunstgeschichte, den er bis 1893 innehatte. Fortan konzentrierte er sich auf seine Vorlesungen, die anfangs alle Epochen der europäischen Kulturgeschichte abdeckten, seit 1886 jedoch ausschliesslich die Kunstgeschichte zum Thema hatten. Daneben trat er als gewandter Redner durch öffentliche Vorträge hervor. Selbst Friedrich Nietzsche, der als Deutschlands jüngster Universitätsprofessor von Leipzig nach Basel gekommen war und bereits mit vierundzwanzig Jahren als eine philologische Kapazität galt, würdigte Burckhardt als «unseren großen, größten Lehrer».

1872 lehnte Burckhardt den Ruf ab, Nachfolger Rankes an der Universität Berlin zu werden. Die letzten dreissig Jahre seines Lebens widmete er sich ganz der Lehre in Basel und veröffentlichte in dieser Zeit keine weiteren Werke. Zu seinen Schülern zählte der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin (1864–1945). 1886 gab Burckhardt seine Professur auf, hielt aber noch sieben Jahre lang die kunstgeschichtlichen Vorlesungen. Am 8. August 1897 starb der kinderlos gebliebene Junggeselle in Basel im Alter von 79 Jahren. Seine Heimatstadt erlebte in dieser Lebensspanne einen beachtlichen Wandel, die Einwohnerzahl wuchs von 16'000 auf über 100'000 an, die Stadtbefestigung wurde geschleift, und der Eisenbahnbau erreichte die Stadt.

Heutzutage wird Burckhardt nicht nur durch häufiges Zitieren geehrt, der höchste Geldschein der Schweiz, der 1000-Franken-Schein, trägt seit 1995 das Porträt des Basler Kulturhistorikers. Der auch im deutschen Sprachraum viel verwendete Begriff «terrible simplificateur» (Flachdenker) wurde von ihm geprägt, er tritt erstmals in einem Brief Burckhardts an Friedrich von Preen vom 24. Juli 1889 auf. Burckhardt hat sich auch zur Tugend des «Dilettantismus» bekannt, der er die Fähigkeit einer antispezialistischen Übersicht zuerkannte (vgl. Weltgeschichtliche Betrachtungen, S. 36).

Werk[Bearbeiten]

Auf dem Weg zu seiner Vorlesung passiert Jacob Burckhardt das Basler Münster (um 1890).

Burckhardts Aufenthalte in Italien und auch die Mitarbeit an Franz Kuglers Handbüchern zur Kunstgeschichte bewirkten eine Neuorientierung an den klassischen Idealen der Epoche Winckelmanns, Goethes und Wilhelm von Humboldts. So übernahm Burckhardt mehr und mehr eine europäisch-humanistische Sichtweise und rückte vom vorherrschenden Paradigma politischer Geschichte ab (vgl. Raupp, Spalte 855). Vernehmbar wird dies vor allem in seinen drei «klassischen» Werken, die ihn zum herausragenden Kulturhistoriker und Mitbegründer der modernen Kunstgeschichte werden liessen.[1] Burckhardt widersprach entschieden geschichtsphilosophischen Spekulationen, die Geschichte als zeitliche Entwicklung eines übergeordneten, ewigen Geschichtsprozesses auffassten.[2] Das einzig konstante Phänomen der Geschichte war für ihn die Natur des Menschen. Das Ziel des Daseins und der ganzen Geschichte blieb für Jacob Burckhardt rätselhaft.[3]

Burckhardts 1853 veröffentlichtes erstes Hauptwerk ist Die Zeit Constantins des Großen, die er als notwendigen Übergang von der Antike zum Christentum und als Grundlage der mittelalterlichen Kultur verstand (vgl. Spätantike). Burckhardt sah Kaiser Konstantin im Unterschied zur seinerzeit vorherrschenden Sichtweise recht negativ, als einen reinen Machtpolitiker, dessen Hinwendung zum Christentum nur politischen Überlegungen geschuldet gewesen sei. 1855 erschien sein zweites Werk Cicerone, in dem er die italienische Kunstwelt von der Antike bis zur Gegenwart schildert.

Von grösster historiographischer Bedeutung war sein 1860 veröffentlichtes Werk Die Cultur der Renaissance in Italien, das den Strukturwandel von Staat und Kirche im Ausgang des Mittelalters und die damit einhergehende Ausbildung des «modernen», individuellen Menschen beschreibt – Konzepte, die heute kritisch hinterfragt werden. Auf seinen Italienreisen wurde Jacob Burckhardt stark von der italienischen Kultur der Renaissance angezogen. Lange Zeit wurde dieser Begriff als Epochenbezeichnung der Kunstgeschichte verwendet. Der erste, der ihn direkt für eine historische Epoche verwendete, war Jules Michelet. Erst durch Burckhardts Studien der italienischen Kultur des 15. und 16. Jahrhunderts und durch die Veröffentlichung seiner Ergebnisse wird die «Renaissance» in der öffentlichen Meinung wahrgenommen. Das Werk gilt auch heute noch als das Standardwerk über diese Epoche. Burckhardt zeichnet darin ein Gesamtbild der italienischen Renaissancegesellschaft; diese erste umfassende Darstellung jener Epoche hat das Renaissancebild Europas stark geprägt und wurde zum beispielgebenden Werk der Kulturgeschichtsschreibung. Georg Voigt dagegen hat die Bewegung des italienischen Humanismus als Phänomen der geistigen Hochkultur untersucht. Beiden gemeinsam ist die Erkenntnis, dass die Renaissance die Moderne in Europa eingeleitet hat; sie beide gelten als Begründer der modernen Renaissance-Forschung.

