Jacob Obrecht

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Schule Hans Memlings: Jacob Obrecht, 1497.

Jacob Obrecht (* 1457/58 in Gent; † Juli 1505 in Ferrara) war ein flämischer Komponist und Sänger sowie Kleriker der Renaissance.

Leben[Bearbeiten]

Obrecht war das einzige Kind des Genter Stadttrompeters Willem Obrecht (1430/35 - † ca. 22 November 1488) und der Lysbette Gheeraerts (1438/42 - † kurz vor dem 30. Juni 1460). Wahrscheinlich erhielt Obrecht eine Ausbildung zum Chorknaben. Etwa ab 1472/3 hat er an unbekanntem Ort Theologie studiert und sein Studium vor 1479 abgeschlossen. Nach einer Tradition des 16. Jahrhunderts sind sich Obrecht und Erasmus von Rotterdam vor 1480 in Utrecht begegnet.

Von 1479/80 bis 1483/4 wirkte Obrecht an Saint-Gertrautis in Bergen op Zoom. Kurz vor seiner Anstellung war er zum Priester geweiht worden und hatte seine erste Messe gelesen.

Am 28. Juli 1484 bestallte ihn das Kapitel der Kathedrale von Cambrai zum Singschullehrer. Er übernahm sein Amt in Cambrai am 6. September 1484. Er lehrte Chorknaben Liturgie, Choralgesang, gutes Betragen und Latein und hatte überdies Verpflegung, Bekleidung und Freizeitgestaltung der Kinder zu überwachen. Bald schon begann er jedoch seine Aufgaben zu vernachlässigen und versuchte schließlich, seine Demission zu erzwingen. Am 21. Oktober 1485 beschloss das Kapitel daher seine Entlassung.

Obrecht ging nach Brügge, wo er am 13. Oktober 1485 zum 'zangmeester' an Saint-Donatien berufen worden war. Er übernahm das Amt im November 1485. Seine Aufgaben waren fast identisch mit denen in Cambrai. Höhepunkt der Brüggener Zeit war Obrechts Reise an den Hof des musikbegeisterten Ferraneser Herzogs Ercole I. d’Este (November 1487 - Mai 1488). Diese Reise hatte Jean Cordier, der berühmte Sänger und Freund Obrechts, im Auftrag des Herzogs vermittelt. Ercole versuchte Obrecht in Italien zu halten, hatte aber keinen Erfolg. Obrecht reiste – kriegsbedingt – nicht auf direktem Weg nach Brügge zurück, sondern nach Bergen op Zoom, wo er sich einige Monate lang aufhielt. Am 22. Januar 1491 legte er sein Amt in Brügge nieder.

Obrecht fand Anstellung in Antwerpen an Notre-Dame, wo er, Jacob Barbireau nachfolgend, Chormeister wurde. Wahrscheinlich 1492 reiste er nach Frankreich. 1494/5 versuchte er, sich dem Papst anzuempfehlen, für den er die Motette „Inter praeclarissimas virtutes“ komponierte.

Von Sommer 1497 bis Ende 1498 hielt sich Obrecht krankheitsbedingt in Bergen op Zoom auf. Seit 1499 wirkte er wieder an Saint-Donatian in Brügge, wo er im Sommer 1500 schwer erkrankte. Noch vor dem 24. Juni 1501 hat er, zwischenzeitlich gesundet, Brügge für immer verlassen.

Er ging nach Antwerpen, wo er vom 24. Juni 1501 bis mindestens zum 24. Juni 1503 an Notre-Dame Vikar-Sänger war.

Im Frühjahr 1503 versuchte er, Maximilian I. auf sich aufmerksam zu machen. Für diesen komponierte er wahrscheinlich die Missa „Sub tuum praesidium“ und erhielt ein Geschenk. Sicherlich gehört auch die Missa „Maria zart“ in diesen Kontext.

1503/4 gehörte Obrecht möglicherweise der Päpstlichen Kapelle an, zumindest erwog er, in diese einzutreten. Da die Gehaltslisten der Päpstlichen Kapelle für diese Zeit verschollen sind, ist ein dokumentarischer Beweis nicht möglich.

Ab Oktober 1504 ist Obrecht wieder am Hof Ercoles in Ferrara zu finden, diesmal als offizieller Kapellmeister; sein unmittelbarer Vorgänger war Josquin Desprez gewesen. Am 25. Januar 1505 starb Ercole, dessen Sohn, Alfonso I. d’Este, Obrecht sogleich entließ. Ein Versuch Obrechts, in Mantua sein Glück zu versuchen, scheiterte. Nach kurzer Zeit kehrte er nach Ferrara zurück und fand sein Auskommen als Priester, vielleicht in der Deutschen oder Holländischen Gemeinde. Im Juli 1505 starb er im Pesthospital Ferraras.

