Jacob Neusner

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Jacob Neusner (* 28. Juli 1932 in Hartford, Connecticut) ist ein amerikanischer Religionswissenschaftler und Judaist. Er hat über 900 Bücher über die Tora, den Talmud und andere jüdische Schriften geschrieben oder herausgegeben und befasst sich auch mit den christlichen Schriften des Neuen Testaments.

Biografie[Bearbeiten]

Neusner wurde in Hartford, Connecticut geboren und wuchs in einer dem amerikanischen Reformjudentum angehörenden Familie in einem christlich geprägten Umfeld auf.[1] Er studierte an der Harvard-Universität, an der Universität Oxford und an der Columbia-Universität, sowie am Jewish Theological Seminary, dem Rabbinerseminar des amerikanischen konservativen Judentums, wo er seine rabbinische Ordination erhielt. Er lehrte an der Columbia-Universität, der University of Wisconsin-Milwaukee, der Brandeis University, dem Dartmouth College, der Brown University, der University of South Florida und am Bard College, New York.[2]

Neusner war Mitglied des Institute for Advanced Study in Princeton und Mitglied auf Lebenszeit am Clare College der Universität Cambridge. Er ist der einzige Wissenschaftler, der sowohl der Nationalstiftung der USA für Geisteswissenschaften und derjenigen für die Künste angehört. Darüber hinaus hat er zahlreiche akademische Auszeichnungen, Ehrungen und andere Achtungsbezeugungen erhalten.[3]

Neusner ist ein gläubiger Jude der amerikanisch konservativen Richtung, der seinen eigenen Angaben zufolge zum amerikanischen Reformjudentum seiner Kindheit zurückkehrt.[4] Er lehrt mit christlichen Theologen zusammen an der Universität und zeigt tiefem Respekt für den Glauben seiner christlichen Kollegen, ohne deshalb die Gültigkeit der jüdischen Auslegung der Heiligen Schriften in Frage zu stellen.[5]

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Forschung und Lehre[Bearbeiten]

Neusners wissenschaftlicher Tätigkeitsbereich ist sehr weit gespannt. Im Zentrum seiner Forschungstätigkeit stehen das antike rabbinische Judentum zur Zeit der Mischna und des Talmud. Neusner war einer der Pioniere in der Anwendung der „Form-Kritik“ zur Erschließung rabbinischer Texte. Viele seiner Arbeiten verfolgen das Ziel, die vorherrschende Methode, in der das rabbinische Judentum als eine einheitliche religiöse Bewegung aufgefasst wird, zu dekonstruieren. Im Gegensatz zur vorherrschenden Auffassung sieht Neusner jedes rabbinische Dokument als individuellen Beitrag zur Evidenz des Judentums an, durch welchen lediglich ein Licht auf das lokale und spezifische Judentum des Autors geworfen wird (“Judaism: The Evidence of the Mishnah.” Chicago, 1981; übersetzt ins Hebräische und Italienische).

Die Methode, Dokumente individuell zu verstehen, ohne sie mit anderen rabbinischen Dokumenten desselben Zeitalters oder Genres in einen Zusammenhang zu stellen, führte zu einer Reihe von Studien über die Bildung von Verständniskategorien im Judentum und ihre gegenseitigen Beziehungen – wie sie exemplarisch in den vielfältigen rabbinischen Texten erscheinen. Neusners Arbeiten zeigen zum Beispiel, wie stark das Judentum in das System des Pentateuch integriert ist, wie Kategorien wie „Verdienst“ und „Reinheit“ im Judentum wirken und wie das klassische Judentum die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 verarbeitete und transzendierte.

Neusner hat viele rabbinische Schriften ins Englische übersetzt und sie Wissenschaftlern anderer Fachgebiete zugänglich gemacht, die das Hebräische und Aramäische nicht beherrschen. Seine Übersetzungstechnik benutzt das „Harvard-outline“ – Format, mit dem versucht wird, die Argumentationsketten rabbinischer Texte auch Jenen verständlich zu machen, die mit talmudischer Argumentationsweise nicht vertraut sind.

Neben seinen historischen Arbeiten und den Textbearbeitungen hat Neusner auch theologisch ausgerichtete Bücher verfasst, so „Israel: Judaism and its Social Metaphors“ und „The Incarnation of God: The Character of Divinity in Formative Judaism“.