Nach seinem Tod hinterliess Burckhardt vier unveröffentlichte, druckreife Werke, darunter Erinnerungen aus Rubens. Des Weiteren wurden aus seinem Nachlass die Griechische Kulturgeschichte und die vielgelesenen Weltgeschichtlichen Betrachtungen veröffentlicht. Burckhardt hatte nie vor, sein Kolleg Über Studium der Geschichte, das er von 1868 bis 1872 dreimal abhielt, zu publizieren. Noch auf dem Sterbebett gab er seinem Neffen Jacob Oeri (1844–1908) den Auftrag, alle handschriftlichen Hinterlassenschaften einstampfen zu lassen, aber die Erlaubnis zur Einsichtnahme konnte ihm Oeri doch noch abringen. Dass diese Einsicht etliche Jahre dauern und mit einer Veröffentlichung enden sollte, war sicher nicht Burckhardts Absicht. Wie bei mehrfach gehaltenen Vorlesungen nicht ungewöhnlich, liegen die Skripte in mehreren Fassungen vor, durchsetzt mit Einschüben und Aktualisierungen. Das erhaltene handschriftliche Material – die Mitschriften von Studenten nicht mitgerechnet – ist etwa doppelt so umfangreich wie der Text, den Oeri dann für die Buchausgabe von 1905 herausgab. Die kühnste Neuerung Oeris war wohl die Veränderung des Titels zu Weltgeschichtliche Betrachtungen, die Burckhardts einführende Vorlesung vielleicht in die Nähe von Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen rücken sollte.

Brief Burckhardts an seinen Kollegen Nietzsche vom 25. Februar 1874 mit Anmerkung zu Nietzsches Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben

Friedrich Nietzsche, der zeitweise neben Burckhardt Professor in Basel war, verehrte den älteren Burckhardt sehr, versuchte oft mit ihm ins Gespräch zu kommen und verfolgte wohl auch eine seiner Vorlesungen. Burckhardt umgekehrt sah die Begabung des jungen Nietzsche durchaus, hielt ihn aber höflich auf Distanz und konnte wohl auch mit dessen späteren philosophischen Werken wenig anfangen.

Die Werke Burckhardts wurden häufig verlegt und übersetzt. Von dem regen Schriftverkehr Burckhardts sind über 1700 Briefe erhalten geblieben und ebenfalls veröffentlicht worden. Im Herbst 2000 begann die Veröffentlichung einer neuen Kritischen Gesamtausgabe im Verlag C. H. Beck, ein auf 27 Bände angelegtes Unternehmen. Die Bände 1 bis 9 sind den von Jacob Burckhardt selbst publizierten beziehungsweise zur Publikation vorbereiteten Schriften gewidmet, die Bände 10 bis 26 enthalten die Werke, Vorträge und Vorlesungen aus dem Nachlass, Band 27 enthält das Register.

Kritik[Bearbeiten]

Der Schweizer Historiker Aram Mattioli kritisierte in einem Essay über Jacob Burckhardt dessen Antisemitismus und Ethnozentrismus.[4] Burckhardt habe an die Überlegenheit der «kaukasischen Rassenvölker» geglaubt.[5] Ebenso kritisierte Mattioli Burckhardts Ablehnung der Demokratie.[6]

Postume Ehrungen[Bearbeiten]

Burckhardt auf Schweizer Banknote

Nach Jacob Burckhardt sind in Basel und in Zürich je eine Strasse benannt. Er ist zudem auf der 1000-Franken-Note der aktuellen Schweizer Banknotenserie abgebildet.

Schriften[Bearbeiten]

Aus dem Nachlass erschienen:

  • Erinnerungen aus Rubens (1898)
  • Griechische Kulturgeschichte (1898–1902)
  • Weltgeschichtliche Betrachtungen (1905)

Werkausgaben:

  • Jacob Burckhardt-Gesamtausgabe. Schwabe, Basel 1929–1934.
  • Gesammelte Werke. 10 Bände. Schwabe, Basel 1955–1959.
  • Werke. Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. von der Jacob-Burckhardt-Stiftung, Basel. 29 Bände. Schwabe, Basel, und C.H.Beck, München, ab 2002 (bisher 16 Bände erschienen; Editionsplan).
  • Briefe. Vollständig und kritisch bearbeitete Ausgabe mit Benützung des handschriftlichen Nachlasses hergestellt von Max Burckhardt. 11 Bände. Schwabe, Basel 1949–1994.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jacob Burckhardt – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Jacob Burckhardt – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zur geschichtstheoretischen Auffassung Burckhardts siehe den Aufsatz von Jörn Rüsen: Die Uhr, der die Stunde schlägt. Geschichte als Prozeß der Kultur bei Jacob Burckhardt. In: Karl-Georg Faber und Christian Meier (Hg.): Historische Prozesse. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1978, S. 186–217 (Beiträge zur Historik, Band 2)
  2. Andreas Censana: Geschichte als Entwicklung? Zur Kritik des geschichtsphilosophischen Entwicklungsdenkens. Berlin (Gruyter) 1988, S. 261 ff. Google-Buch
  3. Jacob Oeri (Hg.): Jakob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen. Über das Studium der Geschichte. München 1982, S. 169.
  4. Aram Mattioli: Jakob Burckhardt und die Grenzen der Humanität. Bibliothek der Provinz, Weitra 2001, S. 14.
  5. Aram Mattioli: Jakob Burckhardt und die Grenzen der Humanität. Bibliothek der Provinz, Weitra 2001, S. 17.
  6. Aram Mattioli: Jakob Burckhardt und die Grenzen der Humanität. Bibliothek der Provinz, Weitra 2001, S. 48.