Werk[Bearbeiten]

Obrechts Werk umfasst Messen, Motetten und weltliche Stücke. Im Einzelnen sind folgende Werke überliefert:

Messen[Bearbeiten]

  1. Missa Adieu mes amours
  2. Missa Ave regina celorum
  3. Missa Beata viscera
  4. Missa Caput
  5. Missa Cela sans plus
  6. Missa De Sancto Donatiano
  7. Missa De Sancto Martino
  8. Missa De tous biens playne
  9. Missa Fors seulement
  10. Missa Fortuna desperata
  11. Missa Grecorum
  12. Missa Je ne demande
  13. Missa L’homme armé
  14. Missa Libenter gloriabor
  15. Missa Malheur me bat
  16. Missa Maria zart
  17. Missa O lumen ecclesie
  18. Missa Petrus Apostolus
  19. Missa Pfauenschwanz
  20. Missa plurimorum carminum (I)
  21. Missa plurimorum carminum (II)
  22. Missa Rose playsante
  23. Missa Salve diva parens
  24. Missa Scaramella (frag)
  25. Missa Sicut spina rosam
  26. Missa Si dedero
  27. Missa Sub tuum praesidium
  28. Missa Veci la danse barbari

Obrecht zugeschriebene Messen[Bearbeiten]

  1. Missa Gracuuly et biaulx
  2. Missa De Sancto Johanne Baptista
  3. Missa Je ne seray plus
  4. Missa N’aray-je jamais
  5. Missa Sine nomine
  6. Missa Beata progenies

Motetten[Bearbeiten]

  1. Alma Redemptoris mater
  2. Ave Maris stella
  3. Ave Regina coelorum
  4. Beate es, Maria
  5. Benedicamus in laude Jhesu
  6. Cuius sacrata viscera (I)
  7. Cuius sacrata viscera (II)
  8. Factor orbis / Veni, Domine
  9. Haec deum caeli
  10. Inter praeclarissimas virtutes
  11. Laudemus nunc dominum
  12. Laudes Christo redemptori
  13. Mater Patris, nati nata
  14. Mille quigentis / Requiem
  15. O Beate basili / O beate pater
  16. Omnis spiritus laudet
  17. O preciosissime sanguis
  18. Parce domine
  19. Quis numerare queat
  20. Regina celi
  21. Salve crux, arbor vite / O crux lignum
  22. Salve Regina (I)
  23. Salve Regina (II)
  24. Salve Regina (III)
  25. Salve sancta facies / Homo quidam
  26. Si bona suscepimus
  27. Si sumpsero

Motetten zweifelhafter Echtheit[Bearbeiten]

  1. Discubuit Jesus
  2. Judaea et jerusalem
  3. Magnificat
  4. Nec mihi nec tibi

Weltliche Werke[Bearbeiten]

  1. Als al de weerelt
  2. Den haghel ende die calde snee
  3. Fors seulement
  4. Hebbe gheen ghelt
  5. Helas mon bien
  6. Ic draghe de mutse clutse
  7. Ic hoerde de clocskins luden
  8. Ic ret my uit spacieren
  9. Ic weinsche alle scoene vrouwen
  10. J’ay pris amours
  11. Lacen adieu
  12. Laet u genoughen
  13. La Tortorella
  14. Ma menche vel ma buche
  15. Marion la doulce
  16. Meskin es hu (adiu, adiu)
  17. Moet mij laten u vriendlelic schijn
  18. Rompeltier
  19. Se bien fait
  20. Sullen wij langhe in drucke
  21. T’Andernacken (siehe T’Andernaken)
  22. Tant que nostre argent dura
  23. T’meisken was jonck (De tusche in Busche)
  24. Tsat een (cleen) meskin
  25. Waer sij di han
  26. War willen wij metten
  27. Weet ghy wat mijnder jonghen herten
  28. Fuga
  29. -33. 5 Instrumentalstücke

Würdigung[Bearbeiten]

Erst in jüngster Zeit ist das Bild Obrechts als bedeutendster Komponist der Frührenaissance neben Josquin Desprez deutlich geworden. Wie kaum ein anderer hat er die Entwicklung der Mess-Komposition in den 1480/90er Jahren vorangetrieben. Erst mit dem Siegeszug eines mehr wortgeprägten Stilideals, dessen hervorragendster Vertreter Josquin Desprez ist, verblasste Obrechts Ruhm.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]