Neusner hat mehrere Bücher geschrieben, die die Beziehungen des Judentums zu anderen Religionen erforschen. Sein Buch „Ein Rabbi spricht mit Jesus“ (“A Rabbi Talks with Jesus”, Philadelphia, 1993; übersetzt ins Deutsche, Italienische und Schwedische) ist der Versuch, eine religiös fundierte Grundlage für den christlich-jüdischen Dialog zu erarbeiten. Neusner wendet sich darin sowohl gegen christologische Bemühungen, das Judentum Jesu in den Vordergrund zu rücken, wie auch gegen jüdische Versuche, Jesus als Rabbi anzuerkennen. Das Buch wurde von Joseph Ratzinger (heute Papst Benedikt XVI.) in seinem Buch „Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung“ positiv gewürdigt. Neusner hat den Papst denn auch 2008 gegen die heftige Kritik von jüdischer Seite wegen der Anerkennung und Überarbeitung der „Fürbitte für die Bekehrung Juden“ in die Karfreitagsliturgie des außerordentlichen Ritus in Schutz genommen und den Gebetstext als Ausdruck eines liberalen Denkens (“liberality of spirit”) gewürdigt, wie es sich auch im Gebet ausdrücke, das Juden täglich sprechen, in dem sie darum bitten, dass Gott die Völker erleuchte und sie in seinem Reich zusammenführen möge.[6]

Neusner entwickelte im Rahmen seiner Studien zum Judentum und zur jüdischen Religion Methoden und Theorien, die auf das Studium der Religionen allgemein anwendbar sind und hat auch mit Wissenschaftlern anderer Religionen zusammengearbeitet. Ein Vergleiche zwischen Judentum und Christentum wird in “The Bible and Us: A Priest and A Rabbi Read Scripture Together” erarbeitet. (New York, 1990; übersetzt ins Spanische und Portugiesische). In Zusammenarbeit mit Gelehrten des Islam wird in “World Religions in America: An Introduction” (dritte Auflage, Nashville, 2004) ein Eindruck davon vermittelt, wie sich die verschiedenen Religionen im typischen amerikanischen Kontext entwickelt haben.

Zusätzlich zu seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten ist Neusner in der Erarbeitung jüdischer und religiöser Studien an den amerikanischen Universitäten engagiert und hat mehrere Konferenzen und Projekte zur Verständigung der Religionen gefördert. Behandelt wurden unter anderem Themen wie „Unterschiede der Religionen“, „Religion und Gesellschaft“, „Religion und materielle Kultur“, „Religion und Wirtschaft“, „Religion und Nächstenliebe“ und „Religion und Toleranz“. Daneben hat er zahlreiche Lehrbücher verfasst sowie für ein breiteres Publikum gedachte Bücher. Die bekanntesten sind “The Way of Torah: An Introduction to Judaism” (Belmont, 2003) und “Judaism: An Introduction” (London und New York, 2002; übersetzt ins Portugiesische und Japanische). Neusner hat Buchreihen und Veröffentlichungsprogramme mit verschiedenen wissenschaftlichen Verlagen gegründet, dank denen die Karrieren vieler junger Wissenschaftler rund um die Erde gefördert werden konnten.

Kritik[Bearbeiten]

Neusner wird von zahlreichen Fachkollegen kritisiert, so auch von seinen ehemaligen Lehrern Saul Lieberman, Solomon Zeitlin und Morton Smith. Sie werfen ihm vor, viele seiner Argumente seien zirkulär oder versuchten, sogenannte „negative Annahmen“ mit nicht stichhaltigen Beweisen zu belegen (z. B. Cohen, Evans, Maccoby, Poirier, Sanders). Außerdem stehen viele Wissenschaftler Neusners Lesart und Interpretationen der rabbinischen Texte kritisch gegenüber. Der Zugang zu ihnen sei forciert und ungenau (z. B. Cohen, Evans, Maccoby, Poirier und im Detail Zuesse). Zudem stellen sie seine Hebräisch- und Aramäisch Kompetenz in Frage.

Neusner hatte versucht zu zeigen, dass die Pharisäer des zweiten Tempel tatsächlich nur eine sektiererische Randgruppe darstellten, die sich als eine Art Tischgemeinschaft mit einem besonderen Reinheitsritual in Bezug auf Speisen gebildet hatte aber an weiteren jüdischen Werten und sozialen Problemen nicht interessiert gewesen sei. Diese Annahmen stehen im Widerspruch zu den zeitgenössischen Ausführungen Flavius Josephus', der das Tischgebet (hebr. Birkat Ha-Mason) als von den Pharisäern entwickelt beschreibt, was auch in der frühen rabbinischen Literatur bestätigt wird. Neusners Darstellung wird von Zeitlin und Maccoby bezweifelt. Eine ausführliche Kritik stammt von E. P. Sanders, der zum Schluss kam, dass Neusners Interpretationen der pharisäischen Diskussionen und Beschlüsse ungenau und willkürlich und die daraus gezogenen Schlüsse fragwürdig seien. Beispielsweise behauptet Neusner, dass sich 67 % der von den pharisäischen „Häusern“ geführten Diskussionen um das Thema „Reinheit der Speisen“ drehten, Sanders geht dagegen davon aus, dass dieses Thema nur weniger als 1 % der Diskussionen ausmacht.

Daniel Boyarin kritisiert Neusners' Umgang mit der Methode der Intertextualität und wirft ihm vor, den Begriff der Intertextualität misszuverstehen, wenn er ihn als Charakteristikum eines Textes im Gegensatz zu einem anderen versteht.[7] Als Beispiel für dieses Missverständnis nennt Boyarin, das Werk von James Kugel: „Zwei Einleitungen zum Midrash“ („Two Introductions to Midrash“),[8] das in Neusners' Werk The Case of James Kugel's Joking Rabbis and Other Serious Issues kritisiert wurde.[9] Neusner sei, so Boyarin, besessen davon, gegen den von ihm missverstandenen Begriff der Intertextualität als Merkmal des Midrasch zu argumentieren und habe in seinem Bestreben, die Vertreter der Intertextualität auf jede mögliche Weise anzugreifen, das Feuer gegen jene Gelehrten eröffnet, die er als Kugel und seine Freunde oder manchmal als Prooftexts Kreis bezeichnet.[10]

Papst Benedikt XVI. setzt sich in seinem Buch Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung ausführlich mit Neusners Kritik an Jesus auseinander, wie er sie in seinem Buch Ein Rabbi spricht mit Jesus dargelegt hat.

Bibliographie (deutsch)[Bearbeiten]

  • Ein Rabbi spricht mit Jesus: ein jüdisch-christlicher Dialog; Freiburg : Herder, 2007; ISBN 978-3-451-29583-6
  • Ein Rabbi spricht mit Jesus: ein jüdisch-christlicher Dialog; München : Claudius-Verl., 1997; ISBN 3-532-62208-4
  • Die Gestaltwerdung des Judentums: die jüdische Religion als Antwort auf die kritischen Herausforderungen der ersten sechs Jahrhunderte der christlichen Ära; Frankfurt am Main; Berlin; Bern; New York; Paris; Wien: Lang, 1994; ISBN 3-631-44571-7
  • Judentum in frühchristlicher Zeit; Stuttgart : Calwer Verl., 1988; ISBN 3-7668-0775-7
  • Das pharisäische und talmudische Judentum : neue Wege zu seinem Verständnis; Tübingen : Mohr, 1984; ISBN 3-16-144795-6

Bibliographie (Auswahl englisch)[Bearbeiten]

  • The Case of James Kugel's Joking Rabbis and Other Serious Issues. In: Wrong Ways and Right Ways in the Study of Formative Judaism (Atlanta 1988) SS. 59-73.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-Format'A utopian document, a utopian law'. In: The Jerusalem Post. 14. August 2008, abgerufen am 23. Juli 2012 (englisch).
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatJacob Neusner. In: The Huffington Post. Abgerufen am 23. Juli 2012.
  3. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatJacob Neusner. In: Bard College. Abgerufen am 23. Juli 2012.
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatReturning to Reform. In: The Jewish Daily Forwar. 25. November 2009, abgerufen am 23. Juli 2012 (englisch).
  5. Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Herder, 2007, ISBN 3-451-29861-9, S. 134–135
  6. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatJacob Neusner: Catholics Have a Right To Pray for Us. In: The Jewish Daily Forward. 28. Februar 2008, abgerufen am 23. Juli 2012 (englisch).
  7. " While recent writers on rabbinic literature have already discussed it in terms of intertextuality, I believe that a misreading of this concept often shows up in their texts, for they speak of „intertextuality“ as if it were a characteristic of some texts as opposed to others." In: Daniel Boyarin: “Intertextuality and the Reading of Midrash”; Indiana University Press, 1994 ISBN 978-0-253-20909-2, S. 12
  8. James Kugel, Two Introductions to Midrash, in Hartman und Budick, SS. 77-105
  9. Jacob Neusner, The Case of James Kugel's Joking Rabbis and Other Serious Issues, in his Wrong Ways and Right Ways in the Study of Formative Judaism (Atlanta 1988) SS. 59-73
  10. „Neusner has a kind of obsession with arguing against his misconceived notion of intertextuality as a characteristic of midrash. In his zeal to attack the intertextualists on every possible front, he has opened here another battlefield against those scholars that he refers to as Kugel and his friends or sometimes the Prooftexts circle.“ In: Boyarin, S. 13